Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren – Studentenbewegung in Hamburg

Hannah Rentschler

Mitte der sechziger Jahre bildete sich an den Hochschulen der BRD eine Studentenbewegung. Ausgangspunkt für die Proteste der Studierenden waren Forderungen nach Hochschulreformen, da die Universitäten den steigenden Studierendenzahlen seit Beginn der sechziger Jahre weder seitens der Räumlichkeiten noch hinsichtlich des Lehrkörpers gewachsen waren. Darüber hinaus richteten sich die Proteste gegen die sog. „Ordinarienuniversität“, bei der die akademische Selbstverwaltung, d. h. Entscheidungen bezüglich Forschung, Lehre und Studium, größtenteils den ordentlichen Professorinnen[1] und Professoren (Ordinarien) vorbehalten war. Für Studierende gab es nahezu keinerlei Mitspracherecht in universitären Angelegenheiten. Lediglich im Akademischen Senat, dem wichtigsten universitären Gremium, durften zwei Studierendenvertreter_innen in Hamburg seit Mitte der fünfziger Jahre in „studentischen Angelegenheiten“ mitentscheiden. Was unter diese Angelegenheiten fiel, war nicht gesetzlich geregelt, sondern beruhte auf der Auslegung des Rektors. Von Personalentscheidungen blieben Studierende z. B. generell ausgeschlossen.

Ausgehend von dem universitären Rahmen gewann die Studentenbewegung in der Folgezeit dadurch an Bedeutung, dass sie sich übergeordneten gesellschaftspolitischen Thematiken öffnete und an außerparlamentarischen Bewegungen partizipierte. Wenngleich Impulse für die übergreifende Entwicklung der Bewegung verstärkt von Berlin und Frankfurt a. M. ausgingen, kam es auch in Hamburg zu bedeutenden öffentlichkeitswirksamen Ereignissen.

Gewissermaßen als Initialzündung für die westdeutschlandweite Studentenbewegung gilt die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Westberlin. Während des BRD-Besuchs des autoritär regierenden Schahs von Persien kam es an diesem Tag zu Demonstrationen von Studierenden, die in Konflikt mit gewaltbereiten Anhängern des Schahs gerieten. Die Proteste wurden mit äußerster Polizeigewalt, insbesondere gegenüber den Studierenden, eingedämmt, in deren Folge Benno Ohnesorg von einem Polizisten in Zivil, Karl-Heinz Kurras, erschossen wurde. Da der Vorfall zunächst von Polizei, Berliner Senat und konservativer Presse verschleiert wurde, demonstrierten viele Studierende westdeutschlandweit – insbesondere in Hamburg, als der Schah einen Tag nach seinem Besuch in Berlin festlich empfangen wurde. Auch hier ging die Polizei äußerst brutal gegen die Demonstrierenden vor und ritt sogar auf Polizeipferden in die Menge. Bei ihrem Vorgehen wurden die Beamten allerdings von zahlreichen Hamburger Bürgerinnen und Bürgern bejubelt, die die Studierenden zugleich beschimpften.

Im Zuge der Ausschreitungen sowie der von Studierenden organisierten Trauerveranstaltung für Benno Ohnesorg in Hamburg kam es erstmals zum Zerwürfnis zwischen Studierendenvertretung und Universitätsleitung. Zum einen lehnte der Universitätsrektor Karl-Heinz Schäfer eine Einladung zu der studentischen Kundgebung ab. Der Akademische Senat verweigerte zudem einen Lehrveranstaltungsausfall, da dies eine politische Stellungnahme gewesen wäre, die die Professoren zu den Ereignissen nicht beziehen wollten. Zum anderen kritisierte die Studierendenvertretung die fehlende Unterstützung seitens des Akademischen Senats, als den Studierenden von Mitgliedern der Hamburger Bürgerschaft vorgeworfen wurde, die Krawalle anlässlich des Schahbesuchs bewusst provoziert zu haben.

Die Fronten zwischen Studierenden und Universitätsleitung verhärteten sich in der Folgezeit, als sich Diskussionen über ein neues Hochschulgesetz ohne erkennbare Fortschritte hinauszögerten. Während Studierendenvertreter_innen lange Zeit versucht hatten, Reformen durch aktive Zusammenarbeit in Gremien zu erreichen, sahen sie sich aufgrund fehlender Kompromissbereitschaft gezwungen, die bisherige Strategie zu ändern und stattdessen durch öffentliche Provokationen Druck auszuüben. Das wohl bedeutendste Beispiel hierfür ist die legendäre „Muff-Aktion“ bei der Feier des Rektorenwechsels am 9. November 1967 im Audimax der Universität. Während der bisherige Rektor Schäfer und sein Amtsnachfolger, Werner Ehrlicher, an der Spitze des Professorenzugs die Treppe hinabschritten, setzten sich die Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer an die Spitze des Zuges. Dabei entrollten sie ein Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“. Dieser Slogan, der zu einem der bekanntesten der westdeutschen Studentenbewegung wurde, war ein klarer Protest gegen die antiquierte, autoritäre Ordinarienuniversität.

Die meisten der Ordinarien fühlten sich durch Behlmers und Albers‘ Inszenierung geradezu persönlich gekränkt. Dass ihre Kritik jedoch durchaus berechtigt war, verdeutlichte die Reaktion des Professors Bertold Spuler, der den Studierenden beim Verlassen des Hörsaals zurief, sie gehörten alle ins KZ. Als sich die Studierendenvertretung in der darauffolgenden Sitzung des Akademischen Senats weigerte, sich von der „Muff-Aktion“ zu distanzieren, wurden die sog. „studentischen Angelegenheiten“ von der Tagesordnung gestrichen, was bedeutete, dass die studentischen Vertreter die Sitzung verlassen mussten.

 

Im Frühjahr 1968 kam es zu einem weiteren Höhepunkt der Studentenbewegung, als der rechtsextreme Josef Bachmann am Gründonnerstag, dem 11. April, ein Attentat auf Rudi Dutschke, den zentralen Wortführer der „außerparlamentarischen Opposition“, verübte. In den sich anschließenden sog. „Osterunruhen“ eskalierten in der BRD zunächst friedliche Demonstrationen mit mehr als 100.000 Beteiligten, die sich hauptsächlich gegen den Axel Springer Verlag und die von ihm herausgegebene BILD-Zeitung richteten. Nachdem sich im Zuge der verunglimpfenden Berichterstattung über die studentischen Schahproteste bereits 1967 die Parole „Enteignet Springer!“ in der BRD verbreitet hatte, warfen die Demonstrierenden dem Konzern vor, durch hetzerische Berichte eine Mitschuld am Attentat auf Rudi Dutschke zu tragen. In Hamburg, wie auch in weiteren westdeutschen Großstädten, versuchten ca. 2.000 Demonstrierende mittels Blockaden der Zufahrtswege des Verlagshauses die Auslieferung von Zeitungen des Konzerns zu verhindern. Die Polizei setzte daraufhin u. a. Wasserwerfer, Tränengas und Gummiknüppel ein, um die Wege zu räumen.

 

Nach einer ruhigeren Phase im Sommer und Herbst 1968 spitzte sich die Situation im Wintersemester 1968/69 an der Universität Hamburg erneut zu. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Entwürfe für ein neues Hochschulgesetz konkretisiert. Wenngleich an dessen Entstehung zwar Studierende, insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Hamburger SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose, mitgewirkt hatten, empfand die im Januar 1969 neu gewählte, stark linkspolitisch ausgerichtete Studierendenvertretung die Entwürfe als unzureichend und reaktionär.

Schauplatz der Hamburger Studentenproteste: Der Campus Von-Melle-Park

Im Vorfeld eines mehrtägigen Streiks gegen diese Entwürfe wurde am 28. Januar 1969 das Psychologische Institut im 2. Stock des Philosophenturms besetzt und zum „1. Befreiten Institut“ erklärt. In den folgenden Tagen wechselten sich die von der Universitätsleitung veranlassten (Teil-)Räumungen und Überwachung des Philosophenturms mit den (Wieder-)Besetzungen durch Studierende ab. Höhepunkt waren die teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen etwa 1.500 Studierenden und der Polizei im Anschluss an eine Demonstration.

Nichtsdestotrotz wurde am 23. April 1969 das neue Hamburger Hochschulgesetz in der Bürgerschaft verabschiedet, das als erstes Hochschulreformgesetz der BRD Geschichte schrieb. Fortan oblag die akademische Selbstverwaltung nicht mehr hauptsächlich den Ordinarien, sondern wurde auf alle universitären Gruppen, wenngleich nicht paritätisch, verteilt – eine Entwicklung, an der die Studentenbewegung maßgeblichen Einfluss hatte.

 

[1] Noch im Wintersemester 1953/54 waren alle der 1284 ordentlichen Professuren in der BRD mit Männern besetzt und der Frauenanteil blieb auch in den folgenden Jahren verschwindend gering. Vgl. Keller, Andreas: Hochschulreform und Hochschulrevolte. Selbstverwaltung und Mitbestimmung in der Ordinarienuniversität, der Gruppenhochschule und der Hochschule des 21. Jahrhunderts. Marburg 2000, S. 49.

 

Grundlegende Literatur:

Lengowski, Marc-Simon: Von der „pragmatischen Variante der Studentenbewegung“ zum „1. befreiten Institut“. ‚1968‘ an der Universität Hamburg und seine lokalen Besonderheiten. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 99 (2013), S. 73-103.

Micheler, Stefan/Michelsen, Jakob (Hg.): Der Forschung? Der Lehre? Der Bildung? ‒ Wissen ist Macht! 75 Jahre Hamburger Universität. Studentische Gegenfestschrift zum Universitätsjubiläum 1994. Hamburg 1994.

Nicolaysen, Rainer: „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“. Ein Hamburger Studentenprotest trifft den Nerv der Ordinarienuniversität. In: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.): 19 Tage Hamburg. Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte seit den fünfziger Jahren. München [u. a.] 2012, S. 111-126.

Schildt, Axel/Siegfried, Detlef: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik ‒ 1945 bis zur Gegenwart. München 2009.

Schildt, Axel: Rebellion und Reform. Die Bundesrepublik der Sechzigerjahre (Zeitbilder, Bd. 2). Bonn 2005.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld / Thementext: Philosophenturm und Auditorium Maximum, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_141-21=06_591.