Albert Ballin (1857-1918)

William Onken

Eine Unternehmerbiographie im 19. Jahrhundert

Die Industrialisierung bot Geschäftsleuten und Fabrikbesitzern mit neuen Produkten und Ideen günstige Möglichkeiten in kurzer Zeit – auf Basis der Arbeitsleistung von Arbeitern und Angestellten – in der neuen Industriegesellschaft sozial aufzusteigen.

Die Laufbahn des hamburgischen Reeders Albert Ballin ist für diese Zeit beispielhaft. Er wurde am 15. August 1857 in eine jüdische Großfamilie hineingeboren. Sein Vater Samuel (1804-1874) siedelte aus Dänemark nach Hamburg über und stieg mit seiner Agentur Morris & Co 1852 in das Auswanderergeschäft ein. Seine Mutter Amalie (1825-1909) stammte aus einer hamburgischen Kaufmanns- und Rabbinerfamilie. Ballin erhielt auf der Goldmannschen Schule eine grundlegende Schulbildung. Nach dem Tod seines Vaters arbeitete er in der Agentur mit und stieg vom Prokuristen (1874) zum Mitinhaber (1879) auf. Gerade in dieser Zeit war der Bedarf an Auswanderungsfahrten über den Atlantik hoch. Mit Ballins Agentur reisten die Auswanderer zunächst nach England und erhielten dann eine Weiterfahrt nach Amerika. 1882 wurde 17 % der hamburgischen Auswanderung über Morris & Co durchgeführt. Da diese Geschäfte allerdings von der Notsituation der Auswanderer profitierten, hatte es einen schlechten Ruf. Ballin überwand diesen Makel: So begann er 1881 eine erfolgreiche Kooperation mit der britischen Carr-Linie für den Passageverkehr auf der Route Hamburg – New York.

Ballin wollte das Angebot des größten Schifffahrtskonkurrenten, der Hamburg-Amerikanischen Paketfracht AG (HAPAG, 1847 gegründet), unterbieten. Hierzu wurden die Zwischendecks der Schiffe genutzt, um möglichst viele Menschen auf geringen Raum zu transportieren. Durch die größtmögliche Auslastung der Überfahrten konnte die kleine Agentur ihre Position auf den Markt ausbauen. Die befreundete Carr-Linie gründete zusammen mit der alten hamburgischen Reederei Sloman 1886 die Union-Linie, sodass das Geschäft mit den Auswanderern neuverteilt wurde. Ballin konnte durch die Zusammenarbeit mit der HAPAG und der Union-Linie einen geschäftlichen Durchbruch erreichen: Während der Markt zwischen den Firmen aufgeteilt wurde, übernahm Ballin mit 29 Jahren die Passageabteilung der HAPAG. Bereits zwei Jahre später wurde er aufgrund seiner Verdienste in den Vorstand berufen und ließ die väterliche Agentur hinter sich, welche 1907 aufgelöst wurde. Ballin stieg somit innerhalb eines Jahrzehnts aus einer kleinen Auswanderungsagentur in die Leitungsebene eines der größten Unternehmen im Kaiserreich auf.

Die HAPAG und das Kaiserreich

Die HAPAG wurde in der wirtschaftlichen Aufschwungphase nach der Reichsgründung neben dem Norddeutschen Lloyd (NDL) zu einem der führenden Schifffahrtsunternehmen auf dem Weltmarkt. Ballin bestimmte seit 1886 diese Entwicklung entscheidend mit und war ab 1899 deren Generaldirektor. Er gewann durch sein Verhandlungsgeschick und seine Sprachkenntnisse internationales Ansehen und entwickelte sich zu einem begehrten Vertragsvermittler. So wurde 1902 z. B. ein Abkommen mit dem amerikanischen Morgan-Trust getroffen, mit dem die Reedereien den atlantischen Markt unter sich aufteilten.

Das Rückgrat der HAPAG bildeten die Fracht- und Passagierfahrten, die unter Ballin mit neuen Schnelldampferverbindungen zwischen Hamburg und Amerika erweitern wurden. Zusätzlich weitete er das Auswanderergeschäft aus. Im Jahre 1901 wurde auf seine Veranlassung im abgelegenen Hafenstadtteil Veddel ein Komplex von Wohnhallen erbaut. Hier mussten Auswandernde vor ihrer Abreise eine Quarantänezeit einhalten. Die oft verarmten Personen wurden auf diese Weise aus den zentralen Stadtteilen am Hafen ferngehalten, da sie dort Ausbeutung und Betrug ausgesetzt waren und die heimische Bevölkerung befürchtete, dass sie ansteckende Krankheiten mitbrachten.

Ballin reagierte geschickt auf neue Konsumtrends im wohlhabenden Bürgertum. Da im Winter weniger Fahrten durch den Atlantik gewagt wurden, fuhr das Flaggschiff der HAPAG die Augusta Victoria 1891 ins Mittelmeer. Hier handelte es sich um einen neuartigen Schnelldampfer mit zwei Antriebsschrauben, der zu seiner Auslieferung 1889 auch das größte deutsche Passagierschiff war. Da Vergnügungsreisen per Schiff zu dieser Zeit noch ungewöhnlich waren, fuhr er selbst als Gastgeber mit. Durch die Routenplanung traf die Reisegesellschaft in Cuxhaven auch auf den jungen Kaiser Wilhelm II., der von der Schiffsbaukunst begeistert war. So entstand das HAPAG-Angebot von Reisefahrten auf luxuriösen Schiffen. Ballin wird daher die Erfindung der heutigen Kreuzfahrten zugeschrieben.

Die HAPAG baute ihre Flotte mit Dampfschiffen aus Stahl stetig weiter aus. Der Flottenbestand wuchs bis 1914 von 22 auf 192 Schiffe an, deren Tonnage immer weiter anstieg. Organisatorisch war sie eine Aktiengesellschaft, so dass Ballin dem neuen Typus von Manager entsprach, der auf Vertragsbasis ein Unternehmen führte. Der Aktienwert des Unternehmens stieg in seiner Zeit von 15 Mio. auf 180 Mio. Mark. Ausdruck dieser Boomphase waren insbesondere der monumentale Firmensitz (1903) an der Binnenalster und die imposante Ausstattung der innovativen Dampfschiffe. Die Flotte stand im Fokus der neuen Weltmachtpolitik um 1900, sodass sie einen höheren gesellschaftlichen Status erhielt und immer mehr zivile und militärische Schiffe in Auftrag gegeben wurden. Für den Flottenbau war Ballin ein geschätzter Berater und ein häufiger Gast beim Kaiser. Die HAPAG wurde zugleich ein Instrument für das neue politische Selbstverständnis, da ihre Schiffe den technischen Fortschritt und die deutsche Expansion symbolisierten, was bei öffentlichen Veranstaltungen auch inszeniert wurde. Als größte deutsche Reederei war sie wiederum durch gewinnbringende Logistikaufträge sowie durch die Nutzung neuer Geschäftsmöglichkeiten auch aktiv am Kolonialismus der europäischen Großmächte beteiligt und profitierte von der kolonialen Expansion insbesondere nach Afrika und Asien. Im Auftrag der Reichsmarine wurde insbesondere der Transport von Waren und Soldaten in die neuen deutschen Kolonien übernommen. Hierfür erhielten die HAPAG sowie der NDL vom Reichstag eine Monopolstellung und übernahmen z. B. die Logistik zur Niederschlagung des sog. Boxeraufstands. Diese Geschäfte übernahm die HAPAG zudem auch für die anderen europäischen Großmächte, wodurch mit Blick auf die zunehmende Rivalität ein Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichen und politischen Interessen entstand.

Ballin dachte in erster Linie wirtschaftlich, war aber auch politisch aktiv und gehörte zu den Anhängern der Monarchie. Insbesondere war er ein Gegner der Sozialdemokratie und der organisierten Arbeiterbewegung. Ballins politischer Handlungsspielraum mit seinem globalen Netzwerk bot im Kaiserreich viele Möglichkeiten der Einflussnahme auf den Kaiser wie auch auf die Reichsregierung sowie auf die Verwaltung und Wirtschaftspartner bei der Umsetzung vom Vorhaben und die öffentliche Meinung. Vorrangig ging es ihm darum, günstige wirtschaftliche Bedingungen für die HAPAG zu schaffen. Offizielle Angebote für die Übernahme von Regierungsämtern bekam er nicht, so dass er vor allem durch seine guten Kontakte, Briefe und öffentliche Stellungnahmen Handlungen und die politische Meinung beeinflusste.

 

Als Direktor des wichtigsten Schifffahrtsunternehmens der Zeit um die Jahrhundertwende wurde Ballin Teil des deutschen Großbürgertums. Für seinen neuen Wohlstand sprechen auch die 1906 und 1908 erbauten Villen in Hamburg und Hamfelde bei Trittau. Dort lebte er mit seiner Frau Marianne Rauert (1854-1936), die aus einer Familie von hamburgischen Tuchhändlern stammte. Die nach protestantischer Konfession 1883 geschlossene Ehe blieb kinderlos, sie adoptierten ein Kind aus Mariannes Verwandtschaft. Durch seine Heirat und den Erwerb des Bürgerrechts (1882) konnte Ballins Familie zum Hamburger Bürgertum gezählt werden. Er war ein geschätzter Gastgeber und führte eine penible Gästeliste. Ballin stand im engen Austausch mit der dominierenden Klasse im Kaiserreich und hatte ein enges Verhältnis zum Kaiser. Durch seine Stellung wurde er aber häufig Ziel antisemitischer Hetze und abschätzig als „Kaiserjude“ betitelt. Er musste somit stets den verbreiteten gesellschaftlichen Antisemitismus ertragen. Seinen jüdischen Glauben zeigte er daher nicht öffentlich, blieb aber aktives Mitglied seiner Gemeinde.

Krieg und Revolution

Die politische Wirkung der deutschen Expansion unterschätzte Ballin zeitlebens. Dem nationalistisch befeuerten Wettrüsten stand er widersprüchlich gegenüber. Einerseits versuchte er den deutsch-britischen Flottenstreit mit dem Werben für ein Abkommen einzuhegen. Andererseits stand die HAPAG selbst im Wettstreit um das weltweit größte Passagierschiff. Die Titanic (Olympic-Klasse) der White Star Line galt 1912 als größtes Schiff der Welt, worauf von deutscher Seite mit der Imperator-Klasse (Imperator 1913, Vaterland und Bismarck 1914) geantwortet wurde.

Als die Spannungen zwischen den europäischen Großmächten auf dem Balkan wie auch in Übersee um 1910 zunahmen und ein neuer großer Krieg befürchtet wurde, bemühte er seine englischen Kontakte, um vergeblich eine Verständigung zu erreichen. Aufgrund der Fehleinschätzung über die britische Neutralität im Falle eines deutschen Angriffs auf Frankreich und Russland gab er sich auch selbst eine Teilschuld an der folgenden Eskalation.

Der Erste Weltkrieg brachte den internationalen Schiffsverkehr zum Erliegen. Ein Großteil der HAPAG-Schiffe wurde beschlagnahmt. Ballin engagierte sich in der Lebensmittelversorgung und war Mitbegründer der Reichseinkaufs-Gesellschaftda sich durch die Seeblockade die Verfügbarkeit von Lebensmittel zusehends verschlechterte. Als Gegner des Kriegs beeinflusste er weiterhin die Reichspolitik. Gleichzeitig warb er für eine Kooperation mit Großbritannien, wenn mit Frankreich und Russland Separatfrieden geschlossen wurden. In Abstimmung mit den Briten sollten seiner Auffassung nach, neue Häfen in Belgien und weitere Kolonien in Übersee für das Kaiserreich gewonnen werden. Durch den für viele Menschen im Kaiserreich unerwartet langen Krieg wurden frühere Kriegsziele zum Wunschdenken und die HAPAG geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Sie war auf staatliche Hilfe angewiesen. Sie nahm weiterhin Aufträge in der Kriegswirtschaft an und investierte in die Luftfahrt sowie in die eroberten Märkte in Belgien und in Osteuropa.

Die wirtschaftlichen und politischen Probleme belasteten Ballins Psyche, sodass er regelmäßig Schlaf- und Beruhigungsmittel nahm. Trotz seiner Warnungen wurde der uneingeschränkte U-Boot-Krieg im Februar 1917 wieder aufgenommen, so dass sich die Beziehung zu den USA weiter verschlechterte. Im April 1917 traten sie in den Krieg gegen die Mittelmächte ein. Mit Zunahme des Krieges hatte sich Ballin immer mehr vom Kaiser und der Monarchie distanziert und sah die Notwendigkeit von demokratischen Reformen, gegebenenfalls in Form einer stärkeren Rolle des Reichstages, als Verhandlungsgrundlage für den Frieden. Im September 1918 sollte Ballin dem Kaiser dazu zu bewegen, die bevorstehende militärische Niederlage an der Westfront zu realisieren. Nachdem die Oberste Heeresleitung dies verkündete und mit den Oktoberreformen der Reichstag sowie der Reichskanzler in ihren politischen Rollen gestärkt wurden, sollte Ballin die Friedensverhandlungen führen.

Durch die Revolution überschlugen sich jedoch die Ereignisse und er sah sich dem Arbeiter- und Soldatenrat in Hamburg gegenüber. Für sie war er der Feind, sie sahen ihn als Prototypen des Kapitalisten. Damit wurden Ballins Sorgen vor einer sozialistischen Revolution wie in Russland bestätigt sowie die Angst vor der zunehmenden antisemitischen Hetze in der Öffentlichkeit verstärkt und persönliche Drohungen gegen ihn erhoben, sodass sich seine psychische Gesundheit weiter verschlechterte.

Nachdem das HAPAG-Gebäude von Arbeitern und Soldaten besetzt wurde und es einen Aufruf zu seiner Verhaftung gab, nahm er am Abend des 8. Novembers zusammen mit seinen üblichen Medikamenten Stoffe mit ätzender Wirkung ein. Die genauen Umstände dieser Handlung sind allerdings bis heute ungeklärt. Mit schweren inneren Verletzungen wurde er ins Krankenhaus eingeliefert, wo Ballin am nächsten Tag verstarb. Es war derselbe Tag, als in Berlin die deutsche Republik ausgerufen wurde. Die Trauerrede seines Freundes Aby Warburg und die Beerdigung auf dem Ohlsdorfer Friedhof wurde von einer breiten Öffentlichkeit mitverfolgt.

Die HAPAG geriet in Schwierigkeiten: Mit dem Versailler Vertrag verringerte sich die Flotte. Die Schiffe der Imperator-Klasse gelangten z. B. in britischen bzw. amerikanischen Besitz. In Kooperation mit US-Reedereien gelang in den 1920er Jahren der Wiederaufbau der HAPAG. Das neue Flaggschiff wurde nach Ballin benannt. Die erste Biografie erschien 1922 von seinen Mitarbeiter Bernhard Huldermann. Zu dieser Zeit begannen auch schon Benennungen von Straßen und Gebäuden zur Erinnerung. Seither ist seine Person und sein politisches Handeln Thema der historischen Forschung geblieben. Die Erinnerung an Albert Ballin konnten auch die Nationalsozialisten nicht auslöschen, auch wenn sie es versuchten, so durch die erzwungene Umbenennung des Ballinhauses zum Meßberghof. Seit 1997 heißt das alte Hauptgebäude der HAPAG an der Binnenalster Ballinhaus und im Jahr 2007 wurde die Ballinstadt als Museum in einigen der alten Auswandererhallen eröffnet, in der die Geschichte der Auswanderung, unter anderem mit Schiffen der HAPAG dargestellt wird.

Weiterführende Literatur:

Eichler, Klaus: Albert Ballin. Vater – Unternehmer – Visionär. Hamburg 2018.

Huldermann, Bernhard: Albert Ballin. Eine Biographie von den Anfängen bis nach dem Ersten Weltkrieg. Hamburg 1922. (Neu gedruckt 2018).

Matthes, Olaf: Aus Albert Ballins Gästebuch. In: Pelc, Ortwin/Bracker, Jörgen (Hrsg.): Mythen der Vergangenheit. Realität und Fiktion in der Geschichte. Jörgen Bracker zum 75. Geburtstag. Göttingen 2012. S. 287-294.

Lorenz, Ina: Ballin, Albert. In: Kopitzsch, Franklin/Tilgner, Daniel (Hrsg.): Hamburg-Lexikon. 4. Auflage. Hamburg 2010, S. 64-65.

Lorenz, Ina: Ballin, Albert. In: Kopitzsch, Franklin/Brietzke, Dirk (Hrsg.): Hamburgische Biografie. Band 1. Göttingen 2001, S. 32-34.

Meyer-Lenz, Johanna: Albert Ballin 1890-1918. Politische und unternehmerische Spielräume des leitenden Managers der Hamburg Amerika Linie (HAL) im Wilhelminismus. In: Hedrich, Markus/Kopitzsch, Franklin/Meyer-Lenz, Johanna (Hrsg.): Hamburg in der Novemberrevolution von 1918/19. Dynamiken der politischen und gesellschaftlichen Transformation in der urbanen Metropole. Bielefeld 2022. S. 99-170.

Stubmann, Peter Franz: Mein Feld ist die Welt. Albert Ballin. Sein Leben. Hamburg 1960. (Erste Publikation 1926, in der NS-Zeit verboten).

Wiborg, Susanne: Albert Ballin 4. Auflage. Hamburg 2013.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Modell einer römischen Flußliburne im Stadtmuseum Pöchlarn, nach Wikimedia Commons (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Modell_einer_r%C3%B6mischen_Flu%C3%9Fliburne.jpg).

Abb. Thementext: Das römische Köln in einer Rekonstruktion im Römisch-Germanisches Museum, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Roman_Cologne,_reconstruction.JPG) /K