Bürgerliche und Proletarische Frauenbewegung bis in die 1890er Jahre

Kirsten Heinsohn

Die bürgerliche Frauenbewegung

Die Schließung der 1850 gegründeten Hochschule für das weibliche Geschlecht im Jahr 1852, markierte das vorläufige Verblassen der ersten Blüte in der Hamburger Frauenbewegung – nicht aber das Ende. Das weit über Hamburg hinaus bekannte Projekt einer umfassenden Frauenbildung war zwar gescheitert, eine ganze Reihe von bürgerlichen Frauenvereinen führte jedoch ihre Tätigkeiten fort, vor allem im Bereich der Unterstützung der Armenpflege, oder nahm sich neue Aufgaben vor. Noch bis zu Beginn der 1870er Jahre wirkte Emilie Wüstenfeld weiter für ihre Ziele. Neben ihrem Einsatz für Toleranz und Religionsfreiheit widmete sie sich nach 1852 vor allem der sozialen Arbeit im Frauenverein zur Unterstützung der Armenpflege, der 1849 von Charlotte Paulsen gegründet worden war. Dieser Verein hatte ähnliche Ziele wie der schon etablierte Verein der Amalie Sieveking, aber der „Paulsen-Verein“ legte Wert auf den Ausgleich konfessioneller Gegensätze.

Charlotte Paulsen, Initiatorin des Paulsenstifts und der Paulsenschule als Bildungsinstituinen für Mädchen und Frauen aller Schichten

Die Frauen des „Paulsen-Vereins“ verstanden zudem ihre Tätigkeiten in der Armenpflege nicht nur als eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe der Bessergestellten, sondern auch als ein demokratisches, weibliches Engagement von Frauen für Frauen. Diesem gesellschaftspolitischen Ansatz entsprechend wollte der Verein die Erwerbsmöglichkeiten von armen Frauen nicht nur durch Arbeitsnachweise verbessern. Zum einen richtete der Verein eigene Warteschulen ein, also Kinderbewahranstalten, damit die Kinder berufstätiger Mütter gut versorgt waren. Im Unterschied zu den schon vorhandenen Einrichtungen legte der Verein aber großen Wert auf eine Erziehung und Förderung der Kinder. Zum anderen eröffnete der Verein eine eigene Armenschule, in der Mädchen eine Schulbildung erhalten konnten. Die Armenschule wurde nach dem Tod Charlotte Paulsens, durch den unermüdlichen Einsatz von Emilie Wüstenfeld, zusammen mit der Vereins-Warteschule 1866 zum Paulsenstift vereint. Die Anstalt bot Schulunterricht für arme Mädchen, Ausbildungsmöglichkeiten in der eigenen Warteschule sowie eine „Industrieklasse“ für schulentlassene Mädchen an.

Johanna Goldschmidt kämpfte für schichten- und religionsübergreifende Kindergärten und für die Anerkennung der Kindergärtnerin als Beruf

Schließlich wurde die Schule des Paulsenstifts 1870 selbst zur ersten höheren Mädchenschule in Hamburg. Parallel dazu gründete Johanna Goldschmidt 1860 den „Hamburger Fröbelverein“, der eine professionelle Ausbildung von Kindergärtnerinnen anbot, und Emilie Wüstenfeld initiierte 1865 den „Verein zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit“, der zunächst die „Industrieklasse“ im Paulsenstift unterstützte und später die „Gewerbeschule für Mädchen“ unterhielt. Aus diesen Beispielen wird ersichtlich, dass die Jahre nach 1852 bis zum Beginn der 1890er Jahre mitnichten eine Zeit des Stillstands der bürgerlichen Frauenbewegung in Hamburg gewesen sind. Im Gegenteil: Die Erfahrungen mit der Hochschule zeigen, wie abhängig ein solches Experiment von einem soliden Fundament von Bildungseinrichtungen für Mädchen und Frauen war – und dieses hatte es eben nicht gegeben.

Außer diesen Aktivitäten gab es noch eine Reihe weiterer Frauenvereine, vor allem im sozialen Bereich, die zusammen ein Netzwerk bildeten, wenn auch die Mehrheit dieser Vereine sicher alles andere als Frauenbewegung betreiben wollte. In diesem Netzwerk hatten sich aber Erfahrungen gesammelt, wie eine Initiative zu starten war, wer angesprochen werden musste, welche potentiellen Geldgeber in Frage kamen und welche anderen Gruppen die eigenen Ziele unterstützen würden. All dies waren wichtige Voraussetzungen für die neue „Zeit der Vereine“, die mit den 1890er Jahren anbrechen sollte.

Schließlich muss noch ein weiterer Punkt hervorgehoben werden, der die Zeitspanne zwischen 1848 und 1890 kennzeichnete: In dieser Zeit verstarben die Vertreterinnen der ersten Frauenbewegung wie Charlotte Paulsen, Johanna Goldschmidt oder Emilie Wüstenfeld. Neue, jüngere Frauen traten an ihre Stellen. Diese Frauen waren erst um 1850 geboren, erlebten die Zeit der Reichsgründung und der tiefgreifenden ökonomischen Umwälzungen in Deutschland wie in Hamburg in jungen Jahren und reiften schließlich um 1890 zur zweiten wichtigen Generation der Hamburger Frauenbewegung heran. Sie teilten nicht so sehr den Hamburger Patriotismus, sondern waren begeistert von der Einigung Deutschlands in einem Reich. Sie orientierten sich auch an internationalen Entwicklungen, positiv aufnehmend oder kritisch abwertend, wie etwa an der Suffragettenbewegung in England oder den Aktivitäten der US-amerikanischen Frauenvereine. Diese zweite Generation der Frauenbewegung sah sich in der Tradition der ersten stehend, sie nahm viele Ideen und Projekte ihrer weiblichen Vorbilder auf, aber sie setzte auch neue Akzente.

Wahlplakat der SPD 1914

Ein wichtiger Unterschied im Vergleich der beiden Generationen der bürgerlichen Frauenbewegung ist zunächst noch hervorzuheben: Die bürgerlichen Frauen sahen sich seit den 1860er Jahren einer erstarkenden Arbeiterbewegung gegenüber, in der sich auch Frauen engagierten. 1875 vereinigten sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei zu einer neuen Partei mit dem Namen Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, 1891 wurde diese dann umbenannt in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Die Sozialdemokratie organisierte die wachsende Arbeiterbevölkerung Deutschlands, vor allem die Industrie- und die gewerblichen Arbeiter. Die Landarbeiter und die katholischen Arbeiter blieben dagegen noch einige Zeit in Distanz zur SPD. Dies hatte nicht zuletzt mit der marxistischen, klassenkämpferischen Prägung der Partei zu tun, die auch von Frauen unterstützt wurde, und mit der Verfolgung der SPD unter dem Sozialistengesetz in den Jahren 1878 bis 1890.

Zu Beginn der siebziger Jahre, als der Generationswechsel in der Frauenbewegung langsam einsetzte, war noch nicht eindeutig geklärt, welche Bewegung die Interessen der Arbeiterinnen besser vertreten würde: die Arbeiterbewegung oder die bürgerliche Frauenbewegung. Die aktive Gewerkschafterin Emma Ihrer (1857-1911)  arbeitete in Berlin im 1883 mit bürgerlicher Unterstützung gegründeten „Frauen-Hülfsverein für Arbeiterinnen“ mit,  stellte diese Mitarbeit aber  schnell wieder ein, weil dort nur „kleinliche Reformarbeit“ betrieben worden sei. Sie und viele Arbeiterinnen mit ihr, entschieden sich für die Gründung eigenständiger Arbeiterinnenvereine. Dadurch war die Haltung der überwiegenden Anzahl proletarischer Frauen deutlich : Sie hatten entschieden, auf der Seite der Arbeiterbewegung zu stehen.

Unter den Repressionen des preußischen Vereins- und des reichsweit geltenden Sozialistengesetzes wurden in der Regel alle noch folgenden Frauenvereine bis 1890 verboten. Die Sozialdemokratinnen beteiligten sich daher aktiv an der illegalen Arbeit der Partei. 1889 wurde in Berlin unter der Leitung Emma Ihrers eine Frauenagitationskommission eingerichtet, die jedoch ebenfalls schnell verboten wurde.

1896 entstand dann ein neues Modell der sozialdemokratischen Frauenarbeit, nämlich die Wahl von lokalen, regionalen und zentralen Vertrauenspersonen. Mit diesem Verfahren konnten die Frauen der SPD das Vereinsgesetz unterlaufen, da die gewählten Vertrauensfrauen private Treffen anboten bzw. als Einzelpersonen nicht belangt werden konnten. Insgesamt verfestigte die proletarische Frauenbewegung in diesen Jahren ihre Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie und wandte sich daher auch immer stärker gegen die bürgerliche Frauenbewegung. In einem Bericht über die Organisationen der Arbeiterinnen Deutschlands, von Emma Ihrer aus dem Jahre 1893, wird die Haltung der sozialdemokratischen Frauen deutlich herausgestellt: „Alle jene Forderungen und Projecte, mit denen die Frauen der besitzenden Klasse bisher an die Öffentlichkeit traten, als: die Einrichtung von Sonntags- und Haushaltungsschulen, Mädchenheimen, Vereinen zur Hebung der Sittlichkeit gefallener Mädchen u.s.w. erkennen wir nur als Palliativmittel der Gegenwart an, die nimmermehr geeignet sind, das Uebel dauernd und gründlich zu beseitigen; höchstens können damit die schlechten Wirkungen des Uebels ein wenig abgeschwächt werden.“[1]

Auswirkungen der Industrialisierung: Elendsquartiere in Hamburg

In diesem Zitat kommt gut zum Ausdruck, worum es den SPD-Frauen ging: Sie prangerten die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats radikal an und forderten umfassende Änderungen des Wirtschaftssystems. Für die Arbeiterinnen standen eine bessere Entlohnung sowie gesündere Arbeitsbedingungen ganz oben auf der Agenda, denn die krankmachende und sehr niedrig entlohnte Arbeit reichte in der Regel nicht aus, um den Lebensunterhalt der Familie angemessen und beständig zu bestreiten. Diesem „Uebel“ konnte man durch reine Sozial- und Bildungsreform, wie sie von den bürgerlichen Frauen betrieben wurde, nach Meinung der Sozialdemokratie nicht beikommen. Den bürgerlichen Frauen wiederum ging es um Wege und Methoden, Mädchen und Frauen eine Ausbildung zukommen zu lassen, um ihnen Gelegenheit zur Selbsthilfe zu geben – dies jedoch war in den Augen der SPD nur ein kurzzeitiges Betäubungsmittel, das der eigentlichen Ursache der Krankheit, dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, nicht gefährlich werden konnte.

Dieser starke Gegensatz zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung blieb im Allgemeinen bis in den Weltkrieg hinein erhalten, solange die SPD-Frauen an ihrer sozialistischen Emanzipationsidee festhielten und die Bürgerlichen die gleichberechtigte Zusammenarbeit mit den Vertreterinnen der Arbeiterinnen scheuten.

Im und durch den ersten Weltkrieg lösten sich die Fronten aber etwas auf: Auch bei den bürgerlichen Frauen waren inzwischen unterschiedliche Emanzipationskonzepte zwischen „Radikalen“ und „Gemäßigten“ heftig diskutiert worden. Ebenso hatte auf Seiten der Sozialdemokratie ein innerer Diskussionsprozess eingesetzt, der die reformorientierten Kräfte erstarken ließ und der in eine Spaltung der Partei zwischen Mehrheits-Sozialdemokraten und Unabhängige Sozialdemokraten, später die Kommunistische Partei, einmündete. All dies führte dazu, dass sich bürgerliche und sozialdemokratische Frauenbewegung annäherten – richtig überwunden wurde die Spaltung jedoch nicht. Die Frauen in der SPD hatten aber im Vergleich mit den bürgerlichen Frauenvereinen einen großen Vorteil: Ihre Partei unterstütze das Verlangen nach gerechten Lohnzahlungen und nahm 1891 als erste politische Partei in Deutschland die Forderung nach Zulassung aller erwachsenen Frauen zum aktiven und passiven Wahlrecht in ihr Parteiprogramm auf. Wenn auch in der Praxis die Gleichberechtigung innerhalb der Partei nur begrenzt umgesetzt wurde, so war doch die Partei insgesamt bereit, eine veränderte gesellschaftliche und politische Stellung der Frau zu fordern – das war weit mehr als die liberalen Parteien, auf die die bürgerlichen Frauenvereine hofften, ihren Mitstreiterinnen in Aussicht stellten.

Stetig unter Beobachtung der politischen Polizei: Luise Zietz

Die Situation der politisch aktiven Arbeiterinnen in Hamburg entsprach ganz dem Vorgehen im Reich: Auch hier wurde 1885 ein „Verein zur Vertretung der gewerblichen Interessen der Frauen und Mädchen Hamburgs“ gegründet. Sein Hauptzweck war es, für die Mitglieder gerechtere Löhne und Arbeitsbedingungen zu fordern. 1892 wurde der Verein bereits wieder aufgelöst und durch eine neue Organisation, den „Zentralverein der Frauen und Mädchen Deutschlands“ mit Zweigvereinen in den verschiedenen Stadtteilen und Vororten Hamburgs, ersetzt. Auch dieser Verein wurde scharf von der Politischen Polizei überwacht und musste 1895 seine Agitation einstellen.

Danach schlossen sich die sozialdemokratischen Frauen dem neuen System der „Vertrauenspersonen“ an und die Hamburger Genossinnen bestimmten für die drei vorhandenen Wahlkreisvereine der SPD je eine Frau in diese Position. Als zentrale Vertrauensperson wurde Luise Zietz (1865-1922) gewählt, die im Hamburger Fröbelverein eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolviert hatte und nach 1908 innerhalb der SPD als „Reichsfrauensekretärin“ arbeitete. Die Einrichtung von weiblichen „Vertrauenspersonen“ war allerdings in Hamburger Parteikreisen als „Sonderorganisation“ umstritten und wurde bereits 1906 zugunsten eines festen Postens für eine Vertreterin der Frauen im Parteivorstand abgeschafft – damit legten die Hamburger das Partizipationsmodell für Frauen innerhalb der Partei fest, bevor es später von der gesamten Partei so übernommen wurde. Mit diesem Schritt war die sozialdemokratische Frauenbewegung endgültig in die Parteistruktur integriert.

Innerhalb der Partei engagierten sich die Frauenvertreterinnen zum einen für die ökonomischen Interessen der weiblichen Mitglieder und zum anderen für das demokratische Wahlrecht, das auch die Frauen erhalten sollten. Clara Zetkin (1875-1933) erläuterte 1907 in einer Resolution, warum das Frauenwahlrecht eine so zentrale Forderung für die SPD-Frauen war: „Die Proletarierinnen (…) wollen mittels des Wahlrechts nicht nur ihre ökonomischen und kulturellen Gegenwartsinteressen verteidigen, sondern auch für die teuersten Zukunftshoffnungen kämpfen (.): Die politische Arbeit und der politische Kampf der proletarischen Frauen hat daher ein über die Gegenwart und ihre Reformierung hinausreichendes Ziel: den Sturz des Kapitalismus.“[2]

Gerade für die Forderung nach dem demokratischen Wahlrecht war der Internationale Frauentag, der erstmals 1911 am 19. März begangen wurde, eine sehr wichtige Einrichtung. In vielen Städten organisierten die Parteifrauen Demonstrationen und öffentliche Versammlungen, um die Forderungen der Frauen bekannt zu machen. Auch in Hamburg wurde im März 1911 ein Frauentag veranstaltet; rund 4500 Menschen sollen an den Veranstaltungen teilgenommen haben.

Klassische Aufgaben bürgerlicher Frauen: Kinderpflege und Mildtätigkeit – aber was geschieht, wenn Ehe oder Kinder ausbleiben?

Parallel zur Entwicklung einer eigenständigen Arbeiterbewegung in den 1860er Jahren setzten auch Bemühungen bürgerlicher Frauen wieder ein, eine allgemeine, zusammenfassende Frauenbewegung zu konstituieren. 1865 wurde in Leipzig der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ (ADF) gegründet, der sich auf die liberale Tradition des Vormärz bezog, aber nun das „Recht (der bürgerlichen Frau) auf Arbeit“ in das Zentrum seines Programms stellte.

Diese Verschiebung im Emanzipationsprogramm resultierte im Wesentlichen aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen. Es gab nämlich nicht nur eine soziale Frage in Bezug auf das Proletariat, sondern auch eine soziale Frage bürgerlicher Frauen. Beide hatten ihren Ursprung im Wandel der Wirtschaft. Die Industrialisierung Deutschlands bewirkte einen Funktionswandel der Familie von einer Produktionsgemeinschaft zu einer Konsumtionsfamilie. Konkret bedeutete dies, dass immer mehr Bedarfsartikel des Haushalts, die vor der Industrialisierung durch die Arbeit aller Familienmitglieder oder von fremder Hand im eigenen Haus hergestellt worden waren, nun in Großproduktionen hergestellt und zu niedrigen Preisen erworben werden konnten. In diesen Produktionsbereichen stieg die industrielle außerhäusliche Frauenerwerbsarbeit stark an.

Der Funktionswandel der Familie war in den Unterschichtsfamilien nicht so einschneidend wie in der bürgerlichen Schicht, waren doch bereits in der vorindustriellen Zeit die Unterschichtsfamilien aufgrund des geringen Einkommens der Männer stets auf die außerhäusliche Erwerbsarbeit der Ehefrauen angewiesen gewesen. Für das Bürgertum hatte der Wandel der Familie von einer Produktionsgemeinschaft zu einer Konsumtionsfamilie erheblichere Folgen. Für bürgerliche Frauen wurde allein eine ökonomisch vorteilhafte Heirat als Möglichkeit gesehen, um eine materiell abgesicherte Tätigkeit als Dame des Hauses, dem eigenen Haushalt vorstehend aufrechtzuerhalten. In weniger wohlhabenden bürgerlichen Familien musste die Ehefrau – in Ermangelung z. B. von Dienstpersonal – unter äußerster Sparsamkeit unentgeltlich Hausarbeit leisten, um die Reputation der Familie, die nun allein vom „Ernährerlohn“ des Ehemannes abhing, aufrechtzuerhalten.

Ledige Frauen hatten kaum noch Möglichkeiten, ihr Leben im Rahmen der eigenen Herkunftsfamilie zu verbringen, da es schlichtweg an wirtschaftlichen Aufgaben in der Familie mangelte. Sie waren daher gezwungen, ihren Lebensunterhalt nun in niedrig entlohnter, oft schamvoll verleugneter Heimarbeit, wie Weißnähen oder Stricken, zu verdienen. Erste Arbeitsplätze für bürgerliche Frauen als Kontoristinnen im Handel oder in der Verwaltung entstanden in dieser Zeit, doch reichte die Schulbildung der Mädchen häufig nicht aus, um den Anforderungen dieser Erwerbszweige zu genügen. Andererseits war es gesellschaftlich nicht vorgesehen, bürgerlichen Mädchen eine angemessene berufliche Ausbildung zu geben, da sie ja doch heiraten würden.

Die Aufgaben des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins unter dem Vorsitz von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt (1833-1902) lautete daher sehr konsequent: Förderung der weiblichen Bildung und „Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen“.

Paternalistischer Blick auf die Erfolge der Frauenbewegung 1890

Dass das Recht auf Arbeit für Arbeiterinnen überhaupt nicht zur Diskussion stand, sondern dass es in diesem Fall eher um den Schutz der arbeitenden Frauen ging, war zumindest Louise Otto klar. In ihrer Schrift „Das Recht der Frauen auf Erwerb“ (erstmals 1866 erschienen) konfrontierte sie die bürgerlichen Vorstellungen über die Natur der Frau mit den Tatsachen der industriellen Frauenarbeit: „Unter den Proletariern muss jeder arbeiten, der nicht verhungern will“[3] lautete ihre Anklage.

Die Zielrichtung der neuen bürgerlichen Bewegung hatte sich mit dem Programm des ADF von der Lösung sozialer Missstände im Interesse der „ärmeren Classen“ oder religiöser Intoleranz auf die Vertretung eigener, bürgerlicher Fraueninteressen für Ausbildung und Schulreform verlagert. Zudem wurde nun eine Beteiligung von Frauen an Politik nicht mehr offen thematisiert, wenn auch die Aktivitäten der Vereine eigentlich politische Stellungnahmen zur rechtlichen und sozialen Situation der bürgerlichen Frau waren. Dieses Schweigen war durch die Vereinsgesetze der meisten deutschen Staaten, insbesondere in Preußen, erzwungen.

Stattdessen wurden Industriekurse, Arbeitsbasare und Stellenvermittlungsbüros aufgebaut, die alle dem Zweck dienten, einen Arbeitsmarkt für ledige bürgerliche Frauen zu etablieren. In diesen Bestrebungen traf sich der ADF mit den anderen weiblichen Berufsvereinen, die sich seit den siebziger Jahren stark entwickelten – in Hamburg etwa der Wüstenfeld’sche „Verein zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit“.

Daneben verstand sich der ADF aber auch als ein Verein zur Förderung der Frauenemanzipation und hielt sich daher eng an den Vorsatz, dass Frauen ihre eigenen Angelegenheiten nur selbst entscheiden und ordnen sollten. Es war genau dieses Prinzip bürgerlicher Selbsthilfe von Frauen, das dem Verein und seinen Vertreterinnen das Urteil der öffentlichen Meinung einbrachte, die Emanzipation der Frauen über alle „natürlichen“ Geschlechterunterschiede hinweg befördern zu wollen. So wurden zwar die vorgestellten Lösungswege für die soziale Frage bürgerlicher Frauen anerkannt, vor allem die Verbesserung der Erwerbsmöglichkeiten, doch stand das Organisationsmodell des ADF im Zentrum der Kritik.

Das Prinzip „Selbsthilfe von Frauen für Frauen“ wurde so das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen Vereinen, die sich der neu entstehenden Frauenbewegung zurechneten, und denen, die sich strikt gegen jede Emanzipation der Frau wandten.

[1] Emma Ihrer: Die Organisationen der Arbeiterinnen Deutschlands, ihre Entstehung und Entwickelung, Berlin 1893, S. 4.  

[2] Resolution der vierten Konferenz sozialistischer Frauen zu Mannheim, das Frauenwahlrecht betreffend, abgedruckt in: Clara Zetkin: Zur Frage des Frauenwahlrecht. Berlin 1907, S. 12.

[3] Louise Otto-Peters: Das Recht der Frauen auf  Erwerb. Wiederveröffentlichung der Erstausgabe aus dem Jahre 1866, Leipzig 1997, S. 33.

  • Dieser Text ist ein Auszug aus: Rita Bake und Kirsten Heinsohn:  „Man meint aber unter Menschenrechten nichts anderes als Männerrechte“, Hamburg  2012.
  • Weitere Informationen: Frauenbiografiendatenbank Hamburg

 

Grundlegende Literatur:

Kirsten Heinsohn: Politik und Geschlecht. Zur Politischen Kultur bürgerlicher Frauenvereine in Hamburg 1871– 1918, Hamburg 1997.

Karen Hagemann: Frauenalltag und Männerpolitik. Alltagsleben und gesellschaftliches Handeln von Arbeiterfrauen in der Weimarer Republik, Bonn 1990 sowie

Karen Hagemann /Jan Kolossa: Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten? Ein Bilder-Lese-Buch zu Frauenalltag und Frauenbewegung in Hamburg, Hamburg 1990.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Louise Zietz um 1919 (Ausschnitt), nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Luise_Zietz_1919.png?uselang=de).

Abb. Thementext: Charlotte Paulsen, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charlotte_Paulsen.gif) / Johanna Goldschmidt, aus: https://www.hamburg.de/clp/frauenbiografien-suche/clp1/hamburgde/onepage.php?BIOID=3567&qN=goldschmidt / Plakat zum Internationalen Frauentag 1914 (Ausschnitt), nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frauentag_1914_Heraus_mit_dem_Frauenwahlrecht.jpg) / Elendsquartiere, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_344-31 = 04454 / Louise Zietz um 1919, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Luise_Zietz_1919.png?uselang=de) / „Rutsch-Anna“ an der Esplanade, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_288-07 (3) / „Reform“ No. 95, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_283-05.