Jilou Keyli Pascquinelli Esco
Klaus Störtebeker – ein unbekannter Mann wird zur Legende
Aus Hamburg gibt es viele Geschichten über Seeräuber. Viele Menschen wurden dabei gefangen genommen oder getötet. Einer der bekanntesten Seeräuber war Klaus Störtebeker. Seit etwa 600 Jahren erzählt man Geschichten über ihn.

Das ist nicht Störtebeker! Das Bild wird häufig für Störtebeker verwendet. Es ist Kunz von Rosen, ein Freund des Kaisers Maximilian, der 100 Jahre nach Störtebeker lebte.
Heute gibt es Bücher, Filme und Musik über ihn. Auf Rügen gibt es sogar Störtebeker-Festspiele. In Hamburg steht ein Denkmal für ihn. Doch über Störtebeker weiß man weniger, als viele denken. Man weiß zum Beispiel nicht sicher, wie er aussah.
Im Museum für Hamburgische Geschichte gibt es einen Schädel, der vermutlich von einem Piratenanführer stammte. Aber es ist nicht nachzuweisen, dass es der Schädel von Störtebeker ist.
Viele erzählen, er sei ein gerechter Pirat gewesen, weil er seine Beute geteilt habe. Aber stimmt das wirklich?
Ein Streit um drei Länder
Im Jahr 1375 wollte Margarete, die Königin von Dänemark, auch Norwegen und Schweden als ein Land regieren. Dänemark und Norwegen hatte sie schon. Nun wollte sie auch Schweden. Doch Herzog Albrecht von Mecklenburg wollte ebenfalls über Schweden herrschen. Margarete hatte mehr Ritter als Albrecht. Deshalb suchte Albrecht Hilfe auf dem Meer. Er erlaubte Seeleuten, dänische Schiffe zu überfallen und den Handel zu stören.
Freibeuter – Seeräuber mit Erlaubnis
Diese Männer nannte man Freibeuter. Das bedeutet: Sie waren Seeräuber mit Erlaubnis. Sie waren „frei“, Beute zu machen. Im Krieg brachten sie einmal der belagerten Stadt Stockholm Lebensmittel. Lebensmittel nannte man damals „Victualien“. Deshalb hießen die Männer Vitalienbrüder.
Von Gotland in die Nordsee
Als der Streit zwischen Margarete und Albrecht vorbei war, hörten die Vitalienbrüder mit den Raubzügen nicht auf. Sie überfielen weiter Schiffe. Sie lebten auf Gotland. Weil der Handel der Hanse sehr gestört wurde, vertrieben die Hansekaufleute die Vitalienbrüder von dort. Ihr Anführer Goedeke Michels floh mit vielen Männern in die Nordsee.
Von Friesland aus gegen die Hanse
In Friesland fanden die Vitalienbrüder neue Verstecke. Einige Häuptlinge dort ließen sie bleiben, weil sie ihre Hilfe im Kampf gebrauchen konnten. Doch die Vitalienbrüder überfielen weiter Schiffe der Hanse.
Dabei stahlen sie die Ladung. Oft wurden auch Menschen verletzt oder getötet. Anders als man oft erzählt, wurde die Beute so aufgeteilt: Die Kapitäne bekamen zuerst den Teil, den sie sich aussuchten, danach erst die Mannschaft. Also waren die Vitalienbrüder nicht wirklich „Gleichteiler“ oder „Likedeeler“, wie man sie auch im Plattdeutschen nannte. Heute wird oft noch erzählt, dass die Vitalienbrüder gerecht waren, weil sie gleich teilten. Doch die Kapitäne bekamen mehr als andere von der Beute.
Die Hanse schlägt zurück
Der Handel von Hamburg und Bremen war nun in Gefahr. Hamburg und andere Hansestädte wollten die Seeräuber stoppen. Sie forderten die friesischen Häuptlinge auf, die Vitalienbrüder auszuliefern. Doch die Häuptlinge weigerten sich. Darum taten sich Hamburg, Bremen und Lübeck zusammen. Sie schickten Kriegsschiffe los, um die Vitalienbrüder zu fangen.
Bis Mai 1400 fingen Hamburg und Lübeck mehrere Seeräuber und zerstörten ihre Festungen. Die wichtigsten Anführer entkamen und Goedeke Michels floh mit einer Seeräuberflotte nach Norwegen.

Dieses Bild, entstand vierhunderfünfzig Jahre nach Störtebekers Tod. Es soll zeigen, wie er als Gefangener nach Hamburg gebracht wird. Du kannst sehen, dass der Maler das Gesicht von Kunz von Rosen verwendet hat.
Störtebeker soll bei Helgoland geblieben sein. Dort wollte er weiter Schiffe überfallen. Doch im Spätsommer fingen Hamburger Kriegsschiffe viele Vitalienbrüder – genau bei Helgoland. Es heißt, Störtebeker wurde nach Hamburg gebracht und zum Tode verurteilt.
Ein Jahr später fingen die Hamburger auch Goedeke Michels. Auch er wurde in Hamburg getötet. So brachten die Hamburger die Seeräuberei erst einmal unter Kontrolle.
Gab es Klaus Störtebeker wirklich?
1380 wurde ein Nicolaus Störtebeker wegen einer Prügelei aus der Stadt Wismar ausgewiesen. Vielleicht war dieser Nicolaus der berühmte Klaus Störtebeker. Vielleicht auch nicht. Sicher ist nur: In den Geschichten wurde Störtebeker später zu einem wichtigen Anführer der Seeräuber.
Störtebeker soll von Helgoland aus Schiffe überfallen haben. Als viele Seeräuber nach Norwegen flohen, blieb er zurück. Dann wurde er gefangen genommen und auf dem Grasbrook in Hamburg hingerichtet. In alten Urkunden und Rechnungen der Stadt taucht sein Name aber nicht auf.
Das macht die Geschichte spannend: Hat es Klaus Störtebeker wirklich gegeben? Oder wurden später mehrere Geschichten zu einer großen Legende zusammengefügt?
Was wissen wir wirklich?
Historiker haben herausgefunden: Klaus Störtebeker kommt in wichtigen Quellen um 1400 nicht vor. Es gab aber einen Johan Störtebeker aus Danzig. Er war Kaufmann und Freibeuter. Er lebte aber noch 1414 und galt als ehrbarer Kaufmann. Vielleicht wurden später Geschichten über verschiedene Personen vermischt.
Die Schlacht vor Helgoland gab es wirklich. Auch wurden viele Seeräuber in Hamburg hingerichtet. Ob Klaus Störtebeker wirklich dabei war, ist aber nicht sicher.
Warum wurde Störtebeker so berühmt?
Goedeke Michels war damals wohl bekannter als Klaus Störtebeker. Trotzdem erzählt man heute mehr über Störtebeker. Vielleicht liegt das an seinem besonderen Namen: „Störtebeker“ bedeutet ungefähr „Stürz den Becher“. Der Name passt zu der Geschichte, dass er einen großen Becher Bier auf einmal austrinken konnte.
Vielleicht machten die Hamburger ihn später besonders berühmt, weil er einer der ersten Seeräuberführer war, die sie gefangen nahmen.
Mit der Zeit wurde Störtebeker in Geschichten immer stärker und mutiger dargestellt. Viele Menschen mochten die Vorstellung, dass ein Seeräuber sich gegen mächtige Herrscher stellte. Der Mythos Störtebeker bedeutet vielen Menschen: Man muss sich nicht alles von Mächtigen gefallen lassen. In den Geschichten ist Störtebeker frei, mutig und stark. Darum wurde aus ihm eine Legende.
Zum Nachdenken
Heute steht beim Grasbrook in Hamburg ein Denkmal von Störtebeker. Dort soll er hingerichtet worden sein. Was meinst du: Verdient Störtebeker ein Denkmal? 
Und ist es unfair, dass Goedeke Michels heute weniger bekannt ist, obwohl er damals vielleicht schlauer und gefährlicher war?
Was meinst du?
Bildrechte der Comicbilder liegen bei Jens Natter. Es ist untersagt, sie anderweitig als auf dieser Website zu verwenden.


