Barock und Rokoko

1600 - 1711

„Handelsplatz und Friedensort“ – Zeit der Stadtrepublik und des Überseehandels

PD Dr. Martin Knauer

Der Brand von 1842, die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs, vor allem aber die schon vor 1900 einsetzende Stadtentwicklungspolitik, die sowohl die öffentliche Hygiene verbessern als auch den Straßenverkehr modernisieren sollte, haben das barocke Hamburg fast gänzlich vernichtet. In der „historischen“ Deichstraße, einem der ältesten städtischen Siedlungsgebiete, wurden Teile der Außenfassaden und des Innendekors bewahrt. Ein im Haus Deichstraße 53 eingebauter Festsaal, Relikt der Lebenskultur vermögender Kaufleute im 17. Jahrhundert, lässt sich nach Abriss des Gebäudes im Jahre 1909 im Museum für Hamburgische Geschichte besichtigen.

Anders als Städte vergleichbarer Größe legte Hamburg sogar während des Dreißigjährigen Krieges an Bevölkerung zu. Nachdem sich die Einwohnerzahl zwischen 1550 und 1600 auf annähernd 40.000 verdoppelt hatte, stieg sie bis zum Ende des 17. Jahrhunderts auf knapp 80.000 an.

Zwischen 1616 und 1626 entstand nach Plänen des niederländischen Festungsingenieurs Johan van Valckenburgh ein Befestigungswerk, das die Stadt nicht nur uneinnehmbar machte, sondern ihr für lange Zeit ein Gesicht gab. Die heutigen Wallanlagen, der massive Damm zwischen Außen- und Innenalster sowie die Anlage des Hauptbahnhofs an der ehemaligen Grenze zur Vorstadt St. Georg zeugen davon. Südwestlich der mittelalterlichen Stadt mit Ausgang zum Millerntor fand sich nun ein noch kaum besiedeltes Areal innerhalb der Mauern wieder, dessen kleines St. Michaelis-Kirchlein im Verlauf des 17. Jahrhunderts zum fünften Hamburger Kirchspiel heranwachsen sollte.

Hamburg wird seit Ausgang des 16. Jahrhunderts zur führenden Handels- und Finanzmacht im Heiligen Römischen Reich. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Kaufmannschaft. Von der 1517 vom Rat als Interessenvertretung anerkannten Vereinigung eines „gemeenen Kopmans“ ging der Impuls zur Gründung der ersten Börse im Reich aus. An der Trostbrücke, in unmittelbarer Nähe zu Waage, Kran und mittelalterlichem Rathaus, stellte der Rat 1568 den Händlern nach Antwerpener Vorbild ein umzäuntes Gelände zu Verfügung. Noch vor dem Bau eines Börsengebäudes wurden hier Waren gehandelt, Wechsel- und Wertpapiergeschäfte erledigt. 1619 entstand die Hamburger Bank. Die 1665 geschaffene Commerzdeputation hatte dagegen eher beratende Funktion. Mit ihr festigte die Kaufmannschaft ihren Einfluss auf die Ratspolitik. Damit löste sie die älteren Netzwerke von Hanse und Fahrergesellschaften ab, die als globale Handelsorganisationen ihre Bedeutung verloren.

Zur Sicherung des Außenhandels kam die 1623 gegründete Admiralität hinzu, eine Behörde, die von Rat und Kaufmannschaft gemeinsam getragen wurde. Zunächst noch ohne eigene Kriegsschiffe hatte sie die Aufgabe, die Elbe zu sichern und die Kauffahrer gegen Seeräuber und Kaperer zu verteidigen. Erst vierzig Jahre später legte sich Hamburg zwei Konvoischiffe zu, deren Namen „Wappen von Hamburg“ und „Lepoldus Primus“ (nach Kaiser Leopold I.), den – von Dänemark bestrittenen – Rechtsanspruch als freie Reichsstadt repräsentierten.

Im 17. Jahrhundert besaßen nur etwa 15 bis 20 Prozent der Einwohner das volle Bürgerrecht, welches allein zur freien Handels- und Gewerbeausübung berechtigte. Neben Grundbesitz und hoher Steuerleistung war in Hamburg hierfür auch der lutherische Glauben Voraussetzung. Gelehrte, Künstler und Handwerker hatten in der Regel nur das „kleine Bürgerrecht“. Für Auswärtige existierte der Status der „Schutzverwandtschaft“, der zwar wirtschaftliche Betätigung erlaubte, Mitwirkung an den öffentlichen Belangen aber ausschloss.

Seit 1650 nahmen die Spannungen zwischen dem Senat, der Hamburger Regierung, und der Bürgerschaft, zu. Obwohl in beiden Gremien Kaufleute dominierten, schlossen sich die ratsfähigen Familien immer stärker nach unten ab. Vergleichbare Entwicklungen kannten viele größere Reichsstädte, etwa Augsburg oder Nürnberg. Das republikanisch-korporativ verfasste Staatswesen geriet dadurch in Gefahr, da sich das an die Macht klammernde „Patriziat“ (das in Hamburg weder so hieß, noch als Korporation existierte), absolutistische Tendenzen entwickelte. Die Konflikte wurden angeheizt durch wechselnde Absprachen und Bündnisse, die aufständische Gruppen mit Kaiser und dänischem König eingingen, die aufgrund Hamburgs bis ins 18. Jahrhundert nicht endgültig geklärten Reichsstandschaft, als Stadtherren konkurrierten. Verschiedene Rezesse (Verträge) konnte die Lage nur kurzzeitig befrieden.

Auch im kirchlichen Bereich verhärteten sich die Positionen. Seit dem Mittelalter wurden religiöse und soziale Belange innerhalb der so genannten „Kirchspiele“ geregelt. In der Sonderstellung der Hamburger Hauptkirchen haben diese bis heute ihre Spuren hinterlassen. Die im „Geistlichen Ministerium“ zusammengeschlossenen Pastoren, die in Konkurrenz zur städtischen Obrigkeit durchaus politisch agierten, gerieten im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts durch pietistische Strömungen unter Druck. Obwohl die gegen die Orthodoxie gerichtete Frömmigkeitsbewegung unter Lutheranern immer mehr Anhänger fand, stellte sie für das Kirchenregiment eine Gefahr dar. Die Forderung nach freien Gebetskreisen und häuslicher Andacht bedrohte staatliche wie kirchliche Autorität.

Hinsichtlich der Wissenschaften und Künste erwies sich Hamburg als typische Republik, indem die Stadt höfische Kultur und adelige Repräsentation nur in begrenztem Umfang duldete, etwa im Rahmen auswärtiger Gesandtschaften. Hamburgs Musikleben war „bürgerlich“ und „lutherisch“, es spiegelte kirchliche wie kaufmännische Interessen. Vor allem die nach 1600 hier tätigen Orgelbauer und Organisten besaßen europäische Geltung. War im Gottesdienst zuvor der einstimmige Gesang üblich gewesen, schufen die Organisten der vier Hauptkirchen aus den Liedertexten polyphone Sätze. Für besondere Anlässe stellte das Johanneum seinen Chor zu Verfügung. Bei den Passionsmusiken musste die Ratsmusik aushelfen. Angesichts der kirchlichen Dominanz in musikalischen Dingen wundert es nicht, dass das als bürgerliche Stiftung 1678 eröffnete und anfangs erfolgreiche Opernhaus am Gänsemarkt bei Teilen des „Geistlichen Ministeriums“ auf Widerstand stieß.

Die offiziell in Ämtern (Zünften) organisierte Malerei stand unter niederländischem Einfluss. Oft als Glaubensflüchtlinge an die Elbe gekommen, arbeiteten die Künstler für einen Markt, der sich auf Stillleben und Perspektivmalerei spezialisierte. Schwierig war die Situation im Schulwesen. Vor allem die Übergriffe orthodoxer Theologen hemmten die Entwicklung. Das 1613 ins Leben gerufene Akademische Gymnasium, das vor allem die Absolventen des Johanneums auf die Universität vorbereiten sollte, sorgte im Bereich der höheren Bildung für eine gewisse Abhilfe. Der 1629 zum Rektor beider Einrichtungen berufene Universalgelehrte Joachim Jungius, der sich neben Mathematik unter anderem mit Philosophie, Botanik und Anatomie befasste, geriet allerdings später mit dem „Geistlichen Ministerium“ aneinander, da er dessen wissenschaftliche Autorität bezweifelte. Als neue Wissensinstitution etablierte sich auch die städtische Bibliothek. So verfügte der Rat, dass von allen in Hamburg erscheinenden Büchern, Zeitungen und sonstigen Drucken, je ein Exemplar an die Bibliothek abgegeben werden musste, eine Regelung, die im Grundsatz noch heute besteht.

Anders als viele andere große Städte im Reich gelang es Hamburg, seine Prosperität zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert zu behaupten. Neben der Leistungskraft von Handel und Gewerbe konnte die Stadt von ihrer günstigen Lage, der Nähe zur Nordsee und dem Antagonismus zwischen Kaiser und dänischer Krone profitieren. Bei wiederholten Konflikten mit Dänemark rief man das Reich zu Hilfe, bei Konfrontationen mit dem Kaiser wiederum kam der dänische König gerade recht, dem die Stadt 1603 ein letztes Mal huldigte. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Attraktivität und durchaus im Sinne des Senates zog die Stadt immer wieder Glaubensflüchtlinge an, wenngleich diese als Reformierte oder Juden auf Druck der Kirche und Teilen der Bürgerschaft zumeist vor den Toren, in Altona und Wandsbek siedeln mussten.

Da Hamburg im Dreißigjährigen Krieg im Schutze der neuen Befestigung seine Neutralität behaupten konnte, wurde es auch als Friedensort attraktiv. Als sich 1640 abzeichnete, dass Kaiser Ferdinand III. die politisch-militärische Situation im Reich nicht mehr zu seinen Gunsten wenden konnte, stimmte er Verhandlungen mit Abgesandten Frankreichs und Schwedens zu. Im Dezember 1641 wurde der Hamburger Präliminarfrieden geschlossen, der als wichtigstes Ergebnis die Friedensverhandlungen von Osnabrück und Münster einleitete.

 

Literatur:

Hans-Dieter Loose: Das Zeitalter der Bürgerunruhen und der großen europäischen Kriege 1618-1712, in: Werner Jochmann/Hans-Dieter Loose (Hg.): Hamburg. Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner, Bd. 1, Hamburg 1982, S. 259-350.

Frank Hatje: Repräsentationen der Staatsgewalt. Herrschaftsstrukturen und Selbstdarstellung in Hamburg 1700-1900, Basel u.a. 1997.

Johann Anselm Steiger/Sandra Richter (Hg.): Hamburg. Eine Metropolregion zwischen Früher Neuzeit und Aufklärung, Berlin 2012.

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Hamburger Konvoischiffe um 1670, Kupferstich, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_253-07.