Gasversorgung für die moderne Stadt

2019:  175 Jahre Gasnetz – Ein Industriejubiläum

Der Kalkhof am Mührenfleet um 1883 mit künstlicher Beleuchtung

Moderne Energie für Hamburgs Bürger und Industrie

Mit der Gründung der Gas-Compagnie begann 1844 in Hamburg der Aufbruch in die Moderne. Vor allem profitierten in den Folgejahren Industrie und Bürger. Für sie brachte Gas aus dem öffentlichen Leitungsnetz Schubkraft für die wirtschaftliche Entwicklung, Straßenbeleuchtungen und warme Haushalte.

Die ersten Gaslaternen brannten wegen Sturmflutschäden ab Herbst 1845 zunächst nur für wenige Wochen. Doch der Fortschritt war nicht aufzuhalten.

Konstruierte die erste Hamburger Gasanstalt: der englische Ingenieur William Lindley

Denn mit dem englischen Ingenieur William Lindley hatte das Gasversorgungsunternehmen einen Experten gewonnen, der das Gaswerk flutsicher neugestaltete. Ab 1846 lieferte die Gasanstalt auf dem Grasbrook zuverlässig Energie in das schnell wachsende Netz für Licht und Wärme.

3.500 Gasverbraucher versorgte das Netz bereits 1849. Bis 1864 erreichten die Leitungen bereits die Stadtteile Rothenburgsort, Horn, Barmbek, Winterhude und Eimsbüttel.

Aus der „Direction“ in der heutigen Hafencity lenkte die Geschäftsführung 1899 die Gaswerke

Als erstes öffentliches Gebäude profitierte die Kirche St. Katharinen: Eine moderne Gasheizung brachte wohlige Wärme für winterliche Gottesdienste. Schnell folgten weitere öffentliche Gebäude und immer mehr Wohnhäuser und Industrie: Herde, Öfen und Dampfmaschinen nutzten die neue Energie.

 

 

Stadteigen bereits im 19. Jahrhundert

Netzausbau im Jahr 1907: Ein Schienenkran am Rohrgraben

Die Stadt war von Anfang an Mehrheitsaktionär der Gaswerke. Die „Deputation für das Beleuchtungswesen“ übernahm Ende des 19. Jahrhunderts die staatliche Verwaltung. Das Netz war inzwischen auf rund 600 Kilometer gewachsen, erreichte weitere Stadtteile, Vorstädte und den Freihafen. Bereits 1903 kam das Stadtgas aus mehreren Gasanstalten. Neben Grasbrook waren auch in Barmbek und Tiefstack leistungsfähige Großkokereien in Betrieb und weitere sollten folgen.

Stadtgas lagerte 1912 in Gasometern (links), wie hier in der Gasanstalt Grasbrook. Kohle – gelagert in einem modernen Silogebäude (rechts) – war sein Grundstoff

Stadtgas entstand aus Kohle in einem trockenen Destillationsverfahren bei Temperaturen von 900 bis 1400 Grad. In riesigen Gasometern speicherten die Gasanstalten das abgesaugte und gereinigte Stadtgas. Sein Hauptbestandteil war zu rund 50 Prozent Wasserstoff – ein Gas, das heute dank umweltfreundlicher Elektrolyse als Treibstoff der Zukunft gilt. In Hamburgs Gasanstalten war die Arbeit heiß und schmutzig.

Arbeiter am Ofenblock auf dem Grasbrook. Fotografiert von Germin (Gerhard Mingram) im Jahr 1957

An gewaltigen Öfen arbeiteten im Schichtbetreib so genannte „Stoker“ und sorgten mit langen Werkzeugen in brütender Hitze für manuellen Kohlenachschub und Koks-Abfuhr.

 

Vom Stadtgas zum Erdgas: Der lange Weg einer Brennstoff-Evolution

Erdgas war bis ins 20 Jahrhundert noch unbekannt – bis in den Vierlanden 1910 Erdgasvorkommen entdeckt wurden. Sie schlossen wenig später am Ende des ersten Weltkriegs die Brennstofflücke, da Kohle knapp wurde.

 

 

Um 1930 dominierte das ausgebaute Gaswerk den Grasbrook

Bis 1930 lieferte eine Erdgasquelle in Neuengamme bis zu 20 Prozent Beimischung zum Stadtgas. Selbst nach dem zweiten Weltkrieg waren Kokereien – inzwischen mit moderner Technik – noch das Rückgrat der Gasversorgung. In den 1920ern setzte das Gaswerk Tiefstack mit einer Schrägkammer-Ofenanlage technische Akzente. Die Kokerei Kattwyk ging ab 1960 mit einem verbesserten Horizontal-Kammerofen-Prinzip noch weiter.

Elektronische Spürnase schon Ende der 50er. Ein Gasspürer prüft Hamburgs Leitungen

Ab Ende der 1950er Jahre machten immer neue Erdgasfunde in den Niederlanden, Frankreich oder auf dem afrikanischen Kontinent Schlagzeilen. In den 1960ern war die Zeit endgültig reif für das neue Gas, das ohne Umformung ganz einfach von den Quellen ins Netz geleitet werden konnte. Ein Problem der bestehenden Infrastruktur waren die unterschiedlichen Brenneigenschaften. Stadtgasöfen, Heizanlagen und Herde funktionierten nicht einfach mit Erdgas. Die Hamburger Gaswerke (HGW), wie das Unternehmen inzwischen hieß, mussten Industrie und Bürger Schritt für Schritt mitnehmen ins Erdgaszeitalter: Umrüstungen von Brennern und Technik waren nötig, um das neue Gas zu nutzen.

Ab Sommer 1963 begleitete ein Erdgas-Ausschuss, dessen Mitglieder unter anderem aus Senat, Finanz- und Verkehrsbehörde kamen, die Umstellung. Dem Nutzen für Klima und Wirtschaftlichkeit standen immerhin der Verlust von tausenden Arbeitsplätzen in den Kokereien und in der vorgelagerten Kohleförderung gegenüber. Dennoch erklärte HGW-Chef Georg Düwel dem Ausschuss im September 1964: „Erdgas ist für die Hamburger Gaswerke der einzig zur Diskussion stehende Rohstoff.“

Eine Vertragsunterzeichnung im Oktober 1964 mit den bergrechtlichen Gewerkschaften Brigitta und Elwerath, die zusammen als größter deutscher Erdgas- und Schwefelproduzent agierten, leitete das Erdgaszeitalter in Hamburg ein. Der sogenannte Hamburger Ring, eine Erdgasleitung von 135 Kilometern Länge rund um die Stadt und die 215 Kilometer lange „Brigitta“-Transportleitung entstanden bis Ende der 60er. Mit der Kokerei Kattwyk schloss 1977 die letzte Großanlage der Stadtgas-Ära.

 

Erneuerbare Energie: Gasnetz Hamburg auf dem Weg in die Zukunft

Mit einer Netzlänge von 7.900 Kilometern, 230.000 Netzkunden und rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist das Gasnetz noch heute die wichtigste Energieversorgungs-Infrastruktur der Stadt: Hamburgs Haushalte und Industrie beziehen ihre leitungsgebundene Energie zu fast zwei Dritteln (21 Milliarden Kilowattstunden) über das Gasnetz. Nur rund ein Drittel (12 Milliarden Kilowattstunden) kommen als Strom ins Haus.

Das Klärwerk Köhlbrandhöft mit seinen Faultürmen

Seit 2017 wieder in städtischer Hand, spielt das Netz eine wichtige Rolle bei der urbanen Energiewende. Wie beim Umstieg von Stadtgas zu Erdgas bereitet sich die Gasnetz Hamburg GmbH erneut auf einen Brennstoffwechsel vor. Mit Bio-Methan, das schon heute aus dem Klärwerk Köhlbrandhöft ins Netz eingespeist wird, und künftig Wasserstoff wird das Gasnetz zum Verteiler erneuerbarer Energien.

 

Grundlegende Literatur:

Asendorf, Manfred: Geschichte der Hamburger Gaswerke, Hamburg 1988,

Grobecker, Kurt und Hartung, Wilhelm: Anderthalb Jahrhunderte Hein Gas. Geschichten um eine liebenswerte Hamburgensie; Jubiläumsschrift der Hamburger Gaswerke, Hamburg 1994.

Reye, Hans: Erleuchtung und Wärme für Hammonia. Eine Hamburg-Chronik besonderer Art, Hamburg 1977.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Der Neue Jungfernstieg in Hamburg (J. Gray/B. S. Berendsohn, Ausschnitt), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, aus KS 1025/902.

Abb. Thementext: Kalkhof (G. Koppmann & Co., Ausschnitt), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, aus KS 1025/12s / William Lindley um 1900, nach Wikikmedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:William_Lindley.jpg) / Vogelschau Grasbrook 1930, nach Wikimedia Commons (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hamburg-Grasbrook_um_1920.jpg) / Faultürme des Klärwerk Köhlbrandhöft (Foto Frank Schwichtenberg), nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kl%C3%A4rwerk_K%C3%B6hlbrandh%C3%B6ft_Fault%C3%BCrme_03.jpg); sonstige Bilder mit freundlicher Genehmigung der Gasnetz Hamburg GmbH.