Repräsentationen des Anderen – Museen und Völkerschauen

Myriam Gröpl

Museen und Menschenzoos

Die kolonialen Aktivitäten des Deutschen Reichs hatten nicht nur Auswirkungen auf die kolonisierten Gebiete und ihre Bevölkerung. Auch im Kaiserreich machten sich Kolonialhandel, politische Debatten und kulturelle Einflüsse bemerkbar. Auf unterschiedliche Weise beeinflussten neben den Waren aus den Kolonien auch Menschen und Kulturen von verschiedenen Kontinenten das Leben der Hamburger*innen.

Zwei besonders publikumswirksame Formen der kolonialen Repräsentationen waren Völkerschauen und Ausstellungen in Völkerkunde- oder ethnologischen Museen. Während die Museen meist materielle Objekte und teilweise menschliche Überreste ausstellten, zielten die Völkerschauen darauf ab, als exotisch wahrgenommene Menschen lebend auszustellen. Anders als die ab den 1880er Jahren entstehenden Museen, hatten verschiedene Arten von Völkerschauen bereits eine mehrere Jahrhunderte dauernde Tradition in Europa und wurden einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand ein regelrechter Gründungsboom von ethnologischen Museen in ganz Europa statt, gemeinsam mit Völkerschauen und ethnografischen Ausstellungen aller Art. Auch die Gründung des Hamburger Museums für Völkerkunde 1879 war Teil dieses Trends, und trug zum erweiterten Kulturangebot der Hansestadt bei.

Einerseits sollten im Völkerkundemuseum die bisherigen Errungenschaften der kolonialen Bestrebungen veranschaulicht und vermeintliche Erfolge gefeiert werden. Andererseits dienten die Darstellungen von scheinbar fremden Menschen und Gebieten auch dazu, Unterstützung für die koloniale Sache einzuwerben und die damit verbundenen Anstrengungen zu begründen. Es sollte gezeigt werden, dass die Lebensweise der Bewohner*innen der Kolonien der eigenen angeblich deutlich unterlegen sei und deshalb eine Pflicht zur vermeintlichen „Zivilisierung“ dieser Gesellschaften die Kolonialbestrebungen des Deutschen Reichs rechtfertigte.

Schon die Namensgebung der „Völkerkunde“ verpflichtete die junge Wissenschaft dazu, über andere Kulturen aufzuklären und so das vermeintlich Fremde zu erklären. Damit trugen die Wissenschaften auch dazu bei, eine europäische Sichtweise auf „das Eigene“ und „das Fremde“ als Gegensätze zu trainieren. Entsprechend wurden andere Kulturen und Gesellschaften als exotisch und unzivilisiert dargestellt, um so die eigene Gesellschaft und Lebensweise als modern, fortschrittlich und entwickelt darstellen zu können.

Noch anschaulicher wurden diese kontrastierenden Bilder von eigener und anderer Lebensweise in den sogenannten „Völkerschauen“. In Ausstellungen und Darbietungen sollten Mitglieder nicht-europäischer Gesellschaften ihre Lebensweise und kulturelle Riten vorführen und wurden dabei häufig in abgezäunten Arealen zur Schau gestellt.

Beide Formen der Ausstellung dienten den Besucherinnen und Besuchern dazu, scheinbar selbst die fremden Welten der Kolonien kennen zu lernen. Im Museum und auch während der Völkerschauen konnte das Publikum sich auf „Spurensuche“ begeben und ein Stück der exotischen Entdeckungen in weit entfernten Ländern nachvollziehen. Durch die wissenschaftliche Absicherung der präsentierten Inhalte wirkten die Ausstellungen besonders glaubhaft und verlässlich.

Museum für Völkerkunde

Für die ethnologischen Sammlungen war das Hamburger Museum für Völkerkunde zuständig, das ab 1904 unter seinem ersten Direktor Georg Thilenius den Sammlungsaufbau enorm vorantrieb: Allein zwischen 1905 und 1907 vergrößerte sich die Sammlung des Museums um knapp 10 000 Objekte.

1908 bis 1910 entsandte das Völkerkundemuseum die sogenannte „Südsee-Expedition“, in deren Rahmen Ethnologen, Geographen und Biolog*innen möglichst umfangreiche Sammlungen von Objekten, naturkundlichen Proben und begleitenden Aufzeichnungen sowie Kartenmaterial für das Hamburger Museum zusammenstellten. Dabei sollten die Ergebnisse dieser Forschungsreise auch dazu dienen, einen deutschen Anspruch auf außereuropäische Kolonialgebiete zu festigen. Darüber hinaus sollte so eine kulturelle und wirtschaftliche Überlegenheit weißer Europäer über die Bewohner der Kolonien konstruiert werden.

Neben gezielten Expeditionen boten auch private Sammler, Kunsthändler*innen und Reisende sowie Wissenschaftler*innen dem Museum regelmäßig einzelne Stücke oder ganze Sammlungen zum Kauf an, so dass der Objektbestand stetig wuchs. Auch Angehörige der Handelshäuser brachten zunehmend Objekte von ihren Reisen mit, die sie dann dem Museum zum Kauf anboten. Zentral war dabei die Vorstellung, dass umfangreiche Sammlungen mit umfangreichem Wissen gleichzusetzen seien: Je mehr Objekte dem Museum und seinen Angestellten zur Verfügung standen, desto umfangreicher die daraus zu ziehenden Erkenntnisse.

Nicht immer wussten die Wissenschaftler*innen überhaupt, was sie gesammelt hatten – der Herkunftsort war meist bekannt, aber die Verwendung des Gegenstands war häufig nicht überliefert. Auch war in den meisten Fällen unklar, wie die Sammler überhaupt in den Besitz der Dinge gekommen waren – war es ein Ankauf, ein Tausch, Diebstahl, Beute oder ein Geschenk gewesen? Dennoch wurden die im Museum ankommenden Gegenstände als bezeichnend für eine bestimmte Kultur gewertet, unabhängig davon, ob diese Gegenstände in ihren Herkunftsländern überhaupt noch verwendet wurden oder längst veraltet waren.

Um die rasant wachsende Sammlung unterzubringen, wurde 1908 mit einem repräsentativen Neubau für die Ausstellungs-, Lehr- und Lagerräume des Museums an der Rothenbaumchaussee begonnen. Bis heute sind die über 35.000 Sammlungsstücke des Museums neben dem Hauptgebäude in der Rothenbaumchaussee in mehreren Außenlagern untergebracht, und nur ein Bruchteil davon ist in den Ausstellungsräumen zu sehen.

Nach dem Ersten Weltkrieg veränderten sich die Sammlungsbedingungen für das Hamburger Museum für Völkerkunde. Ohne direkte Verbindung in eigene Kolonien mussten Direktor Thilenius und seine Mitarbeiter*innen verstärkt ihre privaten Netzwerke zur Beschaffung weiterer Ethnografika bemühen, und die Anzahl der eingehenden Objekte nahm deutlich ab.

Hagenbecks Völkerschauen

In Hamburg war der Tierhändler Hagenbeck der maßgebliche Initiator für die Ausstellung fremder Kulturen und ihrer Lebensweisen am lebenden Forschungsobjekt. Ab Mitte der 1850er Jahre stellte Gottfried Hagenbeck (1810-1887) auf St. Pauli Seehunde und andere Tiere aus, die teilweise durch Kunststücke das Publikum beeindruckten. Sein Sohn Carl Hagenbeck (1844‑1913) baute das Familienunternehmen um den Handel mit großen und seltenen Tieren aus. Ab 1874 richtete er zusätzlich regelmäßig die „Hagenbeckschen Völkerausstellungen“ in Hamburg aus und

„Lappländer und Nubier, Eskimos und Somali, Kalmücken und Indier, Singhalesen und Hottentotten, die Bewohner der verschiedensten Zonen reichten einander in den kommenden Jahren gleichsam die Hände in ihren Zügen durch die europäischen Hauptstädte.“[1]

Bei der Rekrutierung für seine Völkerschauen war Carl Hagenbeck nicht maßgeblich auf die Deutschen Schutzgebiete angewiesen – seine Kontakte durch den jahrelangen Tierhandel brachten ihm Verbindungen weit über die deutschen Besitzungen hinaus ein. Dabei wurden die Völkerschauen besonders sensationslüstern gestaltet und sollten möglichst viele Kuriositäten enthalten, um größere Mengen zahlenden Publikums zu gewinnen. Gleichzeitig führten die ausgestellten Menschen scheinbar ihren Alltag vor, das Publikum sollte einen scheinbar authentischen Einblick in das Leben der Menschen weit entfernter Gebiete bekommen. Häufig gingen die Ensembles der Völkerschauen nach dem Engagement in Hamburg auf Tourneen durch Europa; allein die Hagenbecksche Sioux-Schau im Jahr 1910 erreichte so ein Publikum von über einer Million Menschen.

Durch die Einteilung der Menschen und Gegenstände aus weit entfernten Erdteilen in bekannte Kategorien wurden diese Gebiete anschaulich. Die Besuchenden bekamen den Eindruck, live mitzuerleben, wie die Menschen in ihnen bisher unbekannten Gebieten ihren Alltag gestalteten, welche Nahrung sie zu sich nahmen und wie die familiären Verhältnisse waren. Dabei wurde ausgeblendet, dass es sich um eine zu publikumszwecken inszenierte Vorstellung handelte und die ausgestellten Menschen häufig sehr bewusst mit den Klischees spielten, die an sie herangetragen wurden. So auch Abraham Ulrikab und seine Familie aus Hebron in Labrador, die als sogenannte „Eskimo“ 1880 bis 1881 Teil einer der frühen Völkerschauen waren. Wie alle Teilnehmer*innen der Völkerschauen sollten Abraham Ulrikab und seine Familie besonders exotisch und fremd wirken, gleichzeitig aber zumindest eine europäische Sprache beherrschen, um sich reibungslos in die Organisation der Darbietung zu integrieren. Durch engen Kontakt zu christlichen Missionaren und ihre Konvertierung zum christlichen Glauben entsprach die 5-köpfige Familie Ulrikab genau diesen Ansprüchen. Doch Vater Abraham, seine Frau Ulrike und die beiden Töchter Sara und Maria sowie Ulrikes Neffe Tobias fühlten sich häufig unwohl, wenn sie ihr Privatleben ausstellen sollten und litten unter starkem Heimweh. Aufgrund einer versäumten Impfung verstarben alle Angehörigen der Familie Ulrikab 1881 noch während ihres Aufenthalts in Europa an Windpocken. Die sterblichen Überreste beider Familien wurden in Paris und Hamburg zur Erforschung diskriminierender Rassetheorien verwendet und erst 2014 offiziell als Überreste der verstorbenen Inuit identifiziert.

Mit der Eröffnung des Tierparks Carl Hagenbeck 1907 bekamen auch die Völkerschauen einen festen Ort. Auf dem Gelände des Tierparks in Stellingen stand auch den Völkerschauen ein riesiges Areal zur Verfügung, was zu immer umfangreicheren, dafür aber selteneren Schauen führte. Es wurden dramaturgische Aufführungen erarbeitet, die grundsätzlich die vier Elemente Musik, Tanz, Kampfdarbietungen und einen Umzug mit Tieren beinhalteten. Neben exotischen Gerichten konnten auch Kunsthandwerk und Schmuck aus den jeweiligen Weltregionen als Souvenirs erworben werden. Auch das Museum für Völkerkunde erbat regelmäßig Auskünfte über bestimmte Objekte oder Lebensweisen, Studierende des Kolonialinstituts besuchten im Rahmen ihrer Lehrveranstaltungen die Völkerschauen als Anschauungsbeispiel. Während des Ersten Weltkriegs kam dann der Betrieb der Hagenbeckschen Schauen zunächst zum Erliegen, wurde aber von den Nachfahren Carls in den 1920er Jahren erneut aufgenommen. Trotz rückläufiger Publikumszahlen richtete die Firma Hagenbeck bis 1932 weitere Völkerschauen aus und kombinierte sie teilweise mit den Attraktionen ihres Zoos in Stellingen, der bis heute ein Publikumsmagnet ist.

Funktionen der Darstellungen des „Anderen“

Die zur Schau gestellten Repräsentationen des vermeintlich Exotischen oder Anderen erfüllten mehrere Funktionen.

Zum einen konnten Erdteile und Kulturen, die den Hamburgerinnen und Hamburgern vorher nicht bekannt gewesen oder von Mythen umgeben waren, jetzt während eines Wochenendausflugs im Museum oder in der Völkerschau betrachtet werden. Dadurch schienen die Distanzen überwindbar, vorher Fremdes wurde anschaulich und vorstellbar. Außerdem ließen sich mithilfe von Ethnologie, Anthropologie und Geografie die vielen gesammelten Proben, Objekte, Fotografien und Menschen in übersichtliche Kategorien einteilen und wurden so überschaubar.

Zum anderen verdeutlichten die Ausstellungen und Unterhaltungsshows aber auch, welche Unterschiede zur eigenen Lebensweise bestanden. Bewusst wurden vermeintlich exotische Aspekte betont – die Menschen sollten besonders „wild“ und „ursprünglich“ erscheinen, die gesammelten Gegenstände wurden schon beim Einsammeln auf ihre Fremdheit hin ausgewählt. Damit wurden die scheinbar näher gerückten Kolonien gleichzeitig besonders fremd und anders. Um weiterhin das Fremde erforschen zu können und die angeblich „Wilden“ der eigenen Lebensweise anzupassen, schien weiteres koloniales Engagement das richtige Mittel zu sein, so dass zusätzliche Unterstützung eingeworben werden konnte.

Die Veranschaulichung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in Ausstellungen, Museen und Unterhaltungsshows ließ die Distanz zwischen den Kolonien und dem deutschen Mutterland scheinbar verschwinden, das „Andere“ wurde greifbar und handhabbar gemacht – und schien dadurch kontrollierbar und regierbar.

Zitate:

[1] Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen. Erinnerungen und Erlebnisse, Leipzig 1928, S. 59.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Werbeanzeige für ein Tropenzelt (Ausschnitt), Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_287-07.