Helmut Schmidt und die Sturmflut

Helmut Schmidt war gebürtiger Hamburger. Und mit seiner Heimatstadt verband ihn mehr als die so hamburgisch anmutende Helgoländer Lotsenmütze, die er seit der Eröffnung des neuen Elbtunnels 1975 trug. Prägend waren für ihn die Jahre an der Lichtwarkschule, deren musisch-philosphisches Profil mit starken reformpädagogischen Ansätzen verbunden war. Seine musische Ausbildung, in der Familie begonnen, konnte dort weiter ausgebaut werden. Die Lichtwarkschule war, ihrer Zeit vorauseilend eine Schule für Jungen und Mädchen. Mit ihrer Erziehung zur Selbstständigkeit war sie ebenso „etwas besonderes“ wie mit ihren Schwerpunkten auf Kunst und Musik. Dies war seinen Eltern wichig, aber auch den Eltern seiner zukünftigen Ehefrau. So kam es, dass er in der Schule auf Loki Glaser traf. Es entwickelte sich eine Schülerfreundschaft, die für beide zur lebenslangen Partnerschaft wurde, von Anfang an konnten die beiden gut „zanken“ und dann zu gemeinsamem Handeln kommen. Bald nach 1933 kam  diese weltoffene Schule in den Fokus der Nationalsozialisten, nicht nur weil viele Schüler und Lehrer Juden waren. Der Direktor wurde abgesetzt, kulturelle Traditionen beendet. Kurz bevor die Schule aufgelöst wurde, machte Helmut Schmidt dort Abitur.

Rettungsaktion am frühen Morgen

Nach seiner Zeit als Offizier der Luftwaffe kehrte er abgerissen und vom Krieg angewidert nach Hamburg zurück und kam in Neugraben bei seiner Frau und seinen Schwiegereltern unter. Loki hatte schon ein Lehrerstudium begonnen und Helmut studierte Nationalökonomie. Er gründete 1945 die Hamburger Gruppe des SDS und sammelte so politische Erfahrungen. 1946 trat er der SPD bei.  Der SDS war damals sozialdemokratisch geprägt.  1946 kam in Neugraben Susanne Schmidt,  das einzige Kind des Paares, zur Welt.  1947 arbeitete Loki als Lehrerin und half Helmut bei politischen Aktionen. Sie war bis zum Ende seines Studiums 1949 die Alleinverdienerin der Familie. Er wurde Referent in der Behörde für Wirtschaft und Verkehr, 1952 wurde er Verkehrsdezernent und machte sich in Hamburg einen Namen. Sie zogen wieder nach Barmbek. Helmut Schmidt wagte den Schritt aus dem Hamburger Staatsdienst hinaus, er wurde 1953 Bundestagsabgeordneter der SPD. Wieder musste Loki den Hauptanteil des Einkommens verdienen, bis Helmut 1961 Hamburger Polizeisenator wurde. Im Jahre der Flut war er verantwortlich für den Schutz der Hamburger Bevölkerung, aber am 16. 2. 1962 war er auf einer Innenministerkonferenz in Berlin: In der Nacht der Sturmflut kam der Polizeisenator Helmut Schmidt spät aus Berlin nach Hause. Er fand dort Freunde vor, die grade aus der DDR geflohen waren und nun bei Loki und ihm unterkrochen. Während er diese Situation gemeinsam mit seiner Frau meisterte, raste die Sturmflut auf Hamburg zu. Unwetterwarnungen waren nicht auf die Stadt bezogen worden, und auch Meldungen von  Hamburger Polizisten, dass die Hafengegend überschwemmt sei, führten nicht zu Konsequenzen. Mitten in der Nacht, zwischen 00.14 und 2.05 Uhr brachen die Deiche in Neuenfelde, Harburg und Wilhelmsburg. Das alte Land, Harburg,  Allermöhe, Finkenwerder, Neugraben, Billwerder wurden weitreichend überschwemmt. Zehntausende waren in den eisigen Fluten gefangen, vor allem in Wilhelmsburg. Das Wasser stieg bis zu den Dächern der Häuser und Bauernhöfe. Laubenkolonien und Schrebergärten, die 17 Jahre nach dem Krieg immer noch Wohnort für viele ärmere Menschen waren, versanken vollends.  Die Menschen ertranken in ihren Häusern, oder versuchten sich verzweifelt in der Kälte auf Bäume und Dächer zu retten. Das Vieh starb jämmerlich in den Ställen der Bauern.  Straßen wurden zu reißenden Flüssen, die Gegenstände mit sich rissen und Leichen und Kadaver anschwemmten. Erst am Morgen um 6.20 Uhr wurde Polizeisenator Schmidt informiert. Was dann geschah, schildert der Schmidt-Biograf Jan Meyer-Odenwald so:

„ Schmidt schmeißt die nötigsten Klamotten über und eilt unrasiert aus dem Haus. Glück im Unglück: Dort ist, ein Zufall, der Dienst-Mercedes geparkt. Ohne auf Ampeln oder Verkehrsregeln zu achten, mit einem magnetischen, in der Dunkelheit zuckenden Blaulicht auf dem Dach, rast er gen In­nenstadt. Innerhalb von zehn Minuten, kurz vor sieben Uhr, hat er sein Ziel erreicht, sprintet in das Polizeigebäude. (…) In Windeseile lässt sich Helmut Schmidt über das Drama informieren, soweit Einzelheiten bekannt sind. Denn Telefon­leitungen sind teilweise zerstört, ebenso wie die Versorgungs­leitungen für Gas, Wasser und Elektrizität. Auch im Polizeige­bäude fällt der Strom vorübergehend aus, sodass von irgendwo Petroleumlampen organisiert werden müssen. Die Autobah­nen sind gesperrt, der Zugverkehr steht still. »Ganz Hamburg ersäuft!«, brüllt ein Offizier mit Tränen in den Augen. In der Tat sind 20 Prozent der Stadtfläche von 220 Millionen Kubik­meter Elbwasser überflutet. Nichts geht mehr.

In diesem Moment des gigantischen Chaos zeigt Helmut Schmidt, was in ihm steckt. Für Punkt sieben Uhr beraumt er den ersten Krisengipfel an. Der erkrankte Bürgermeister Paul Nevermann weilt auf Kur in Bad Hofgastein und wird erst am Sonntag um 2.30 Uhr aus München kommend in Fuhlsbüttel landen. Schmidt fackelt nicht lange, sondiert die katastrophale Lage, gibt kurze, präzise Anweisungen. Endlich einer, der das Heft in der Hand hat – und der weiß, was er tut. Kurzent­schlossen und mit sicherem Instinkt fällt er genau die richtigen Entscheidungen, wie später von allen Seiten bestätigt wird.

Für bürokratische Bedenken, Rangordnungen, den Blick in Gesetzestexte oder Nachfragen bei Juristen oder Verwaltungs­experten ist an diesem frühen Sonnabendmorgen keine Zeit. Folglich schert sich Schmidt nicht um derartigen Ballast und handelt kompetent und aus dem Bauch heraus. Neben seinen Talenten, den Erfahrungen als Offizier im Zweiten Weltkrieg und seinen Kontakten aus den Jahren in der Wirtschaftsbe­hörde beweist er die anpackende Kaltschnäuzigkeit und die Chuzpe eines wahrhaftigen Machers. Nicht einmal die politi­schen Gegner streiten das in der Folgezeit ab. Selbst die Nato hilft Hamburg.

Vor allem verfügt er über exzellente Verbindungen zum Militär. Als Mitglied des Verteidigungsausschusses des Bun­destages und Herausgeber eines auch ins Englische übersetzten Buchs über Militärstrategie genießt er auf Führungsebenen ei­nen formidablen Ruf. Da am Vormittag des 17. Februar 1962 mit Tausenden von Toten gerechnet werden muss und wegen der überall treibenden Tierkadaver Seuchengefahr besteht, zieht Schmidt sämtliche Register.

Laut Grundgesetz darf die Bundeswehr ob der Erfahrungen aus dem »Dritten Reich« nicht im eigenen Land eingesetzt wer­den. Interessiert Schmidt nicht. Kurzerhand nimmt er Kontakt auf mit Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad, einem guten Bekannten. Der amerikanische Viersternegeneral wird an sei­nem Dienstsitz in Fontainebleau im Norden Frankreichs aus der Wochenendmuße gescheucht. Er traut seinen Ohren kaum, als er vernimmt, dass in Hamburg die Welt unterzugehen droht. Aber er kennt Helmut Schmidt und glaubt ihm. »Ich brauche dringend hundert Hubschrauber«, verlangt Schmidt. Er kriegt 90. Gut.

Evakuierung mit Hubschraubern

Trotz Flugverbots bei den obwaltenden Sturmstärken tref­fen die Helikopter nach und nach im Luftraum der Hansestadt ein. In abenteuerlichen Rettungsaktionen befreien mutige Sol­daten fast ertrunkene und erfrorene Menschen von Bäumen, Masten und Hausdächern. Parallel nimmt Schmidt Kontakt zu einem weiteren Vertrauten auf, Admiral Bernhard Rogge, dem norddeutschen Wehrbereichsbeauftragten der Bundeswehr mit Sitz in Kiel. Auch Rogge pfeift letztlich auf seine Vorschriften und sagt prompte Hilfe zu.

In Fernschreiben wird zudem das Bundesverteidigungsmi­nisterium auf der Hardthöhe in Bonn in Alarm versetzt. »Wir brauchen umgehend Pioniere, Schlauchboote, Bulldozer«, verlangt Koordinationschef Schmidt in der Hansestadt. Geht ebenfalls klar. »Tausende Hamburger sind obdachlos, 6000 Ge­bäude zerstört.« Nachdem jetzt das Notwendigste in die Wege geleitet ist, macht er sich auf den Weg ins Krisengebiet.

Leichter gesagt als getan; mit dem Auto geht das natürlich nicht. Helmut Schmidt eilt an Bord eines der Hubschrau­ber. Mit ausgehängten Türen und bei immer noch extremem Sturm und mit einer gehörigen Portion Angst im Magen wird er nach Wilhelmsburg geflogen. Die Situation dort übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Unten winken verzweifelte Opfer, überall treiben Menschenleichen, Dung, Unrat und to­tes Vieh. Mit der Gewissheit, dass noch mehr geschehen muss, lässt sich Schmidt in die Innenstadt zurückfliegen.

Im Polizeihauptquartier laufen die Rettungsmaßnahmen nun koordinierter. Auf den Fluren werden Feldbetten der Bundes­wehr aufgestellt, damit Helmut Schmidt und seine Mitstreiter zwischendurch kurz ruhen können. Viele kommen 48 Stunden nicht zum Schlaf. Der Chef hat von daheim übrigens jenen al­ten, von Schüssen durchlöcherten Militärmantel aus Leder mit­gebracht, mit dem er nach der Kriegsgefangenschaft vor Lokis Elternhaus stand und den Familienpfiff ausstieß. Aber dies nur nebenbei. Jetzt, in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, trinkt er einen Kaffee nach dem anderen und raucht Kette. So wird Hel­mut Schmidts Betriebstemperatur auf höchstem Level gehalten.

»Dat löppt«, raunt er seinen Mitarbeitern zu. Auch weil die Hamburger anpacken können. Wie schon in den Bomben­nächten knapp zwei Dekaden zuvor reicht einer dem anderen die Hand. Not beschert ein hohes Maß an Hilfsbereitschaft. Da Brackwasser in das Wilhelmsburger Trinkwassersystem gerät, muss anderweitig frischer Nachschub besorgt werden. Die Phönix-Werke in Harburg liefern Zehntausende Wärmfla­schen. Sie werden gefüllt und von Hubschraubern abgeworfen oder mit Schlauchbooten gebracht. Doch immer wieder wird das Gummi durch spitze oder scharfe Gegenstände unter der Wasseroberfläche aufgeschlitzt, sodass die Soldaten oder die Helfer des Roten Kreuzes kentern.

Schlauchboote bei Hilfsaktionen

Ein Hamburger Kaufmann ruft bei Helmut Schmidts Se­kretärin an. »Ich kann drei Raupen liefern«, sagt er. Ruth Wil­helm, die später den Namen Loah tragen und nach Lokis Tod eine bedeutende Rolle in des Altkanzlers Leben einnehmen wird, reagiert schnell. Na klar, bitte sofort her damit. Andere eilen unaufgefordert in die Notstandsregion, bringen Geld, Nahrung, heißen Tee, Leinen, Leitern, Decken, Kleidung, Babykarren. Ein Hamburger steht für den anderen ein.

Dennoch sind die Zustände weiter katastrophal. Ein Segen nur, dass der Sturm allmählich nachlässt und die Elbe nicht weiter steigt. Nach wie vor sind fast 50 Deiche im Großraum Hamburg gebrochen. Auch in der Nacht zum Sonntag suchen Retter auf Sturmbooten im grellweißen Schein der Magnesi­umfackeln weiter nach Opfern. Soldaten aus anderen Nato- Ländern helfen. Feldjäger der Bundeswehr errichten Absper­rungen und regeln den Verkehr im Umland. Froschmänner aus Dänemark bergen Leichen.

Insgesamt sind an diesem Wochenende im Februar 1962 rund 40.000 Helfer im Einsatz. Am Ende werden 315 Tote re­gistriert. Um eine Seuche zu verhindern, werden sie auf einer Eislaufbahn aufgebahrt. Der materielle Schaden wird später auf fast eine Milliarde Mark beziffert, das menschliche Elend ist weit schlimmer. Im Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelms­burg gibt es längst keine Betten mehr; teilweise müssen sich drei

Menschen eine Matratze teilen. »Es sieht aus wie auf einem Hauptverbandsplatz im Krieg«, gibt ein Anwohner namens Haunert zu Protokoll.

Mit vereinten Kräften gelingt es, eine noch größere Katas­trophe zu verhindern. Dank jetzt geordneter und sinnvoller Maßnahmen können 1130 Hamburger aus höchster Not ge­rettet und 17.800 weitere in Sicherheit gebracht werden. Am 21. Februar erheben sich die Abgeordneten der Bürgerschaft zu einer Schweigeminute; die Tragödie ist nur schwer in Worte zu fassen, eigentlich gar nicht. Einige versuchen es dennoch und veröffentlichen Bücher über diese dramatischen Tage der Ver­zweiflung, indes auch letztlich wirkungsvoller Hilfe.

Zur Trauerfeier auf dem Rathausmarkt erscheinen 150.000 Menschen. Still und ergriffen verabschieden sie sich von jenen, die keine Chance gegen die tobende Urkraft der Elbe hatten.

Dass ohne Helmut Schmidt alles noch verheerender gekom­men wäre, weiß jeder, auch heute noch. (…) Aus Afrika drückt Albert Schweitzer seinen Respekt aus, ande­re sprechen von einer »lebenden Legende«. »Alles Quatsch!«, kommentiert Helmut Schmidt anschließend in der für ihn ty­pischen Art. Von Dank will er zeitlebens nichts wissen, son­dern spricht, wenn überhaupt, von Aufgaben und Pflichten. Eine gemeinschaftliche, hanseatische Aktion sei es gewesen vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Mag ja sein. Doch an der Spitze der Rettungseinsätze stand ein Mann, der sein Handwerk verstand.“[1]

Doch warum wurde der Hamburger Helmut Schmidt nie Hamburger Bürgermeister? Es hätte durchaus seinen Intersessen und Vorlieben entsprochen. Doch als Paul Nevermann, der durchaus beliebte Bürgermeister jener Zeit, durch einen privaten Skandal zum Rücktritt gezwungen wird, gerät Helmut Schmidt in den Strudel einer Intrige. In Hamburg wird das Gerücht gestreut, er habe wie Nevermann eine außereheliche Affäre. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als dem Ruf der Bundes-SPD zu folgen. Er leitet die Fraktion, gehört mit Herbert Wehner und Willi Brandt zum Dreigestirn der SPD jener Jahre. Der Weg fort von Hamburg führt ihn zur Kanzlerschaft. Doch danach kehrt er zurück in das Familienhaus nach Langenhorn, wird zum Ehrenbürger der Stadt und zur Stimme der politischen Vernunft Deutschlands.

 

[1] Mit der freundlichen Erlaubnis von Jens Meyer-Odenwald: Helmut Schmidt. Ein Hamburger Staatsmann. 1918-2015, Eine Veröffentlichung des Hamburger Abendblatts, Hamburg 2015, S. 144ff.

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Helmut Schmidt 1969, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F029983-0015,_Bonn,_SPD-Pressekonferenz,_Schmidt,_Schiller.jpg?uselang=de).