1842 Hamburg brennt!

Birgit Steinke

Feuer ergreift die Altstadt

In der Nacht zum 5. Mai 1842 brach in einem Speicher in der Deichstraße ein Feuer aus, das in den kommenden drei Tagen die Stadt erfassen würde. Weil sich in den Speicherböden der Deichstraße leicht brennbare Waren wie Arrak (alkoholisches Getränk), Schellack und Gummi befanden, ergriff der Brand Haus um Haus, Straße um Straße Nachdem die Flammen die Fleete übersprangen, wurde das Feuer zu einer Gefahr für die ganze Stadt. Die dichte Bebauung der Stadt, mit viel zu engen Straßen (6-7 Meter Breite), führte zu einer schnellen Ausbreitung des Feuers. Die Hamburger Feuerwehr konnte das Vordringen der Flammen nicht aufhalten. Die engen Hinterhöfe mit ihren Gängen, Fachwerkhäusern und Buden behinderten den Einsatz der Löschfahrzeuge immens. Das Zögern der Leiter der Löscharbeiten und des Senats verhinderte das Sprengen von Häuserzeilen. Dies wäre nötig gewesen, um Schneisen gegen das Überspringen der Flammen zu legen. Die Brandbekämpfung ging in ein Chaos über, als auch noch Plünderer in Häuser eindrangen. Das Bürgermilitär und die Garnison musste eingesetzt werden, um die Rettungsarbeiten zu schützen.

Schnell wurde eine Zentralbehörde zur Organisation der Bürgerpolizei und der Versorgung der Brandbekämpfer gebildet, welche aber zumeist aus Juristen bestand.

Der Brand breitet sich aus

Mittags erreichten die Flammen den Hopfenmarkt und bedrohten die Nikolaikirche. Da niemand daran dachte, die wertvollen Kunstschätze zu bergen, wurden sie zusammen mit der kostbaren Orgel und der gesamten Kirche am Spätnachmittag Opfer des Feuers. Viele Bewohner verließen fluchtartig ihre Wohnungen, statt zu versuchen, ihre Häuser zu retten. Dies gelang nur in der Katharinenstraße, dem Grimm und zudem den Bewohnern des prachtvollen Kaiserhofs am Neß, welcher der Stadt als repräsentatives Gasthaus diente. Die Straßen füllten sich mit Obdachlosen und Fliehenden.  Nun handelten die Verantwortlichen entschiedener: Das Hamburger Rathaus an der Trostbrücke wurde am 6. Mai gegen 2.30 Uhr am Morgen, im Versuch, eine Brandschneise zu schaffen, in die Luft gejagt. Das meiste Aktenmaterial konnte vorher gesichert werden, aber wertvolle, vor allem ältere Bestände des Stadtarchivs wurden Opfer des Brandes.

Der zweite und der dritte Tag: Hilfe naht – aber der Brand frisst die Kirchen.

Durch einen 1837 errichteten optischen Telegraphen wurde die Nachbarschaft um Hilfe gebeten. So rückten Löschtrupps zunächst aus Altona, Blankenese und Wedel, später aus Lübeck, Kiel, Lauenburg, Lüneburg, Stade, Harburg, Wandsbek und anderen Orten an. Das Hamburger Militär wurde von preußischer und hannoverscher Artillerie beim Sprengen und Zerschießen von Häusern unterstützt, die niedergelegt werden mussten, um  Brandherde zu ersticken. Am 7. Mai brannte auch die Petrikirche und stürzte ein. Auch der Jungfernstieg brannte. Die im Jahre 1391 erbaute St.-Gertruden-Kapelle wurde zerstört.  Am Morgen des 8. Mai konnte das letzte Feuer an der Stelle, die den Namen Brandsende trägt, gelöscht werden.

Hamburg in Schutt und Asche

Das Feuer hatte beinah die gesamte Altstadt zerstört. Unter den ungefähr 160.000 Einwohnern gab es 51 Tote und zirka 120 Verletzte. Ungefähr 70.000 Menschen waren vor dem Feuer geflohen. 20.000 verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Die zwischen Hamburg und Bergedorf verkehrende Eisenbahn, die eigentlich am 7. Mai eingeweiht werden sollte, half bei der Evakuierung von Menschen. 1.100 Wohnhäuser, 102 Speicher, über 3.000 Sähle (Arbeits- und Wohnräume im erhöhten Erdgeschoss), Buden und Keller, sieben Kirchen, zwei Synagogen und zahlreiche andere Gebäude fielen dem Feuer zum Opfer. Schon am 6. Mai, während des Brandes wurde ein Hilfsverein  für die Brandgeschädigten ins Leben gerufen und am 11. Mai eine Unterstützungsbehörde gebildet.

Nur ein Teil des materiellen Schadens von zirka 135 Millionen Mark wurde von Versicherungen gedeckt. Eine tiefe Krise entstand, weil weder die Feuerkasse noch die Versicherung von Häusern über das zu zahlende Kapital verfügten. Sie mussten durch eine Staatsanleihe von über 32 Millionen Bankomark unterstützt werden.

Im In- und Ausland wurde die Nachricht vom Hamburger Brand mit Bestürzung aufgenommen, und überall wurde zu Spenden und Hilfsaktionen aufgerufen. Finanzielle Hilfen kamen neben Russland und Frankreich, aus ganz Europa, Afrika, Asien und Amerika. Die Stadt Altona lieferte täglich 1.000 Portionen warmer Suppe. Aus Preußen wurden 20.000 Brote und 2.000 Wolldecken herbeigebracht.

Die Aufräumarbeiten wurden sofort in Gang gesetzt. Für die Obdachlosen errichtete man zunächst Zelte vor dem Stein- und vor dem Dammtor. Auf der Esplanade, dem Glockengießerwall, dem großen Johannisplatz, in Hammerbrook, vor dem Steintor und vor dem Dammtor wurden Notwohnungen gebaut – Sie waren Ende Juli fertig gestellt

Ein neues Stadtbild

Der englische Ingenieur William Lindley (1808-1900), unter dessen Leitung die Eisenbahnverbindung  von Hamburg nach Bergedorf gelegt wurde, übernahm die Planung des Wiederaufbaus. Lindleys technischer Kommission gehörten u. a. der Archtiekt Alexis de Chateauneuf (1799-1853) und später der vom Rat berufene Architekt Gottfried Semper (1803-1879) an. Sie berücksichigten den alten Grundriss der Stadt nicht, sondern ersannen Hamburgs Zentrum neu. Die nun verbreiterten Straßen wurden aufgeschüttet und mit einer Steinpflasterung und Bürgersteigen versehen. Die hölzernen, verbrannten Brücken wurden in Stein neu errichtet und der Straßenbreite angepasst. Verbreitert wurden ebenfalls auch die Fleete. Lindley legte einen Plan mit gut durchdachten Straßenverbindungen vor. Verwaltungsgebäude, Gerichte und Post sollten in der Nähe der Börse entstehen. Die Straßenbeleuchtung wurde modernisiert.1845 wurde das erste Hamburger Gaswerk auf dem Grasbrook errichtet und versorgte die Stadt. Der Weg nach Altona sollte ausgebaut werden, und die Hamburger Innenstadt sollte mit einer Hauptverkehrsstraße mit der Vorstadt St. Georg verbunden werden. Lindley entwarf außerdem ein großzügiges Sielsystem, an das im Laufe der Zeit die ganze Stadt angeschlossen wurde. Die 1848 in Rothenburgsort errichtete Stadtwasserkunst versorgte einen Teil der Stadt mit gefiltertem Elbwasser, sodass die unhygienische Wasserentnahme aus den Fleeten für die neubebauten Gebiete entfiel.

Die Feuerbekämpfung blieb allerdings unverändert. Bis zum Jahr 1872 hielt der Senat, an dem uneffektiv organisierten Löschwesen fest, weil ansonsten die Pfründen einzelner Ratsmitglieder in Gefahr gewesen wären. Erst dann wurde die erste Berufsfeuerwehr in Hamburg gegründet.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Nicolaifleet in Flammen 1842 (Peter Suhr), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, aus KS 1025/17s (Teil II, Bl. 15a, Ausschnitt).