Hamburger Juden zwischen Gleichheit und Ausgrenzung

Angela Schwarz

Mit der Eingliederung Hamburgs in das französische Kaiserreich am 10. Dezember 1810 verlor die Hansestadt ihre Eigenstaatlichkeit. Für die Juden in Hamburg war die seit 1791 für das französische Reich geltende Trennung von Kirche und Staat entscheidend, denn nun erhielten auch sie die bürgerliche und politische Gleichstellung, womit schlagartig sämtliche Beschränkungen fortfielen. Im Zuge der Umgestaltung des Staatswesens nach den modernen französischen Strukturen erhielten auch Juden Funktionen in den neuen Wirtschafts- und Verwaltungsämtern. Die angesehenen Bankiers Moses Isaac Hertz und Jacob Oppenheimer wurden in den Munizipalrat gewählt und Juden kandidierten erfolgreich auch für weitere staatliche Ämter. Mit Meyer Israel Bresselau und Abraham Meldola wurden erstmals jüdische Notare vereidigt. Infolge der Eingliederung Hamburgs wurde die Auflösung des Dreigemeindeverbandes notwendig, die mit der Separationsakte am 26. April 1812 erfolgte. Von da an gab es selbstständige Gemeinden in Altona (Hochdeutsche Israeliten Gemeinde, HIG), Hamburg (Deutsch-Israelitische Gemeinde, DIG) und Wandsbek. In Hamburg lebten knapp 6.500 Juden, darunter 130 sephardische, was rund 6 % der Bevölkerung entsprach, womit sie die größte jüdische Gemeinschaft in Deutschland bildeten.

Salomon Heine

Salomon Heine, Bankier seit 1797

Trotz der neuen Rechte blieb unter den Juden eine Skepsis gegenüber der französischen Herrschaft bestehen. Die Kaufleute unter ihnen litten wie die nichtjüdischen unter den Folgen der Kontinentalsperre gegen England und die jüdische wie die christliche Bevölkerung empfand die steigenden Lasten der Besatzung als immer drückender. Als Hamburg am 18. März 1813 von den verbündeten Truppen unter Friedrich Karl von Tettenborn befreit und die Franzosen abgezogen waren gab das Anlaß zu Jubel in der Stadt, auf jüdischer Seite aber auch zur Sorge. Und tatsächlich wurde umgehend das alte Judenreglement wieder in Kraft gesetzt. Die Gemeinde richtete Gesuche an den wieder eingesetzten Senat, in dessen Reihen sie einzelne Fürsprecher wußte, und bat um die Beibehaltung der Gleichstellung. Bevor jedoch eine Entscheidung getroffen werden konnte, die aufgrund der ablehnenden Haltung in der Bürgerschaft und in dem stimmberechtigten Kollegium der Oberalten negativ ausgefallen wäre, kehrten die Franzosen am 30. Mai 1813 zurück.

Umgehend wurden die französischen Gesetze wieder in Kraft gesetzt und damit auch die Gleichstellung der Juden. Für diese war es trotzdem eine Selbstverständlichkeit an der Seite der übrigen Hamburger für die Befreiung zu kämpfen, in den Reihen der Hamburger Bürgergarde wie auch der Hanseatischen Legion, zu deren finanzieller Ausstattung auch der Bankier Salomon Heine beitrug. Unter den im Juni 1813 von den Franzosen als Geiseln genommenen Hamburger Kaufleuten waren vier Juden, wie auch unter den 41 im Oktober 1813 zu einer hohen Geldzahlung erpressten Bürgern zehn Juden waren. Die ohnehin in der Bevölkerung herrschende Not spitzte sich im Dezember 1813 dramatisch zu, als alle ärmeren Bewohner aus der Stadt gewiesen wurden. Unter den 20.000 Vertriebenen waren ungefähr 3.000 Juden. Die meisten flohen nach Altona und es wurden getrennte Unterstützungskommissionen gebildet, wobei Juden sich praktisch und finanziell auch für die nichtjüdischen Vertriebenen einsetzten.

Als Hamburg dann am 30. Mai 1814 endgültig befreit war mischten sich in die grundsätzliche Freude unter den Juden wie im Jahr zuvor Befürchtungen. Unmittelbar umgesetzte antijüdische Beschlüsse zeigten, dass diese berechtigt waren, sodass wieder Eingaben an den Senat gerichtet wurden um Beibehaltung der Bürgerrechte. Als am 27. Mai 1814 die alte Verfassung wiederhergestellt wurde trat gleichzeitig eine 20köpfige Reorganisationsdeputation zusammen und arbeitete 38 Reformvorschläge für Staat und Verwaltung aus, das „Testament der Zwanziger“. Dieses sah auch eine Besserstellung der Juden in zwei Stufen vor, wurde jedoch in der Bürgerschaft am 20. Oktober 1814 deutlich abgelehnt. Und auch weitere minimale Verbesserungsvorschläge des Senats und der Gemeinde scheiterten im komplizierten Hamburger Verfassungssystem. Die Hoffnungen der Juden in Hamburg und in den übrigen jüdischen Gemeinden richteten sich dann auf die Verhandlungen des Wiener Kongresses. Mit der Publizierung der Bundesakte am 8. Juni 1815 waren jedoch auch diese zerschlagen, denn auf Initiative des Bremer Senators Johann Smidt war eine kleine, aber folgenreiche Veränderung im Wortlauf vorgenommen und in Art. 16 das Wort „in“ durch „von“ ersetzt worden. Damit galten für die Juden in Hamburg wieder die Bestimmungen des Judenreglements von 1710.

 

Literatur:

Gerhard Ahrens, Von der Franzosenzeit bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung 1806–1860; in: Hans-Dieter Loose (Hg.), Hamburg. Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner, Bd. I. Von den Anfängen bis zur Reichsgründung. Hamburg 1982, S. 415–490.

M(artin) M(oses) H(aarbleicher), Die Belagerung Hamburgs 1813-1814 in ihren Beziehungen zu den Israeliten. Hamburg 1863.

M. Haarbleicher, Zwei Epochen aus der Geschichte der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Hamburg 1867.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Austreibung der Armen aus Hamburg Weihnachten 1813, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN792102118 (CC BY-SA 4.0).

Abb. Thementext: Heine-Porträt: Otto Speckter, Salomon Heine, 1842, Foto: SHMH/Museum für Hamburgische Geschichte und Altonaer Museum.