Nationalsozialismus

1933 - 1945

Teil 1: Von der Machtübernahme der Nationalsozialisten bis zum Kriegsbeginn

Teil 2: Hamburg im zweiten Weltkrieg

 

Teil 1: Von der Machtübernahme der Nationalsozialisten bis zum Kriegsbeginn

Sarah Schmidt

Eine der einschneiden Epochen der neueren Geschichte, deren Folgen noch heute zu spüren sind, ist die Zeit des Nationalsozialismus. Ihr Anfang wird oft auf den 30. Januar 1933 gesetzt, der Tag an dem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Jedoch hatte die NSDAP, die Partei der Nationalsozialisten und Hitlers, schon vor 1933 in mehreren Landtagen Wahlerfolge und stand auch in Hamburg mit an der Machtspitze: 1931 war sie in den Bürgerschaftswahlen nahezu gleichauf mit der Regierungspartei SPD, 1932 erreichte sie eine knappe Mehrheit. Diese konnte sie in den Reichstagswahlen 1933, wie es im gesamten Deutschland der Fall war, weiter ausbauen.

Neben dem „Saalschutz“ der SA trugen auch viele Abgeordnete  der NSDAP im Parlament eine Uniform

Schon kurz nach Hitlers Ernennung und dem Wahlsieg wurden bereits viele bestimmende Veränderungen durchgeführt. Durch das sogenannte „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933 wurde das Parlament ausgesetzt und die Macht allein auf Adolf Hitler übertragen. Die Verfassung wurde auf diese Weise außer Kraft gesetzt und damit auch so wichtige Rechte wie das auf Versammlungs- oder Pressefreiheit. Kurz danach wurden andere politische Parteien verboten und die Gewaltenteilung aufgelöst. In Hamburg wurde die Bürgerschaft überflüssig, und der Senat erhielt die Befugnis, Gesetze zu verabschieden. Es wurde das Amt des Reichsstatthalters eingeführt, mit dem Ziel, die Reichspolitik auf hamburgischer Ebene umzusetzen. Dieses Amt wurde von Karl Kaufmann besetzt, und damit lag die gesamte politische Macht in seinen Händen. Der neu gewählte Bürgermeister, Carl Vincent Krogmann, hatte praktisch keine Macht und unterstand später Kaufmann. Durch die Zusammenführung diverser Kompetenzen in Kaufmanns Position war nirgends im Reich das Prinzip der politischen Gleichschaltung so vollständig umgesetzt wie in Hamburg. Die Demokratie der Weimarer Republik war endgültig abgeschafft.

Das Hamburger Stadtwappen mit NS-Emblem kombiniert

Hamburg wurde zur „Hauptstadt der deutschen Schiffahrt“ und damit eine der fünf Führerstädte. Es wurden aufwendige Pläne entwickelt, wie „Groß-Hamburg“ aussehen sollte. Ein wichtiger Schritt war das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937, mit dem mehrere Gemeinden und Städte wie Altona oder Harburg zu Hamburg kamen. Hamburg erhielt seine heutigen Grenzen. Es sollte damit wirtschaftlich selbständiger werden, und die Veränderungen dienten so der Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg. Außerdem sollten beeindruckende Bauten entstehen wie das „Gauhaus“, dass doppelt so hoch werden sollte wie der Michel, oder eine Hängebrücke über die Elbe mit ähnlichen Ausmaßen wie die Golden Gate Bridge in San Francisco.

Gigantomane Planungen zur Umgestaltung des nördlichen Elbufers

 

 

Der Krieg verhinderte jedoch die Durchführung dieser Pläne.

Alle Bereiche des öffentlichen und auch privaten Lebens der Menschen erfuhren Umgestaltungen durch den Nationalsozialismus. Anfangs waren noch viele euphorisch und sahen den politischen Veränderungen mit Zuversicht entgegen. 1935 war jeder 26. Einwohner Hamburgs Mitglied in der NSDAP, mehr als der Durchschnitt im Reich. Gerade vielen Arbeitern und Angestellten gefiel das Ideal der Gleichheit in der „Volksgemeinschaft“, und auch die Arbeitslosigkeit sank. Dass jedoch diese „Gleichheit“ auf der Ausgrenzung vieler Menschen beruhte und die Arbeitslosigkeit unter anderem zugunsten der Rüstung sank, war vielen nicht klar oder sie ignorierten es.

Öffentlichkeitswirksame Aktivitäten in der Hitlerjugend

Die Menschen wurden von der NS-Propaganda beeinflusst, sie machten den Hitlergruß und schickten ihre Kinder zur Hitler-Jugend. Einige handelten dabei aus Angst vor den Folgen bei einer Verweigerung, viele jedoch waren überzeugt von dem neuen System und dessen Ideologie.

Es gab viele Gruppen, die aktiv von den Nationalsozialisten verfolgt, aus der Gesellschaft ausgegrenzt und später ermordet wurden. Teil der nationalsozialistischen Ideologie war ein starker rassistischer Antisemitismus. Schon seit langem wurden Juden aus religiösen Gründen verfolgt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts begannen einige Forscher „biologische“ Komponenten darin einfließen zu lassen. Unabhängig von ihrer Religion wurden die Juden als eine „Rasse“ betrachtet. Ihnen wurden bestimmte äußere Merkmale angedichtet wie eine große, gebogene Nase und negative Charaktereigenschaften wie Gier. Und diese jüdische „Rasse“ sah man als „minderwertig“ an, während die Nationalsozialisten das deutsche Volk als überlegende „Herrenrasse“, die „Arier“, ansahen. Daneben gab es „artverwandte Völker“ wie beispielsweise die Schweden oder Franzosen.

Aus dieser „Rassentheorie“ resultierte die Verfolgung von Juden, die im Holocaust ihren grausamen Höhepunkt fand. Zunächst wurden Juden und Menschen, die der NS-Ideologie nach als Juden galten, schon ab 1933 diskriminiert. Sie wurden auf offener Straße beschimpft, beschämt und misshandelt, und ihnen wurden immer mehr Rechte entzogen. Nach der Reichspogromnacht – beschönigend auch „Reichskristallnacht“ genannt – vom 9. auf den 10. November 1938, in der viele Synagogen beschädigt und verbrannt wurden, wurden die Maßnahmen immer schlimmer. 1941 begannen die ersten massenhaften Deportationen. Viele Hamburger Juden wurden nach Minsk, Lodz oder Riga deportiert, ab 1942 gingen die Deportationszüge von Hamburg aus ausschließlich nach Auschwitz und Theresienstadt. Ebenfalls ab 1941 wurden erste Menschen in den späteren sechs Vernichtungslagern (u.a. Auschwitz-Birkenau) ermordet.

Aber nicht nur Juden wurden verfolgt, auch andere Menschen wurden nach ihrer Herkunft oder Hautfarbe als „minderwertig“ oder als „Untermenschen“ bezeichnet wie beispielsweise Slawen (z.B. Russen), dunkelhäutige Menschen oder Sinti und Roma („Zigeuner“).  Im Rahmen der „Euthanasie“ wurden körperlich und geistig behinderte Menschen ermordet. Homosexuelle und politische Gegner wurden ebenfalls verfolgt und in den Konzentrationslagern inhaftiert. Von den Opfern, die in Hamburg durch nationalsozialistische Verfolgung ums Leben kamen, sind 8.877 namentlich bekannt, die Gesamtzahl wird jedoch auf fast 10.000 geschätzt.[1]

Der Krieg wurde von den Nationalsozialisten bis zum letzten Ende geführt, obwohl er bereits längst verloren war. Mit dem „totalen Krieg“ ab 1943 wurde die gesamte Wirtschaft und das Leben der Menschen in Deutschland auf den Krieg ausgerichtet. Zuletzt wurden 16-jährige Jungen zur Wehrmacht eingezogen.

Das Ende des Nationalsozialismus wird meist auf den 8. Mai 1945 datiert, da an dem Tag die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht eintrat und damit der Zweite Weltkrieg endete. Hamburg war bereits am 3. Mai 1945 kampflos an die Briten übergeben worden. Der Nationalsozialismus und dessen Ideologie und auch die Täter der Zeit starben aber nicht an dem Tag. In nahezu allen Bereichen des Lebens waren auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Nationalsozialisten in wichtigen Berufen führend, sei es als Politiker, Richter oder auch als Lehrer.

Weiterführende Literatur:

Bajohr, Frank; Szodrzynski (Hg.): Hamburg in der NS-Zeit. Ergebnisse neuerer Forschungen, Hamburg 1995.

Hamburg im „Dritten Reich“, hrsg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, 2. Aufl., Göttingen 2008.

Quellen:

Johe, Werner: Hitler in Hamburg. Dokumente zu einem besonderen Verhältnis, Hamburg 1996.

[1] Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, bearbeitet von Jürgen Sielemann unter Mitarbeit von Paul Flamme, Hamburg 1995, S. XVII.

 

Teil 2: Hamburg im zweiten Weltkrieg

Ursula Büttner [1]

Bei Beginn des Krieges veränderte sich das Leben in den deutschen Städten, so auch in Hamburg, zunächst relativ wenig. Nur für Männer im wehrfähigen Alter und ihre Familien hatte der Waffengang sofort einschneidende Folgen. Neben den zirka 16 800 Hamburger Wehrpflichtigen, die im Mai 1939 eingezogen worden waren, mussten Zehntausende von Reservisten zur Wehrmacht einrücken. 358 Hamburger fielen im September 1939 im Polenfeldzug; 974 im Mai/Juni 1940 im Westfeldzug. Ende 1940 hatte Hamburg 1 975 Gefallene zu beklagen. Für die Mehrheit der Bevölkerung wogen die Siegesmeldungen von den Fronten aber schwerer als die Verluste und die Unannehmlichkeiten im Alltag, die der Krieg mit sich brachte. Die Hamburger und Hamburgerinnen mussten sich an die Behinderungen durch die nächtliche Verdunkelung und an die Reglementierung der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern gewöhnen; sie mussten Einschränkungen des öffentlichen Verkehrs, verlängerte Arbeitswege und „Umsetzungen“ in andere Betriebe hinnehmen: Infolge verstärkter Rüstungsproduktion setzte sich der Trend zur Verlagerung von Arbeitskräften in die Industrie fort, während Handel, Verkehr (abgesehen von Reichsbahn und -post), Baugewerbe und Konsumgüterindustrie erheblich schrumpften. Um die zur Wehrmacht einberufenen Männer zu ersetzen, wurden neben Ausländern – Zwangsarbeitern und freien Arbeitskräften – Frauen in wachsendem Maß zur Berufsarbeit herangezogen. Neben der Berufstätigkeit mussten die Hamburger Luftschutzdienst leisten.

Beginn des Luftkriegs

Ein Versuch die feindlichen Bomber zu täuschen: Die Tarnung der Binnenalster

Von den befürchteten Luftangriffen blieb Hamburg nach Kriegsbeginn noch acht Monate lang verschont. Erst in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1940 fielen zum ersten Mal Bomben auf die Stadt. Aus den Schrecken des endlosen Stellungskriegs des Ersten Weltkrieges hatten Militärstrategen in England und auch in Deutschland die Schlussfolgerung gezogen: Schwere Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung des Gegners galten als effektivste Methode, den Krieg schnell zu beenden. Der Angriff auf Hamburg vom 17./18. Mai 1940 war die erste Aktion eines größeren Flugzeugverbandes gegen eine deutsche Großstadt überhaupt. Die leicht zu erreichende Metropole an der Elbe wurde ein bevorzugtes Ziel in der britischen Luftkriegsplanung.

34 Menschen kamen bei dieser ersten Bomberattacke ums Leben und wurden unter großer öffentlicher Anteilnahme und mit großem propagandistischem Aufwand beigesetzt. Der „Führer“ und die Spitzen von Staat und Partei hatten Kränze geschickt; der Reichsstatthalter sprach vor den aufgereihten, mit der Hakenkreuzfahne bedeckten Särgen. Schon bald war ein solcher Aufwand nicht mehr möglich. In den verbleibenden 227 Tagen bis zum Ende des Jahres 1940 erlebte Hamburg 69 weitere Angriffe und 123 Fliegeralarme. Im Schnitt mussten Hamburger und Hamburgerinnen in jeder zweiten Nacht in die Luftschutzkeller fliehen. 125 Menschen starben bei den Attacken, 567 wurden verletzt.

In den folgenden Jahren ging die Zahl der Angriffe zwar zurück, aber die Wirkung steigerte sich. Bis zu dem Großangriff vom Juli/August 1943 kamen bei 137 Angriffen 1431 Menschen ums Leben, wurden 4657 Menschen verletzt und 24 375 obdachlos. 470 Stunden, umgerechnet fast zwanzig Tage, verbrachten die  Bewohner Hamburgs bis dahin in mehr oder weniger sicheren Luftschutzräumen.

Noch war die britische Luftwaffe aber zu schwach, um systematisch ganze Städte in Trümmer zu legen. Erst nachdem ein Großteil der deutschen Militärmacht durch den Überfall auf die Sowjetunion im Osten gebunden war, konnte England im Sommer 1941 den Ausbau seiner Bomberflotte in der dafür nötigen Weise verstärken.

Für den Schutz der Zivilbevölkerung gegen die – durchaus erwarteten – Gefahren aus der Luft war in Hamburg bis Kriegsbeginn fast nichts geschehen.

Löscharbeiten nach durch Brandbomben ausgelösten Feuern

Wegen des hohen Grundwasserspiegels waren die Häuser in weiten Teilen der Stadt nicht unterkellert, an Bunkern aber fehlte es. Vorhandene Keller mussten in Selbsthilfe notdürftig abgestützt und mit Splitterschutz versehen werden, soweit das dafür erforderliche Baumaterial zu bekommen war. Am 1. April 1940, kurz vor dem ersten Angriff, existierten nur für weniger als 3% der Einwohner genügend sichere Schutzbauten. Auch die Feuerwehr und ihre Hilfsmannschaften waren ganz unzureichend ausgestattet. 1943 standen allerdings für 22% der Wohnbevölkerung, 378 294 Personen, Schutzraumplätze zur Verfügung. Die Behörden versuchten, sich auf den „Großkatastrophenfall“ einzustellen.

Was dann aber Ende Juli über die Stadt hereinbrach, übertraf alle Erwartungen.

Das Unternehmen „Gomorrah“

In zehn Tagen wurden, zwischen dem 25. Juli und dem 3. August 1943, bei vier Nachtangriffen der Briten und zwei Tagangriffen der Amerikaner weite Teile Hamburgs vernichtet. Jeweils rund 740 Flugzeuge waren bei den ersten drei Nachtangriffen im Einsatz, zirka 300 bei den Tagangriffen und noch einmal 350 beim letzten Nachtflug dieser Serie. Sie warfen 8 500 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf Hamburg, fast ungefährdet durch die starke Flak der Stadt, die durch den Abwurf unzähliger Staniolstreifen blind und unschädlich gemacht wurde. 14 000 gut ausgerüstete und vorbereitete Feuerwehrmänner, 12 000 Soldaten und 8 000 Mann von technischen Sondereinheiten waren im Einsatz, konnten aber die Entstehung riesiger Flächenbrände in keiner der drei Angriffsnächte im Juli verhindern.

Das erste Bombardement in den frühen Stunden des 25. Juli richtete vor allem westlich der Alster, in der Innenstadt, dem Zentrum von Altona und den Stadtteilen Eimsbüttel und Harvestehude große Verwüstungen an. Die beiden Tagangriffe am 26. und 27. Juli setzten das Zerstörungswerk bei den Betrieben im Hafengebiet fort; außerdem behinderten sie die Nachlösch- und Aufräumungsarbeiten in den zuvor getroffenen Bezirken. Zehntausende flohen nach dem ersten Angriff aus den zerstörten Wohngebieten oder wurden in die zunächst verschonten Stadtteile eingewiesen. Hier gerieten sie in den zweiten verheerenden Nachtangriff vom 27./28. Juli, bei dem innerhalb von drei Stunden ein Gebiet von 13,1 qkm Ausdehnung mit 427 637 Einwohnern in Schutt und Asche gelegt wurde. In den nun stark überfüllten Arbeiterwohnquartieren von Hammerbrook, Hamm, Borgfelde und Umgebung gab es für viele keine Chance, dem Inferno zu entkommen. Binnen kürzester Zeit entwickelte sich ein Feuersturm von orkanartiger Stärke, der Dächer durch die Luft wirbelte, Bäume abdrehte, Menschen zu Boden warf oder in das Zentrum der Flammen riß. Andere erstickten in den Luftschutzkellern, weil der Brand allen Sauerstoff aufsog, oder starben infolge der Gluthitze, die bis zu 800° C erreichte. Während des ganzen Tages wurde es in dem betroffenen Gebiet nicht hell, weil eine 8 km hohe Rauch- und Staubwolke die Sonne verdunkelte.

Etwa 900 000 Menschen flohen aus Hamburg. Der dritte Nachtangriff am 29./30. Juli traf eine entvölkerte und schutzlose Stadt. Ein Flammenmeer überzog am Morgen des 30. Juli weite Teile Hamburgs. Die Sachschäden waren gewaltig, aber die Personenschäden waren infolge der Abwanderung der Bevölkerung geringer. Die letzte Operation des „Unternehmens Gomorrha“ am 3. August schließlich verlief für die Briten wegen eines schweren Gewitters weniger erfolgreich: Die Masse der Bomben fiel in bereits zerstörte Gebiete.

Nach den Großangriffen im Juli 1943 waren viele Viertel großflächig zerstört

Das Grauen dieser zehn Tage entzieht sich der Beschreibung. Die nüchternen Zahlen der Schadensbilanz sollen deshalb das Ausmaß der Katastrophe andeuten: 34 000 Menschen fanden nach der vorsichtigsten Berechnung den Tod. Da sich von den Verletzten viele außerhalb Hamburgs in ärztliche Behandlung begaben, kann ihre Zahl nur geschätzt werden; es waren ungefähr 125 000 Personen. Rund 256 000 Wohnungen, mehr als die Hälfte des Bestandes vor der Katastrophe, waren völlig zerstört, weitere 22 000 zeitweise unbewohnbar. Etwa 900 000 Hamburger und Hamburgerinnen besaßen kein Obdach mehr. Ganze Stadtviertel, in denen der Feuersturm getobt hatte, waren fast menschenleer. Hammerbrook, Rothenburgsort und Hamm-Süd wurden schnell durch hohe Mauern gegen jeden Zutritt abgesperrt. Zerstört oder schwer beschädigt wurden 580 Industrie- und Rüstungsbetriebe, 2 632 gewerbliche Betriebe, 379 Kontorhäuser, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen, 257 Staats- und Parteidienststellen. Keines der schienengebundenen Verkehrsmittel funktionierte mehr. Alle Bahnhöfe im Stadtgebiet waren verwüstet; nur von Bergedorf, Altona und Harburg fuhren noch Züge nach außerhalb. Die Wasserstraßen, Kanäle und Fleete waren durch gesunkene Schiffe blockiert, die Hafenanlagen allerdings zu 80% einsetzbar. Die gesamte Wasser-, Gas- und Stromversorgung fiel bis Mitte August aus.

Flucht und Ausharren

Es ist naheliegend, dass eine Katastrophe solchen Ausmaßes nicht nur das tägliche Leben der Betroffenen von Grund auf veränderte, sondern auch ihr Denken und Fühlen stark beeinflusste. Nur die elementaren Bedürfnisse der verbliebenen Bevölkerung zu befriedigen, war unter den gegebenen Bedingungen eine außerordentlich schwierige Aufgabe. Besonders die Trinkwasserversorgung war in der glühenden, stauberfüllten Trümmerwüste lebenswichtig. Ohne schweres Räumgerät, fast nur mit Handwerkzeugen mussten erst einmal die Straßen passierbar gemacht werden. Mit Hilfe der Wehrmacht gelang es binnen kurzer Zeit, die benötigten Trinkwassermengen bereitzustellen, die Verpflegung der gesamten Bevölkerung durch öffentliche Stellen in Gang zu bringen und den Ausgebombten an den meisten Sammelplätzen Mahlzeiten und markenfreie Sonderrationen von Bohnenkaffee, Zigaretten, Süßwaren und Spirituosen zu bieten.

Suche nach Vermissten in den Trümmern

840 000 Menschen, das Gros der rund 900 000 Hamburger Bombenflüchtlinge, wurden mit Zügen und Elbschiffen in provisorische Aufnahmegebiete in Niedersachsen und Schleswig-Holstein gebracht und dann weiter auf das ganze Reich, einschließlich der annektierten Gebiete im Osten, verteilt.

Diese Maßnahmen verhinderten, dass sich die Verzweiflung über das Erlebte in offener Auflehnung entlud. Wenn an einer Sammelstelle keine warme Verpflegung oder keine Sonderzuteilung ausgegeben werden konnte, verschlechterte sich die „Stimmung“ sofort. Die Autorität der Staatsorgane war denkbar gering; denn welche Druckmittel sollten sie gegenüber Menschen gebrauchen, die nichts mehr als die nackte Existenz besaßen, vielleicht als einzige aus der Familie dem Inferno entronnen waren?

Schon nach dem ersten großen Nachtangriff am 25. Juli 1943 flohen Zehntausende aus der Stadt, obwohl am Morgen in der Zeitung eigens darauf hingewiesen wurde, dass es nach wie vor verboten sei, Hamburg ohne besondere Genehmigung zu verlassen. Nach der Feuersturmnacht, am Morgen des 28. Juli, versuchte der Reichsstatthalter, die Fluchtbewegung zu  stoppen – vergeblich. Denn in der ersten Woche nach der Katastrophe vermied es der Staat, mit den Opfern in Konflikt zu geraten. Die Polizei hütete sich, den Flüchtenden Halt zu gebieten.

Autoritätsverlust der NS-Verwaltung

Zeitweise war eine geordnete Verwaltungstätigkeit wegen der Flucht der Bediensteten unmöglich. So wurden die aus Hamburg abwandernden Menschen nicht registriert, was später die Rückrufung der Arbeitskräfte sehr erschwerte. Große Mengen von Lebensmitteln wurden unkontrolliert ausgegeben. Sogar bei der  NSDAP selbst machten sich Auflösungserscheinungen bemerkbar; das „Führerprinzip“ versagte. Sehr oft nutzten führende Nationalsozialisten ihre Stellung, um mit einem der wenigen verfügbaren Autos an Tausenden von Bombenflüchtlingen vorbei nicht nur ihre Familien, sondern auch ihren Besitz in Sicherheit zu bringen. Solch undiszipliniertes, eigenmächtiges und selbstsüchtiges Verhalten schadeten dem Ansehen der NSDAP viel mehr, als sie durch die kleinen Hilfen der NS-Volkswohlfahrt gut machen konnte.

Der Autoritätsverlust des Staates und der Partei zeigte sich an vielen Stellen: Vorschriften, z. B. über die Verdunkelung, wurden nach den Juli-Angriffen nur noch nachlässig beachtet. Der Hitler-Gruß, so fiel den Beobachtern des SS-Sicherheitsdienstes auf, wurde seltener gebraucht. Mit ungewohnter Offenheit äußerten sich viele Hamburger und Hamburgerinnen auch vor fremden Ohren über die Lage, brachten Zweifel am siegreichen Ausgang des Krieges zum Ausdruck und übten scharfe Kritik an der Inkompetenz und Prahlsucht der nationalsozialistischen Führung. Außerhalb Hamburgs kursierten Gerüchte über die dort herrschende Bereitschaft zum politischen Umsturz. Dies war nicht so: Dafür waren die Überlebenden des Großangriffs zu sehr vor Entsetzen gelähmt und zu apathisch. Allein schon das Weiterleben zu organisieren, erforderte alle Kräfte. Mechanisch und gleichgültig, wie innerlich erstarrt, gingen die meisten ihren dringenden Angelegenheiten nach.   Ebenso  falsch war freilich die später vorherrschende Meinung, dass Hass auf die Angreifer ein einigendes Band würde. Solcher Hass, war hauptsächlich bei überzeugten Nationalsozialisten anzutreffen; generell war er in der Bevölkerung schwach ausgeprägt. Die Propaganda verfehlte nach dem Angriff in jeder Hinsicht ihre Wirkung. Weder die Hetze gegen den „Luftterror“ der Briten noch die zur Schau getragene amtliche Zuversicht beeindruckten die Opfer der Großangriffe in der gewünschten Weise. Mit den Hunderttausenden von evakuierten Überlebenden aus Hamburg aber verbreiteten sich die Berichte über das grauenhafte Ausmaß des Geschehens über das ganze Deutsche Reich.

Die offensichtliche Unzulänglichkeit der offiziellen Informationen führte zu grundsätzlicher Skepsis gegenüber der NS-Propaganda. Die schlagartige Zerstörung einer Millionenstadt in der Heimat, nämlich Hamburgs, ließ das jahrelang vermittelte „Gefühl der Sicherheit“ überall in Deutschland „urplötzlich zusammenbrechen“. Die Zweifel und der Wunsch, Fakten statt Propagandaphrasen geboten zu bekommen, erreichten auch höchste Ränge der NSDAP. Karl Kaufmann reiste Mitte August 1943 eigens nach Ostpreußen ins „Führerhauptquartier“, um Hitler selbst mit der Frage zu konfrontieren, ob der Krieg überhaupt noch zu gewinnen sei.

Rückkehr und widerwillige Arbeitsaufnahme

Wie bei der massenhaften Flucht der Hamburger und Hamburgerinnen aus ihrer zerstörten Stadt, so zeigte sich der Autoritätsverlust des NS-Regimes auch bei ihrer unerlaubten Rückkehr. In den ersten Aufnahmegebieten in der Umgebung Hamburgs konnten viele Evakuierte nicht bleiben. Sie wurden oft mehrfach hin- und hergeschickt. Teilweise wurden Kinder getrennt von ihren Müttern untergebracht. Sehr bald entschlossen sich viele Evakuierte zur Rückkehr nach Hamburg, obwohl es für Frauen mit Kindern verboten war. Auf keine Weise, weder durch die Sperrung von Lebensmittelkarten noch durch die Schließung von Schulen, gelang es, den Strom der Heimkehrer zu stoppen. Nachdem die Einwohnerzahl Hamburgs unmittelbar nach dem „Unternehmen Gomorrha“ auf 600 000 abgesunken war, belief sie sich Ende November auf 1,02 Millionen. Zusammen versuchten die Hamburger, ihren Alltag wieder in den Griff zu bekommen. Am 15. August konnte das Hauptwasserwerk wieder mit eingeschränkter Leistung arbeiten. Anfang September wurden die Industrie und die meisten Stadtteile wieder mit Gas beliefert, Mitte September hatten alle bewohnbaren Häuser elektrischen Strom. Am 10. August wurden erste Teilstrecken der Straßenbahn wieder in Betrieb genommen.

Noch monatelang mussten viele Arbeitnehmer aber mehrstündige Anmarschwege zu ihren Betrieben bewältigen. 17 „Industrieblocks“ wurden als Selbstverwaltungsorgane der Wirtschaft mit der Verantwortung für den Wiederaufbau der Produktion betraut.  Zugleich hatten sie für die „Gefolgschaften“ zu sorgen, Verpflegung, Unterkunft und das Nötigste an Kleidung, Hausrat und Möbeln zu beschaffen.

Das wichtigste Ziel der Nationalsozialisten war es, die Rüstungsindustrie möglichst schnell wieder in Gang und zu Höchstleistungen zu bringen. Trotz aller Anstrengungen gelang es in Hamburg aber bis zum Kriegsende nicht mehr, den Stand vor der Katastrophe von 1943 zu erreichen. Bei den Werften, dem wichtigsten Zweig der Hamburger Rüstungsindustrie, sah das Bild so aus: Die schwersten Treffer hatte die Stülckenwerft erhalten. Bei den Howaldtswerken waren die Fliegerschäden selbst unbedeutend, aber die Flucht eines Großteils der Belegschaft führte bis Oktober 1943 zu großen Produktionsausfällen. Auch bei Blohm & Voß konnten im August und September 1943 nur zwei statt der sonst üblichen vier bis fünf U-Boote vom Stapel laufen.

Es fehlte infolge der ungeordneten Flucht von mehr als der Hälfte der Bevölkerung an den nötigen Arbeitskräften. Da halfen weder Lohnprämien noch Mahnbriefe an alle fehlenden Arbeiter  oder Anzeigen und Aufrufe im ganzen Reich, der Arbeitspflicht in Hamburg nachzukommen, nicht einmal harte Strafdrohungen. Auch dies war ein deutliches Zeichen für den Autoritätsverlust der Behörden und die innere Auflösung des „Dritten Reichs“.

Die in Hamburg verbliebenen Arbeitskräfte konnten und wollten unter den miserablen Lebensbedingungen nicht dasselbe leisten wie früher. Schlechte Unterkunft in halbzerstörten Wohnungen oder überfüllten Massenquartieren, lange und mühsame Arbeitswege über zerbombte Straßen, ständige Alarme und zahlreiche neue Angriffe, oft die Trennung von den Familien: all dies zehrte an den Kräften. Die morgendlichen Verspätungen waren ein großes Problem, da sie den Arbeitsbeginn im gesamten Betrieb verzögern konnten. Dabei verfügten Betriebsleiter jetzt über ein sehr wirksames Druckmittel: Weil die Betriebe im Auftrag der „Industrieblocks“ für Verpflegung, Unterbringung und Ausstattung der ausgebombten „Gefolgschaftsmitglieder“  sorgten, wuchs deren Abhängigkeit. Der gezeigte Arbeitseifer wurde zum Hauptkriterium für die Verteilung der wenigen wiederhergestellten Wohnungen oder der viel zu knappen Konsumgüter. Auch die Streichung der Überstundenzulagen von 150 Gramm Fleisch und 80 Gramm Fett erwies sich als eine wirksame Methode, der Unpünktlichkeit zu begegnen.

Durch die Fortsetzung des Bombenkriegs gegen Hamburg taten die Alliierten das Ihre, um die Wiederbelebung der Industrie zu erschweren. Bei 65 Angriffen, darunter 25 schweren mit mehr als hundert Flugzeugen, wurden bis zur Kapitulation weitere 93 000 Menschen obdachlos, mehr als 5 000 getötet und rund 6 000 verletzt. In steigendem Maß wurden Industriebezirke schwer getroffen. Durch vier große Angriffe auf das bis dahin weitgehend verschonte Harburg im Oktober und November 1944 wurden Betriebe aller Größenordnungen so stark zerstört, dass beinahe die gesamte Produktionstätigkeit „längere Zeit zum Stillstand“ kam.

Am stärksten wurde die Produktion weiterhin durch das Fehlen von Arbeitskräften, insbesondere Facharbeitern, behindert. Seit 1943 hatten die Einberufungswellen auch hochspezialisierte Fachkräfte erfasst. Sie konnten nur zahlenmäßig durch Frauen, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge ersetzt werden. 1944 war auch das nicht mehr möglich. Durch Einberufungen zur Heimatflak, zu verschiedenen Hilfsorganisationen und (seit Dezember 1944) zum Volkssturm wurden den Betrieben immer wieder Beschäftigte für Stunden und Tage entzogen.

Das Ende des Krieges

Ein Symbol für die Zerstörungen des Bombenkrieges: Die von ihrem Sockel gestürzte Lessing-Statue auf dem Gänsemarkt

Am 14. April 1945 erlitt Hamburg den letzten größeren Luftangriff; am 3. Mai kapitulierte die Stadt. Die Wirkungen der anglo-amerikanischen Bomberoffensive waren in Hamburg weit größer, als ihre Kritiker später meinten.  Ihre Bedeutung ist in langfristiger Perspektive zu sehen: In den schweren Bombennächten veränderte sich 1943 die Einstellung vieler Deutscher zum nationalsozialistischen Regime. Jetzt erlebten sie am eigenen Leib oder in der nächsten Umgebung die menschenverachtende Brutalität ihrer Führung, die eine ganze Armee in Stalingrad opferte, die die deutschen Städte nicht schützen konnte und den Krieg trotzdem fortsetzte. Die in den Bombennächten entstandene Entfremdung zwischen der Bevölkerung und dem Regime war von Dauer. Der demokratische Neuaufbau in Westdeutschland wurde dadurch erleichtert. Aber der Preis, den die Deutschen, nicht zuletzt die Hamburger und Hamburgerinnen, dafür hatten bezahlen müssen, war furchtbar hoch.

 

[1]  Dies ist eine gekürzte Version eines ausführlich belegten Textes von Dr. Ursula Büttner: Ursula Büttner, Hamburgs Katastrophe im Bombenkrieg. Das „Unternehmen Gomorrha“ als politischer Wendepunkt, in: Gedenkstätte St. Nicolai, Ausstellungskatalog, Hamburg 2013.

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Mönckebergstraße 1934, mit freundlicher Erlaubnis von Stefan Bick (www.hamburg-Motiv.de).

Abb. Epochentext: SA in der Bürgerschaft, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-06=1933.01 / Hamburger Staatswappen im NS, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hamburg_Wappen_NS.jpg) / Architekturmodell Hafenrandplanung, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_344-31=01666 / HJ-Zug, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-06=1940.03 / Getarnte Binnenalster, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_265-11=025 / Löscharbeiten, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_265-11=130 / Ruinenlandschaft, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_265-11=301 / Vermisstensuche, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_265-11=247 / Gestürzter Lessing, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_265-11=526.