Hunde, Katzen, Ratten: Sülzeskandal in Hamburg

Gerlis von Haugwitz, Tabea Huth, Sophie Jahnke, Mona Lampe, Alexander Loster, Birte Ohm, Simon Speck

Dieser Artikel ist aus Auszügen einer im Geschichtswettbewerb 2011 ausgezeichneten Arbeit zusammengestellt, welcher dem Hamburg-Geschichtsbuch dankenswerterweise von der Körber-Stiftung zur Verfügung gestellt wurde. Die Gesamtarbeit findet sich hier →

Die Nahrungsmittelnot und instabile Politik Hamburgs seit 1914

Schon seit Kriegsbeginn waren die Lebensmittel in Hamburg knapp und Hunger war an der Tagesordnung. Die Nahrungsmittel wurden nun nach und nach rationiert und Brotkarten wurden ausgegeben. 1916 folgten auch Fleisch-, Zucker-, Milch-, und Butterkarten. Im selben Jahr wurde das Kriegsversorgungsamt eingerichtet, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln besser organisieren zu können. Zudem wurden Kriegsküchen eingerichtet. Im Laufe der Zeit entwickelte sich auch in Hamburg ein Schwarzmarkt für Lebensmittel, wo die Nahrung zu überteuerten Preisen angeboten wurde. Diesen Beschaffungsweg konnten sich aber nur besser verdienende Bürger leisten. Für die Lebensmittelnot wurden die zuständigen Behörden vom Volk verantwortlich gemacht. Dies hatte zwangsläufig zur Folge, dass Hungerunruhen ausbrachen.

In Kriegsküchen wurde die Bevölkerung versorgt – in den letzten Kriegsjahren zunehmend mangelhafter

In den Arbeitervierteln Barmbek und Hammerbrook kam es bereits am 18. und 19. August 1916 zu den ersten größeren Hungerprotesten, bei denen Brotgeschäfte geplündert und zum Teil auch zerstört wurden. Den Hamburgern stand die größte Not jedoch noch bevor. Die Ernte des Jahres 1916 war so schlecht, dass im Winter 1916/17 weitere Rationierungen nötig waren. Ausfälle bei der Kartoffel- und Getreideernte hatten zur Folge, dass in den Kriegsküchen lediglich Suppe aus Kohlrüben angeboten werden konnte. Die Bevölkerung ging im Januar und Februar nochmals auf die Straße, um für die Verbesserung der Lebensmittellage zu protestieren. Am Ende des Jahres 1917 kam es zu weiteren schweren Unruhen. Am 27. Dezember wurde der Alsterpavillon geplündert und 4 Tage später eskalierte die Gewalt. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei mit mehreren Toten und Verwundeten. Erst als Friedensdemonstrationen stattfanden und die Stadt Kredite für die Unterhaltung des Krieges verweigerte, erfolgte eine leichte Beruhigung der instabilen Lage Hamburgs.

Das Gewerkschaftshaus war in den ersten Revolutionsmonaten häufiger Ziel von Menschenaufläufen – mit manchmal gewaltsamen Folgen

Im Jahre 1918 brach vor Ende des 1. Weltkrieges die Novemberrevolution aus. Die Politik in Hamburg bestimmten Senat und  Arbeiter- und Soldatenrat, die sich politisch gegenüberstanden, aber zusammenarbeiten mussten. Die Hoffnung der Bevölkerung auf eine Entspannung der Lebensmittelsituation konnte nicht erfüllt werden. Der Januar 1919 war geprägt durch Aufstände und Hungerproteste. Neuwahlen der Bürgerschaft am 16. März gewann die SPD mit 50,46 %.  Dennoch bildete sie eine Koalition mit der bürgerlich-liberalen DDP, welche die zweitstärkste Partei war (36,29%), um Stabilität zu erwirken.

Das immer noch vorhandene Problem der Nahrungsmittelknappheit konnte aber auch die neue Regierung nicht lösen, es lag unter anderem an der Seeblockade und schwankenden Zulieferungen. Die Sicherheitslage in der Hansestadt blieb folglich weiterhin labil. Plünderungen kamen häufig vor. Während der Osterunruhen am 20. und 21. April 1919 überfielen zahlenmäßig überlegene Aufrührer Polizeistationen in Wandsbek und Hamburg. Wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Am 24. April wurde durch Walter Lamp´l, den Kommandanten von Groß-Hamburg, der Belagerungszustand verhängt.

Während der Osterunruhen waren die „Bahrenfelder“ auch mit Geschützen auf der Reeperbahn positioniert

Damit ging die zivile Gewalt auf den Kommandanten über. Zur Verstärkung der Sicherheitskräfte zog dieser das „Bahrenfelder Jägerbataillon“ heran. Das „Bahrenfelder Jägerbataillon“ war eine freikorpsähnliche Truppe, die aus Dauer- und Zeitfreiwilligen bestand. Sie setze sich zu zwei Dritteln aus bürgerlichen Weltkriegsoffizieren zusammen.

Weitere Plünderungen sollten durch Ausgangssperren verhindert werden. Diese Maßnahmen zeigten Erfolg, sodass am 30. April 1919 der Belagerungszustand durch Lamp´l wieder aufgehoben wurde. Während der Osterunruhen kam es zu 560 Diebstählen und Plünderungen. Es gab zwanzig Verwundete und acht Tote. Die Lage in Hamburg beruhigte sich, bis am 23. Juni 1919 der Skandal um die von Johann Jakob Heil hergestellte Sülze noch erheblich größere Unruhen auslöste.

23. Juni 1919 – Der Auslöser: Ekelfleisch bei „Heil & Co.“

Morgen des 23. Juni 1919. Vor den Fabrikationsgebäuden der Firma „Heil & Co.“ in der Kleinen Reichenstraße wurden Fässer mit Fleischabfällen verladen. Dabei nahm eines dieser Fässer Schaden. Schnell versammelte sich aufgrund des bestialischen Gestankes, den der Inhalt des Fasses verströmte, eine kleine Gruppe von Arbeitern vor der Heil’schen Fabrik. Es wurde behauptet, die verladenen Abfällen würden zur Sülzeproduktion verwendet. Tatsächlich aber waren die Abfälle für die „Landleute in Ochsenwerder“, einem Dorf im Landgebiet südöstlich der Innenstadt, zur Verwendung als Düngemittel vorgesehen. Die Menge vor der Fabrik vergrößerte sich rasch. Zufällig waren auch Mitglieder des Arbeiterrates und der Preisprüfungsstelle anwesend, die sich anboten, „die Sache zu untersuchen“. Während der Besichtigung der Kellerräume, in denen die Sülzeproduktion stattfand, holten sie ein Stück Fleisch aus einen Bottich und es sollen die Worte: „Hurra! da haben wir ja einen Hundekopf!“ gefallen sein. Die sich draußen ansammelnde Volksmenge begann nun, das Gebäude zu stürmen, „um sich von dem Zustand der zur Verarbeitung kommenden Stoffe zu überzeugen“.

Die Wut der Menge richtete sich – nachträglich auch in Karikaturen – gegen den Sülzefabrikanten Johann Jacob Heil

Es gingen Gerüchte um, „es würden Hunde, Katzen, Ratten, die man dort gefunden habe, zu Sülze verarbeitet“. Tatsächlich fand die Menge „Haufen von Fellen und Häuten“ vor, welche „mit einer dicken Schimmelschicht überzogen waren“. Es stand also fest, dass der Heil’sche Betrieb unsauber war. Die Empörung der Massen drückte sich in roher Gewalt gegen den Fabrikinhaber Johann Jacob Heil aus. Der Versuch der Polizeimannschaften, Heil mithilfe eines Krankenwagens in Sicherheit zu bringen, scheiterte. Die Pferde wurden von der Menge abgespannt und der Wagen mit Heil zum Rathausmarkt gebracht. Die wütende Volksmenge wirft den Sülzeproduzenten in die Kleine Alster. Heil konnte gerettet und von Volkswehrmannschaften in das Rathaus gebracht und dann ins Polizeigefängnis gebracht werden. Am 24. Juni wurden von der Volksmenge weitere Fleischwarenfabriken überprüft. Auch deren Inhaber und Arbeiter sind auf dem Rathausmarkt zur Schau gestellt worden. Ebenso wurde das Kriegsversorgungsamt gestürmt. Viele der von der Volksmenge misshandelten „Verantwortlichen“ konnten durch die Polizei befreit und in Sicherheit gebracht werden. Johann Jacob Heil war hauptberuflich Gerber und handelte folglich mit Tierhäuten. Die Nahrungsmittelproduktion war als Nebenverdienst entstanden, wurde jedoch bald zum Hauptgeschäft Heils. Wie oben bereits erwähnt, konnte nicht festgestellt werden, dass in der Heil’schen Fabrik Katzen, Ratten oder Hunde verarbeitet worden seien, wie es Gerüchten zufolge der Fall gewesen sein soll. Heil verarbeitete jedoch keinesfalls unbedenkliche Rohprodukte. Es wurden zwei Sorten [Sülze] angefertigt, die eine hauptsächlich aus gekalkten, also fast verdorbenen Häuten. Der den Heil’schen Betrieb kontrollierende Beamte war von Beruf Schlachter, also Sachverständiger. Er hat aber anscheinend seine Vorgesetzten in grober Weise getäuscht. Heil wurde am 25. Oktober 1919 „wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz“ aufgrund von Bearbeitung verdorbenen Fleisches mit Kalk zu einer Geldstrafe von 1000 Mark und 3 Monaten Gefängnis verurteilt.

24. Juni 1919 Zuspitzung der Unruhen

Die ersten zögerlichen Angriffe auf das Rathaus konnten am 23. Juni noch mit dem Versprechen, man werde sich mit der Angelegenheit befassen, abgewimmelt werden. Die Nacht zum 24. Juni verlief ruhig, aber die Lage am Tage darauf war weitaus bedenklicher. Auf dem Rathausmarkt und seiner Umgebung, sowie in der Nähe des Stadthauses fanden Ansammlungen erregter Mengen, die Ausschreitungen befürchten ließen, statt.

Auch weitere Mitarbeiter der Heil’schen Sülzefabrik wurden Opfer der Selbstjustiz

Als Folge einiger Gerüchte über Schweigegeldzahlungen wurden auch die Arbeiterinnen der Heil’schen Fabrik zu Opfern der Volksjustiz, denn nun waren sie als Mitverantwortliche bekannt: Sie wurden durch erregte Mengen, entweder zu Fuß oder auf Wagen durch die Stadt geschleppt. Auch Arbeiter anderer Sülzefabriken wurden ähnlich behandelt.

Es waren zudem Gerüchte entstanden, in der örtlichen Blindenanstalt würde den Insassen verdorbenes Brot verabreicht. Infolgedessen wurde die Anstalt von der Menge gestürmt, der Leiter mit seiner Frau, dem Inspektor und einem Insassen auf den Rathausmarkt gebracht. Sie konnten jedoch von den Volkswehrmannschaften im Rathaus in Sicherheit gebracht werden. Die Menge zeigte sich empört über das Vorgehen der Sicherheitsmannschaften.

Auch der Einsatz von Wasserspritzen gegen Demonstranten wurde auf Postkarten karikiert

Dann wurde behauptet, dass bei der Befreiung des Direktors der Blindenanstalt Schüsse gefallen seien: „Die Stimmung der Leute nahm an Gereiztheit zu, und wurde geradezu drohend, als beim Hineinschaffen des Direktors der Blindenanstalt von den mittätigen Mannschaften der Volkswehr, m. E. ohne jeden Grund, geschossen wurde. – Angeblich sollen eine Person und ein Kind sogar getroffen worden sein.“ Ob es bei diesem Vorfall Verletzte gab, ist nicht genau festzustellen.

Die Menge drang immer weiter an das Rathaus heran und die Volkswehr versuchte, sie mit Hilfe der Feuerwehrspritze von dort fernzuhalten. Aber auch diese Abwehrmaßnahme erwies sich als unwirksam.

Da bereits Zivilisten in das Rathaus eingedrungen waren und nun Maßnahmen zur Beruhigung der Menge – darunter auch die Entwaffnung der Volkswehr- und Polizeimannschaften – vorschlugen, entsandte der Kommandant von Groß-Hamburg, Walter Lamp’l, Truppen des „Bahrenfelder Jägerbataillons“ zum Rathausmarkt, weil er um Hilfe gebeten worden sei.

Walher Lamp’l – Als Kommandant der „Bahrenfelder“ Hamburgs höchster militärischer Entscheidungsträger im Frühsommer 1919

Von den eingedrungenen Zivilisten wurde die Bildung einer „Kommission der Menge“ angeregt, die mit der Rathausbesatzung verhandeln sollte. Die Kommission beschwerte sich vor allem über die Polizei- und Volkswehrmaßnahmen. Während der Verhandlung mit der Kommission erschien Lamp’l mit den Bahrenfeldern und es fielen erneut Schüsse. Daher wurden die Verhandlungen mit der Kommission unterbrochen.

Teile der Bevölkerung hatten sich „infolge des ersten blutigen Zusammentreffens mit den Bahrenfeldern durch die Entwaffnung von Volkswehreinheiten, den Sturm auf Polizeiwachen oder durch Plünderung von Waffengeschäften“ bewaffnet. Ein Missverständnis führte dann zur Eskalation.

25. Juni – Kampf gegen die Bahrenfelder

Am Morgen des 25. Juni zog Hauptmann Senftleben mit einem Teil des Bahrenfelder Jägerbatallions von Bahrenfeld zum Rathausmarkt, um diesen abzusperren und somit das Rathaus vor weiteren Angriffen zu schützen. Man hatte ihm außerdem mitgeteilt, dass Lamp’l im Rathaus eingeschlossen sei. Senftleben nahm die vom Kommandanten Becker angeordnete Absperrung vor, obwohl seine Truppe viel zu klein war. Bald wurden die Posten stark bedrängt und Senftleben musste telefonisch weitere Verstärkung aus Bahrenfeld anfordern. In der Nähe des Rathauses traf er auf „eine Kommission mit weißen Fahnen“. Sie verlangte zunächst […], dass das Schießen eingestellt würde und Senftleben die weiße Fahne hisse.

Ein Foto dokumentiert die Einschusslöcher am Rathaus infolge der Unruhen vom 25. Juni 1919

Diesen Forderungen wurde jedoch weder von Senftleben noch von Lamp’l stattgegeben, denn Lamp’l hatte im Laufe der Nacht die Anweisung gegeben, nicht mit Bewaffneten zu verhandeln. Dabei blieb er auch, aber er war nach der Ablehnung der Kapitulation leicht verletzt in die Kommandantur nach Altona zurückgekehrt, um von dort aus das Geschehen zu kontrollieren und den Belagerungszustand zu koordinieren. Senftleben war auf sich allein gestellt.

Die Kommission der Aufrührer kam gegen Mittag wieder und drohte mit Streik, falls das Blutvergießen nicht bis drei Uhr eingestellt wäre. Man verhandelte nun erfolgreich einen Waffenstillstand. Auf dem Rathausmarkt herrschte dann bis auf vereinzelte Schüsse Ruhe. Daher gab Hauptmann Senftleben den Befehl zum Einziehen der Gewehre – die Bahrenfelder waren unbewaffnet.

Nun überfielen bewaffnete Aufrührer die Bahrenfelder Freikorpstruppe vom Süden her. Dieser Bruch des Waffenstillstands führte zu einer hohen Anzahl von Opfern. Mitglieder des Bahrenfelder Freikorps wurden schwer misshandelt und ermordet.

Die Gedenktafel für die gefallenen „Bahrenfelder“ in der Rathausdiele

In den Unruhetagen kommen 14 Bahrenfelder ums Leben, 42 werden verwundet. Zu Ehren der Gefallenen wurden in der Hamburger Innenstadt zwei Gedenktafeln installiert, die bis heute öffentlich zu sehen sind. Sie befinden sich im Hamburger Rathaus und im Turm der Petrikirche. Durch die Aufreibung der Bahrenfelder war das Rathaus unbewacht. Es wurde von der Menge in Besitz genommen. Auch das Stadthaus, in welchem verschiedene Behörden untergebracht waren, stand unter Beschuss. Im Untersuchungsgefängnis wurden mit Ausnahme von zwei Mördern alle Gefangenen freigelassen und angeblich auch umgehend bewaffnet.

Politische Folgen der Sülzeunruhen

Den militärischen Befehlshabern gelang es nicht mehr, sich durchzusetzen. Sie erwarteten angesichts der in der Stadt herrschenden Verhältnisse dringend den Einmarsch der angeforderten Reichswehrtruppen. Nachdem Oberleutnant Becker am 24. Juni Truppenverstärkung erbeten hatte, war es in Zusammenarbeit mit dem Wehrminister Noske am 25. Juni gelungen, das Reichsmilitär einzusetzen. General von Lettow-Vorbeck wurde mit der Durchführung dieser Aufgabe betraut. Der Aufmarsch der Reichswehrtruppen dauerte bis zum 30. Juni an. Während der Belagerung befanden sich in Hamburg ungefähr 10.000 Reichswehrsoldaten, die zum Teil mit Waffengewalt die Ruhe wiederherstellten.

Die aus Berlin herbeigerufenen Verstärkungen der Reichswehr kampierten auch im Innenhof des Hamburger Rathauses

Der über Hamburg verhängte Belagerungszustand hielt bis zum 31.12.1919 an. General Paul von Lettow-Vorbeck hatte ein halbes Jahr lang die volle Regierungsgewalt inne. Es wurde eine systematische Waffensuche durchgeführt, um illegalen Waffenbesitz, der zur Revolutionszeit normal war, zu unterbinden. Ebenso wurde die Reorganisation der militärischen Kräfte Hamburgs durchgeführt, dabei auch die Auflösung der Volkswehr.

Als Befehlshaber war Lettow-Vorbeck nach dem Belagerungszustandsgesetz zur Installation eines außerordentlichen Kriegsgerichtes befugt, mit dem er gegen die Drahtzieher der Unruhen vorgehen wollte. Es kam jedoch nicht zur Feststellung solcher Verantwortlichen. Ein Großteil der Angeklagten wurde lediglich wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt.

Die Sülzeunruhen – ein kommunistischer Umsturzversuch

Anlässlich der nötigen Auflösung der Volkswehr setzte die Hamburgische Bürgerschaft am 4. Juli 1919 einen Untersuchungsausschuss ein, der sich mit den Vorkommnissen vom 24. und 25. Juni befasste. Dieser Ausschuss sammelte Aussagen militärischer Funktionsträger und anderer mit den Unruhen verbundenen Personen. Auch verfasste er einen Bericht über die Erkenntnisse, die aus den Aussagen und Ausschusstagungen gewonnen werden konnten. Dieser Bericht behandelt das Geschehen während der Unruhetage und sucht außerdem nach den Ursachen der Aufstände.

Der Bürgerschaftsausschuss kommt aufgrund der verschiedenen Aussagen zu dem Schluss, dass die Unruhen planmäßig hervorgerufen worden seien. Basierend auf der Befürchtung eines Regierungssturzes durch die Kommunisten war das Verhältnis zwischen den Regierenden und der Kommunistischen Partei angespannt. Somit kamen für den Senat und für die Reichsregierung vor allem die Mitglieder der kommunistischen Parteien in Hamburg als sogenannte Drahtzieher der Sülzeunruhen in Frage.

Auch die Osterunruhen im noch nicht lange vergangenen April 1919 trugen zu diesem angespannten Verhältnis zwischen den Kommunisten und der Regierung bei.

Der durch seine militärischen Erfolge populäre General Paul von Lettow-Vorbeck – hier im März 1919 in Berlin – kommandierte die Reichswehrtruppen, die noch bis Ende des Jahres in Hamburg blieben

Während der Unruhen im April gelang es der linksradikalen Arbeiterschaft nicht, den Senat zu stürzen, daher vermutete die Bürgerschaft die Fortsetzung des Vorhabens durch die Sülzeunruhen.

Die Unruhen waren aber keinesfalls eine von KPD oder USPD organisierte Parteiaktion. Die KPD distanzierte sich mehrfach von den Unruhen und rief zum Bewahren der Ruhe auf. Durch den bürgerschaftlichen Ausschuss konnte nicht erwiesen werden, dass die Leitung einer bestimmten Partei für die Unruhen unmittelbar verantwortlich zu machen gewesen wäre. Die Reichswehr scheint hauptsächlich aus Hilflosigkeit angefordert worden zu sein. Von Seiten der Reichsregierung trug der Gedanke an eine kommunistische Gefahr in Hamburg jedoch sicherlich zur Entscheidung, Lettow-Vorbeck nach Hamburg zu berufen, bei. So hatte dieser die Möglichkeit, diese Gefahr zu unterbinden und eine systematische Entwaffnung der Bevölkerung durchzuführen.

 

Grundlegende Literatur:

Büttner, Ursula: Politischer Neubeginn in schwierigen Zeiten: Wahl und Arbeit der ersten demokratischen Bürgerschaft 1919-21, Hamburg 1994.

Philipski, Sven: Ernährungsnot und sozialer Protest: Die Hamburger Sülzeunruhen 1919, Magisterarbeit der Universität Hamburg, Hamburg 2002.

Schulte-Varendorff, Uwe: Die Hungerunruhen in Hamburg im Juni 1919 – eine zweite Revolution?, Hamburg 2010.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Wandbild an der Hamburger Verbrauerzentrale, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wand.jpg).

Abb. Thementext: Kriegsküche, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_265-09=03_224-226 / Menschenauflauf vor dem Gewerkschaftshaus, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-05=1918.71 / „Bahrenfelder“ auf der Reeperbahn, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-05=1919.037 / J.J.Heil in der Kleinen Alster, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-5= 1919.33.7 / Sülzemitarbeiter am Pranger, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-5= 1919.33.2 / Wasserspritzen gegen Demonstranten, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-5= 1919.33.2 / Walther Lamp’l, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-05=1919.32 / Rathaus mit Einschusslöchern,  Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-05=1919.361 / „Bahrenfelder“-Gedenktafel im Rathaus, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mahnmal_Gefallener_Rathausdiele.jpg?uselang=de) / „Korps Lettow“ im Rathaus-Innenhof, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_221-05=1919.266 / Lettow-Vorbeck in Berlin, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_105-DOA7232,_Deutsch-Ostafrika,_Paul_Emil_von_Lettow-Vorbeck.jpg?uselang=de).