Selbst forschen

Wie erforscht man Hamburgs Geschichte?

GRUNDLAGEN SCHAFFEN

Wer Hamburgs Geschichte selbst erkunden will, hat vielerlei Möglichkeiten. Wichtig ist für alle Themen, dass man zunächst grundlegendes Wissen erwirbt, also Zusammenhänge, soziale Bewegungen und Machtkonstellationen kennt. Am besten geht dies durch das Lesen, das Lesen der Epochentexte und der Epochenthemen auf dieser Website! Die benannte grundlegende Literatur liefert dann einen tieferen Einblick in die jeweilige Zeit.

Weiterhin bietet sich ein Besuch im Museum für Hamburgische Geschichte an, welches einen Durchgang durch die Zeitläufte und viele Einsichten in das Alltagsleben vergangener Epochen bietet. Die Geschichte des Stadtteils Altona wird im Altonaer Museum präsentiert mit einem Schwerpunkt auf Arbeit am Fluss und auf dem Meer.
Harburgs Geschichte findet sich im Archäologischen Museum Hamburg, die Geschichte Wandsbeks vor dem Anschluss an Hamburg 1937 im Heimatmuseum Wandsbek.

Die weiteren Museen zeigen stets einen Aspekt der Geschichte der Stadt und der Region auf.

Archäologisches Museum – Vor- und Frühzeit der Region, Geschichte und Kultur bis in das frühe Mittelalter hinein.

Altonaer Museum  – Kultur und Geschichte Altonas, Fischerei und Schiffahrt, Kunst der Region.

Museum der Arbeit – Wandel der Arbeitswelten vom Handwerk bis zur Computerisierung, Alltag der arbeitenden Bevölkerung.

Museum für Kunst und Gewerbe   – Kunst, Musik und Kultur in und aus Hamburg und der Region vom Mittelalter bis heute.

Kunsthalle – Neben bedeutenden Werken der Kunstgeschichte auch Werke von Künstlern der Region vom Mittelalter bis heute.

Gedenkstätte Neuengamme – Geschichte des KZ Neuengamme und seiner Opfer, aber auch der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Hamburg und im Umland

Jenisch-Haus – Alltag und Alltagskultur der Oberschicht vom 17. bis 19. Jahrhundert

Gedenkstätte Plattenhaus Poppenbüttel – Hier wird das Leben von Zwangsarbeitern aus Frankreich und Osteuropa im Nationalsozialismus umfassend geschildert.

Ahrensburger Schloss – Geschichte der Familie Schimmelmann, Kunst, Musik und Kultur im Herrschaftsbereich der Familie Schimmelmann vom 16. bis 19. Jahrhundert.

Komponistenquartier: Hier finden sich das Brahms- und das Telemannmuseum, die nicht nur über diese beiden Musiker Auskunft geben, sondern auch über das Künstlerleben in Hamburg von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert.

Und viele andere Museen mehr …

 



SPEZIALINTERESSEN ENTWICKELN

Beim Durchwandern der Museen oder beim Lesen dieser Website kann man sein Spezialthema entwickeln. Anregungen bieten auch die  „Projekte zum Selbermachen“ auf dieser Website.

Für eigene Forschung sind große Themengebiete wie zum Beispiel der Hamburger Handel zunächst nicht geeignet. Wohl aber die Geschichten von einzelnen Menschen, von Personengruppen, Stadtteilen, Firmen, Gebäuden, oder  Institutionen. (Beispiele: Geseke Cletzen,  Jüdische Schüler in der Karolinenstraße 35,  die Osterstraße und ihre Geschichte, Geschichte der Fa. Schacht und Westrich, das Torhaus Wellingsbüttel, die Hamburger Schwimmbäder)

Sehr gut eignen sich auch Problemfelder, Ereignisse oder kurzfristige Entwicklungen. (Beispiele: Müllentsorgung im Hamburg des 19. Jahrhunderts, das Revolutionsfest in Harvestehude 1790, die Schulspeisung nach dem zweiten Weltkrieg)

Wenn man sein Thema gefunden hat, kann man das Internet durchforsten, doch wichtiger ist die Suche nach Literatur, weil nur Bücher vielfältige, vollständige und verlässliche Informationen bieten.

 



LITERATUR SUCHEN

Es reicht nie, im Internet zu recherchieren. Das Internet ist bequem, um Grundwissen zu erwerben, liefert häufig aber nur oberflächliche Informationen, blendet entscheidende Zusammenhänge aus. Vor allem bei Seiten wie Wikipedia können Informationen auch falsch sein. Websites, die gesichertes Wissen geben, sind von wissenschaftlichen Institutionen getragen, wie zum Beispiel diese von der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte geprüft wird. Doch erste Kenntnisse zum Spezialthema und vor allem Literaturhinweise lassen sich auch im Internet finden. Dann beginnt aber erst das Lesen.

Zum Recherchieren, Leihen und Studieren von Literatur bieten sich in Hamburg folgende Zugänge:

Literaturlisten von Prof. Franklin Kopitzsch Auf diesen Literaturlisten des Leiters der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte findet sich die grundlegende Literatur zur Geschichte Hamburgs und Norddeutschlands. Von den hier aufgeführten Texten ausgehend kann weitere Literatur erschlossen werden.

Zentralbibliothek der BücherhallenHier findet sich die größte Menge an leicht ausleihbarer Fachliteratur. Es gibt gute Fachberatung und Tipps zum Weiterforschen.

Bücherhallen – Die Bücherhallen in den Stadtteilen haben immer nur eine an den Stadtteil angepasste Ausschnittsmenge an Fachliteratur. Doch die BibliothekarInnen helfen gern beim Weiterrecherchieren und Bestellen.

Commerzbibliothek:  Hier gibt es sowohl Literatur als auch Quellen zur Hamburgischen Geschichte. Vor Ort zu studieren.

Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky – Hier ist das Ausleihen nur mit einer kostenlosen Stabi-Karte möglich. Schüler ab 15 Jahren können Sie mit Hilfe ihrer Eltern beantragen. Im Lesebereich gibt es eine hervorrragende Abteilung mit Hamburgensien und Hamburg-Literatur, die frei zum Lesen nutzbar ist.

Bibliothek im Museum für Völkerkunde –  Spezialbibliothek unter anderem über Volkskunde, Glauben und Aberglauben und Gebräuche in der Region. Nach Rücksprache nutzbar.

Spezialbiblotheken zur Hamburgischen Geschichte sind zudem: Bibliothek der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte, Bibliothek im Museum für Hamburgische Geschichte, Bibliothek des Vereins für Hamburgische Geschichte im Staatsarchiv – alle nach Rücksprache zu deren Öffnungszeiten zum Lesen vor Ort nutzbar.  

 



BERATER SUCHEN

Die Mitarbeiter in den Museen sind oft hervorragende Fachleute für die Geschichte der Stadt. Wer ein Spezialinteresse hat, kann sie anschreiben. Ebenso kann man die Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte in der Universität und den Verein für Hamburgische Geschichte kontaktieren.

Besonders hilfreich sind aber die Geschichtswerkstätten vor Ort, die sich um die Stadtteile und deren Geschichte kümmern.  Aktuelles zu Hamburg (post-)kolonialem Erbe und der frühen Globalisierung findet sich hier:  Forschungsstelle Hamburgs (post) koloniales Erbe

 



LESEN UND EXZERPIEREN

Fachliteratur einfach zu lesen reicht für Historiker nicht. Wer später selbst Erforschtes aus der Vergangenheit aufschreiben will, muss immer belegen, woher er seine Informationen hat, egal ob das nun aus Büchern, aus dem Internet oder aus Quellen ist. Nur so können die Ergebnisse nachvollzogen werden – und darin besteht die Wissenschaftlichkeit der Geschichtsforschung. (Auf dieser Website stehen die Autoren mit ihren guten Namen als Wissenschaftler für die Texte ein und verzichten auf Belege, um die Texte leicht lesbar zu machen, wie in einem Handbuch) Aber bei allen neuen Forschern oder neuen Forschungsvorhaben muss eine Belegstruktur entstehen. Dafür sorgt man am besten gleich beim Lesen.

Man liest erst die neueste Literatur, die man gefunden hat. (Hier kann man auch im Literaturverzeichnis nach älteren Büchern suchen)

Beim Lesen schreibt man die interessantesten Fakten oder Thesen heraus. Dabei muss man darauf achten, dass die Notiz immer mit dem Titel des Buches und der Seite verbunden ist. Also schreibt man auf jeder Seite, auf der man aus einem Buch Informationen notiert,  oben den Titel oder einen Kurztitel auf. Zu jeder Information schreibt man die Seite. Auslassungen müssen mit (…) und Zitate mit „“ gekennzeichnet sein, auch später bei Verwendung im eigenen Text. Hier ein Beispiel:

Grolle, Joist: Der Hamburger Percy Ernst Schramm – ein Historiker auf der Suche nach der Wirklichkeit, Hamburg 1989

Schramm kündigte 1935 seine Mitarbeit für die Warburg-Bibliothek auf. (S.32)

Schramm schreibt über sich: „Hinsichtlich der Wiederaufrüstung (…) 200prozentiger Nazi“ (S.33)

Mit diesen Notizen und mit ähnlichen Notizen aus den Quellen belegt man seine Aussagen. Am Besten durch Fußnoten  unten auf der Seite oder Endnoten am Ende des Textes. Hier ein Beispiel:

Ab 1935 war immer klarer zu erkennen, dass Percy Ernst Schramm mit dem Nationalsozialismus sympatisierte.1

__________________________

1 Grolle, Joist: Der Hamburger Percy Ernst Schramm (…), Hamburg 1989, S. 32 – S.33.

 



NEUE QUELLEN FINDEN

Staatsarchiv Hier werden alle Schriftquellen zur Hamburgischen Geschichte verwahrt und verwaltet. Auf Antrag kann man mit einiger Unterstützung durch die Archivare Akten, Urkunden, Karten und Bilder zur Forschung studieren.

CommerzbibliothekMit der Unterstützung der Bibliothekare können hier alte Druckwerke eingesehen werden.

ZeitzeugenZeitzeugen ist gängigerweise der Begriff für diejenigen, welche die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben und davon berichten. Aber man kann auch Zeitzeugen für andere Epochen und Themen finden. Oft sind die Geschichtswerkstätten gute Vermittler, aber auch bei der Literaturrecherche stößt man auf Menschen, die man gerne befragen würde. Manchmal hilft das Nachfragen in der Nachbarschaft des Forschungsgebietes oder in Seniorenheimen im Umfeld.  Zeitzeugen berichten natürlich aus ihrem Blickwinkel. Sie geben daher ein subjektives Bild des Erlebten. Deshalb muss man nach dem Interview abgleichen, was die Literatur über das Ereignis sagt, und Unterschiede benennen.

Durchführung eines Zeitzeugeninterviews:

  • Fragenkatalog erstellen, mit offenen Fragen, die zum Reden anregen (Erzählen sie doch bitte von den Spielen Ihrer Kindheit / Wie ist es ihrer Familie ergangen, als die Sturmflut kam? Berichten Sie uns doch von der Eröffnung des Museums der Arbeit)
  • Kontaktaufnahme mit eigener Vorstellung, Forschungszweck und Themenvorstellung
  • Verabredung, ungefähren Fragenkatalog angeben
  • Zwei Aufnahmegeräte bereitstellen, erproben.
  • Zunächst das Datum und den eigenen Namen nennen, dann die Personendaten des Zeitzeugen aufnehmen, (Name, Geburtsort, Alter, wohnhaft in…)
  • Beim Interview den Zeitzeugen immer frei ausreden lassen und nur ggf. nachhaken.
  • Dank und Dankeschöngeschenk!
  • Interview digital sichern und abtippen.

 



QUELLEN VERWENDEN

Keine Quellenauswertung, kein Quellenzitat, kein Bild ist etwas wert, ohne die Angabe des Archivs, der Signatur und des Blattes, auf dem die Quelle steht.

Beispiel: Staatsarchiv Hamburg, 720- 1 Abschriften Hamburger Testamente, Blatt 5.

Dies muss in einer Fußnote am Ende der Quellenauswertung oder gleich nach dem Quellenzitat stehen. Nur so können andere Historiker nachvollziehen, wo das Wissen herstammt. Bei Zeitzeugeninterviews gibt man die Personendaten des Interviewpartners und das Datum des Interviews an und zitiert die Passagen, die man auswertet.

 



GESCHICHTE AUFZEICHNEN

Texte

Wer ein Buch, einen Artikel / Aufsatz, eine Hausarbeit oder eine Präsentationsleistung schreibt, sollte folgendes befolgen:

  • Forschungs – und Untersuchungsinteresse im Vorwort begründen.
  • Immer in der Vergangenheit schreiben.
  • Jede Aussage und jedes Zitat belegen (Mit Fuß- oder Endnoten)
  • Den Aufbau nach Abschluss der Recherche planen und mit Beratern besprechen.
  • Ereignisse und Umstände schildern, deren Gründe und deren Auswirkungen schildern.
  • Versuch der Logik der Schlussfolgerungen und der Objektivität in Schilderungen und Analysetexten.
  • Am Schluss ein Resümee, um die eigenen Beurteilungen begründet darzustellen.
  • Bei Schülerarbeiten: Forschungsvorgehen schildern.
  • Immer Literaturliste anhängen.
  • Ein Inhaltsverzeichnis ganz zum Schluss anlegen.
  • Nicht vergessen: Zeitzeugen und Beratern danken.

Beim Schreiben muss darauf geachtet werden, dass Forschungsergebnisse, Gedanken und Erkenntnisse anderer Autoren nicht ohne Hinweis übernommen werden dürfen. Daher muss alles, was anderer Literatur entnommen wird, belegt werden.

Belege für  Informationen aus Büchern (Monografien) haben eine etwas andere Form als Belege für Informationen aus Zeitschriften. Hier sind zwei Beispiele:

  • Beleg aus einer Monografie:

    1  Grolle, Joist: Der Hamburger Percy Ernst Schramm (…), Hamburg 1989, hier S. 33.

  • Beleg aus einer Zeitschrift, einer Anthologie oder einer Sammelschrift:

   Ursula Büttner: Die Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte. Bd. 74/75, 1989, S. 81–96, hier S. 90.

Film

Ein Dokumentarfilm über Personen oder Ereignisse in der Geschichte kann keine so genaue Belegstruktur aufweisen wie ein Text. Aber zugrunde jeden Films liegt ein Skript. Bei Dokumentarfilmen muss das Skript ebenso aus Recherche und Quellenarbeit entstehen wie ein Text. Man sollte im Abspann die Ratgeber, Archive und Bibliotheken nennen, Zeitzeugen genau vorstellen und die wichtigsten Belege aufführen. Wiederum gilt dies der Nachvollziehbarkeit und der Möglichkeit, die Aussagen des Films zu überprüfen.

Hörspiel

Hier gilt das gleiche wie beim Film, aber im Abspann kann man noch weniger zeigen, also reduziert man auf das Nennen von Aufnahmeorten, Sprechern, Beratern und historischen Institutionen, die geholfen haben.

Kunst

In Zusammenarbeit mit Künstlern können Historiker viel leichter ausdrücken, was man aus der Geschichte lernen kann. Kunst hilft, einen politischen Standpunkt zu beziehen. Dafür gilt aber auch: Jedes Kunstprojekt, das mit Geschichte umgeht, muss auf ebenso guter Recherche und vielen Kenntnissen, auch gegebenenfalls der Quellen, beruhen wie ein Aufsatz. Hier gibt es Beispiele.

Silke Urbanski

© Das Hamburg-Geschichtsbuch