Tiberius – Ein römischer Kaiser in Hamburg?

42 v. Chr. - 37 n. Chr.

Dominik Kloss

Dass Tiberius Claudius Nero, aus einer der ältesten und traditionsreichsten Familien Roms stammend, es vielleicht bis in das Gebiet des späteren Hamburgs, und darüber hinaus bis zu einem der am längsten und erfolgreich herrschenden römischen Kaiser bringen würde, war bei seiner Geburt noch nicht vorgezeichnet.

In seinen ersten Lebensjahren herrschte rund um das Mittelmeer ein Bürgerkrieg, den die mächtigsten Römer um das Erbe des im Jahre 44 vor Christus ermordeten Julius Caesar ausfochten. Weil Tiberius’ Vater, der schon unter Caesar Karriere – unter anderem als Flottenkommandant – gemacht hatte, nach Schlachten immer wieder die Seiten wechselte, musste seine Familie die Verfolgung durch die jeweils verratenen Gegner befürchten und war deshalb auf der Flucht. Möglicherweise hat es Tiberius das Leben gerettet, dass sich mit Oktavian – Caesars Neffe und offizieller Nachfolger – letztlich der erfolgreichste der Bürgerkriegsteilnehmer schon bald darauf in seine Mutter Livia Drusilla verliebte und diese heiratete, als er noch keine vier Jahre alt war.

Als Oktavian nach vielen Siegen schließlich Alleinherrscher geworden war und im Jahr 27 vor Christus den Ehrennamen Augustus erhielt, hieß das für den jugendlichen Tiberius fortan ein Leben am Hof als Stiefsohn des ersten römischen Kaisers. Dass er dann schon als knapp Siebzehnjähriger als Offizier in den Kriegen des Augustus gegen Stämme im Norden Spaniens teilnahm, war für einen jungen adligen Römer (der in dieser Zeit schon als Vierzehn- oder Fünfzehnjähriger als volljährig galt) eigentlich nichts Ungewöhnliches. Die Häufigkeit, mit der er in den Jahren darauf auf Feldzügen fern von Rom weilte, ist aber selbst für damalige Verhältnisse bemerkenswert. Wohl auch, weil er damals in Armenien, den Alpen oder in Pannonien (dem heutigen Ungarn) so viele Erfahrungen gegen ganz unterschiedliche Gegner gemacht hatte, war Tiberius dann später in den Kriegen und Erkundungszügen in Germanien so gut vorbereitet. Auch sein vier Jahre jüngerer Bruder Drusus hatte eine ähnliche militärische Laufbahn begonnen, war aber schon im Jahr 9 vor Christus auf einem Feldzug in Germanien gestorben.

Dieses Trinkgefäß war Teil eines 1895 in der Stadt Boscoreale gefundenen Silberschatzes – und zeigt nach der Vermutung einiger Forscher den Triumph, den Tiberius im Jahre 7 v. Chr. über die besiegten Germanen feierte

Die Aussicht auf den Kaiserthron kam für Tiberius erst sehr spät in Betracht. Erst nachdem eine ganze Reihe von eigentlich angedachten Nachfolgern – sein Neffe Marcellus, sein Jugendfreund Agrippa und dann dessen Söhne Lucius und Gaius – gestorben waren, adoptierte Augustus seinen bereits 46-jährigen Stiefsohn und erklärte ihn damit zu seinem Erben. Er hieß jetzt offiziell Tiberius Iulius Caesar und wurde dann im Jahr 14 nach Christus als Imperator Tiberius Caesar Augustus nach dem Tod seines Stiefvaters der zweite römische Kaiser. Die Namen Caesar und Augustus sollten auch von Tiberius’ Nachfolgern auf dem Thron weiter verwendet werden – sie waren damit zu Titeln geworden (was noch unser von Caesar abstammendes deutsches Wort Kaiser zeigt).

Seine Regierungszeit verbrachte Tiberius dann vor allem in Rom und Italien. Neben dem Ausbau einer schon von Augustus begonnenen Palastanlage auf dem Palatin-Hügel in der Hauptstadt des Imperium Romanum, haben Archäologen etwa 100 Kilometer südöstlich davon in dem Örtchen Sperlonga eine Villa entdeckt. Hier gab es eine Grotte, in welcher der Kaiser mit seinen Gästen inmitten riesiger Statuen Festmähler abhalten konnte. Ähnlich imposant war auch eine mehrstöckige Villa, die Tiberius auf einem hohen Felsenvorsprung auf der Insel Capri bauen ließ. Hierhin zog er sich für die letzten zehn Jahre seines Lebens zurück, während in Rom als seine Vertrauten die Prätorianerpräfekten (also die Befehlshaber der Leibgarde) Seianus und dann Macro stellvertretend die Macht ausübten.

Den römischen Schriftstellern Sueton und Tacitus verdanken wir viele Informationen über das Leben und die Herrschaft des Tiberius. Abgesehen von ihrem Lob für den erfolgreichen Feldherrn ist ihr Urteil aber ein sehr negatives: So sei der eigentlich wenig dazu fähige Tiberius nur Nachfolger des Augustus geworden, weil sich seine Mutter Livia immer wieder bei ihrem Gatten dafür eingesetzt habe. Neidisch auf seinen Neffen Germanicus und dessen Beliebtheit soll er dann nicht ganz unbeteiligt an dessen rätselhaftem – vielleicht durch Gift herbeigeführten – Tod gewesen sein. Seine Amtsgeschäfte habe er dann unschlüssig, ja geradezu gelangweilt ausgeführt und zuletzt sei die Abwesenheit von Rom in seinen letzten Lebensjahren durch Ausschweifungen und Grausamkeiten geprägt gewesen.

Wir können heute nicht mehr genau sagen, was von diesen Anschuldigungen berechtigt war, aber dass Tiberius über die knapp 23 Jahre seiner Herrschaft doch vieles richtig gemacht hat, lässt sich etwa durch einige Regelungen, die für die Provinzen gemacht worden und dort auf Inschriften erhalten geblieben sind, rekonstruieren. Auch darf man nicht vergessen, dass viele der Befugnisse und Ämter, die Tiberius als neuem Alleinherrscher zugefallen waren, eigentlich nur als Ausnahmen für Augustus eingerichtet worden waren und manch ein Senator wohl damit rechnete, nach dessen Tod bald wieder die Macht untereinander aufzuteilen. Auch Sueton und Tacitus gehörten dieser Schicht an, die sich nicht so recht damit anfreunden konnte und wollte, dass die Weitergabe des Kaisertitels nun offenbar zu einer dauerhaften Sache geworden war. Vergebliche Versuche des Tiberius, die Senatoren zur Mitarbeit an der neuen Art der Staatsführung zu bewegen wurden ihm als Schwäche ausgelegt und wenn er stattdessen auf Vorschläge von Beratern einging und diese mit Ämtern versah, wurde es ihm zur Last gelegt, dass er ein offenes Ohr für Intriganten habe. Kurzum, selbst wenn Tiberius sinnvolle Maßnahmen ergriff, wurde das von vielen Senatoren schon aus Prinzip kritisiert.

Man mag sich daher gut vorstellen, dass der alternde Kaiser sich lieber aus der Hauptstadt fernhielt und sich zwischen seinen Statuen und verbleibenden Vertrauten (unter denen sein Großneffe Caligula war, der ihm dann auf dem Thron nachfolgen sollte) eher an seine jüngeren Jahre erinnerte – an die Zeiten, wo Legionen unter seinem Kommando durch aufrührerische Provinzen zogen. Und da mag er dann vielleicht auch noch an die äußersten Grenzen zurückgedacht haben, die er mit seinen Heeren und Schiffen einst erreicht hatte, wie zum Beispiel jenen Fluss, den spätere Generationen als Elbe kennen sollten.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Tiberius-Porträt im Louvre, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tiberius_bust.jpg).

Abb. Zeitgenossentext: Becher aus dem Silberschatz von Boscoreale, nach Wikimedia Commonshttps://commons.wikimedia.org/wiki/File:Skyphos_Boscoreale_Louvre_Bj2367.jpg?uselang=de).