Eine kurze Geschichte der Stadt

13000 v. Chr. - 2015 n. Chr.

Von der Hammaburg zur Metropolregion

Franklin Kopitzsch

Die Freie und Hansestadt Hamburg ist neben Berlin und Bremen einer der drei Stadtstaaten in der Bundesrepublik Deutschland. Hamburg, 17 Kreise in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg sowie die kreisfreien Städte Hansestadt Lübeck, Neumünster und Schwerin bilden die Metropolregion Hamburg, in der rund 5,4 Millionen Menschen leben. Die Umlandverflechtungen schließen die mit Hamburg seit Jahrhunderten eng verbundene Hansestadt Lübeck und das westliche Mecklenburg ein. Die deutsche Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen Europas haben Hamburg sein traditionelles Hinterland zurückgegeben, die Elbregionen bis nach Tschechien und den gesamten Ostseeraum.

Mit 97 konsularischen Vertretungen ist Hamburg größter Konsularstandort Europas und nach Hongkong und New York der drittgrößte der Welt. Nach Rotterdam und Antwerpen ist Hamburg der drittgrößte Hafen in Europa. Unter den größten Containerhäfen der Welt steht Hamburg an siebzehnter Stelle. 6,2 % aller Einfuhren und 3,8 % der Ausfuhren der Bundesrepublik werden über Hamburg abgewickelt. Hamburg gehört zu den großen Zentren der Medienwirtschaft, der Informationstechnologie und des Luft- und Raumfahrzeugbaus in Deutschland. Mit über 108 000 Studenten und Studentinnen in 26 Hochschulen ist die Freie und Hansestadt Hamburg auch ein bedeutender Standort der Wissenschaft und Forschung.

Von der Steinzeit zur Hammaburg

Archäologische Funde belegen, dass der Hamburger Raum seit der Älteren Steinzeit (13 000 v. chr.) besiedelt ist. Grabungen auf dem Domplatz von 1980 bis 1987 und wiederum 205-2011 haben ergeben, dass die Sachsen im 7., spätestens im 8. Jahrhundert eine Befestigungsanlage auf der von Osten in die Alsterniederung hineinragenden, bis zu fünfzehn Meter hohen Geestzunge errichteten. Hier bot die günstige Lage den ersten Anwohnern Schutz vor dem Wasser von Alster, Bille und Elbe, erlaubte Landwirtschaft, Fischfang und Handel. Im frühen 9. Jahrhundert eroberten die Abotriten (auch: Obodriten), ein slawischer Stamm, diesen Platz. Bald darauf nahmen ihn die unter Karl dem Großen nach Norden vordringenden Franken ein und erbauten die Hammaburg. Das altsächsische Wort „Ham“ für Ufer, Gelände am Fluss, Sumpf gab der Burg den Namen. Mit und neben der Burg entwickelte sich eine Handwerker- und Kaufmannssiedlung,  ein erster Hafen wurde angelegt. Im Jahr 831 errichtete dann Kaiser Ludwig der Fromme das Bistum Hamburg; Ansgar, ein mit der Mission im Norden beauftragter Benediktinermönch aus dem Kloster Corvey im Weserbergland, wurde erster Bischof der neuen Diözese und ließ einen Dom erbauen. Papst Gregor IV. erhob Hamburg zum Erzbistum. 845 überfielen die Wikinger den Ort und zerstörten Burg und Kirche. Daraufhin wurde das Erzbistum Hamburg mit dem Bistum Bremen vereinigt. Auch Ansgar zog an die Weser. Die Bremer Erzbischöfe blieben Herren über Hamburg, das sich als Markt und Hafen weiterentwickelte, mehrfach von den Abotriten zerstört und immer wieder aufgebaut und befestigt wurde. Auf der anderen Seite der Alster erbauten die sächsischen Billungerherzöge zur Grenzsicherung des deutschen Reiches gegen die Slawen im 11. Jahrhundert die Alsterburg und die Neue Burg. Nachfolger der Billunger wurden die an der mittleren Weser beheimateten Grafen von Schauenburg, die der Sachsenherzog Lothar von Supplinburg  1111 mit Holstein und Stormarn belehnt hatte.

 

Städtische Freiheiten, Hansehandel und Machtgewinn

Im 12. Jahrhundert begann Hamburg städtischen Charakter anzunehmen, erhielt ein eigenes Domkapitel neben dem zu Bremen. Die Bevölkerung wuchs, der Handel nahm zu. Gegenüber der erzbischöflichen Altstadt entstand unter dem Grafen Adolf III. von Schauenburg 1188 die Neustadt. Ein Jahr später erwirkte ihr Landesherr von Kaiser Friedrich I. Barbarossa einen Freibrief, von dem nur eine um 1265 von Hamburgern selbst gefälschte Urkunde überliefert ist. Darin wurde den Bürgern der Neustadt freie Schifffahrt auf der Elbe von der Mündung bis nach Hamburg gewährt.  Hamburg geriet zeitweise unter den Einfluss des Sachsenherzogs Heinrichs des Löwen und des dänischen Königs. In diesen bewegten Jahren vor und nach 1200 wuchsen Alt- und Neustadt zu einer Gesamtgemeinde zusammen, 1228 trat der Bremer Erzbischof seine Rechte als Stadtherr der Altstadt an die Schauenburger ab. 1241 schlossen Hamburg und Lübeck ein Bündnis zur Sicherung der Verkehrswege zwischen Elbe und
Trave. Hamburg wurde zu einem wichtigen Mitglied der Hanse, zum Umschlagplatz zwischen Nord- und Ostsee. Ende des 14. Jahrhunderts kam als weitere Verbindung zwischen den Städten der von Lauenburg nach Lübeck führende Stecknitzkanal hinzu; ein Kanalprojekt zwischen Oberalster, Beste und Trave scheiterte im 16. Jahrhundert. Ein eigenes Landgebiet, dessen Bewohner Untertanen der Stadt waren, entstand. Der Erwerb der Insel Neuwerk um 1300 und des Amtes Ritzebüttel, des heutigen Cuxhaven, 1394 sicherte die Kontrolle über die Elbmündung, 1420 eroberten Hamburg und Lübeck Bergedorf und die Vierlande, regierten und verwalteten das „beiderstädtische“ Gebiet bis 1867 gemeinsam, ein ungewöhnlich langes und erfolgreiches Kondominium.

Lebten um 1200 etwa 1000 bis 1300 Menschen in der Alt- und Neustadt, so waren es um 1300 in der Gesamtstadt bereits rund 4000 bis 5000. 1459 starben die Schauenburger aus, Holstein – das anders als Schleswig zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte – kam in Personalunion an das Königreich Dänemark. Die dänischen Könige betrachteten Hamburg als holsteinische Stadt. Seit dem 15. Jahrhundert erhoben auch Kaiser und Reich Ansprüche auf Hamburg als eine der Reichstädte. Erst 1768, mit dem Gottorper Vergleich, endeten diese Auseinandersetzungen. Dänemark erkannte Hamburg dann als Reichsstadt an und Hamburgs Vertreter konnte seinen Platz im Reichstagssaal des Rathauses zu Regensburg einnehmen.

Hamburg wird lutherisch und mehr…

Anfang des 16. Jahrhunderts hatte Hamburg rund 14 000 Einwohner. Die Reformation führte bis 1529 zu einer kirchlichen und politischen Neugestaltung. Hamburg wurde zu einer gut lutherischen Stadt und die Mitsprache der Bürger, die sich schon im 15. Jahrhundert vom sich selbst ergänzenden Rat wichtige Rechte erkämpft hatten, wurde im sogenannten „Langen Rezess“, einer Einigung zwischen Rat und Bürgern verankert:

Die Grundeigentümer, die sogenannten „Erbgesessenen Bürger“, bildeten die Bürgerschaft. Ausgehend von den vier Kirchspielen – St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Jacobi – entstanden die bürgerlichen Kollegien der Oberalten, der Achtundvierziger und der Hundertvierundvierziger. Sie berieten und kontrollierten den Stadtrat. 1563 gelang den Bürgern ein weiterer Schritt zur wirksamen Mitbestimmung: sie übernahmen die Kämmerei und damit die Verantwortung für die Finanzen der Stadt Hamburg.

 

Nicht minder wichtig als die Neuordnung von Verfassung und Verwaltung wurde für die Stadtentwicklung die Aufnahme von Zuwanderern lutherischer und anderer Konfession: von Calvinisten und Täufern aus den Niederlanden, von Anglikanern und Puritanern aus England, von „portugiesischen“ und „deutschen“ Juden.  Diese vom Rat und der Kaufmannschaft gegen mancherlei Bedenken seitens der lutherischen Orthodoxie und Teilen der Bürgerschaft durchgesetzte Offenheit gegenüber Fremden wurde neben der Neutralität, die in Kriegs- und Krisenzeiten den ungestörten Fortgang des Handels garantieren sollte, zu einem Grundzug hamburgischer Politik in der frühen Neuzeit.

Die Aufnahme der Merchant Adventurers, englischer Kaufleute, im Jahre 1567 (endgültig 1611) gehört zu den markanten Daten, wie die Gründung der Börse 1558 und der Bank 1619.

Altona – frühes Zentrum der Aufklärung

Neben Hamburg entwickelte sich Altona zunächst unter schauenburgischer, seit 1640 unter dänischer Herrschaft zu einer Freistätte des Glaubens und der Gewerbe. 1664 erhielt der Ort Stadtrechte, im 18. Jahrhundert wurde er zur zweitgrößten Stadt im dänischen Gesamtstaat nach Kopenhagen. Im Zeitalter der Aufklärung kam es in Altona zu christlich-jüdischen Begegnungen im Geiste Gotthold Ephraim Lessings und Moses Mendelssohns. Es wirkten Juden in den Aufklärungssozietäten mit, und es öffnete sich das 1738 gegründete Altonaer Gymnasium, das Christianeum, auch jüdischen Schülern. Die Altonaer Gelehrtenschule, die anfangs auch ein Akademisches Gymnasium war, besuchten der Philosoph Salomon Maimon, der Schriftsteller Ludolf Wienbarg, der Historiker Theodor Mommsen, der Architekt und Designer Peter Behrens und der Mathematiker Hermann Weyl.

 

Hamburg  als Festung

Um 1600 hatte Hamburg mit rund 40 000 Einwohnern Lübeck deutlich überholt, im Laufe des 17. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung auf rund 75 000 Einwohner an. Für einige Zeit war Hamburg die größte Stadt im Alten Reich, bis es von Wien und Berlin übertroffen wurde. Die von dem Niederländer Johan van Valckenburgh entworfene neue Befestigung der Stadt, die im frühen 17. Jahrhundert errichtet, 1679-1682 im Osten um das Neue Werk und 1682 im Nordwesten um die Sternschanze erweitert wurde, war im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges die Garantie hamburgischer Eigenständigkeit und wachsender wirtschaftlicher Bedeutung.

Die neue Festungsanlage bot im Westen Raum für ein fünftes Kirchspiel, St. Michaelis, 1685 traten zu den zwölf Oberalten drei Vertreter des neuen Kirchspiels hinzu, die Achtundvierziger erweiterten sich zu den Sechzigern, die Hundertvierundvierziger zu den Hundertachtzigern.

Im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert bestimmten heftige Kämpfe zwischen Rat und Bürgerschaft das politische Leben der Stadt. Erst als Kaiser und Reich eingriffen, wurde mit dem Hauptrezeß von 1712 eine neue, weitgehend auf dem Langen Rezeß von 1529 beruhende Grundlage geschaffen, allerdings erhielten nur die wohlhabenderen der Erbgesessenen Bürger Zugang zur Bürgerschaft, wohl nicht mehr als 1000 bis 2000 Bewohner der Stadt. Seit dem 17., vor allem im 18. Jahrhundert wurde Hamburg auch zu einem weithin ausstrahlenden kulturellen Zentrum.

 

Bildung, Aufklärung und gemeinnütziges Handeln

Die hamburgischen Handelsbeziehungen wurden seit dem 16. Jahrhundert stetig erweitert. Im folgenden Säkulum eröffneten sich Fluss- und Kanalverbindungen zur Oberlausitz und nach Schlesien, im 18. Jahrhundert war lange Frankreich, gegen Ende dann England der wichtigste Handelspartner. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die Karibischen Inseln, dann Lateinamerika, Afrika, Asien und Australien kamen im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert hinzu. Über Hamburg gelangten Kolonialwaren wie Kaffee, Kakao, Tee und Zucker nach Deutschland.

Kaffeehäuser (seit 1677), die Oper (seit 1678), ein Schauspielhaus mit eigenem Ensemble (seit 1765), Konzerte, Salons und „Teetische“, Landhäuser mit Gärten und Parks wurden zu Orten des „geselligen Umgangs“, des öffentlichen Diskurses und der Freizeitgestaltung.

1613 wurde das Akademische Gymnasium gegründet, das aufbauend auf der 1529 geschaffenen Gelehrtenschule des Johanneums auf den Universitätsbesuch vorbereitete.

Bis 1883 besuchten über 3000 Studenten diese Lehranstalt, zu deren wirkungsreichsten Professoren Joachim Jungius und Hermann Samuel Reimarus gehörten.

Bereits 1618 erschien hier eine Zeitung, der in Hamburg, Altona, Schiffbek (heute ein Teil von Billstedt) und Wandsbek weitere Gazetten folgen sollten. „Der Patriot“, die von 1724 bis 1726 veröffentlichte bedeutendste deutsche Moralische Wochenschrift, verkündete „Die Botschaft der Tugend“ (Wolfgang Martens), plädierte für die Teilhabe der Frauen am Prozess der Aufklärung und für die aktive Mitgestaltung des Gemeinwesens durch die dazu berechtigten Bürger. Zur Zeit der Französischen Revolution erreichte der „Hamburgische unpartheyische Correspondent“, Deutschlands führende Zeitung, Auflagen von 28 000 bis 36 000 Exemplaren. Neben Halle/ Leipzig und Zürich wurde Hamburg zu einem Zentrum der Aufklärung, die sich hier in seltener Konsequenz von einer wissenschaftlich-literarischen Richtung über eine breite literarisch-publizistische Strömung zu einer nahezu alle Lebensbereiche erfassenden gemeinnützig-praktischen Reformbewegung entwickelte, getragen von neuen Organisationen wie wissenschaftlichen und literarischen Sozietäten, Freimaurerlogen (seit 1737), Lesegesellschaften, Klubs und Fachvereinen. 1690 gründeten Hamburger Rechenmeister die „Kunst-Rechnungs-Liebende Societät“, aus der die noch heute bestehende „Mathematische Gesellschaft“ hervorgegangen ist.

Die 1765 gegründete, ebenfalls noch immer aktive „Patriotische Gesellschaft (Hamburgische Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe)“ wurde zum Mittelpunkt und Motor vieler Reformbestrebungen.

Im weltbewegenden und weltverändernden Jahr 1789 schrieb der dänische Schriftsteller Jens Baggesen: „Hamburg ist nicht der Tempel der Musen, es ist ihre Herberge, und die Grazien wohnen dort nicht, sie logieren“. Die Zahl der Logisgäste, von denen manche zu Bürgern wurden, ist groß  und sie kamen zu allen Zeiten – von Barthold Heinrich Brockes und Friedrich von Hagedorn, von Joachim Jungius und Hermann Samuel Reimarus, von Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Gottlieb Klopstock, von Friedrich Ludwig Schröder, Heinrich Heine und Friedrich Hebbel bis zu Gustaf Gründgens, Ida Ehre und Jürgen Flimm, Hans Erich Nossack, Hubert Fichte und Siegfried Lenz

Mit der ersten Sparkasse der Welt 1778 und der Armenanstalt von 1788, die auf den Prinzipien Hilfe zur Selbsthilfe und Arbeit statt Almosen beruhte, gelangen weithin beachtete Sozialreformen. In Hamburg feierte man zwar die humanitären Errungenschaften der Revolution von 1789, aber es kam in der Stadt keine revolutionäre Stimmung auf.

Ein Repräsentant der gemeinnützig-patriotischen Reformbewegung in Hamburg war der Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler Johann Georg Büsch, der sich als Professor am Akademischen Gymnasium, als Leiter der Handelsakademie, als Initiator des öffentlichen Vorlesungswesens, als Mitgründer der Patriotischen Gesellschaft, als vielseitiger Schriftsteller und Publizist sowie – mit Friedrich Gottlieb Klopstock – als Gründer einer von Hamburger Frauen getragenen und geprägten Lesegesellschaft für das Gemeinwesen einsetzte.

1805 entstand als Selbsthilfeverein von Lehrern die „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“, der heutige Landesverband Hamburg der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Im 19. Jahrhundert kamen mit Johann Hinrich Wicherns Rauhem Haus und seinem Wirken für die Innere Mission, mit Amalie Sievekings „Weiblichem Verein für Armen- und Krankenpflege“ und mit Heinrich Matthias Sengelmanns Alsterdorfer Anstalten für geistig behinderte Menschen wichtige Impulse der Diakonie aus Hamburg.

 

Unter dem Druck Napoleons

In den politischen Kämpfen der Revolutionszeit und der Ära Napoleons wurde es für Hamburg immer schwieriger, die Neutralität zu bewahren.

Zwar brachte der Reichsdeputationshauptschluss 1803 mit dem Dom, der einst dem Erzbistum und Herzogtum Bremen, dann Schweden und dem mit Großbritannien in Personalunion verbundenen Kurhannover unterstand, einen Zugewinn, doch ließen die Hamburger den ehrwürdigen Bau wegen vermeintlicher Baufälligkeit im Zeitraum von 1804 bis 1807 abreißen.

1806 besetzten die Franzosen die Stadt und gliederten sie 1811 ihrem Empire ein, das nun bis Travemünde reichte. Die Trennung von Justiz und Verwaltung, die Gleichstellung aller Bürger, unabhängig von ihrem Glauben, auch der Juden, besuch vorbereitete.

Im März 1813 befreiten russische Truppen die Stadt, doch im Mai kehrten die Franzosen zurück. Das folgende Jahr hat das Bild der Franzosenzeit für lange Zeit bestimmt, den Modernisierungsschub durch ihre Gesetzgebung und Verwaltungsreform in den Hintergrund treten lassen:

Hamburg wurde wieder zur Festung ausgebaut; wer sich nicht für ein halbes Jahr verproviantieren konnte, musste um die Jahreswende die Stadt verlassen. Rund 20 000 Menschen zogen fort, 1100 kamen um.

 

Reformstau und Rückwärtsgewandtheit  der politischen Entscheidungsträger

Die alte Ordnung wurde somit 1814/15 weitgehend wiederhergestellt. Reformierte, Katholiken und Mennoniten erhielten weitere Rechte, doch die Juden verloren die Gleichberechtigung wieder und erhielten sie erst 1849 von neuem.

Der Große Brand zerstörte im Mai 1842 ein Drittel der inneren Stadt und legte Mängel der hergebrachten Verfassung und Verwaltung bloß. Eine breite Reformdebatte setzte ein, doch die Revolution scheiterte 1848/49 mit dem Versuch einer Neuordnung, die erst 1859/60 gelang. Bis 1918 gab es nun in der Bürgerschaft Abgeordnete, die aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen waren, zudem aber noch besondere Vertreter der Notabeln (der Honoratioren) und der Grundeigentümer.

Frauen konnten erst 1919 wählen. Seit dem Vormärz, seit dem Wirken der „freisinnigen Frauen“ Charlotte Paulsen, Johanna Goldschmidt und Emilie Wüstenfeld hatten sich Hamburger Vertreterinnen der bürgerlichen, später auch der proletarischen Frauenbewegung zunächst für den Zugang zur Bildung und zu qualifizierter Berufstätigkeit, dann auch für das Frauenwahlrecht eingesetzt.

 

Aufschwung nach der politischen Reform

Im halben Jahrhundert zwischen 1860 und 1914 wurde Hamburg zur Weltstadt. Lebten 1860 rund 250 000 Menschen in der Stadt, so waren es vor dem Ersten Weltkrieg mehr als eine Million. Zum Jahreswechsel 1860/61 entfiel die Torsperre; die Gewerbefreiheit, die Trennung von Justiz und Verwaltung, von Staat und Kirche sowie von Kirche und Schule waren in der Folge wichtige Modernisierungsschritte.

Seit dem Bau der Eisenbahn nach Bergedorf 1842 hatte sich die Stadt zu einem Verkehrsknotenpunkt im Schienennetz entwickelt, seit 1846 war Berlin erreichbar, seit 1865 Lübeck. Von Altona fuhr 1844 der erste Zug nach Kiel, von Harburg 1847 nach Celle und Hannover, 1874 nach Bremen, 1881 nach Cuxhaven.  Die Verbindungsbahn zwischen Altona und Hamburg (1866) und der Brückenschlag über die Norder- und Süderelbe (1872) verknüpften die Bahnstrecken.

Die Integration in das Kaiserreich von 1871, abgeschlossen mit dem Zollanschluss 1888, beförderte Handel und Industrie. Für die Anlage des Freihafens und den Bau der Speicherstadt mussten 20 000 Hamburger weichen. Wenige Jahre später folgte ein weiterer tiefgreifender Einschnitt: 1892 forderte die Choleraepidemie über 8600 Tote. Es bedurfte dieses traurigen Fanals, um die Führungsschichten der Stadt zur längst überfälligen Sanierung der Gängeviertel und zur woanders schon selbstverständlichen Versorgung der Einwohner mit den elementaren Grundbedürfnissen der Hygiene zu bewegen.

Hamburg wurde zum drittgrößten Hafen der Welt nach New York und London, zur zweitgrößten deutschen Industriestadt nach Berlin, die HAPAG (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft) erreichte unter Albert Ballin den ersten Rang unter den Reedereien der Welt.

Investitionen wurden in großem Stil getätigt: der Bau des Hauptbahnhofs 1906, der Alte Elbtunnel von 1911, die Ringlinie der U- und Hochbahn 1912, der Durchbruch der 1909 eingeweihten Mönckebergstraße, die Anfänge des Geschäfts- und Kontorhausviertels, die Förderung des Schulwesens und der „Wissenschaftlichen Anstalten“, zu denen auch die Hamburger Sternwarte gehörte, die seit 1912 auf dem Gojenberg in Bergedorf ihren Standort hat. 1912 nahm ebenfalls der Flughafen seinen Betrieb auf.

Mit der Industrialisierung, die in Harburg und Ottensen gesetzt hatte, dann Hamburg, Altona, Wandsbek und Wilhelmsburg erreichte, wurde der Großraum Hamburg zu einer der frühen Hochburgen der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie, der Gewerkschaften und der Genossenschaften. Jahrzehntelang vertrat August Bebel Hamburg im Reichstag. Mit dem Hafenarbeiterstreik erlebte die Stadt 1896/97 den bis dahin heftigsten Arbeitskampf in Deutschland. In den Jahren 1901 und 1904 wurden die ersten Sozialdemokraten in die Bürgerschaft gewählt. Weite Teile des Bürgertums suchten 1906 vor der „roten Flut“ Rettung in einem Klassenwahlrecht für die allgemeinen Wahlen zur Bürgerschaft, nur die Sozialliberalen widersetzten sich. Mit ihnen verband sich 1918/19 nach der Revolution gegen das Kaiserreich die Sozialdemokratie. Der § 1 des „Gesetzes über vorläufige Staatsgewalt“ vom 26. März 1919 markierte den durch die Novemberrevolution und die Entscheidung für die parlamentarische Demokratie herbeigeführten fundamentalen politischen Wandel: „Die Ausübung der höchsten Staatsgewalt steht der Bürgerschaft als der Vertretung des hamburgischen Volkes zu.“ Im Artikel 2 der Verfassung vom 7. Januar 1921 hieß es dann „Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Anders als in den vorangegangenen Verfassungen wurde die Bürgerschaft nun vor dem Senat eingeordnet.

 

Hamburg und der Aufbruch in die Demokratie

Das  Bündnis zwischen Sozialdemokraten und Sozialliberalen prägte zunächst die Jahre der Weimarer Republik. 1919 wurde die Universität gegründet, für die sich Senator und Bürgermeister Werner von Melle lange vergebens eingesetzt hatte. Mit ihr entstand die Volkshochschule. Beachtliche Schulreformen wurden begonnen; bereits im Kaiserreich war Hamburg zu einem der Zentren der Reformpädagogik geworden. Hamburgs Bau- und Oberbaudirektor Fritz Schumacher setzte Maßstäbe für den Schul- und Wohnungsbau, schuf Grundlagen für die Raumordnung und Landesplanung im Unterelbegebiet. Im benachbarten Altona begannen Oberbürgermeister Max Brauer und Bausenator Gustav Oelsner mit einer nicht minder ehrgeizigen neuen Kommunalpolitik.

Die Weltwirtschaftskrise und die ihr folgende zunehmende politische Radikalisierung beendeten diese vielversprechenden und zukunftsweisenden Ansätze.

 

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Die Nationalsozialisten übernahmen 1933 die Macht.  Nach dem Willen Hitlers sollte Hamburg ein „Mustergau“ und eine der „Führerstädte“ werden.

Die gigantomanischen Pläne einer Elbbrücke, eines Gauforums und einer neuen Elbufergestaltung blieben Projekte, stattdessen wurde Hamburg im Sommer 1943 durch Luftangriffe stark zerstört, über 60 % des Wohnraums gingen verloren, mindestens 35 000 Menschen starben in zehn Tagen und Nächten.

In den Konzentrationslagern Fuhlsbüttel und Neuengamme wurden von 1933-1945  politische Gegner unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert, gefoltert und ermordet. Allein in Neuengamme und seinen Außenlagern wurden 55 000 Menschen getötet. An die 8000 Hamburger Juden wurden ermordet. Geistig Behinderte aus den staatlichen Einrichtungen und den Alsterdorfer Anstalten fielen dem Mordprogramm der „Euthanasie“ zum Opfer.

Die junge Hamburger Universität verlor so bedeutende Köpfe wie die in die Emigration gezwungenen Wissenschaftler Emil Artin aus der Mathematik, Walter A. Berendsohn aus der Germanistik, Ernst Cassirer aus der Philosophie, Eduard Heimann aus den Wirtschaftswissenschaften, Siegfried Landshut aus der Politologie, Albrecht Mendelssohn Bartholdy aus der Rechtswissenschaft, Erwin Panofsky aus der Kunstgeschichte, Otto Stern aus der Physik, William Stern aus der Psychologie. Die Germanistin Agathe Lasch, die erste Professorin der Hamburger Universität und die erste ihres Faches in Deutschland, mit bleibenden Verdiensten in der niederdeutschen Philologie, wurde im August 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet.

Am 3. Mai 1945 kapitulierte Hamburg, britische Truppen besetzten die Stadt, die durch das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 Cuxhaven, Geesthacht und Großhansdorf verloren, dafür Altona, Harburg-Wilhelmsburg, Wandsbek und etliche holsteinische Landgemeinden erhalten hatte.

 

Aufbau nach dem Krieg

Die Sozialdemokraten unter Max Brauer, Paul Nevermann und Herbert Weichmann wurden zur lange bestimmenden politischen Kraft, nur von 1953 bis 1957 regierte der „Hamburg- Block“ aus CDU, FDP und Deutscher Partei. In kurzer Zeit entstand eine moderne Leistungsverwaltung, die den Wiederaufbau in Angriff nahm.

Die Phase des Wiederaufbaus wurde im Februar 1962 durch die Flutkatastrophe unterbrochen, die über 300 Opfer forderte. Der im Dezember 1961 in den Senat gewählte Innensenator Helmut Schmidt bewährte sich als Leiter der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen. Mit dem Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY, 1959), dem Bau der City Nord (seit 1964), dem Hamburger Verkehrsverbund (1965), der Köhlbrandbrücke (1974), dem Neuen Elbtunnel (1975), dem Elbe- Seitenkanal (1976) und der technischen Universität Hamburg-Harburg (1978) wurden wichtige Weichen gestellt.

Die Containerisierung hat Hafenumschlag und Hafenarbeit grundlegend verändert, auch das produzierende Gewerbe hat tiefgreifende Strukturwandlungen erfahren. Hamburg ist heute eine Metropole im Wandel und im globalen Wettbewerb. Die Parteien ringen um Konzepte der Stadtgestaltung und Stadtentwicklung.

 

Siegfried Lenz und Helmut Schmidt schreiben über Hamburg

Im Herbst 1961 rief der Schriftsteller Siegfried Lenz in der Zeitschrift „MERIAN“ Hammonia, die Schutzgöttin der Stadt, an: „Laß uns nicht immer schicklich ins Leere dösen, Bravheit mit Gleichgültigkeit verwechseln; gib uns die Leidenschaft des Versuchens, des Antwortens und des Daseins.“ Diese Bitte ist ebenso aktuell wie ein am 28. Juli 1962 in der Hamburger Ausgabe der Tageszeitung „DIE WELT“ anonym erschienener Artikel, der mit drei Sternen gekennzeichnet war und zum Tagesgespräch an Alster und Elbe wurde. Der Verfasser war der damalige Innensenator Helmut Schmidt. Er rühmte Hamburg, „diese großartige Synthese einer Stadt aus Atlantik und Alster, aus Buddenbrooks und Bebel, aus Leben und Lebenlassen. Ich liebe diese Stadt mit ihren kaum verhüllten Anglizismen in Form und Gebärden, mit ihrem zeremoniellen Traditionsstolz, ihrem kaufmännischem Pragmatismus und zugleich ihrer liebenswerten Provinzialität. Aber ich liebe sie mit Wehmut, denn sie schläft, meine Schöne, sie träumt; sie ist eitel mit ihren Tugenden, ohne sie recht zu nutzen; sie genießt den heutigen Tag und scheint den morgigen für selbstverständlich zu halten – sie sonnt sich ein wenig zu selbstgefällig und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein.“

Lenz’ und Schmidts Hoffnungen auf produktive Unruhe und Bewegung, auf eine stärkere Rolle Hamburgs in der deutschen Politik, Wirtschaft und Kultur erfüllten sich zwar seither zuweilen. Hamburg ist bunter, lebendiger, kreativer und auch konfliktreicher geworden. Doch bleiben die kritischen Bestandsaufnahmen der beiden Ehrenbürger – Schmidt seit 1983, Lenz seit 2001 – weiter aktuell. Selbstgenügsamkeit und Provinzialität sind stete Gefahren, wie auch die schon von Aufklärern beklagten Übel des Schlendrians und des „Departementgeistes“, des Ressort- und Gruppenegoismus. Demgegenüber sind die Traditionen der Selbstverwaltung, des Bürgergeistes und des Gemeinsinns, wie sie in den Vereinen – wie dem 1839 gegründeten Verein für Hamburgische Geschichte  ̶  und in Bürgerinitiativen lebendig sind, Aktivposten des Stadtstaates. Mit rund 1460 Stiftungen gilt Hamburg als deutsche Stiftungshochburg. Ob sich die Stadtstaaten als eine der Varianten des deutschen Föderalismus, als eines der „Modelle deutscher Möglichkeiten“ (Theodor Heuss) zu behaupten vermögen, ob Hamburg weiterhin „eine ausgezeichnete, eigenartige Stadt“ – so Johann Wolfgang Goethe am 29. Januar 1826 zu Johann Peter Eckermann – bleibt, hängt sowohl von der Kreativität der Bürgerinnen und Bürger wie von dem Gestaltungswillen der politischen Kräfte ab.

Hamburg im 21. Jahrhundert

Von 2001 bis 2011 kamen die die Ersten Bürgermeister erneut von der CDU. Seither folgten in diesem Amt wieder Sozialdemokraten, seit 2015 in einer Koalition mit den Grünen. Globalisierung und Digitalisierung, Zäsuren wie die Finanzkrise 2008/09 und die Corona-Pandemie seit 2020 stellen die Stadt vor neue Herausforderungen. Hamburg sieht sich zunehmend auch als Kulturmetropole, Symbole dafür sind die 2017 eröffnete Elbphilharmonie und das im Aufbau befindliche Deutsche Hafenmuseum. Weiterentwickelt werden soll Hamburg zudem als Wissenschaftsstandort. Die Universität wurde im Jubiläumsjahr 2019 zur „Exzellenzuniversität“. Exzellente Leistungen in Forschung, Lehre und Bildung erbrachten ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch schon zuvor, insbesondere in der Weimarer Republik und in der Zeit des Ausbaus zur Massenuniversität.

Unverändert gültig bleibt die Präambel der Verfassung vom 6. Juni 1952:

„Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Welthafenstadt eine ihr durch Geschichte und Lage zugewiesene, besondere Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke zu erfüllen.

Sie will im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein.

Durch Förderung und Lenkung befähigt sie ihre Wirtschaft zur Erfüllung dieser Aufgaben und zur Deckung des wirtschaftlichen Bedarfs aller. Auch Freiheit des Wettbewerbs und genossenschaftliche Selbsthilfe sollen diesem Ziele dienen.

Jedermann hat die sittliche Pflicht, für das Wohl des Ganzen zu wirken. Die Allgemeinheit hilft in Fällen der Not den wirtschaftlich Schwachen und ist bestrebt, den Aufstieg der Tüchtigen zu fördern. Die Arbeitskraft steht unter dem Schutze des Staates.

Um die politische, soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung zu verwirklichen, verbindet sich die politische Demokratie mit den Ideen der wirtschaftlichen Demokratie. In diesem Geiste gibt sich die Freie und Hansestadt Hamburg durch ihre Bürgerschaft diese Verfassung.“

 

Zum Autor: Prof. Dr. Franklin Kopitzsch lehrt am Historischen Seminar der Universität Hamburg mit den Schwerpunkten Geschichte der Frühen Neuzeit, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Regionalgeschichte. Er leitet die Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte.

 

Literatur: Werner Jochmann, Hans-Dieter Loose (Hg.): Hamburg. Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner. 2 Bände. Hamburg 1982-1986. Franklin Kopitzsch, Dirk Brietzke (Hg.): Hamburgische Biografie. Personenlexikon. 7 Bände. Bd. 1 und 2: Hamburg 2001-2003, Bd. 3-7: Göttingen 2006-2020. Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hg.): Hamburg-Lexikon. 4. Aufl. Hamburg 2010.