Schulwesen im Kaiserreich

Reiner Lehberger

Zeitlich fast identisch mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches begann auch für das Schulwesen im Hamburger Stadtstaat eine neue Epoche. Am 11. November 1870 hatten Senat und Bürgerschaft das „Ge­setz betreffend das Unterrichtswesen“ verabschiedet, das für Hamburg, als letztes Land in Deutschland, das staatliche Schulwesen institutionali­sierte. Genauer: Das Unterrichtsgesetz von 1870 begründete die öffentli­che Volksschule, die Unterrichtspflicht, die staatliche Lehreraus­bildung und, durch die Bestätigung der seit 1860 eingesetzten Ober­schulbehörde, die staatliche Schulaufsicht. Damit wurde ein Zustand be­endet, in welchem das Schulwesen in Hamburg von kirchlichen, halböf­fentlichen und vorwiegend privaten Institutionen und Personen getra­gen worden war und in dem Personen „Schule halten konnten“, die selbst nur eine geringe oder manchmal sogar gar keine Befähigung dazu besaßen. Es folgte ein Prozess der Modernisierung des Bildungswe­sens, den Bildungshistoriker mit den Kategorien Verweltlichung (d.h. Trennung von Schule und Kirche), Verstaatlichung (d.h. Übernahme und Beaufsichtigung aller Bereiche des Schulwesens durch den Staat) und Verfachlichung (d.h. Errichtung eines diversifizierten Schulwesens und einer professionalisierten Lehrerausbildung) bezeichnen.

Für die fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung der Stadt war diese Modernisierung des Bildungswesens Voraussetzung und Basis zugleich. Nur stichwortartig kann die politische und ökonomische Ent­wicklung in diesem Rahmen hier angedeutet werden. Zu nennen wäre: 1867: Eintritt Hamburgs in den Norddeutschen Bund, 1871: Reichsgrün­dung und 1888: Zollanschluss als wirtschaftspolitische Basis für Ham­burgs Aufstieg zum Welthafen.

In welcher Schnelligkeit sich diese hier ja nur angedeutete Entwick­lung vollzog, erkennt man nicht zuletzt am Anstieg der Einwohnerzah­len. Waren es 1870 ca. 325.000 Menschen, die in der Hansestadt lebten, hatte sich die Zahl 1890 bereits fast verdoppelt. 1910 war die Millionen­grenze überschritten. In vier Jahrzehnten hatte sich die Einwohnerzahl Hamburgs verdreifacht.

Das Volksschulwesen

Parallel zum Anstieg der Bevölkerung gab es eine quantitativ noch größere Entwicklung im Schulwesen. Mit ganzen sechzehn von den Ar­menanstalten übernommenen Schulen und 6.087 Schülerinnen und Schülern hatte man im Jahre 1872 angefangen. 1914 gab es ca. 115.000 SchülerInnen, unterrichtet in 199 Schulen. Diese umfassten die Klassen 1-7 sowie die Klasse 8, die Selecta, für besonders befähigte Jugendliche.

Bemerkenswert in der Volksschulentwicklung jener Jahre ist jedoch nicht nur die quantitative Ausweitung, sondern vor allem auch das qua­litativ-inhaltliche Angebot. „Die allgemeine Volksschule ist ein Produkt des nach Freiheit ringenden Staates, der erkannt hat, daß die Wurzeln seiner Freiheit in der größtmöglichen Bildung aller seiner Angehörigen bestehen, der diese Bildung nicht beschränkt wissen will durch das Maß der pekuniären Mittel, die dem einzelnen zu Gebote stehen, sondern der bereit ist, mit seinen Mitteln und mit den Mitteln der Gesamtheit einzu­treten für alle, die auf dem Wege der Selbsthilfe dieses Ziel nicht errei­chen können.“ Die Bildungsziele der Volksschule müssen so hoch ange­setzt werden, „daß diejenigen Schüler, die ihren Kurs durchgemacht ha­ben, zu den Gebildeten zählen“.

In diesen, einem offiziellen Bericht der Oberschulbehörde von 1875/76 entnommenen Sätzen spiegelt sich ein ausgesprochen liberales und aufgeklärtes Staats- und Bildungsverständnis wieder, das durchaus der Tradition der 1848er Revolution verbunden ist. Zum Nutzen des Einzelnen und der Gesellschaft hat der Staat ein umfangreiches und al­len zugängliches Bildungsangebot bereitzustellen. Und in der Tat, das Fächerangebot, mit dem die Volksschule 1870 ausgestattet wurde, war breit und offenbarte ein weites Verständnis von Volksbildung. Neben Fächern wie Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen, Gesang, Zeichnen und Turnen finden sich Geometrie und Algebra, Geographie, Geschichte, Naturgeschichte (=Biologie), Physik und Chemie. Darüber hinaus wurde Englisch für Jungen als Pflichtfach festgeschrieben – die Mädchen er­hielten erst 1911 wahlfreien Englischunterricht –, und Französisch sollte, „soweit es die Verhältnisse gestatten“, unterrichtet werden; letzteres im übrigen die einzige Vorgabe des Unterrichtsgesetzes, die nicht sofort, sondern erst 1911 als Wahlangebot für die Abschlussklassen verwirklicht wurde.

Natürlich war dieses hohe Bildungsangebot der Schule von den öko­nomischen Erfordernissen der Hansestadt mit diktiert worden. Vor al­lem für die Aufnahme des Englischunterrichts an der Volksschule – in anderen Ländern des Reiches wurde dies durchweg erst nach dem Zwei­ten Weltkrieg nachgeholt – sind die ökonomischen Interessen leicht nachweisbar. 1870 machte die Ausfuhr nach Großbritannien und den USA mehr als 60 Prozent des Gesamtaufkommens im Hamburger Hafen aus; es gab kaum einen Betrieb im Hafen, der nicht mit englischsprachi­gen Ländern in gewerblichem Kontakt stand. Das hohe Bildungsniveau der Hamburger Volksschule kam damit auch den Schülern dieser Schul­form zugute; denn hier in Hamburg konnte etwa ein Drittel der Volks­schulabgänger Berufe ergreifen, die Volksschülern andernorts verwehrt waren.

Das höhere Schulwesen für Jungen

Als eine Anpassung an die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten der Handels- und Industriemetropole darf auch die Ent­wicklung im höheren und Berufsschulwesen der Hansestadt gewertet werden. 1870 gab es im höheren staatlichen Schulwesen das Johanneum, das Akademische Gymnasium und die Realanstalt des Johanneums. Die beiden ersten Anstalten waren mit Latein, Griechisch und Hebräisch im Zentrum der klassischen Bildung verpflichtet und damit für eine ge­werblich-wirtschaftliche Vorbereitung des späteren Berufslebens unge­eignet.

Vor allem nach der Thronbesteigung Wilhelms II., der 1890 die Forderung nach der Vermehrung von zum Abitur führenden Realan­stalten erhoben hatte, widmete sich auch der Hamburger Senat zuneh­mend dieser Aufgabe. Während 1882 mit dem Wilhelm-Gymnasium eine weitere klassische Gelehrtenschule eröffnet worden war, stand der weitere Ausbau des höheren Schulwesens ganz im Zeichen der Neu­gründung von Realanstalten. So existierten 1914 neben den zwei Gym­nasien auf Hamburger Stadtgebiet 14 Realanstalten, davon 7 neunstufige und 7 sechsstufige. Im Zentrum des Lehrangebots dieser Schulen befan­den sich die naturwissenschaftlichen Fächer und die neueren Fremd­sprachen, d.h. beide Fächergruppen nahmen einen außergewöhnlich hohen Stundenanteil ein.

An der Oberrealschule auf der Uhlenhorst liest sich die Prioritätsset­zung im Lehrplan 1911/12 wie folgt: So ist die erste Fremdsprache, in diesem Fall Französisch, mit insgesamt 45, die zweite Fremdsprache Englisch mit 28 Schulzeitwochenstunden vertreten. Dazu kommt Spa­nisch im Wahlfachbereich mit nochmals 6 Schulzeitwochenstunden als dritte neuere Fremdsprache. Die Naturwissenschaften sind mit 45 Schul­zeit­wochenstunden vertreten, dies obwohl Mathematik, Geometrie und Geographie noch nicht einmal eingerechnet sind. Die hohe Gewichtung dieser Fächergruppen wird besonders deutlich, wenn man dies mit dem Anteil des Deutschunterrichts vergleicht, der mit insgesamt 38 Schul­zeitwochenstunden erst auf dem dritten Platz der Fächergewichtung er­scheint.

Bei der hohen Bedeutung der Realienfächer im Hamburger höheren Schulwesen verwundert es nicht, dass in dieser Stadt auch im methodi­schen Bereich für diese Fächer wichtige Anregungen und Neuerungen entwickelt wurden. So ebneten in den naturwissenschaftlichen Fächern Pädagogen wie Albrecht Thaer (Oberrealschule vor dem Holstentore) und Ernst Grimsehl (Oberrealschule auf der Uhlenhorst) den Weg vom lehrerzentrierten Demonstrationsunterricht zum Schülerversuch. Im neusprachlichen Unterricht war es der Hamburger Oberlehrer Gustav Wendt (Oberrealschule vor dem Holstentore), der die Überwindung der sogenannten Grammatik-Übersetzungsmethode einleitete und den mo­dernen Sprechunterricht mit der Zielsprache als Unterrichtssprache propagierte.

Das höhere Schulwesen für Mädchen

Ein staatliches höheres Mädchenschulwesen wurde in Hamburg erst mit der Einrichtung der beiden Schulen an der Hansastraße und am Ler­chenfeld im Jahre 1910 institutionalisiert. Bis zu diesem Zeitpunkt be­suchten Mädchen für eine höhere Schulbildung eine der halböffentlichen Anstalten oder wichen an die 1876 gegründete Städtische Höhere Töch­terschule in Altona aus.Die beiden bedeutendsten halböffentlichen höheren Mädchenschulen waren die 1866 entstandene Schule des Paulsenstifts, die 1893 als höhere Bildungsanstalt anerkannt wurde, sowie die 1872 eröffneten „Unter­richtsanstalten des Klosters Sankt Johannis“, eine höhere Mädchenschule mit Lehrerinnenseminar. Beide Schulen erhielten nach der Mädchenschulreform von 1910, die in Angleichung an die preußische Reformierung des Mädchenschulwe­sens durchgeführt wurde, die Bestätigung als Lyzeum, eine Anerken­nung, die nur einem Drittel der 1910 vorhandenen 47 privaten und halb­öffentlichen Mädchenschulen gelang.

Das berufliche und Sonderschulwesen

Auch sei darauf verwiesen, dass im Kaiserreich die Anfänge für die Sonderschulen liegen und das Berufsschulwesen einen – wenn auch be­scheidenen – Aufschwung nahm. 1870/71 hatte es in Hamburg zwei be­rufliche Schulen gegeben, die 1865 gegründete und von 190 Schülern be­suchte allgemeine Gewerbeschule und die Schule für Bauhandwerker, in der 57 Schüler unterrichtet wurden. Im preußischen Harburg war bereits 1840 eine erste Gewerbeschule eröffnet worden. Bis zur Jahrhundert­wende entwickelte sich ein gegliedertes gewerblich-kaufmännisches Be­rufsschulwesen, ergänzt durch die Kunstgewerbeschule, die Baugewer­beschule und das Technikum mit höherer Elektro- und Maschinen­bau­schule sowie Einrichtungen für das Schiffsgewerbe. Im Schuljahr 1911/12 be­suchten diese Schulen ca. 14.000 Schüler, zuzüglich ca. 1.100 weiblichen Handelsbeflissenen, d.h. Mädchen, die in einen kauf­männischen Beruf strebten.

Eine erste „Hülfsklasse“ für „schwachsinnige“ Kinder wurde 1892 in St. Pauli eingerichtet. Bereits 1914 gab es 12 Hilfsschulen mit 92 Klassen und 188 (Volksschul-)Lehrern. Im benachbarten Altona gab es schon seit 1889 eine erste Hilfsschule, die heutige Carsten-Rehder-Schule. Sonderunterricht für körperlich Behinderte gab es seit 1827 in der Taubstummenanstalt, seit 1831 für Blinde und Sehbehinderte am Blin­deninstitut. 1881 bzw. 1893 wurden diese Schulen vom Staat übernom­men. Seit 1888 gab es eine erste unterrichtliche Versorgung für Stotterer, 1892 eine erste staatliche Klasse, aus der 1922 die Sprachheilschule her­vor­ging. 1911/12 schließlich wurde die Schwerhörigenschule gegründet.

 

Auszug aus: Lehberger, Reiner; deLorent, Hans-Peter: Schulen in Hamburg – Ein Führer durch Aufbau und Geschichte des Hamburger Schulwesens, Hamburg 2012.

 

Grundlegende Literatur:

Reiner Lehberger: Schule in Hamburg während des Kaiserreiches. In: Winter, Hans-Gerd; Stephan, Inge (Hg.): „Heil über dir, Hammonia.“ Hamburg im 19. Jahrhundert. Hamburg 1992, S. 417-446.

Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erzie­hungswesens (Hg.): Das hamburgische Schulwesen. Hamburg o.J. [ca. 1914]; Ober­schulbehörde (Hg.): Das hamburgische Schulwesen 1914/24. Hamburg 1925. Speziell zum Schulbau vgl. Meyn 1998.

Grosse, Rolf: Die Entwicklung des Hilfsschulwe­sens in Hamburg. [Staatsexamensarbeit Universität Hamburg] Hamburg o.J. [= 1967].

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Modebroschüre um 1907 (Ausschnitt), Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_diverse.