Soziale Probleme der Übersiedlung nach Hamburg

Christoph Strupp (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg)

So sehr die offizielle Politik und weite Teile der Bevölkerung in Hamburg sich nach dem 9. November über die vielen Besucherinnen und Besucher aus der DDR freuten, so sehr stellten diejenigen, die dauerhaft bleiben wollten, die Stadt vor Herausforderungen. Von Januar bis Ende November 1989 waren 6.675 Übersiedler aus der DDR, davon allein 2.758 im November, und über 10.000 Aussiedler aus osteuropäischen Ländern nach Hamburg gekommen. In der Haushaltsdebatte Mitte Dezember 1989 prognostizierte der Hamburger Sozialsenator Ortwin Runde (SPD), dass für die Bundesrepublik insgesamt für das Jahr 1990 von bis zu 750.000 Aus- und Übersiedlern auszugehen sei, von denen Hamburg über 22.000 Menschen aufzunehmen hatte. Der Senat forderte nachdrücklich finanzielle Hilfe von der Bundesregierung.

Zwar entspannte sich die Lage nach den freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 und dem Inkrafttreten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik und der DDR am 1. Juli 1990, aber die Menschen, die bis dahin nach Hamburg gekommen waren, trafen nach der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt in den 1980er Jahren auf einen angespannten Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Nachdem Hamburg rund zwei Jahrzehnte lang kontinuierlich Bevölkerung verloren hatte und „geschrumpft“ war, konnte man nun nicht innerhalb weniger Wochen die Strukturen an die Erfordernisse einer „wachsenden Stadt“ anpassen. Berichte über den problematischen Alltag von 260 Übersiedlern, die in einer Turnhalle in Lohbrügge untergebracht waren, erschienen mit der Schlagzeile „Fünf Quadratmeter Freiheit“ am 4. Dezember in dem SED-Parteiorgan „Neues Deutschland“ und zwei Tage später unter der Überschrift „Ein Leben im Holzverschlag“ auch im „Hamburger Abendblatt“.

Vielen Übersiedlern gelang es trotz der anfänglichen Schwierigkeiten, sich im Westen ein neues Leben aufzubauen, aber nicht wenige scheiterten auch: Nicht alle verfügten über berufliche Qualifikationen, die in marktwirtschaftlichen Strukturen verwertbar waren, und nach Jahrzehnten staatlicher Bevormundung kamen auch nicht alle mit den Anforderungen eines selbstbestimmten Lebens zurecht. Mitte Dezember 1989 waren von den rund 81.000 Arbeitslosen in der Stadt über zehn Prozent Aus- und Übersiedler. Angesichts der sozialen Probleme, die der Umbruch in der DDR auch im Westen hervorrief und die in Harburg, Billstedt und Poppenbüttel in Proteste gegen Containersiedlungen für Aus- und Übersiedler mündeten, warnte der evangelische Hamburger Bischof Peter Krusche vor der Gefahr, an die Stelle der Mauer aus Beton nun eine „Mauer aus Abschreckung und Verachtung“ treten zu lassen.