Von Lars Amenda
„Erst in den letzten Jahren trat das weibliche Geschlecht im Sport besonders in Erscheinung. Heute gibt es kaum einen Zweig, in dem die Frauen nicht durch besondere Leistungen auch die Gegner des Frauensports, die noch immer vorhanden sind, beschämen.“[1] Mit diesen Worten unterstreicht die Zeitung Hamburgischer Correspondent Anfang 1926 die sprunghafte Entwicklung des Frauensports in der Hansestadt seit den frühen 1920er Jahren. Nach dem Ende des Deutschen Kaiserreiches im November 1918 folgten politische und wirtschaftliche Turbulenzen, aber auch eine neue demokratische Staatsform. Frauen erhielten 1919 endlich das Allgemeine Wahlrecht, wofür die Frauenrechtsbewegung im Kaiserreich viele Jahre lang intensiv gekämpft hatte.
Sportlerinnen trugen erheblich dazu bei, die weibliche Emanzipation anzustoßen und teilweise umzusetzen. Zwar verbesserte sich in den Jahren nach 1919 die Gleichstellung der Frauen in Deutschland, sie blieben aber in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Das breite Spannungsfeld zwischen neuen Möglichkeiten und alten Beschränkungen dokumentiert nicht zuletzt auch der Sport der 1920er Jahre. Die „neue Frau“, wie sie etwas überspitzt in der Weimarer Republik bezeichnet wurde, überwand vorherige Geschlechterrollen, trug teilweise demonstrativ kurze Haare, rauchte Zigarette – und trieb Sport.
In Hamburg öffneten sich viele Turn- und Sportvereine für den neuen Frauensport. Teilweise wurde, wie in der Leichtathletik 1919, explizit dazu aufgerufen, Frauenabteilungen in den Vereinen zu gründen, um den Frauensport systematisch zu fördern. Doch es existierten nach wie vor Vorbehalte bei manchen männlichen Vereinsleitungen. Der 1919 aus drei Vorgängervereinen hervorgegangene Hamburger Sport-Verein (HSV) war anfangs zurückhaltend gegenüber Leichtathletinnen im eigenen Club. In anderen Hamburger Vereinen praktizierten Frauen hingegen bereits fleißig Sport und konnten dort ihre Leistungsfähigkeit beweisen, gelegentlich auch bei Deutschen Meisterschaften. Paula Mollenhauer vom SC Victoria Hamburg gewann beispielsweise 1931 im Diskuswerfen die Meisterschaft und unterstrich wie die anderen erfolgreichen Athletinnen „den derzeitig hohen Stand der Frauen-Leichtathletik“, wie der Hamburgische Correspondent lobte.[2]
In anderen Disziplinen sah dies aber noch deutlich anders aus. Fußball wurde im Laufe der 1920er Jahre ungemein populär und entwickelte sich zum umjubelten Volkssport. Dies konnte gerade auch in Hamburg verfolgt werden. So errang der HSV 1923 und 1928 die Deutsche Meisterschaft und befeuerte die Fußballbegeisterung in Hamburg beträchtlich. Bei Fußballspielen gehörten Frauen im Publikum zwar zu einer kleinen Minderheit, doch auch sie genossen den Anblick des Sports und die neue Fankultur. Eine namentlich nicht genannte Engländerin beschrieb für Hamburger Zeitungsleser*innen den großen Reiz des Fußballs für das weibliche Geschlecht und antwortete auf die Frage, „[w]arum die Frauen Fußball lieben“. Es sei „das menschliche und persönliche Element“ des Fußballs und „die Atmosphäre, die das Spiel umgibt, die uns ein Vergnügen schafft“.[3]
Einige Frauen wollten nicht nur passiv Fußball schauen, sondern auch selber gegen den Ball treten. So spielten Frauen in der Hansestadt nachweislich bei Victoria Hamburg im Jahr 1922 und bei Barmbek-Uhlenhorst 1926. Doch aufgrund der immensen Widerstände und der männlichen Häme blieb es bei ersten Anfängen und es entstand kein Punktspielbetrieb. Dies lag insbesondere auch an der Politik des Norddeutschen Fußballverbands (NFV). „Den Damen nun soll kein Lederball hingeworfen werden“, war in der Presse im Oktober 1926 zu lesen, „um damit das Damen-Fußballspiel zu inszenieren, aber für den Handballsport will der Verband zu einer allgemeinen Bewegung im Frauensport kommen.“[4] Der NFV, der irritierende Weise damals ebenfalls für den noch jungen Handball zuständig war, wollte also den Fußball als rein männlichen Sport bewahren, öffnete als Kompromiss jedoch den Handball für die Frauen. In der Folge spielten Hamburgerinnen im Verein insbesondere Feldhandball.
Der Arbeiter*innensport schloss Frauen aus dem neuen Volkssport Fußball nicht grundsätzlich aus. Hamburger Arbeiterinnen kickten vor allem in den östlichen Stadtteilen wie Hammerbrook und Rothenburgsort, damals belebte Quartiere des proletarischen Milieus. Die offizielle Statistik des Arbeiter-Turn-und-Sportbundes (ATSB) verzeichnet für 1928/29 für die Freie Turnerschaft Hammerbrook sogar 28 Fußballerinnen (und 100 männliche Fußballer); bei Eilbek/Hamm (dem heutigen SC Hamm 02) waren es 10 und bei Rothenburgsort 11 Frauen (und 127 Männer).[5] Zwar entwickelte sich innerhalb des ATSB in Hamburg ebenfalls kein Ligafußball, doch die Zahlen dokumentieren, dass auch Hamburger Arbeiterinnen den neuen Volkssport Fußball ausüben wollten. In Frankfurt gründete sich 1930 um Lotte Specht sogar der – allerdings nur kurzzeitig bestehende – 1. Deutschen Damen Fußballclub.
Als 1919 die Universität Hamburg („Hamburgische Universität“) aus verschiedenen Vorläufern wie dem 1908 geschaffenen Hamburgischen Kolonialinstitut gegründet wurde, ermöglichte dies auch den Zugang von jungen Frauen zur akademischen Lehre. Bis Mitte der 1920er Jahre schrieben sich pro Semester 300 bis 500 Studentinnen ein, denen der Hochschulsport aber anfangs komplett verschlossen blieb. Am 1925 eröffneten Institut für Leibesübungen war ab 1929 als Professor der schweizerische Sportmediziner Wilhelm Knoll tätig, der dem Frauensport gegenüber skeptisch eingestellt war und in Veröffentlichungen vor einer Vermännlichung von Frauen durch den Sport warnte. Erst aufgrund „massiver Proteste“ seitens Studentinnen und des Anfang 1926 formierten Bundes Hamburger Studentinnen öffnete sich der Hochschulsport für Frauen.[6] Zum Sommersemester 1926 wurde Dr. Sophie Barrelet im Auftrag des Instituts für Leibesübungen als „Akademische Turn- und Sportlehrerin“ angestellt und koordinierte anschließend insbesondere Gymnastikkurse aber auch Training in anderen sportlichen Disziplinen wie Handball.
Die im Hamburger Bürgertum so beliebten Disziplinen aus den English sports verhielten sich gegenüber dem neuen Frauensport der 1920er Jahre zumeist abweisend. Dies betraf insbesondere auch den in Hamburger so traditionellen Rudersport. Frauen waren bei den alteingesessenen und renommierten Clubs als aktive Sportlerinnen nicht willkommen und mussten sich folglich anderweitig orientieren. 1925 gründeten deshalb die erwähnte Sophie Barrelet, Martha Marcus und Toni Brandt eine eigene „Damen-Riege“ im Allgemeinen Alsterclub (AAC). Damit trafen sie einen Nerv bei anderen sportinteressierten Hamburgerinnen und innerhalb weniger Jahre verzeichnete die Abteilung über 200 Mitglieder. Sophie Barrelet nutzte ihre Anstellung an der Universität Hamburg auch gezielt dazu, um Studentinnen für den Rudersport zu gewinnen. Vom erheblichen Zulauf angespornt gründeten die Mitglieder 1929 mit dem Hamburger Damen-Ruderclub einen eigenen Verein, der 1937 schließlich in den bis heute gültigen Namen „Hamburger Ruderinnen-Club von 1925 e.V.“ umbenannt wurde.
Die Lehrerin Sophie Barrelet trat nicht nur als Ruderin in Erscheinung, denn sie stand dem Club von 1927 bis 1965 vor. In den 1920er Jahren trat sie darüber hinaus auch außerhalb ihres Vereins und der Universität als öffentliche Fürsprecherin des Frauensports auf. So hielt sie wiederholt Vorträge über das Frauenrudern und war selbst im Rundfunk zu hören – im November 1928 beispielsweise mit dem zehnminütigen Beitrag „Welche Sportart soll die weibliche Jugend bevorzugen“.[7] Sie vertrat wohl eine gemäßigt fortschrittliche Position und bejahte zwar die beliebte Gymnastik von Mädchen und Frauen, empfahl aber auch das traditionelle Frauenturnen sowie den Frauensport in weiteren Disziplinen wie nicht zuletzt im Rudersport.
Ob Sophie Barrelet auch den aufstrebenden Motorsport von Frauen unterstützte, ist nicht bekannt, darf aber wohl bezweifelt werden. Gleichwohl gab es in den 1920er Jahren Frauen, die nicht nur Motorrad oder Auto fuhren, sondern damit auch im Rennsport aktiv waren. Um 1930 gehörte die Hamburgerin Hertha Herrmann deutschlandweit zu den bekanntesten Fahrerinnen. Ab 1925 arbeitete sie als freie Journalistin für den Hamburger Anzeiger und spezialisierte sich auf den neuen und zunehmend beliebten Motorsport. Damit stellte sie als Frau, deutsche Jüdin und Motorsportlerin in mehrfacher Hinsicht eine ungewöhnliche Ausnahme dar. Selbstbewusst nahm sie bisweilen in der Presse Stellung und kritisierte amüsiert das männliche Gehabe hinter dem Steuer oder auf dem Motorrad. Aus ihrer eigenen alltägliche Erfahrung berichtete sie 1931: „Ueberhole ich einen männlichen Sportkameraden und er erkennt eine Frau als Fahrerin, da scheint ihn der Teufel zu reiten. Ohne jegliche Besonnenheit gibt er Vollgas.“[8]
Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des gesellschaftlichen Wandels und der zunehmenden Emanzipation von Frauen in den 1920er Jahren behielten viele Männer ihre traditionellen Männlichkeitsbilder. Mit dem Beginn der NS-Herrschaft bediente der intensiv protegierte Sport dann wieder vor allem klassische Geschlechterrollen. Die Protagonistinnen des Hamburger Frauensports während der Weimarer Republik unterschieden sich teils stark in ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus. Hertha Herrmann flüchtete als verfolgte Jüdin aus Deutschland, nachdem sie 1937 von SA-Männern brutal überfallen worden war. Die während der Weimarer Republik so aktive Fürsprecherin des Frauensports Sophie Barrelet hingegen trat 1933 in die NSDAP ein und übernahm als „glühende Nationalsozialistin“ verschiedene Parteiämter und Funktionen, sowohl im Sport als auch im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB).[9]
[1] Frauensport, in: Hamburgischer Correspondent und Hamburgische Börsen-Halle, Nr. 66 vom 9.2.1925.
[2] Weltrekorde bei den Frauen, in: Hamburgischer Correspondent, Nr. 356 vom 3.8.1931.
[3] Warum die Frauen Fußball lieben, in: Harburger Tageblatt, Nr. 123 vom 29.5.1926.
[4] Was treibt man in deutschen Turnvereinen, in: Harburger Tageblatt, Nr. 252 vom 27.10.1926.
[5] Geschäftsbericht über die Jahre 1928/29 des Arbeiter-Turn-und-Sportbundes E.V., Leipzig 1930, S. 204.
[6] Michael Joho, Hochschulsport in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik und der Anfangsjahre des „Dritten Reiches“. Eine lokalgeschichtliche Studie zur Militarisierung der Hamburgischen Universität, Stuttgart 1990, S. 75.
[7] Rundfunk-Programm, in: Harburger Anzeigen und Nachrichten, Nr. 42 vom 17.11.1928.
[8] Hertha Herrmann, Wir Frauen als . . . Autofahrerinnen!, in: Altonaer Nachrichten, Hamburger neueste Zeitung, 2. Beilage zu Nr. 77, 1.4.1931, S. 9
[9] Hans-Peter de Lorent, Sophie Barrelet. „Das deutsche Mädchen muß früh lernen, tapfer durchzuhalten, Entbehrungen zu ertragen“, in: ders., Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz, Bd. 1, Hamburg 2016, S. 352-361, hier S. 352.