Hamburg und die deutsche Wiedervereinigung

1989 - 1990

Christoph Strupp (Forschungsstelle für Zeitgeschichte)

Zu den Arbeitsmaterialien →

Ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer, am 9. November 1990, hielt der Hamburger Erste Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) seine Antrittsrede als Präsident des Bundesrats. Dem Bundesrat gehörten nach dem Vollzug des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes fünf neue Bundesländer an. Voscherau betonte, dass durch die deutsche Einheit gerade für Hamburg nun zusammenwachse, was zusammengehöre und der Stadtstaat sein „natürliches Hinterland“ im Osten zurückerhalte: „Nun endlich erfährt auch die ‚Politik der Elbe‘, von meinen Hamburger Amtsvorgängern Kurt Sieveking und Max Brauer begonnen und seither in Ham­burg jenseits aller Parteigrenzen von allen hochgehalten, ihre Vollendung.“

Tatsächlich empfand Hamburg nach der Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1949 die deutsche Teilung als besonders schmerzlich für die Stadt. Der „Eiserne Vorhang“ zwischen Ost und West hatte Hamburg in eine geopolitische Randlage gebracht und Hafen und Handel den Zugang zu ihren bisherigen Partnern in Mittel- und Osteuropa weitgehend abgeschnitten. Unter dem Schlagwort „Politik der Elbe“ versuchte die Stadt in den fünfziger und sechziger Jahren, im Interesse ihrer Wirtschaft die Grenze zwischen den beiden Machtblöcken für den Güterverkehr wieder durchlässiger zu machen. Diese Politik der Kontaktpflege mit den kommunistischen Staaten wurde von allen damals in der Bürgerschaft vertretenen Parteien (SPD, FDP, CDU) unterstützt. Vertreter der Hamburger Hafen- und Lagerhaus-Aktiengesellschaft (HHLA) und später auch der Wirtschaftsbehörde besuchten regelmäßig das wichtigste Wirtschaftsforum der DDR, die Leipziger Messe.

Als sich in den frühen siebziger Jahren im Rahmen der „neuen Ostpolitik“ unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) die Beziehungen zur DDR und zu den Staaten Osteuropas insgesamt entspannten, sah sich Hamburg als Vorreiter dieser Politik. Obwohl die DDR Ende der fünfziger Jahre Rostock zum Überseehafen ausgebaut hatte, stieg das Handelsvolumen Ostdeutschlands mit Hamburg weiter an. Mitte der siebziger Jahre waren bis zu 10 Prozent des jährlichen Güterumschlags im Hamburger Hafen für die DDR bestimmt.

In den achtziger Jahren waren mehrere hundert Hamburger Firmen in der DDR engagiert, obwohl die Handelsbeziehungen unter der zunehmenden Überschuldung der DDR litten. Dafür intensivierten sich die Kontakte Hamburgs mit dem ostdeutschen Staat auf anderen Feldern. 1981 besuchte mit Hans-Ulrich Klose (SPD) erstmals ein Hamburger Bürgermeister die Leipziger Messe. Die Verkehrsverbindungen in den Osten wurden verbessert, der Senat verhandelte mit der DDR über Maßnahmen zur Reinhaltung der Elbe und exportierte Haus- und Gewerbemüll auf die ostdeutsche Deponie Schönberg. Im Dezember 1987 schlossen die Elbstädte Hamburg und Dresden eine offizielle Städtepartnerschaft. Wenige Monate vor dem Fall der Mauer wurde Hamburg in den „Kleinen Grenzverkehr“ mit der DDR einbezogen, was Hamburgerinnen und Hamburgern unbürokratische Kurzbesuche in 57 grenznahen Kreisen im Osten ermöglichte.

Am 11. September 1989 öffnete Ungarn für Bürgerinnen und Bürger aus der DDR die Grenze zu Österreich. Schon wenig später trafen auch in Hamburg die ersten Übersiedler ein, die zunächst provisorisch in Wohnwagen auf Camping-Plätzen u.a. in Schnelsen und Stellingen untergebracht wurden. Später mietete die Stadt noch zwei Wohnschiffe mit mehreren hundert Schlafplätzen an, die am Elbufer lagen. Zudem wurden Schlafplätze in Schulen, Jugendheimen, Kasernen und bei Privatleuten geschaffen. Waren von Januar bis September 1989 rund 10.000 Übersiedler in die Hansestadt gekommen, rechneten die Behörden nun damit, bis zum Jahresende weitere 11.000 Menschen unterbringen zu müssen.

Bürgermeister Voscherau reiste in der zweiten Jahreshälfte 1989 mehrfach in die DDR und traf sich dabei u.a. auch mit dem reformorientierten Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow, der am 13. November 1989 für fünf Monate letzter Vorsitzender des Ministerrates der DDR wurde. Wie dicht die DDR im Herbst 1989 vor ihrem politischen Ende stand und welche großen Chancen und Herausforderungen nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November auf Hamburg zukommen würden, konnte allerdings auch Voscherau nicht voraussehen.

In den ersten Tagen und Wochen nach der Öffnung der Mauer am 9. November strömten Bürgerinnen und Bürger der DDR ihn großer Zahl auch nach Hamburg, insbesondere an den Wochenenden, besuchten Freunde und Verwandte, besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Stadt und nutzten das Warenangebot in den Geschäften. Später wurde auch in die umgekehrte Richtung gereist: So begleitete Voscherau Mitte Dezember einen Sonderzug mit 800 Hamburgerinnen und Hamburgern in die Partnerstadt Dresden. Neben den Zügen bestanden zu dieser Zeit auch bereits eine direkte Busverbindung von Hamburg nach Schwerin und eine Flugverbindung zwischen Hamburg und Dresden.

So sehr die offizielle Politik und weite Teile der Bevölkerung sich über die Besucher freuten, so sehr stellten diejenigen, die dauerhaft bleiben wollten, die Stadt vor Herausforderungen. Von Januar bis Ende November 1989 waren 6.675 Übersiedler aus der DDR, davon allein 2.758 im November, und über 10.000 Aussiedler aus osteuropäischen Ländern nach Hamburg gekommen. In der Haushaltsdebatte Mitte Dezember 1989 prognostizierte der Hamburger Sozialsenator Ortwin Runde (SPD), dass für die Bundesrepublik insgesamt für das Jahr 1990 von bis zu 750.000 Aus- und Übersiedlern auszugehen sei, von denen Hamburg über 22.000 Menschen aufzunehmen hatte. Der Senat forderte nachdrücklich finanzielle Hilfe von der Bundesregierung. Zwar entspannte sich die Lage nach den freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 und dem Inkrafttreten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik und der DDR am 1. Juli 1990, aber die Menschen, die bis dahin nach Hamburg gekommen waren, trafen nach der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt in den 1980er Jahren auf einen angespannten Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Nachdem Hamburg rund zwei Jahrzehnte lang kontinuierlich Bevölkerung verloren hatte und „geschrumpft“ war, konnte man nun nicht innerhalb weniger Wochen die Strukturen an die Erfordernisse einer „wachsenden Stadt“ anpassen. Berichte über den problematischen Alltag von 260 Übersiedlern, die in einer Turnhalle in Lohbrügge untergebracht waren, erschienen mit der Schlagzeile „Fünf Quadratmeter Freiheit“ am 4. Dezember in dem SED-Parteiorgan „Neues Deutschland“ und zwei Tage später unter der Überschrift „Ein Leben im Holzverschlag“ auch im „Hamburger Abendblatt“.

Vielen Übersiedlern gelang es trotz der anfänglichen Schwierigkeiten, sich im Westen ein neues Leben aufzubauen, aber nicht wenige scheiterten auch: Nicht alle verfügten über berufliche Qualifikationen, die in marktwirtschaftlichen Strukturen verwertbar waren, und nach Jahrzehnten staatlicher Bevormundung kamen auch nicht alle mit den Anforderungen eines selbstbestimmten Lebens zurecht. Mitte Dezember 1989 waren von den rund 81.000 Arbeitslosen in der Stadt über zehn Prozent Aus- und Übersiedler. Angesichts der sozialen Probleme, die der Umbruch in der DDR auch im Westen hervorrief und die in Harburg, Billstedt und Poppenbüttel in Proteste gegen Containersiedlungen für Aus- und Übersiedler mündeten, warnte der evangelische Hamburger Bischof Peter Krusche vor der Gefahr, an die Stelle der Mauer aus Beton nun eine „Mauer aus Abschreckung und Verachtung“ treten zu lassen.

Auf der wirtschaftlichen und politischen Ebene blickten die Verantwortlichen dagegen frühzeitig optimistisch in die Zukunft. Die Öffnung der Mauer ermöglichte Hamburg die „Rückkehr in die Zentralität im Herzen Europas“, wie Bürgermeister Voscherau in einem Zeitungsinterview Ende Dezember 1989 formulierte. Vertreter von SPD, CDU und FDP, aber auch der Vorstandschef der HHLA und ehemalige Wirtschaftssenator Helmuth Kern, sahen für den Hafen die Möglichkeit, seine „historische Position als Zentralhafen für Mitteleuropa zurückzugewinnen“. Das Ende der Teilung Europas bot Hamburg neue wirtschaftliche Chancen im Ostseeraum und entlang der Elbe bis tief nach Mitteleuropa hinein, erforderte dafür aber auch finanzielle Vorleistungen beim Ausbau der Verkehrswege. Der Senat schuf noch im Dezember 1989 einen Kooperationsfonds von 20 Mio. DM und förderte Reisen von Wirtschaftsvertretern in die DDR und nach Osteuropa, die der Anbahnung neuer Kontakte und Geschäfte dienten.

Voscherau intensivierte die Beziehung zu Dresden und lud seinen Amtskollegen Berghofer u.a. zum Neujahrsempfang und, zusammen mit DDR-Regierungschef Hans Modrow, zum traditionsreichen Matthiae-Mahl ins Hamburger Rathaus ein. Hamburger Beamte halfen beim Aufbau einer leistungsfähigen Verwaltung in Ostdeutschland, was im Februar 1993 seinen filmischen Niederschlag u.a. in der Episode „Der Rubel rollt“ der Krimi-Reihe „Schwarz-Rot-Gold“ fand. Die ersten freien Wahlen in der DDR am 12. März 1990 verfolgten Voscherau, Berghofer und Helmut Schmidt dann vor Ort im Dresdener Hotel Bellevue. Lediglich die 1990 ebenfalls vorauszusehende Sogwirkung eines wiedervereinigten Berlins sorgte für Unruhe. Spätere Pläne, den Standort Hamburg etwa durch einen neuen Großflughafen oder eine Transrapid-Verbindung nach Berlin zu stärken, verliefen im Sand.

Hamburger Politiker und Spitzenvertreter der Wirtschaft hatten sich frühzeitig für die deutsche Einheit eingesetzt. Bürgermeister Voscherau hatte schon im Januar 1990 davon gesprochen und in den folgenden Monaten, auch gegen Widerstände in der SPD, eine wichtige Rolle bei der Aushandlung des Staatsvertrags mit der DDR gespielt. Überlegungen, den politischen Umbruch im Osten für eine Neugliederung aller Bundesländer zu nutzen und die seit Jahrzehnten immer wieder diskutierte Idee eines „Nordstaates“ aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen zu verwirklichen, erteilte er eine Absage. Am 3. Oktober 1990 feierten dann 200.000 Hamburger in der Innenstadt den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Voscherau sprach in seiner Festrede auf dem Rathausmarkt von einem „Geschenk der Geschichte“, dankte den Demonstranten in Ostdeutschland, die im Herbst 1989 die Einheit auf den Weg gebracht hatten, und mahnte für die Gestaltung des neuen Deutschlands „Tatkraft und Zuversicht, Solidarität und Gerechtigkeit“ an. Er erinnerte aber auch an die Opfer der Teilung und versprach den europäischen Nachbarn, auch mit Blick auf die Verbrechen des „Dritten Reichs“, dass „nie wieder Menschen über Deutschland oder deutsche Politik Tränen vergießen müssen.“

Die Finanzierung der deutschen Einheit und des Aufbaus in der DDR kostete das Bundesland Hamburg allein in den kommenden vier Jahren über eine halbe Milliarde DM, und die sozialen Probleme und Verwerfungen, die die deutsche Einheit mit sich brachte, ließen Voscherau bei der zentralen Feier des ersten Jahrestags im Oktober 1991 in Hamburg von einem „Jahr der Ernüchterung“ sprechen. Mittelfristig erfüllte sich zumindest die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung der Hansestadt, allerdings weniger durch den Handel mit der ehemaligen DDR als durch den Zugang zu den osteuropäischen Märkten, insbesondere Polens und Russlands.

 

Literatur:

Braune, Tassilo / Busse, Carl-Heinrich, Hamburg und die deutsche Einheit, in: Lothar Juckel (Hg.), Europa der Städte und Regionen: Grenzüberschreitungen, Berlin 1995, S. 205-212.

Hamburg – Porträt einer Weltstadt 88 / 89 / 90, jeweils hg. vom Hamburger Abendblatt, Hamburg 1988 /1989 / 1990.

Küberling, Doreen, Die Aufnahme der DDR-Übersiedler in Hamburg 1989/90, Unveröffentlichte Masterarbeit, Universität Hamburg 2012.