Die Swing-Jugend: Individualität und Widerstand

Ines Stelljes

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war ein „Widerstand ohne Volk“. Eine breite Widerstandsbewegung (wie z.B. die „Résistance“ in Frankreich gegen die deutsche Besatzung, 1940-Ende 1944) hat es in Deutschland nicht gegeben.

Stattdessen gab es eine Vielzahl von Individuen oder Kleingruppen, die sich zusammenfanden und dann für eine gewisse Zeit zusammenarbeiteten und in vielen verschiedenen Formen widerstand leisteten. Bis auf den militärischen Widerstand, der unter der Leitung von dem Oberst Claus Schenk Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler ausübte, erwies sich keine Gruppe als staats- oder systemgefährdend. Das Attentat auf Hitler misslang und die Widerstandsorganisation wurde nach ca. 24 Stunden zerschlagen.

In Hamburg fanden sich vor allem Widerstandsgruppen mit sozialdemokratischem und kommunistischem Hintergrund. Die Mitglieder der beiden schnell nach der Machtübernahme verbotenen Parteien standen sich in der Weimarer Republik stets kritisch, oft feindselig gegenüber. Dir größte Widerstandsgruppe in Hamburg, die Jacob-Bästlein-Abshagen-Gruppe mit ungefähr 300 Mitgliedern war kommunistisch. Nachdem die Verhaftungswellen der Nationalsozialisten auch Sozialdemokraten trafen, gab es im Widerstand dennoch Zusammenarbeit und Solidarität von Kommunisten und Sozialdemokraten. Ein Beispiel kann der sozialdemokratische und kommunistische Widerstand in Barmbek und Dulsberg sein, der oft zusammenarbeitete. Aber auch in der Haft hielt man zusammen (siehe Thema KolaFu/Neuengamme).

Neben dem politisch motivierten und organisiertem Widerstand fanden sich in Hamburg Mitglieder der weißen Rose, der Jehovas Zeugen und WiderstandskämpferInnen aus christlichen und humanistischen Motiven. (Siehe Zeitgenossin Yvonne Mewes) Diese waren im Laufe der NS-Diktatur gelegentlich mit einander in Kontakt.

Eine andere Gruppe von Widerständlern und Andersdenkenden bildete die Hamburger-Swing-Jugend. Dabei stellt sich die Frage, ob ihre Aktionen Widerstand waren.

Die Typen von anderen widerständigen Aktionen konnten ganz unterschiedlicher Art sein. Sie reichten von der Non-Konformität über Verweigerung und Protest bis zum aktiven Widerstand.

Der Historiker Detlev Peukert  hat die „Formen abweichenden Verhaltens im Dritten Reich“ anhand eines Schaubildes charakterisiert.

Den Menschen im Widerstand werden dabei zwei Merkmale zugeordnet. Auf der y-Achse wird dargestellt,  wie weit die Kritik am Nationalsozialismus reichte. Bezog er sich nur auf einzelne Teile der Nationalsozialistischen Weltanschauung oder verurteilte man den Nationalsozialismus komplett? Auf der x-Achse wird der der Ort der Kritik angezeigt.  Wo und vor wem äußerte man seine Kritik? Schimpfte man nur in der Familie oder auch auf öffentlichen Versammlungen?

In Hamburg wurde der Widerstand von  Mitgliedern der SPD  und KPD organinisert, es gab zudem Mitglieder der Weißen Rose. Christen und Humanisten versuchten, sich nicht anzupassen, Jehovas Zeugen verweigerten den Kriegsdienst. Viele dieser Menschen wurden verhaftet und verurteilt, litten und starben in Gefängnissen und KZ.

Ein spezieller Fall war die Hamburger Swingjugend. Die Begeisterung für amerikanische Swingmusik war  das gemeinsame Merkmal für viele oppositionelle Jugendcliquen in Hamburg in der Zeit von 1933 bis 1945. Zunächst waren diese Jugendlichen nicht unbedingt politisch. Sie fügten sich aber nicht in die Disziplin und die OBrigkeitshörigkeit der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel.  Sie trugen englisch-inspirierte Mode und  trafen sich, um mit der Swing-Musik zu feiern.Swingmusik wurde im Dritten Reich nie verboten, aber sie zu hören und danach zu tanzen, galt als „undeutsch“ und „entartet“.

Der Swing selbst ist eine Unterart des Jazz, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Süden der USA von den ehemaligen afrikanischen Sklaven entwickelt wurde. Kennzeichend sind im Rhythmus viele Synkopen. Das bedeutet, dass in Musik-Takten eigentlich unbetonte Noten betont werden. Dadurch entsteht ein spannungsreicher Rhythmus. Der Swing ist eine Weiterentwicklung des Jazz in den 20er Jahren. Er ist sozusagen die tanzbare Variante, dessen Melodien harmonischer als die des Jazz klingen. Mit dem Swing entstanden auch große Big Bands, in denen die Bläsergruppe die wichtigsten Instrumente waren. Berühmte Jazz-Interpreten aus den USA waren z.B. Benny Goodman, Duke Ellington, Louis Armstrong, Glen Miller oder Ella Fitzgerald.

Ab 1940 wurden die Jugendlichen, die Swing hörten, von der Gestapo hart verfolgt. Hunderte von Jugendlichen wurden zeitweilig verhaftet,  im Fuhlsbütteler Gefängnis inhaftiert und einige auch schließlich in das Jugend-KZ Moringen oder in das KZ – Neuengamme gebracht.

 

Einzelschicksal und Forschungszugänge:

Hans Viau im Konzentrationslager Neuengamme

 

Grundlegende Literatur:

Alenka Barber-Kersovan , Gordon Uhlmann: Getanzte Freiheit: Swingkultur zwischen NS-Diktatur und Gegenwart, Hamburg 2002.

 

Bildnachweise:
Abb. Titelfeld: Mönckebergstraße 1934, mit freundlicher Erlaubnis von Stefan Bick (www.hamburg-Motiv.de).

Abb. Thementext: bearbeitet nach: Forum Geschichte, Bd. 4: Vom Ende des ersten Weltkrieges bis zur Gegenwart, hrsg. Von Hans-Otto Regenhardt und Claudia Tatsch, Berlin 20031, S. 127.