Industrialisierung, soziale Frage und Arbeiterbewegung in Hamburg

1830 - 1914

Dirk Brietzke

Die Industrialisierung Hamburgs ist ein langwieriger und komplexer Prozess, dessen Kernphase die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und das frühe 20. Jahrhundert umfasst. Sie veränderte vor dem Hintergrund der Urbanisierung nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse und das Stadtbild nachhaltig. Zugleich war sie mit einer Verschärfung sozialer Gegensätze verbunden, die zum Widerstand gegen die neu entstehenden kapitalistischen Strukturen und schließlich zur Entstehung der Arbeiterbewegung führte. Streiks und Fabrikbesetzungen, die Gründung von Gewerkschaften und Genossenschaften und die Gründung von Arbeiterparteien, die für soziale und politische Emanzipation kämpften, sind daher für das Verständnis dieser Phase ebenso bedeutend wie die Entwicklung neuer Produktionstechniken, die Ansiedlung von Industriebetrieben, die Erschließung neuer Energiequellen und die Verbesserung des Verkehrs- und Transportwesens durch den Bau von Eisenbahnstrecken und Innovationen im Schiffbau.

Noch heute wird Hamburg oft vor allem als Hafenstadt und Handelsmetropole wahrgenommen. Dieses einseitige Bild wird spätestens seit dem 19. Jahrhundert der Lebenswirklichkeit nicht mehr gerecht. Dennoch hat es auch den Blick der historischen Forschung verengt: Als hamburgische Wirtschaftsgeschichte gilt meist in erster Linie die Geschichte des Hafens und des Handels. Während diese Bereiche ausgiebig erforscht wurden, ist das Wissen über Hamburg und sein Umland als Zentrum der Industrialisierung im norddeutschen Raum noch immer sehr lückenhaft. Eine zusammenfassende und systematisch angelegte Überblicksdarstellung, die den Weg der Stadt zu einem bedeutenden Industriestandort nachzeichnet, fehlt bis zum heutigen Tag. Deutlich besser erforscht ist hingegen die Rolle Hamburgs als Hochburg derArbeiterbewegung.

Im Vergleich zu vielen anderen Städten und Regionen setzte die Industrialisierung in Hamburg verspätet ein. Im ausgehenden 18. Jahrhundert besaß die Stadt mit ihren Kattunfabriken, Zuckersiedereien und anderen Manufakturbetrieben durchaus gute Voraussetzungen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch erschwerten die Handelsbeschränkungen infolge der napoleonischen Kriege, die Besetzung der Stadt durch französische Truppen (1806-1814) und der Große Brand von 1842, bei dem etwa ein Drittel der Stadt zerstört wurde, die wirtschaftliche Entwicklung. Die über Jahrhunderte geltende Priorität des Handels, fehlende Gewerbefreiheit, Zollschranken und das Verhältnis Hamburgs zum Deutschen Bund, später zum Norddeutschen Bund und zum Deutschen Reich trugen ebenfalls zur Verzögerung bei.

Dennoch entwickelte sich Hamburg im 19. Jahrhundert in rasantem Tempo zu einer modernen Großstadt. Vor allem eine starke Zuwanderung führte dazu, dass sich die Einwohnerzahl in einem Jahrhundert fast verzehnfachte: Von 132 000 Einwohnern im Jahr 1811 über 215 000 (1850), 327 000 (1870) und 768 000 (1900) stieg die Zahl auf über eine Million im Jahr 1910. Umfassende topografische, städtebauliche und infrastrukturelle Veränderungen waren die Folge. Dazu gehörten z. B. die bauliche Verdichtung und intensivere Nutzung der begrenzten innerstädtischen Flächen, die stärkere Bebauung der Vorstädte St. Georg und St. Pauli sowie die rasche Erschließung und Bebauung der Vororte.

Ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Gewerbefreiheit war das 1835 eingeführte „Generalreglement der Ämter und Brüderschaften“, das die Macht der Zünfte – in Hamburg Ämter genannt – empfindlich einschränkte. In Paragraf 34 des Reglements heißt es: „Die fabrikmäßige Betreibung eines sonst zünftigen Gewerbes ist an keinen Zunftzwang gebunden, vielmehr in jeder Rücksicht davon befreit.“ Voraussetzung war allerdings eine Konzession des Rats, der zuvor überprüfte, ob schon eine Zunft das Bedürfnis hinreichend erfüllte.1838 wurde auf Drängen der Commerzdeputation das Amt der Schiffszimmerer aufgelöst. Der Weg zu einem nicht zunftgebundenen Schiffbau, aber auch zur Drückung der Löhne war damit frei. Eine umfassende Einführung der Gewerbefreiheit gelang erst 1865: Sämtliche Handwerksämter und Brüderschaften wurden nun aufgehoben, jeder volljährige Hamburger und jede volljährige Hamburgerin waren fortan berechtigt, einen Gewerbebetrieb zu gründen.

Auch weitere bedeutende Weichenstellungen für die Industrialisierung erfolgten schon seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Fabrikgründungen der folgenden Jahrzehnte ließen schon bald eine enorme Bandbreite erkennen. 1839 war in der Fabrik von Heinrich Christian Meyer eine Dampfmaschine in Betrieb genommen worden. Dabei handelte es sich vermutlich um die erste langfristig industriell genutzte Dampfmaschine in Hamburg. Der Bau von Eisenbahnstrecken nach Bergedorf (1842), Kiel (1844) und Berlin (1846) hatte die Voraussetzungen für die Ansiedlung von Industriebetrieben verbessert. 1846 war eine Kupferhütte gegründet worden, aus der 1866 als Aktiengesellschaft die Norddeutsche Affinerie hervorging, ein später weltweit agierendes Unternehmen. Zu den weiteren Gründungen, die noch vor dem Zollanschluss erfolgten, gehörten zum Beispiel Langnese, die erste deutsche Biskuitfabrik (1861), die Actien-Brauerei St. Pauli (1863) als erste Hamburger Großbrauerei – weitere Brauereien folgen, darunter 1879 die Holsten-Brauerei, 1881 die Elbschloß-Brauerei –, die Maschinenfabrik Nagel & Kaemp (1865), die New-York Hamburger Gummi-Waaren Co. in Barmbek (1871), die Großwerft Blohm & Voss (1877) mit zeitweilig bis zu 14 000 Beschäftigten sowie ein Zweitwerk des New Yorker Klavierbauers Steinway & Sons (1880).

Im Jahrzehnt zwischen 1850 und 1860 siedelten sich die meisten Industriebetriebe vor den Toren der Stadt an. Vor allem Harburg, Bergedorf und Ottensen wurden so zu bedeutenden Keimzellen der Industrialisierung. Erst seit den 1860er Jahren kamen vermehrt auch Fabriken hinzu, die ihren Standort in Hamburg hatten. Während die Aufhebung der Torsperre (1860) und die schon erwähnte Einführung der Gewerbefreiheit (1865) die Attraktivität der Stadt erhöht hatten, blieb ein weiterer Wettbewerbsnachteil noch lange Zeit bestehen: Hamburg weigerte sich – nicht zuletzt auf Bestreben der Commerzdeputation – entschieden, dem 1834 gegründeten Zollverein beizutreten. Was für den Handel und die Betriebe des Exportgewerbes, die über den Hafen Waren ausführten, nützlich war, schadete jedoch der Entwicklung der Hamburger Industrie, die auf Absatz im Binnenland angewiesen war. Das Königreich Hannover dagegen, zu dem Harburg gehörte, wurde 1854 Mitglied des Zollvereins. Hamburger Industrielle verlagerten daraufhin ihre Produktion nach Harburg. Zu ihnen gehörte die Firma H. C. Meyer, die 1856 mit der Harburger Gummi-Kamm-Compagnie die erste deutsche Hartkautschukfabrik gründete. Weitere wichtige Branchen waren die chemische Industrie und die Pflanzenölgewinnung. Das Kapital der so entstandenen Harburger Großindustrie stammte zu etwa 75 Prozent aus Hamburg. Zollpolitisch im Vorteil waren ab 1866 auch Ottensen und Wandsbek, die nun als preußische Städte innerhalb des Gebietes des Zollvereins lagen. Hamburg blieb auch nach der Reichsverfassung von 1871 als Freihandelszone Zollausland. Erst 1888 konnte der sieben Jahre zuvor nach zähen und langwierigen Verhandlungen beschlossene Zollanschluss Hamburgs vollzogen werden. Zum Ausgleich erhielt die Stadt als zollfreies Terrain den Freihafen mit der neu erbauten Speicherstadt.

Damit war das letzte große Hindernis für die industrielle Entwicklung überwunden. In den folgenden Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs wurde der Hafen wesentlich erweitert, die Hafen- und Strombaueinrichtungen erfuhren ebenso wie die Verkehrsinfrastruktur deutliche Verbesserungen. Zu wichtigen Standorten des Schiffbaus wurden die Elbinseln Steinwerder und Grasbrook, die nach dem Stadtbrand von 1842 zur Gewinnung von Baugrund für neue Fabrikanlagen aufgeschüttet worden waren. Die Hamburger Werften, darunter die schon 1848 gegründete Stülcken-Werft, Blohm & Voss, die Reiherstiegswerft und die 1908 in Betrieb genommene Vulcan-Werft, entwickelten sich zu Zentren der deutschen Schiffbauindustrie. Davon profitieren auch viele Zulieferbetriebe: Fabriken für die Herstellung von Schiffsmaschinen und -ausrüstungen, Schiffs- und Kupferschmieden sowie Stahl- und Metallgießereien. Ab 1900 entwickelten sich zunehmend auch hafenunabhängige Industriezweige. Hatte es in Hamburg 1880 noch 685 Fabriken mit 18 400 Arbeitern gegeben, so waren es 1890 bereits 1199 Fabriken mit 30 100 Arbeitern und 1913 6715 Fabriken mit 109 200 Arbeitern. Zu den wichtigsten Branchen gehörten neben dem Schiffbau Industrien zur Veredlung von Rohstoffen, zum Beispiel von Nahrungs- und Genussmitteln wie Kaffee, aber auch von Metallen und Holz sowie Versorgungsindustrien wie die Konsumgüterindustrie und Bauunternehmen.

Neue kapitalistische Strukturen prägten nicht nur die komplexen wirtschaftlichen Modernisierungsprozesse im Zuge der Industrialisierung. Sie führten darüber hinaus zu einem  tief greifenden sozialen Wandel und zur Herausbildung einer Klassengesellschaft, die sich von herkömmlichen ständischen Ordnungen grundsätzlich unterschied. Die Auflösung traditioneller Wirtschaftsstrukturen während des 19. Jahrhunderts, verbunden mit der Durchsetzung wirtschaftsliberaler Prinzipien, schwächte die Position traditioneller korporativer Zusammenschlüsse, die durch ihren besonderen rechtlichen Status auch ein gewisses Maß an sozialer Absicherung gewährleistet hatten. Zu den wichtigsten Trägern der frühen Arbeiterbewegung gehörten daher nicht zuletzt Handwerksgesellen, die alle destruktiven Folgen wirtschaftlicher und sozialer Desintegraton am eigenen Leibe erfuhren. Auch in Hamburg entstand so über Jahrzehnte hinweg aus einstigen Manufakturarbeitern und Handwerkern sowie zahlreichen Zuwanderern aus ländlichen Gebieten eine Industriearbeiterschaft, die extrem unsicheren Lebens- und Arbeitsverhältnissen ausgesetzt war und deren politisches Selbstbewusstsein erst allmählich wuchs.

Welche Ausmaße die soziale Ungleichheit annahm, war auch an den desolaten Wohnverhältnissen ablesbar, in denen Arbeiter und andere ärmere Bevölkerungsschichten in Hamburg lebten. Besonders stark betroffen waren die hafennahen Viertel sowie die dicht bebauten Gängeviertel der Altstadt und der Neustadt. Schmale Gassen und enge Höfe, überbelegte, dunkle und feuchte, oft nur aus einem Raum bestehende Wohnungen, eine mangelhafte Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie katastrophale sanitäre und hygienische Verhältnisse kennzeichneten hier die Wohnsituation. Für den Bau der Speicherstadt wurde in den 1880er Jahren ein komplettes Wohnviertel abgerissen. 20 000 Menschen verloren so ihr Obdach. Dadurch verschärfte sich die Wohnungsnot, viele Arbeiter waren gezwungen, fern von ihren im Hafen gelegenen Arbeitsplätzen in Hammerbrook, Eimsbüttel oder Barmbek eine Wohnung zu suchen. Dass die Cholera-Epidemie von 1892 die hohe Zahl von über 8600 Toten forderte, war neben dem Versagen des Senats auch den schlechten sanitären Verhältnissen geschuldet.

Erste Organisationen der Arbeiterbewegung entstanden in Hamburg schon seit den 1840er Jahren. 1844/45 wurde der Arbeiterbildungsverein gegründet, 1848 schloss sich das Bezirks-Comité für Arbeiter Hamburgs der Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Verbrüderung an, die unter anderem Mindestlöhne und die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden forderte. Die Revolution von 1848/49 eröffnete neue Entfaltungsmöglichkeiten und beflügelte vorübergehend die Bewegung. Auf ihre Niederlage folgte ab 1849 auch in Hamburg eine Welle der Unterdrückung mit Zensur, Verboten und Verhaftungen. 1865 kam es zu einer ersten größeren Streikwelle. Großes überregionales Aufsehen erregte 1869 der große Streik in der Waggonfabrik Lauenstein auf dem Hammerbrook.  Im großen Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97 kämpften mehr als 16 000 Arbeiter für höhere Löhne und eine Beschränkung der täglichen Arbeitszeit. Trotz breiter, auch überregionaler Solidarität endete der Streik nach rund elf Wochen mit einer Niederlage der Arbeiter.

Dass August Bebel Hamburg zu Recht als „Hauptstadt des Sozialismus“ bezeichnete, zeigte sich auch in der Gründungsphase der Arbeiterparteien in den 1860er Jahren, als die Hamburger Organisationen eine wichtige Rolle spielten. 1863 formierte sich eine Hamburger Ortsgruppe des im selben Jahr in Leipzig gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Zum Vorstand des ADAV gehörten mit Jakob Audorf und August Perl zwei Hamburger und mit Theodor Yorck ein Harburger. Nachdem der ADAV und die 1869 gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) sich 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zusammengeschlossen hatten, wurde immer deutlicher, welchen hohen Stellenwert Hamburg für die Arbeiterbewegung besaß: Die Stadt war nicht nur seit 1875 Sitz des Parteivorstands und damit Mittelpunkt der politischen Bewegung, sie galt zugleich auch als Zentrum der Gewerkschaftsbewegung. Von 57 Zentralverbänden der Gewerkschaften in Deutschland hatten um 1890 24 ihren Sitz in Hamburg, Altona oder Wandsbek. Zudem beherbergte Hamburg die Generalkommission der deutschen Gewerkschaften. Mit dem 1875 gegründeten „Hamburg-Altonaer Volksblatt“ (seit 1878 „Gerichtszeitung“, seit 1890 „Hamburger Echo“) und der sozialdemokratischen Genossenschaftsdruckerei war die Stadt ein bedeutender Standort der sozialdemokratischen Presse. Bereits 1867 war Karl Marx nach Hamburg gereist, um dem Verleger Otto Meißner das Manuskript für den ersten Band seines Werkes „Das Kapital“ zu übergeben. 1899 wurde am Großneumarkt die erste Verkaufsstelle des Konsum-, Bau und Sparvereins „Produktion“ eröffnet. Initiiert von Adolph von Elm, ermöglichte die Genossenschaft Arbeitern den günstigen Einkauf hochwertiger Waren.

Hamburger Industrielle reagierten auf den zunehmenden Einfluss der organisierten Arbeiterbewegung, indem sie eigene Zusammenschlüsse ins Leben riefen, um ihre Interessen durchzusetzen: 1888 entstand der Verband der Eisenindustrie Hamburgs, in dem 70 Firmen organisiert waren, 1890 der Industrie- und Gewerbeverband Hamburg-Altona. Ein Mittel staatlicher Repression war das von 1878 bis 1890 reichsweit geltende Sozialistengesetz („Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“), das Sozialdemokraten zur Arbeit in der Illegalität zwang. 350 Sozialdemokraten wurden in diesen Jahren aus Hamburg ausgewiesen, darunter der gesamte Hamburger Parteivorstand.

1880 erlangte Georg Wilhelm Hartmann das erste Hamburger Reichstagsmandat für die Sozialdemokratie, 1890 erhielt die Partei bei den Reichstagswahlen in Hamburg 58,7 Prozent der Stimmen. Alle drei Hamburger Reichstagsabgeordneten waren nun Sozialdemokraten. Eine Präsenz in der Bürgerschaft verhinderte vorerst das in Hamburg geltende undemokratische Wahlrecht, das durch ein trotz massiver Proteste 1906 eingeführtes Klassenwahlrecht noch verschärft wurde. Dennoch konnte 1901 mit Otto Stolten der erste sozialdemokratische Abgeordnete in die hamburgische Bürgerschaft einziehen. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich die Sozialdemokratie in Hamburg zur stärksten Partei. Es war nun unübersehbar, dass der wirtschaftliche und soziale Strukturwandel, den Hamburg seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durchlaufen hatte, auch zu einer Verschiebung der politischen Machtverhältnisse geführt hatte.

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Smith’sche Wasserkunst auf dem Grasbrook um 1840 (E. Feldmann/ Carl Deppermann), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN669643025 (CC BY-SA 4.0).

Highlight der Epoche: Memory