Von Lars Amenda
Sport ist für die heutige Gesellschaft zentral. Als Breitensport fördert er die „Fitness“ und als Leistungs- und Profisport unterhält er das interessierte Publikum in den Stadien und vor den Fernsehgeräten. In Hamburg entwickelte der Sport bereits während des Kaiserreichs eine große Dynamik und wurde eifrig vom städtischen Bürgertum praktiziert. Bereits 1816 hatte sich die Hamburger Turnerschaft (HT16) gegründet und nutzte verschiedene Räumlichkeiten bis 1888 die „Jahnhalle“, seinerzeit die größte Turnhalle in ganz Deutschland, an der heutigen Adenauerallee eröffnet wurde. Im benachbarten, damals noch dänischen Altona, bildete sich 1845 ein Turnverein, der heute noch als Altonaer Turnverband (ATV) ebenso wie die HT16 aktiv ist. Die Verbreitung des Turnens beruhte maßgeblich auf den Ideen von Friedrich Ludwig Jahn („Turnvater Jahn“), der die körperliche Ertüchtigung des Volkes als nationale Aufgabe verstand und dabei auch antisemitische Tendenzen verfolgte.
Für das 19. Jahrhundert lässt sich eine allgemeine Entwicklung vom Turnen zum Sport erkennen. Der englische Begriff sport fand im Kaiserreich große Verbreitung in der deutschen Sprache und ging auf das englische Wort disport („Zerstreuung, Vergnügen“) zurück. Letzteres suchte das Hamburger Bürgertum seit den 1830er Jahren bereits bei Pferderennen. 1869 trug der Hamburger Renn-Club erstmals nach englischem Vorbild das Hamburger Derby aus und schuf damit einen Treffpunkt und eine Bühne des städtischen Bürgertums. Da das hanseatische Bürgertum besonders enge Verbindungen nach England pflegte und den britischen Lebensstil bewunderte und oft nachahmte, trafen vor allem die „English sports“ auf einen fruchtbaren Boden. Nach englischem Vorbild und unter Beteiligung in Hamburg lebender Engländer gründete sich 1836 der Hamburger Ruder Club, 1853 gefolgt vom Germania Ruder Club. 1902 eröffnete der Verein ein repräsentatives Bootshaus an der Außenalster; 1934 fusionieren beide Vereine zum heute noch existierenden Hamburger und Germania Ruder Club.
Dass Wassersport bei dem reichlich vorhandenen Wasser in Hamburg besonders verbreitet war, kann nicht weiter verwundern. Segeln und Rudern auf der Elbe und der Alster war seit Jahrhunderten das schnellste Transportmittel.
Es mauserte sich ebenfalls nach britischen Vorbild im Kaiserreich zum geregelten Sport. Der 1894 ins Leben gerufene Hamburger Yacht-Club förderte sowohl das Renn- als auch das „Wandersegeln“ und zählte wenige Jahre nach seiner Gründung bereits über 400 Mitglieder. Segeln wird und wurde von vielen Aktiven bewusst zur Erholung genutzt wurde wovon damals wie heute die Jollen und kleinen Segelboote auf der Binnenalster zeugen. Regatten zeigen die wettkämpferische Seite.
Zu den English sports gehörte eine ganze Reihe weiterer Sportarten wie Cricket, Tennis, Hockey und nicht zuletzt der heute so populäre Fußball. Das Schlagballspiel Cricket ist in England und einigen seiner ehemaligen Kolonien bis heute außerordentlich beliebt. In Hamburg und Umgebung spielten es in den 1890er Jahren einige Vereine wie Altona 93, doch innerhalb weniger Jahre gaben es die meisten auf und wechselten zum Fußball. Langfristig konnte sich hingegen das Tennis durchsetzen, damals als „Lawn Tennis“ zumeist auf Rasen ausgeübt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten stand das Tennis auch Frauen offen und übte für das gehobene Bürgertum eine willkommene gesellschaftliche Funktion aus. Hier ließen sich geschäftliche Kontakte knüpfen, aber auch Partner*innen für Liebesbeziehungen und Eheschließungen finden.
Ein bedeutender Wegbereiter des Tennis in Deutschland war der Hamburger Kaufmann Carl August von der Eden. Er lernte den neuen Sport in England kennen und gründete 1895 den Tennis-Club „Eisbahn-Verein auf der Uhlenhorst“, der im Frühjahr und Sommer Tennis auf besagter Eisbahn spielte. Mehrere solcher Eisbahnen in Hamburg und Altona ermöglichten Wintersport und mit dem Hamburger Schlittschuh-Club entstand 1881 dafür ein eigener Verein. Doch zurück zum Tennis: Schon 1892 wurde erstmals ein internationales Turnier in Uhlenhorst ausgetragen, aus dem später die heutigen Hamburg Open am Rothenbaum hervorgingen. Wie Tennis stand auch Hockey Frauen offen. 1898 gründete sich der Hamburger und 1901 der Uhlenhorster Hockey-Club, welche die Hansestadt zu einer frühen Hochburg dieses Sports machten. Als eine der exklusivsten und teuersten Sportarten gilt Polo zu Pferde. Mit einem Holzschläger muss während des Reitens ein Ball in das gegnerische Tor bugsiert werden. Den Hamburger Polo-Club gründeten 1898 vermögende anglophile Hamburger Kaufleute, die in der Folgezeit maßgeblich auch das Springreiten förderten.
Der Fußballsport musste sich im Gegensatz zu heute während des Kaiserreichs anfangs mit einem Nischendasein begnügen. Deutlich beliebter in der Bevölkerung war hingegen der Radrennsport, zu dessen Rennen wie den Großen Preis von Hamburg ab 1897 tausende auf die Grindelbergbahn pilgerten (LINK „Das Fahrrad in Hamburg“). In den 1880er Jahren verbreiteten Schullehrer wie Hermann Schnell in Altona das Schlagball- und Fußballspiel unter ihren Schülern, um das bei vielen unbeliebte Turnen im Unterricht etwas ereignisreicher zu gestalten. Der erste reguläre Fußballverein war der Hamburger FC von 1888, wenig später gefolgt vom Altonaer Fußball-Club von 1893 (Altona 93), FC Victoria (1895) und einigen mehr. Im Oktober 1895 formierten vier Vereine den Hamburger-Altonaer Fußball-Bund, der bis 1897 noch Cricket in seinem Namen trug und erstmals nach Berlin eine Fußball-Meisterschaft mit Punktspielen austragen ließ. Gespielt wurde anfangs meist auf der Exerzierweide nahe des Diebsteichs in Altona. 1903 wurde sogar die erste Deutsche Meisterschaft an jenem Ort ausgetragen – der Sieger und Deutsche Meister hieß damals VfB Leipzig. Langsam stieg die Popularität des Fußball und einige Vereine öffneten eigene Stadien: 1907 das Stadion Hoheluft vom FC (heute SC) Victoria und 1908 das Stadion von Altona 93 an der heutigen Griegstraße. Die Altonaer Vereinszeitung orakelte 1910 über die zukünftige Entwicklung: „Dieses Spiel verspricht der populärste Sport zu werden. Das ist leicht begreiflich, denn mit dem Aufenthalte im Freien, in frischer Luft verbindet das Fußballspiel die Eigenschaft äußerster Unterhaltsamkeit.“[1]
Hamburg entwickelte sich ebenfalls zu einem frühen Zentrum des Schwimmsports. Aufgrund der gefährlichen Strömung der Elbe gab im 18. und 19. Jahrhundert eigens Badeschiffe auf der Alster. In den 1860er Jahren gründeten sich mehrere kurzlebige Schwimmvereine. Der Hamburger Schwimm-Club von 1879 organisierte den Sport dann in geordneten Bahnen und engagierte sich darüber hinaus in der Lebensrettung. Das Schwimmen war bei Teilen der städtischen Elite sehr beliebt, so war der Reeder Ferdinand Laisz ein begeisterter Schwimmer. Eine erste Schwimmhalle wurde 1881 am Schaarmarkt fertiggestellt, nach 1900 folgten weitere am Lübeckertor, Barmbek und Altona (Bismarckbad).
Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich insgesamt eine große Bandbreite sportlicher Disziplinen heraus. Neben den genannten Sportarten gehörte auch bereits die Leichtathletik zum Repertoire einiger Vereine. Der 1880 von Franz Ferdinand Eiffe gegründete Hamburger Sport-Club veranstaltete große und vielfältige Wettkämpfe, teils sogar mit Radrennen und erregte damit das Interesse der Öffentlichkeit, bevor sich der Verein in den 1890er Jahren exklusiv dem Pferdesport zuwendete. Mit den erstmals 1896 in Athen ausgetragenen modernen Olympischen Spielen rückten die leichtathletischen Disziplinen noch stärker in den Fokus. Viele Mitglieder der frühen Hamburger Fußballclubs traten ebenfalls als Leichtathleten bei Rennen an.
Auch Schwerathletik betrieben Vereine wie der heute noch aktive Wandsbeker Athleten Club von 1879, sei es als frühe Form des „Bodybuildings“ oder bei Ringkämpfen . 1893 fanden sich mehrere Vereine zum Athletenbund zusammen, nicht zuletzt um für Zuschauer*innen reizvolle Wettkampfveranstaltungen durchzuführen. Mit dem gebürtigen Mecklenburger Carl Abs brachte das Ringen einen der ersten großen Sportstars hervor, der 1885 in New York City Weltmeister wurde und zu dessen Kämpfen teils tausende Hamburger auch nach auswärts reisten. Mit Adolf Jäger von Altona 93 hatte auch der Fußball in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg seinen ersten Star, dem „erklärten Liebling der Schuljugend“, die ihrem Idol und „Internationalen“ (Nationalspieler) auf den Straßen Altonas und wohl auch Hamburgs nacheiferten.[2]
Sportplätze waren zur Zeit des Kaiserreichs rar, weshalb nach geeigneten Flächen gesucht werden musste. Eine solche entwickelte sich im wahrsten Sinne des Wortes zu einem zentralen Ort des Sports in Hamburg: das Heiligengeistfeld. Hier ließ der Hamburg-St. Pauli-Turnverein bereits 1862 an der Feldstraße eine Turnhalle bauen, welche 1902 von einer neuen nahe des Millerntors ersetzt wurde. Auf der freien Fläche des Heiligengeistfeld trainierten im Sommer die Turner und auch Turnerinnern, hier wurde das beliebte Schlagball gespielt, gefechtet und auch gegen den Fußball getreten. Auf der großräumigen Fläche organisierte die Hamburger Turnerschaft von 1816 auch die Massenvorführungen mit mehreren tausenden Teilnehmer*innen in weißer Turnkleidung im Rahmen des IX. Deutschen Turnfestes 1898. Die deutsche Turnbewegung befand sich zu diesem Zeitpunkt längst in der Defensive und attackierte teils die neuen und modernen Sportarten – den Fußball etwa als „Fußlümmelei“.[3]
Am Deutschen Turnfest 1898 nahm erstmals auch eine größere Zahl an Frauen als Aktive teil. In einigen Disziplinen wie Turnen, Tennis und Hockey waren Frauen zwar willkommen, insgesamt schloss der bürgerliche Sport aber weibliche Mitglieder häufig aus, da aus männlich-hegemonialer Perspektive körperliche anstrengende Tätigkeiten nicht für das weibliche Geschlecht geeignet seien. Gegen diese Zuschreibung und ihren Ausschluss vom Sport kämpften Frauen an und gründeten eigene Vereine wie den Hamburger Damen-Schwimmverein von 1893 oder den Damen Radfahrverein „Sport“ von 1894. Die Hamburger Radsportpionierin Gertrude Rodda (nach ihrer Heirat 1901 Gertrude Eisenmann) wechselte nach dem Verbot von Frauenradrennen sogar zum Motorsport und gewann auf einem NSU-Motorrad u. a. 1905 die Fernfahrt Eisenach-Berlin-Eisenach. Als „Meisterin des Motorrads“ avancierte sie zur Werbeikone des Audi-Vorgängers, dessen Abkürzung für den heimatlichen Standort Neckarsulm steht.[4]
Der (männliche) bürgerliche Sport schloss ebenso Arbeiter aus, die in vielen Disziplinen ohnehin nicht die finanziellen Mittel für die Anschaffung der notwendigen Ausrüstung gehabt hätten. Die soziale Spaltung der Stadtgesellschaft offenbarte sich damit im Sport unübersehbar. Hamburger Arbeiter*innen gründeten nach dem Ende der diskriminierenden Sozialistengesetze (1878-1890) ihre eigenen Vereine wie mehrere Freie Turnerschaften im Rahmen des 1893 gegründeten Arbeiter-Turnbundes (ATB).
Im bürgerlichen Sport ging es bei weitem nicht nur um körperliches Training und regelmäßigen Wettkampf. Sport wie die in Hamburg so beliebten English sports galt als Zeichen individueller Leistungsfähigkeit und Symbol der Weltgewandtheit. Der Sport eroberte im späten 19. Jahrhundert die bürgerliche Stadtgesellschaft und beschränkte sich nicht auf Training und Wettkampf. Sport entwickelte sich zur Chiffre für einen bürgerlich-leistungsorientierten Lebensstil und sportliches Auftreten galt als jugendlich und modisch. An vielen Treffpunkten wie dem Alsterpavillon am Jungfernstieg präsentierten sich die „Sportsmen“ und zelebrierten ihren Habitus.[5]
Weiterführende Literatur:
Freudenthal, Herbert: Vereine in Hamburg. Ein Beitrag zur Geschichte und Volkskunde der Geselligkeit, Hamburg 1968 (Volkskundliche Studien, Bd. 4).
Hasperg, Heinrich (Hrsg.): Ein Jahrhundert Sport in Hamburg, Hamburg [1933].
Lüdtke, Heinrich/Oskar Lorenzen: Die Turn- und Sportstadt Altona. Von der Palmaille zum Stadion, Altona 1927.
Reinartz, Klaus: Sport in Hamburg. Die Entwicklung der freien Selbstorganisation und der öffentlichen Verwaltung des modernen Sports von 1816 bis 1933, Hoya 1997 (Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya e.V./Niedersächsisches Institut für Sportgeschichte, Bd. 11).
Schulke, Hans-Jürgen (Hrsg.): Als Vereine in Bewegung kamen. Eine faszinierende Zeitreise durch den Sport, Göttingen 2016.
[1] Vereins-Zeitung des Altonaer Fußball-Clubs von 1893 e.V. 6 (1910), Nr. 1, S. 1.
[2] Fußball, in: Altonaer Nachrichten, Nr. 386 vom 18.8.1911.
[3] Karl Planck, Fußlümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit, Stuttgart 1898.
[4] Zitat und mehr Informationen bei Lars Amenda, Gertrude Rodda – eine Radsportpionierin um 1900, 25.3.2022.
[5] Triton [Adolf Götz], Der Hamburger „Junge Mann“, 2. Aufl., Berlin 1907 (Großstadt-Dokumente, Bd. 39).