Das Hamburger Bismarckdenkmal 

Jörg Schilling

Sofort nach dem Tode des ehemaligen Reichskanzlers Otto von Bismarcks am 30. Juli 1898 versammelten sich in Hamburg, das noch über keine Bismarckstatue verfügte, einflussreiche Bürger, um über die Errichtung eines seinem Andenken geweihten Denkmals zu beraten. Bismarck, heute in seiner Bedeutung eher umstritten, wurde als „Reichseiniger“ verehrt – insbesondere von Hamburger Kaufleuten, die im Zuge des Zollanschlussvertrages und dem Ausbau von Freihafen und Speicherstadt mit Übersee- und Kolonialhandel gute Geschäfte gemacht hatten. Es kam zur Gründung eines „Engeren Ausschusses“ und Spendenaufrufen. Bis Anfang 1901 wurden 476.929,14 Mark gesammelt. Schon zuvor hatte der Ausschuss ein „Ausführungs-Comité“ gewählt, das die weiteren Planungen übernahm und u. a. aus Bürgermeister Versmann, dem Bankier Max Schinckel, Oberingenieur Franz Andreas Meyer und Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark bestand.

Großartig oder maßvoll?

Umstritten war die Standortfrage. Von Anfang an entpuppte sich die sogenannte „Elbhöhe“, die ehemalige Bastion Casparus des Wallrings, zum favorisierten Standort der Befürworter eines größeren Monuments, was vor allem von Lichtwark kritisch gesehen wurde. Einig war man sich nur in der Ablehnung einer konventionellen Standfigur. Die einen wollten ein eindrucksvolles Monument von „ungewöhnlicher Großartigkeit“, die anderen ein „maßvoll gehaltenes Denkmal“. Die Befürworter der Elbhöhe setzten sich durch und F. A. Meyer forderte in dem Entwurf des geplanten Preisausschreibens eine „Beziehung zu dem der Seeschifffahrt dienenden Elbstrom“.

Doch der Senat lehnte die Elbhöhe als Standort ab, woraufhin ein Platz an der Außenalster Höhe Fontenay vorgeschlagen wurde. Durch Versmanns Tod sowie die Neubesetzung des Comité-Vorsitzes mit Bürgermeister Mönckeberg entstand neuer Spielraum bei der Standortfrage. Der Senat ließ seine Bedenken gegen die Elbhöhe fallen und ebnete den Weg für den gewünschten Wettbewerb. Auch F. A. Meyer, der „nichts gegen ein mächtig ragendes Standbild unseres großen modernen Rolands einzuwenden“ hatte, verstarb Anfang 1901. Für ihn war die Elbhöhe der ideale Denkmalstandort, um „hier in dieser großen Welthandelsstadt, […] für das deutsche Volk die Wacht nach dem Weltmeer zu halten“.

Abstrakt oder liebenswürdig?

Der überregionale Wettbewerb wurde im Juni 1901 ausgeschrieben. Die Teilnahme überstieg alle Erwartungen. Es gingen 219 Entwürfe ein, sodass für das Preisverfahren und die anschließende Ausstellung das Velodrom am Dammtor angemietet werden musste. Zum Preisgericht gehörten u.a. Bürgermeister Mönckeberg sowie Martin Haller und Paul Wallot – Architekt des Reichstages. Am 5. Januar 1902 wurde der erste Preis einstimmig an die gemeinsame Arbeit des Bildhauers Hugo Lederer und des Architekten Johann Emil Schaudt vergeben. Die beiden Berliner hatten das Preisgericht mit einer symbolischen, die Gesichtszüge Bismarcks tragenden Ritterfigur auf einem das zeitgemäße Repertoire abstrakt-archaischer Architekturformen wirkungsvoll zusammenführenden Unterbau überzeugt. Doch „Volkes Stimme“ konnte sich nicht mit dem Projekt anfreunden und lehnte in zahlreichen Leserbriefen die „unliebenswürdige“ Denkmalsfigur ab. Sie verkörperte nicht den Bismarck, welchen der einfache Bürger zu sehen gewohnt war.

Zu den Befürwortern des Entwurfs gehörte der Hamburger Kunsthistoriker Aby M. Warburg, der sich gegen die „kaufmännischen Spießer“ wandte, die einem „Drange zu platter Besitzergreifung durch unmittelbare Annäherung“ erlegen wären.

Nicht nur er war davon überzeugt, dass der Entwurf von Lederer / Schaudt den herbeigesehnten Wendepunkt in der Denkmalkunst darstellen würde. Das Wettbewerbsergebnis wurde in der überregionalen Fachwelt mit der Kritik an der umstrittenen, die modernen Bestrebungen diskreditierenden Kunstpolitik Wilhelm II. in Verbindung gebracht. Der Entwurf von Lederer / Schaudt traf den Nerv eines nach nationalen Identifikationssymbolen dürstenden Bildungsbürgertums, das die wilhelminische Repräsentationsplastik ablehnte.

Kunst oder Kritik?

Die Diskussionen um den „Roland“ fanden mit dem Realisierungsbeschluss ein Ende.  Wegen der Entscheidung, das Denkmal in Granit auszuführen, mussten die Mehrkosten durch die Streichung der Freitreppe und des Reliefs kompensiert werden. Die Sockelfiguren konnten erst nach einer erneuten Spendensammlung 1908 ausgeführt werden. Lederer sah sich wegen Streitigkeiten zwischen ihm und Schaudt um die Gesamtidee des Entwurfs veranlasst, die Figur eigenmächtig um zwei Meter zu vergrößern. Das machte nachträgliche Fundamentierungsarbeiten notwendig, welche die Fertigstellung des Denkmals wesentlich verzögerten.

Zur Einweihung am 2. Juni 1906 wurde vor dem Denkmal eine Tribüne für 1.400 geladene Gäste errichtet. Mit der Enthüllung übergab Mönckeberg das Monument in den Besitz der Stadt. Von dem überregional beachteten Ereignis gibt es sogar eine Filmsequenz – eine der ältesten Aufnahmen Hamburgs. Gegenüber dem ausgeführten Denkmal hatte sich die Stimmung grundlegend gewandelt. Nun war es das breite Publikum, welches das Monument feierte, während die Kunstkritik eher verhalten reagierte. Dennoch gingen von seiner abstrakten Formensprache künstlerische Impulse aus, was die Arbeit von Ernst Barlach verdeutlicht. Er hatte im Auftrag der Stadt die Einweihungs-Münze gestaltet und bekannte kurz darauf, dass ihm die „Vereinfachung und Monumentalisierung“ den „Begriff der ewigen Ideen“ geben würden.

Wahrzeichen oder Propagandaskulptur?

1915 war das Denkmal längst ein im Nationalbewusstsein verankertes Hamburger Wahrzeichen, das jährlich anlässlich von Bismarcks Geburtstags beleuchtet wurde. Doch die „Propagandaskulptur“ (Karl Scheffler) erfuhr eine zunehmende politische Einvernahme durch revanchistische und völkische Verbände, die sich nach 1919 mit Demonstrationen und Fackelaufmärschen am Denkmal hervortaten. Mit der Machtübertragung an die NSDAP verlor der Bismarckkult allerdings schnell seine Bedeutung. Anlässlich der Schiffstaufe des Schlachtschiffes „Bismarck“ 1939 machte Adolf Hitler klar, dass die Grenzen des Kaiserreichs den imperialen Ambitionen des „Dritten Reiches“ nicht mehr genügten. Kurz darauf wurden die Hohlräume des Bismarckdenkmals zu Luftschutzräumen ausgebaut, wobei Wandmalereien mit Bismarckzitaten und völkischen Symbolen entstanden. Bisher konnte nicht nachgewiesen werden, wer sie und zu welchem Zweck veranlasst hat.

Nach dem Krieg wurde der Versuch unternommen, das Monument mit der Anpflanzung fast ausgewachsener Bäume der Wahrnehmung zu entziehen. Einem befürchteten Abriss kam 1960 der Hamburger Denkmalpfleger, Joachim Gerhardt, mit der Unterschutzstellung zuvor. Das Denkmal blieb ein Versammlungsort rechter Gruppen und avancierte gleichzeitig zum „Sinnbild eines imperial aufgeblasenen Hamburg-Konzepts“. Zunehmend wurde es als Projektionsfläche genutzt. 1981 veröffentlichte DER SPIEGEL eine Collage mit dem Konterfei Helmut Schmidts auf der Bismarckfigur, um damit Schmidts Festhalten am Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Am Tage der deutschen Wiedervereinigung wurde dem Monument von Freeclimbern eine Maske mit dem Konterfei Helmut Kohls übergestülpt. Für die Darstellung eines Denkmalsturzes – den Rücktritt eines ehemals zum König gekrönten Fußball-Bundesligatrainers– eignete sich das Hamburger Denkmal allemal. 2003 warb die Hamburger Kulturbehörde mit dem „Roland“ für eine Vorlesungsreihe von Hamburg-Literatur. Doch der zunehmend unpolitische Umgang mit dem Monument bewirkte eine nachlassende Sensibilität gegenüber Versuchen seiner erneuten Inanspruchnahme durch nationalkonservative Verbände.

Zukunft mit Kontext!

Schon schien es, als hätte das Denkmal 2012 als Werbehintergrund im Merchandising-Katalog des benachbarten Fußballvereins („Die Strasse trägt St. Pauli“) wieder Eingang in den Spielraum des urbanen Lebens gefunden. Tatsächlich hatte es schon länger, bedingt durch den Ausbau mit Luftschutzräumen und Kriegseinwirkung, statische Probleme. 2015 sollte die ironisch motivierte Montage einer Steinbockfigur auf dem Kopf des Bismarckdenkmals die „Re-Naturalisierung zivilisierter Lebensräume“ veranschaulichen. Das war ein gelungenes Beispiel dafür, wie auch in Zukunft temporäre Installationen und künstlerische Verfremdungen seine – heute im Zuge der aufwendigen Sicherung und Sanierung mehr denn je – umstrittene Bedeutung und Wirkung brechen könnten. Zusammen mit einer (schon lange überfälligen) Kontextualisierung würde das Hamburger Bismarckdenkmal ein durch seine vielschichtige Geschichte gekennzeichnetes Mahnmal gegen nationalistische Verblendung darstellen.

 

 

Weiterführende Literatur:

 

Jörg Schilling: „Distanz halten.“ Das Hamburger Bismarckdenkmal und die Monumentalität der Moderne, Göttingen 2006

Jörg Schilling (Bearb.): Das Bismarckdenkmal in Hamburg 1906–2006, Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Hamburg, Nr. 24, Heide 2007

Jörg Schilling: Gedächtnis und Rezeption – Spielräume der Aneignung. Das Hamburger Bismarckdenkmal im Kontext regionaler und nationaler Bedeutungsebenen, in: Janina Fuge / Rainer Hering / Harald Schmidt (Hg.): Gedächtnisräume. Geschichtsbilder und Erinnerungskulturen in Norddeutschland, Göttingen 2014, S. 143–157

Heino Grunert / Jörg Schilling / Christoph Schwarzkopf: Das Bismarckdenkmal im Alten Elbpark, hamburger bauheft 02, Hamburg 2017

 

Bildrechte / Nachweis:

Slider: Eigentum Dr. Silke Urbanski, 01-03: Staatsarchiv Hamburg, Rechte erworben durch Jörg Schilling, 04: (frei) Arthur Rehbein: Bismarck im Sachsenwald, Berlin 1925, S. 123, 05:  DER SPIEGEL, 25.5.1981, 06: Eigentum Dr. Silke Urbanski