Die Hafenstraße – Hausbesetzungen und neues Zusammenleben

Kirsten Heinsohn (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg)

Das Schlagwort „Hafenstraße“ steht für ein städtisches Konfliktfeld der achtziger Jahre, in dem mehrere Themen ein Rolle spielten: Sanierungsplanungen im Hafenrandgebiet St. Paulis als Teil der städtischen Infrastrukturpolitik (neue Hochhäuser als „Perlenkette der Stadt“), Preissteigerung auf dem Wohnungsmarkt und damit zusammenhängend eine Verdrängung sozial schwächerer  Bevölkerungsschichten aus ihren Wohngebieten, die Entwicklung alternativer Wohnmodelle und mehr Bürgerbeteiligung an politischen Entscheidungen in Stadtteilen. Schließlich ging es auch um die selbstbestimmte Gestaltung von Gemeinschaftsprojekten auf der einen bzw. die Wahrnehmung dieser Projekte als „rechtsfreier Raum“ auf der anderen Seite bei vielen Politikern und konservativen Medien.

Der Anlass für den Konflikt war der Leerstand mehrerer Mietshäuser in südlichen St. Pauli, die der städtischen Wohnungsgesellschaft SAGA gehörten und nach deren Plänen baldmöglichst abgerissen werden sollten. Ab Oktober 1981 wurden Teile der Häuser von linken Aktivisten besetzt, nicht nur um gegen die Sanierungspläne des Senats zu protestieren und sich für den Erhalt von Altbauten einzusetzen, sondern auch um neue Wohn- und Gemeinschaftsformen zu entwickeln. Häuserbesetzungen als Teil linker, alternativer Politik gab es in vielen europäischen Städten seit den siebziger Jahren, u.a. in Kopenhagen, Amsterdam, Wien, Barcelona und Berlin. Auch in Hamburg waren schon zuvor in anderen Stadtteilen Häuser und Wohnungen besetzt worden. Die Hafenstraße aber wurde ab 1982 für die einen zu einem Symbol für den Widerstand gegen kapitalistische Profit-Interessen, die vom Staat geschützt werden sollten, für die anderen zu einem Raum ohne Recht und Ordnung, in dem der Staat und seine Organe (Polizei und Justiz) nicht mehr akzeptiert wurden. Entsprechend verschärfte sich die Situation zwischen den Besetzern und ihren Unterstützern einerseits und den Vertretern der Stadt andererseits. 1983 erhielten die Besetzer zwar Mietverträge von der städtischen Immobiliengesellschaft, aber der Konflikt war damit nicht gelöst. Zahlreiche Ordnungswidrigkeiten der Mieter, teilweise auch Straftaten, politisch provokative Wandbilder an den Gebäuden sowie die Behauptung, im Umfeld der Hafenstraße werde der linke Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) unterstützt, führten zu mehreren verschärften Polizeieinsätzen und schließlich der Forderung, die Häuser endlich zu räumen und sofort abzureißen.

Im Dezember 1986 demonstrierten mehrere tausend Menschen gegen die Räumung, wobei es auch zu schweren Ausschreitungen kam. Die Bewohner der Hafenstraße versuchten nicht nur, die Öffentlichkeit für ihr Anliegen zu gewinnen, sondern gingen auch dazu über, eine mögliche Räumung durch Barrikaden und bauliche Schutzmaßnahmen in den Häusern zu verhindern. Anfang November 1987 spitzte sich diese Situation immer weiter zu, als in den Straßen um die Häuser herum Barrikaden errichtet wurden. Aus der Politik und der Gesellschaft waren schon vorher Stimmen zu hören, die für eine friedliche Lösung des Konfliktes warben. Eine dieser Stimmen gehörte dem Ersten Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD), der sich nun persönlich und mit dem Gewicht seines Amtes für eine einvernehmliche Lösung einsetzte. Sein Ultimatum an die Besetzer, die Barrikaden abzubauen und die Häuser zur Begehung durch städtische Beamte frei zugänglich zu machen, um dann einen Pachtvertrag vom Senat zu erhalten, wurde akzeptiert und umgesetzt. Ende November 1987 wurde der Pachtvertrag unterzeichnet.

Auch in den folgenden Jahren kam es immer wieder zu harten Auseinandersetzungen mit Bewohnern der Hafenstraße, da der Senat weiterhin Teile des Gebietes um die Häuser in der Hafenstraße sanieren wollte. Dem Konzept des Senates, die vorhandenen Freiflächen mit Sozialwohnungen zu bebauen, stellte eine Initiative der Hafenstraße eigene Ideen gegenüber. Sie beinhalteten neben günstigen Wohnungen auch soziale Einrichtungen wie eine Festhalle oder ein öffentliches Bad. Diese Pläne wurden durch das Stadtteilprojekt Hafenrand-Genossenschaft vertreten. Zu Beginn der neunziger Jahre war damit eine Situation entstanden, in der mehrere Akteure um die weitere Gestaltung des südlichen St. Pauli stritten. Es ging nicht mehr nur um die alternative Kultur in den Häusern der Hafenstraße selbst, sondern vor allem um die Frage, welche Personen und Gruppen an der weiteren Stadtplanung beteiligt sein sollten. Die „Patriotische Gesellschaft von 1765“ stellte mit einer 1993 eigens eingerichteten Dialog-Kommission ein Forum zur Verfügung, in dem der Austausch von Meinungen aller Beteiligten ohne direkten Entscheidungsdruck stattfinden konnte. Runde Tische, Bürgerversammlungen oder andere Formen der Bürgerbeteiligung in kommunalen Angelegenheiten waren in dieser Zeit gefragt. Auch für das Konfliktfeld Hafenstraße erwiesen sich diese Vermittlungsorgane zwischen Bürgern und Politik als hilfreich. Im Dezember 1995 endete schließlich die Auseinandersetzung endgültig mit dem Verkauf der Häuser an die neu gegründete Genossenschaft der Hausbewohner „Alternativen am Elbufer“.

 

Weiterführende Literatur:

Joist Grolle: Der Hamburger Hafenstraßenkonflikt und der Geisterkrieg um die Vergangenheit, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Bd. 91, 2005, S. 133-158.

Monika Sigmund: Die Hafenstraße und das „Wunder von Hamburg“. Selbstbestimmtes Leben im Widerstreit politischer Interessen, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.), 19 Tage Hamburg. Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte seit den fünfziger Jahren, München / Hamburg, S. 265-280.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Solidaritäts-Demonstration für die Hafenstraßenbesetzer 1986 in St. Georg, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pincerno_-_20._Dezember_1986_001.png)