Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768)

William Onken

Eine Gelehrtenlaufbahn im 18. Jahrhundert

Reimarus wurde am 22. Dezember 1694 in Hamburg geboren. Seine Mutter Johanna stammte aus der Ratsfamilie Wetken, aus der mehrere Bürgermeister Hamburgs hervorgingen. Sein Vater Nikolaus kam aus einer pommerschen Pastorenfamilie und siedelte nach seinem Theologiestudium in Kiel 1688 als Lehrer des Johanneums nach Hamburg über. Da Latein zu dieser Zeit die wichtigste Bildungssprache war, wurde der junge Reimarus von seinem Vater bereits früh unterrichtet.

Seine schulische Ausbildung absolvierte Reimarus am Johanneum, der zentralen Bildungsinstitution Hamburgs. Die nächsten Schritte zur universitären Ausbildung unternahm er ab 1710 im angeschlossenen Akademischen Gymnasium, welches als höhere Schule auf ein Universitätsstudium vorbereitete. Dort wurde er von Gelehrten mit überregionalem Ansehen unterrichtet, zum Beispiel von den beiden Philologen Johann Albert Fabricius (1668-1736) und Johann Christoph Wolf (1683-1739). Sie prägten seine Werke und unterstützten ihn auf seinem weiteren Weg. Als er das Gymnasium verließ, beherrschte er zusätzlich zu Latein bereits Griechisch und Hebräisch.

1714 begann er das Studium an der Universität Jena. Er belegte zunächst das damals dominante Fach Theologie, wandte sich aber schließlich der Philosophie und der Philologie zu – mit einem Schwerpunkt auf orientalische Sprachen. 1716 wechselte er an die Universität Wittenberg. Dort schloss er sein Studium mit einer lateinischen Dissertation über die hebräische Sprache ab und erlangte den Grad eines Magisters. 1719 legte er eine Habilitationsschrift über den frühen Machiavellismus vor und lehrte daraufhin an der philosophischen Fakultät.

Wie viele andere seiner Zeitgenossen unternahm er eine Studienreise in die Niederlande (1720) sowie nach England (1721). Mithilfe seiner beiden Lehrer aus Hamburg erhielt er Zugang zu Gelehrten und Bibliotheken. In Oxford und London erweiterte er seine englischen Sprachkenntnisse und setzte sich mit den dortigen aufklärerischen Ideen auseinander. Hier kam er mit vernunftorientierten und bibelkritischen Ideen wie dem Deismus oder der Physikotheologie in Kontakt. Mit Deismus sind Vorstellungen gemeint, dass Gott zwar die Welt erschaffen habe, aber danach nicht mehr in die Welt aktiv eingegriffen habe. Die Physikotheologie befasste sich besonders mit der Frage, ob die Schöpfung der Beweis für die Existenz Gottes sei und daher schriftliche Offenbarungen nicht erforderlich seien.

Nach seiner Rückkehr wollte er die begonnene Gelehrtenlaufbahn an der Universität Wittenberg aus finanziellen Gründen nicht fortsetzen. Aufgrund seiner vielseitigen Kenntnisse und mit Unterstützung durch den hamburgischen Rat und durch seinen Lehrer Fabricius wurde er 1723 Rektor der Großen Stadtschule von Wismar. Als neuer Rektor entwickelte er ein aufklärerisches Erziehungsprogramm, so dass der Unterricht die Vernunft der Schüler stärken und sie zu eigenständigem Denken anregen sollte. Des Weiteren setzte er sich für die weitgehende Abschaffung der Prügelstrafe in der Schule ein.

Wismar sollte nur eine Zwischenstation bleiben. Reimarus bemühte sich mehrfach, Professor am Akademischen Gymnasium in Hamburg zu werden. 1728 gelang es ihm schließlich, dort die Professur für orientalische Sprachen zu erhalten.

Im gleichen Jahr heiratete er Johanna Friederike, die Tochter seines alten Professors Fabricius. Nur zwei ihrer Kinder erreichten das Erwachsenenalter: Der spätere Arzt und Naturforscher Johann Heinrich Albrecht (1729-1814) und die Schriftstellerin Elise (1735-1805).

Reimarus starb als anerkannter Gelehrter und aktiver Aufklärer im Alter von 73 Jahren am 1. März 1768.

Reimarus und die Aufklärung in Hamburg

Als Professor und neuer Rektor des Johanneums erweiterte Reimarus seine Verbindungen innerhalb des wohlhabenden Bürgertums der Stadt. Es festigte sich seine Freundschaft zu seinem früheren Mitschüler Barthold Heinrich Brockes, der nun Ratsherr und Schriftsteller war. Hierdurch wurde Reimarus aktives Mitglied in den aufklärerischen Kreisen Hamburgs, zu denen auch sein Lehrer Fabricius gehörte. Auf Leseabenden, beim Tee oder bei Ausflügen wurden gesellschaftliche Fragen diskutiert oder Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher besprochen. Als die ersten Vertreter der Aufklärung in Hamburg verstarben, übernahm Reimarus eine Führungsrolle innerhalb dieser Bewegung. Zusammen mit anderen Aufklärern wie Johann Georg Büsch, Friedrich Klopstock oder Georg Heinrich Sieveking begründete er 1765 die „Hamburgische Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe“, die seitdem als gemeinnützige „Patriotische Gesellschaft“ über die gesellschaftlichen Grenzen hinweg bekannt ist und zahlreiche Projekte wie die erste Sparkasse (1778) oder eine neue Armenanstalt (1788) vorantrieb.

Am Johanneum setzte er sein aufklärerisches Bildungsprogramm fort und förderte begabte Schüler wie den späteren Pädagogen Johann Bernhard Basedow. Neben seinen Lehr- und Repräsentationsfunktionen konzentrierte er sich auf seine philologischen Studien, unter andrem zum Buch Hiob und zur römischen Geschichte des Cassius Dio.

Ein zentrales Anliegen für ihn war die vernunftorientierte Betrachtung der Bibel, was im Zusammenhang mit den aufklärerischen Ideen seiner Zeit insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit den dortigen Wunderberichten bedeutete. In seinen Werken verband sich insofern vernunftorientiertes Gelehrtentum mit der aufklärerischen Bibelkritik. Aus diesen Gedankengängen entstanden seine beiden Hauptwerke „Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion“ (1754) und „Die Vernunftlehre, als eine Anweisung zum richtigen Gebrauch der Vernunft in der Erkenntnis der Wahrheit“ (1756). Ferner philosophierte er im Werk „Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe“ (1760) über die Tierwelt.

Anders als üblich verfasste er seine Werke auf Deutsch, sodass sie für ein breites Publikum lesbar waren. Trotz seines Renommées als Gelehrtem bestand für Reimarus die Gefahr mit seinen Ideen einen Konflikt mit dem Rat und der Kirche zu verursachen. Gerade Hamburg war im 18. Jahrhundert weiterhin von der lutherischen Orthodoxie geprägt. Da er als Professor am Akademischen Gymnasium unter Kontrolle der städtischen Schulverwaltung stand, konnte dies seine bürgerliche Existenz gefährden.

Daher blieb sein weiteres Hauptwerk die „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ unveröffentlicht und wurde nur vertrauten Freunden gezeigt. Der Kern dieser Arbeit entstand in den 1740er Jahren. Dort formulierte er insbesondere seine bibelkritischen Gedanken die er nicht veröffentlichen wollte. Hierzu gehörte z. B. die Einsicht, dass die Auferstehung Christi im Neuen Testament uneinheitlich dargestellt werde, somit eine Erfindung von Jesu´ Anhänger gewesen sein müsse.

Lessing, der sich um das Nationaltheater in Hamburg bemühte und mit Reimarus befreundet war, erhielt nach dessen Tod Teile des Manuskripts. Als Bibliothekar in Wolfenbüttel gab er eine Zeitschrift heraus und genoss hierfür Zensurfreiheit. Dort publizierte er anonym in den 1770er Jahren die „Fragmente eines Wolfenbüttelschen Ungenannten“.

Aufgrund der bibelkritischen Inhalte erschienen hierzu zahlreiche Gegenschriften und Lessing erhielt schließlich ein Publikationsverbot für weitere Religionsfragen. Dieser publizistische Streit im Zeichen der Aufklärung ist heute als „Fragmenten-Streit“ bekannt. Aus Hamburg schrieb besonders der Hauptpastor der Katharinenkirche Johann Melchior Goeze gegen die Fragmente. Goeze gilt wiederum als letzter bedeutender Vertreter der lutherischen Orthodoxie in Hamburg. Erst 1814 wurde bekannt, dass Reimarus der Autor war, wodurch weiter über seine Person gestritten wurde. Als späte Ehrung wurde das Lessingdenkmal 1881 durch ein Bronzerelief mit einem Portrait von ihm ergänzt und 1902 die Reimarusstraße in der Neustadt nach ihm benannt. Eine vollständige Ausgabe der Apologie erschien schließlich erst 1972.

Reimarus war ein beispielhafter Vertreter der Aufklärung in der Hansestadt. Durch seine Tätigkeiten als Professor und Gelehrter trug er zur Verbreitung wie auch Umsetzung von aufklärerischen Ideen bei. Die Vernunft sollte zum alleinigen Maßstab für das Denken und Handeln werden, was auch Kritik an den politischen oder konfessionellen Verhältnissen und letztlich Konflikte mit der bestehenden Ordnung bedeutete. Dieser Zwiespalt der Aufklärungszeit prägte auch sein Leben.

Grundlegende Literatur:

Groetsch, Ulrich: Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). Classicist, Hebraist, Enlightenment Radical in Disguise. Leiden 2015.

Klein, Dietrich: Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). Das theologische Werk. Tübingen 2009

Kopitzsch, Franklin: Reimarus, Hermann Samuel. In: Kopitzsch, Franklin/Tilgner, Daniel (Hrsg.): Hamburg-Lexikon. 4. Auflage. Hamburg 2010, S. 572-573.

Mulsow, Martin (Hrsg.): Between Philology and radical Enlightenment. Hermann Samuel Reimarus (1694-1768). Leiden/Boston 2011.

Overhoff, Jürgen: Reimarus, Hermann Samuel. In: Franklin Kopitzsch, Dirk Brietzke (Hrsg.): Hamburgische Biografie. Band 4. Göttingen 2008, S. 278–280.

Steiger, Johann Anselm: Hermann Samuel Reimarus. Zur Gelehrsamkeit eines Professors am Hamburger Akademisches Gymnasium. In: Brietzke, Dirk/Kopitzsch, Franklin/Nicolaysen, Rainer (Hrsg.): Das Akademische Gymnasium. Bildung und Wissenschaft in Hamburg 1613-1883. Berlin 2013, S. 77-91.

Walter, Wolfgang (Hrsg.): Hermann Samuel Reimarus 1694-1786. Beiträge zur Reimarus-Renaissance in der Gegenwart. Göttingen 1998.

Schriften:

Reimarus, Hermann Samuel:

Von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion. Hamburg 1754.

Die Vernunftlehre, als eine Anweisung zum richtigen Gebrauch der Vernunft in der Erkenntnis der Wahrheit.  Hamburg 1756.

Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe. Zum Erkenntniss des Zusammenhanges der Welt, des Schöpfers und unser selbst. Hamburg 1760.

Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes (unveröffentlichtes Manuskript seit 1730er Jahren geschrieben, erste vollständige Ausgabe ediert von Gerhard Alexander, Frankfurt 1972)

Schmidt-Biggeman, Wilhelm (Hrsg): Handschriftenverzeichnis und Bibliografie. Göttingen 1979.

Bildnachweise:

Beitragsbild: Hermann Samuel Reimarus; Ölgemälde von Gerloff Hiddinga, 1749 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hermann_Samuel_Reimarus.jpg