Schüler im Krieg

„Schießt, Kinder, schießt“ – Eine Hamburger Schule im I. Weltkrieg

Bettina Fensch

Der Erste Weltkrieg wirkt sich von Beginn an auf den Alltag von Schülern und Lehrern aus, sei es, dass sie direkt eingezogen werden, sei es, dass sie von den Auswirkungen des Krieges in der Heimat betroffen sind. Zudem stehen Schulen und schulische Erziehung von Anfang an im Dienst der ideologischen und wirtschaftlichen Kriegsführung.[1]

Von den Lehrern wird erwartet, dass sie die „Siegeszuversicht“ und das „Vertrauen in die Oberste Heeresleitung“ bei den Schülern stärken sollen. Die bald nach dem Ausbruch des Krieges einsetzende „Kriegspädagogik“ stellt den Krieg als rettende Erhebung aus einer tief empfundenen Gesellschaftskrise dar. In der Stunde der Bedrohung könne man zu Einheit und nationaler Größe zurückfinden.[2] Es werden Ansprachen voller Pathos gehalten, nationalistische gesungen, auf großen Landkarten der Frontverlauf täglich neu abgesteckt und die Gefallenen in Gedenkfeiern und Andachten geehrt.

Der Krieg im Unterricht

Hinzu kommen behördliche Handlungsanweisungen und konkrete Stundenentwürfe für den Unterricht u. a. in „Kriegspoesie“, „Kriegsgeographie“ oder „Kriegsrechnen“.[3] Der Krieg beschert den Schülern höherer Schulen auch ein ganz neues Fach: das „Wehrturnen“. Ab 1914 – in Hamburg allerdings erst ab 1917[4] – findet es zweistündig neben dem regulären Turnunterricht statt und soll die Jugendlichen im Hinblick auf einen Einsatz an der Front vor allem körperlich ertüchtigen.[5] Die Schüler turnen an Geräten und führen Märsche in der Stadt oder im Gelände durch. Auch Entfernungsschätzen und Kartenlesen gehören dazu. Turnlehrer mit militärischen Kenntnissen leiten das Wehrturnen, von dem sich Schüler nur auf amtsärztliche Untersuchung hin befreien lassen können.

Schüler werden Soldaten

Im Kaiserreich kann man ab 20 zum aktiven Kriegsdienst eingezogen werden. Hat man dieses Alter noch nicht erreicht, gibt es die Möglichkeit – das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt – sich bereits mit 17 als Kriegsfreiwilliger zu melden. Unter den jugendlichen Kriegsfreiwilligen sind Gymnasiasten und Studenten überproportional gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil vertreten[6], denn gerade auf die „bürgerliche, urbane und gebildete Jugend“[7] übt der Krieg eine besondere Faszination aus. Grund dafür ist vor allem die nationalistische Gesinnung der kaiserzeitlichen Gesellschaft, die mit Ausbruch des Krieges durch Propaganda gezielt verstärkt wird. Aber auch der Wunsch nach Emanzipation von der Familie oder nach einer Flucht aus dem langweilig oder bedrückend empfundenen Schulalltag spielt bei vielen eine Rolle. Nicht zuletzt bedeutet der Eintritt ins Heer erwachsen zu werden, vom Jugend- ins Mannesalter überzutreten.[8] So verlassen viele Gymnasiasten ihre Schule frühzeitig mit dem Notabitur, einer vorgezogenen Prüfung in der 12. oder 13. Klasse, um sich als Freiwillige zu melden.

Während ihres Einsatzes an der Front halten die Schüler Kontakt zu ihren Familien und Freuden durch Briefe und Postkarten, die mit der sogenannten Feldpost verschickt wurden. Solche Feldpostbriefe mit kurzen Berichten über das persönliche Kriegserlebnis schicken die jungen Soldaten auch direkt an ihre Schulen, wo diese dann verlesen oder sogar in den Jahresberichten abgedruckt werden.

Hunger und Schulausfall

Auch wer nicht ins Feld zieht, spürt die Auswirkungen des Krieges mit jedem Jahr deutlicher: Weil die Front versorgt werden muss, Arbeitskräfte fehlen und Handelswege abgeschnitten sind, kommt es bald zu Engpässen in der Versorgung mit Lebensmitteln, Heizmaterial und anderen Konsumgütern. Diese werden bald rationiert, um die allgemeine Grundversorgung sicherzustellen, und sind nur noch gegen zugeteilte Marken erhältlich. Der materielle Mangel verschärft sich mit jedem Kriegsjahr. Viele Kinder sind unterernährt, so dass gegen Ende des Krieges eine Schulspeisung eingeführt wird. Auch können manche, geschwächt durch Mangelernährung und Krankheiten, einen längeren Schulweg nicht mehr bewältigen. Im Winter kommt es immer wieder zu langandauerndem Schulausfall, weil es keine Kohle zum Beheizen der Klassenzimmer gibt.[9]

Stärker als die Ideologisierung, die in der Lehrerschaft spätestens seit 1916 auf immer deutlichere Kritik stößt, wirkt sich die direkte Ausnutzung der Schulen für die Zwecke der Kriegswirtschaft aus: Schüler werden dazu angehalten, „Liebesgaben“ für die Soldaten herzustellen oder sich an Rohstoffsammlungen zu beteiligen, und werden nicht selten wochenlang zu Hilfsarbeiten in der Landwirtschaft geschickt.[10] Ein Krieg ist teuer: Von den 160 Mrd. Reichsmark, die der Weltkrieg kostet, werden rund 60% durch (freiwillige) Kriegsanleihen bei der Bevölkerung aufgebracht. Um die Bürger dazu zu bewegen, dem Staat für die Kriegsführung Geld zu leihen, wird die Zeichnung von Kriegsanleihen stark beworben. Auch Schüler und Lehrer sollen sich selbst, auch mit kleinen Beträgen, beteiligen und Werbung dafür machen.

Unterrichtsausfall für Kriegsversorgung

Um Importausfälle zu kompensieren, werden im Laufe des Krieges zunehmend systematisch Roh- und Altstoffsammlungen durchgeführt: Wolle und Textilien, Gummi oder Metalle, aber auch Frauenhaar werden von der Industrie und für die Kriegsführung gebraucht.[11] Diese Sammelaktionen werden systematisch über die Schulen organisiert, denn es sind vor allem Kinder und Jugendliche, die für diese Zwecke mobilisiert werden.[12] An sogenannten „Hauptsammeltagen“ fällt dafür sogar der Unterricht aus. Aber auch die Schulen selbst müssen das, was sie an kriegswichtigen Rohstoffen besitzen, abgeben: Metallgegenstände und Chemikalien.

Am Beispiel des Johanneums, der ältesten und damals bedeutendsten Schule Hamburgs, kann der Alltag der Schüler und Lehrer unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs gut gezeigt werden, denn im Schularchiv des Johanneums finden sich viele Originaldokumente aus der Zeit des Krieges, die beispielhaft zeigen, welche Auswirkungen der Weltkrieg auf eine einzelne Schule in Hamburg hatte. „Ideologische Verformung, körperliche Erschöpfung, der Ausfall einer zureichenden Schul- und Berufsausbildung machten auch Kinder und Jugendliche fern der Front zu Opfern dieses ersten totalen Krieges.“[13]

 

Literatur

Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irene (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009.

Gudrun­­ Fiedler: Jugend im Krieg. Bürgerliche Jugendbewegung, Erster Weltkrieg und sozialer Wandel 1914-1923. Bielefeld 1989.

Eberhard Demm: Deutschlands Kinder im Ersten Weltkrieg. Zwischen Propaganda und Sozialfürsorge, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 60/2001, 51-79.

Gerhard Heckmann: Das zweite Heer des Kaisers. Schule und Jugend im Krieg, in: „Als der Krieg über uns gekommen war…“ Die Saarregion und der Erste Weltkrieg. Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloß. Saarbrücken 1993, 141-155

Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 91- 184.

Martin Kronenberg: Kampf der Schule an der „Heimatfront“ im Ersten Weltkrieg. (Dissertation) Hamburg 2014. [nur aus dem Campusnetz abrufbar]

[1] Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 111.

[2] Rainer Bendick: „Schulen“. In: Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irene (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009, 822/823.

[3] Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 111.

[4] H. Gerstenberg: Das Wehrturnen als Pflichtfach an den höheren Schulen Hamburgs. In: MfT 36/1917, 217ff.

[5] Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 101-103.

[6] Benjamin Ziemann: „Kriegsfreiwillige“, In: Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irene (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009, 639/640.

[7] Stephane Audoin-Rouzeau: Kinder und Jugendliche, in: Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irene (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009, 135-141.

[8] Gudrun Fiedler: Bürgerliche Jugendbewegung, Erster Weltkrieg und sozialer Wandel 1914-1923. Köln 1989, 23-43.

[9] Im Winter 1916/17 gibt es deshalb seit 100 Jahren erstmals wieder „Kälteferien“ für die Schüler. Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 113.

[10] Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 116/117.

[11] Reinhold Zilch: „Rohstoffbewirtschaftung“ in: Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irene (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009, 797-800.

[12] Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 112.

[13] Klaus Saul: Jugend im Schatten des Krieges. Vormilitärische Ausbildung, Kriegswirtschaftlicher Alltag, Schulalltag in Deutschland 1914-1918. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 2/1983, 118.