Der Altonaer Blutsonntag

Ursula Büttner

Der sogenannte „Altonaer Blutsonntag“ war ein Tag, der nur durch die große Zahl der Opfer, 18 Tote, aus dem Rahmen fiel. Der Tod von Menschen bei politischen Auseinandersetzungen gehörte längst zum Alltag am Ende der Weimarer Republik.  In einem Monat, zwischen dem 17. Juni und dem 17. Juli 1932, starben in Deutschland 99 Menschen bei Zusammenstößen zwischen politischen Geg­nern;  in Preußen waren es zwischen dem 1. und dem 20. Juli 1932 beinahe vier Menschen täglich. Wie konnte es zu einer solchen Orgie von politischer Ge­walt kommen?

Im Sommer 1932 befand sich Deutschland inmitten einer extremen Wirt­schaftskrise. Eine weltweite Depression, die seit dem New Yorker Börsenkrach im Oktober 1929 immer verheerendere Ausmaße angenommen hatte, stieß in Deutschland auf eine durch Krieg und Inflation geschwächte Wirtschaft. Durch eine verfehlte Finanzpolitik hatte die Reichsregierung un­ter dem Zentrumskanzler Heinrich Brüning den wirtschaftlichen Niedergang verstärkt und auch Ländern und Gemeinden die gleiche ver­hängnisvolle Politik aufgezwungen.

Überall, auch in Hamburg und Altona, wur­den, um die Steuerausfälle auszugleichen und die steigenden So­ziallasten aufzubringen, die Investitionen gedrosselt, Löhne, Gehälter und Pen­sionen gekürzt, Abgaben und Steuersätze bis zur äußersten Grenze erhöht und so in einer weltweiten Absatzkrise auch noch inländische Geschäfte unmöglich gemacht.

Ausdruck der wirtschaftlichen Lähmung waren die rasch steigenden Arbeitslosenzahlen:

Im Deutschen Reich wuchs die Zahl der amtlich festge­stellten Arbeitslosen von 1,9 Millionen im Jahresdurchschnitt 1929 auf 5,6 Millionen 1932; die Arbeitslosenquote betrug am Ende 30,8%.  ln Hamburg lag die Quote bei 38%, bei den Angestellten bei 27% und bei den Arbeitern bei 46%.

In Altona, das stärker industriell geprägt war, sind noch schlimmere Zahlen wahrscheinlich, und bei Jugendlichen lagen sie erheblich über dem Durchschnitt, besonders bei den Mädchen. Anfangs erhielten die Arbeitslosen von der Versicherung 26 Wochen lang etwa 40% ihrer früheren Einkünfte; 1932 waren es nur noch 20 bis 30%, und sie wurden nur 6 Wochen lang bezahlt, an Frauen und Jugendliche nur noch bei Bedürftigkeit.

Die anschließende Wohl­fahrtsunterstützung reichte gerade für einige Grundnahrungsmittel: Brot und Kartoffeln, ein Pfund Margarine, ein Pfund Fleisch, Wurst oder Fisch, 250 Gramm Zucker, 250 Gramm Kaffee-Ersatz und einen Liter Milch für einen Er­wachsenen in der Woche. Der Gesundheitszustand der Schulkinder war wieder so schlecht wie nach den Hungerjahren des Ersten Weltkriegs. Fehlende Klei­dung und Schuhe hinderten manche am Schulbesuch.  In einer Stadt mit knapp 250 000 Einwohnern wie Altona wurden im März 1933 täglich 15 000 Mahlzeiten in Suppenküchen ausgegeben.

Lange Arbeitslo­sigkeit bedeutete Verlust des geregelten Tagesablaufs und der sozialen Einbin­dung, Zerstörung des Selbstwertgefühls und aller Zukunftsperspektiven. Die psychischen Folgen äußerten sich in melancholischer Apathie oder unkontrol­lierter Aggression, führten zur Flucht in den Alkohol oder in den Suizid. Ein junger Arbeitsloser beschloss die Schilderung seines tristen Alltags in einer Zu­schrift an eine Zeitung mit den Worten: „Wenn wir gegen dieses Leben rebellieren, sind wir nicht schuld daran, schuld seid Ihr!“  Gemeint waren alle in verantwortlichen Positionen.

Wie dieser junge Mann wünschten alle Notleidenden – nicht nur Arbeitslose mit ihren Familien, sondern auch ruinierte oder um ihre Existenz kämpfende mittelständische Gewerbetreibende, immer schlechter entlohnte Arbeitnehmer und Beamte, mit Hungerbeträgen abgespeiste Rentner und viele andere – nichts dringender, als einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise zu sehen. Reichs­kanzler Brüning verhieß aber nur weitere Entbehrungen, bis irgendwann die Weltkonjunktur ihren Tief- und Umkehrpunkt erreicht haben würde. Landes­- und Gemeindepolitiker, denen ein eigener finanzpolitischer Spielraum fehlte, waren angesichts ihrer leeren Kassen ratlos. Diese Hilflosigkeit der verantwortlichen Politiker konnten die extremen Parteien nutzen. Sie bot ihnen die Möglichkeit, die notleidenden, verzweifelten und empörten Menschen gegen ihre Regierungen aufzuwiegeln, die offensichtlich keine Lösung für die Probleme wussten. In Deutschland, wo die Demokratie noch keine 15 Jahre alt war und die Wähler und Wählerinnen in den meisten Jahren – in der unruhigen Revolutionszeit, während der gewaltigen Inflation und jetzt wieder in der Weltwirtschaftskrise – schlechte Erfahrungen mit der neuen Staatsform gemacht hatten, gelang das umso besser. In den sprunghaft anwachsenden Wahlerfolgen der KPD und be­sonders der NSDAP kam die politische Radikalisierung zum Ausdruck.

In den Arbeitervierteln profitierte an erster Stelle die KPD. Sie erzielte in der Industriestadt Altona in allen Jahren der Weimarer Republik immer be­merkenswert stabile, überdurchschnittliche Ergebnisse von 15% bis 19%.  In den typischen Arbeiterquartieren lag sie weit darüber; in Teilen der Altstadt und von Ottensen / Bahrenfeld konnte sie schon 1928 30% bis 45% und 1932 40% bis 55% der Stimmen gewinnen. In diesen Stadtteilen sollten sich die Faschisten nicht blicken lassen. Die KPD bekämpfte die Nationalsozialisten entschlossen mit Worten und Fäusten. Der „Hauptfeind“ waren jedoch die „Sozialfaschisten“, also die SPD, in Altona, vor allem Oberbürgermeister Max Brauer und der Polizeipräsident Otto Eggerstedt – zumindest war dies die Linie der Parteiführung. Einen bewaffneten Angriff auf den Weimarer Staat plante die KPD nach ihrer schweren Niederlage beim „Hamburger Aufstand“ im Oktober 1923 nicht mehr. Doch in ihrer Propaganda gab sie sich martialisch und versicherte, das verhasste kapitalistische System bald gewaltsam zu stürzen.  Sie schürte damit im Bürgertum, „Bolschewismus“, und auch die für die innere Sicherheit verantwortlichen sozialdemokratischen Politiker und die Polizei glaubten, der „kommunistischen Gefahr“ rechtzeitig mit Härte begegnen zu müssen. Diese Vorstellung spielte bei dem fatalen Polizeieinsatz am „Altonaer Blutsonntag“ eine verhängnisvolle Rolle.

Die Erfolge der NSDAP in der Zeit der Weltwirtschaftskrise waren noch spektakulärer. Zwischen 1928 und 1930 schnellten ihre Reichstagswahlergeb­nisse von 2,6% auf 18,3% und bis Juli 1932 noch einmal auf 37,3% empor. In Altona lagen ihre Werte sogar über diesem Reichsdurchschnitt; in bestimmten mittelständisch geprägten Wahlbezirken stiegen sie auf 53% bis 64%. Die NSDAP punktete mit allen möglichen, zum Teil gegensätzlichen Versprechen; Überwindung der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit, Beseitigung des angeblich unfähigen und korrupten „Weimarer Systems“, Überwindung des Kapitalismus und Schutz des Privateigentums, Annullierung des Versailler Ver­trags, Förderung eines „positiven Christentums“ und vor allem Ausrottung des Bolschewismus.  Im Gegensatz zur KPD beteuerte sie, die Macht nur auf legalem Weg erobern zu wollen, und trug gleichzeitig die Gewalt in die Straßen. Die Opfer waren in erster Linie Kom­munisten, aber auch Angehörige der republikanischen Schutzorganisation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ und manchmal sogar Mitglieder des kon­servativ-nationalistischen Wehrverbandes „Stahlhelm“. Mit Vorliebe wählten die Nationalsozialisten Arbeiterquartiere als Ort für ihre Stammlokale und als Schauplatz für die Propagandamärsche der SA. Sie wollten zeigen, dass sie den „Kampf um die Straße“ gewonnen hatten und sich dem nationalen Bürgertum mit militärischem Gepränge und brutaler Schlagkraft als Schutztruppe gegen den „Bolschewismus“ empfehlen.

Die absehbaren Zusammenstöße mit poli­tischen Gegnern boten die erwünschte Gelegenheit, den demokratischen Staat als schwach und unfähig erscheinen zu lassen. Die Gegenwehr wurde dadurch erschwert, dass die Regierungen im Reich und in den Ländern sehr unterschiedlich zusammengesetzt waren und beim Umgang vor allem mit den rechtsradikalen Angreifern unvereinbare Ziele ver­folgten. Im Reich war der konservative Zentrumspolitiker Heinrich Brüning am 30. Mai 1932 von dem katholisch-deutschnationalen Draufgänger Franz von Papen als Reichskanzler abgelöst worden. Beide waren als Chefs eines „Präsi­dialkabinetts“ ohne parlamentarische Mehrheit vollkommen von Reichspräsi­dent Paul von Hindenburg abhängig. Während aber Brüning noch mehrere bürgerliche Parteien hinter sich gehabt hatte und von der SPD toleriert worden war, fand Papen nur bei wenigen nationalliberalen und deutschnationalen Ab­geordneten Unterstützung. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der entschlos­sen der Gewalt der Nationalsozialisten entgegengetreten war, bemühte er sich deshalb um die Tolerierung seiner Regierung durch die NSDAP und war zu vielen Zugeständnissen an sie bereit. In Preußen, Hamburg und Altona be­stimmten dagegen noch Regierungen mit führender Beteiligung der SPD das politische Geschehen.19

Allerdings hatte, außer in Altona, das Anwachsen der radikalen Parteien von rechts und links sie um ihre Mehrheit im Parlament gebracht, so dass sie seit September 1931 bzw. April 1932 nur noch geschäftsführend im Amt waren. Von der Mitwirkung der Parlamente waren diese geschäftsführenden Regierungen weitgehend unabhängig. Eine ähnliche Stellung hatte in Altona Oberbürger­meister Max Brauer. Dort bestanden in der Stadtverordnetenversammlung noch die Mehrheitsverhältnisse von 1929; eine Koalition von SPD und liberaler DDP verfügte über eine relative Mehrheit. Aber weil die Stadtverordneten im Herbst 1930 mehrere vom Reich geforderte Steuererhöhungen abgelehnt und dadurch die Verabschiedung eines ausgeglichenen Haushalts verhindert hatten, war Brauer im November zum Staatskommissar mit umfassenden fi­nanzpolitischen Vollmachten ernannt worden. Den „Finanzdiktator“ traf nun der Hass von rechts und links. Im Reich eine rechte, um die NSDAP bemühte Regierung, und in Preußen, Hamburg und Altona Sozialdemokraten in ent­scheidenden politischen Positionen – dies war die schwierige Konstellation im Sommer 1932. Auf Unterstützung des Reichs bei der Abwehr nationalsozialisti­scher Gewalt konnten die Demokraten in Ländern und Gemeinden nicht mehr rechnen.

Papen gab sich der Illusion hin, Hitler zur Tolerierung seiner Regierung bewegen zu können.  Er erfüllte deshalb dessen Vorbedingungen, ließ den Reichstag auflösen, Neuwahlen zum 31. Juli 1932 ausschreiben und hob das SA-Verbot, zusammen mit Demonstrations- und Uni­formverboten, am 14. Juni 1932 auf. Infolgedessen kam es im Wahlkampf zu einer Welle von politischer Gewalt. Die Straßenschlacht mit den schreck­lichsten Auswirkungen war der „Altonaer Blutsonntag“ am 17. Juli 1932.

Die NSDAP hatte für diesen Tag einen großen Werbemarsch von 10 000 SA-Männern aus Altona, Hamburg und Schleswig-Holstein durch die gesamte Stadt, auch die KPD-Hochburgen der Altstadt, angekündigt. Die Kommunis­ten forderten in ihrer Presse, bei Kundgebungen und in persönlichen Verhand­lungen mit der Polizeibehörde, die provokative Veranstaltung zu verbieten, und kündigten harten Widerstand an. Aber der sozialdemokratische Polizeichef wagte es mit Rücksicht auf die rechte Reichsregierung nicht, dem Verlangen zu entsprechen. Außerdem unterschätzte er wohl die Gefahr. Er genehmigte den Umzug und die vorgesehene Route und ging auf Wahlkampfreise, obwohl auch sein Vertreter am 17. Juli im Wochenendurlaub war. Rund 7500 SA-Männer marschierten also am Nachmittag vom Altonaer Bahnhof durch Ottensen, Bahrenfeld und die Altstadt. Hier konnte der lange Zug, der sich streckenweise in Serpentinen durch die engen, verwinkelten Straßen der Arbeiterquartiere bewegte, von der Polizei nur ungenügend abgeschirmt werden. Es kam zu Schimpfattacken und Prügeleien zwischen den Demonstranten und ihren Gegnern. Als Schüsse fielen, er­öffneten die überforderten Polizisten ein wildes Sperrfeuer, um den Zug und sich selbst bei der anschließenden „Säuberung“ der Straßen zu schützen. Am Ende waren 18 Menschen tot, zwei Nationalsozialisten und 16 unbeteiligte Zi­vilisten; 61 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Die meisten waren Op­fer von Polizeikugeln geworden. Mindestens zwölf Menschen wurden von ei­nem zu Hilfe gekommenen Hamburger Polizeikommando unter Oberleutnant  Franz Kosa getötet, der zehn Monate später als Führer eines berüchtigten NS-„Kommandos zur besonderen Verwendung“ Jagd auf Kommunisten machte.

Der Name für den furchtbaren Tag war sofort da: „Blutsonntag in Altona! Die Mörderbanden der SA wüten unter dem Schutz der Eggerstedt-Polizei ge­gen Arbeiter!“ – so titelte die Hamburger Volkszeitung, das Organ der KPD. Die NSDAP gab in einem Wahlflugblatt die Parole aus: „Altona! Rotmord über Deutschland“. Die Extremisten auf beiden Seiten des politischen Spek­trums scheuten sich nicht, die Toten von Altona für ihre Propaganda zu miss­brauchen. Beide versuchten, die Deutung des Geschehens festzulegen. Für die Nationalsozialisten stand vor jeder Untersuchung fest: Die Kommunisten wa­ren die Schuldigen. Für die KPD waren es ebenso eindeutig die „Mord-SA“ und die „SPD-Polizei“ gleichzeitig.

Die Reichsregierung unter von Papen nutzte den Blutsonntag, um eine Forderung Hitlers für die Tolerierung der Regierung zu erfüllen: Sie setzten wegen der Unruhen im sogenannten „Preußenschlag“ die SPD-geführte Regierung Preußens ab, die bis dato den Kurs des Reiches gemildert hatte.

Ein halbes Jahr nach dem verhängnisvollen Tag waren die Nationalsozialisten an der Macht und konnten das öffentliche Urteil über den „Altonaer Blutsonntag“ bestimmen.

Die zu Tode gekommenen Nationalsozialisten wurden als Märtyrer gefeiert, und schlimmer: Aus den rhetorischen Mordanklagen gegen die KPD wurden konkrete Beschuldigungen der bei dem SA-Umzug verhafteten Kommunisten. Nach einem Schauprozess im Mai 1933 verurteilte ein Sondergericht am Land­gericht Altona vier von ihnen aufgrund fadenscheiniger oder gar falscher Be­weise wegen Mordes zum Tode, und schon am 1. August 1933 wurde das Urteil vollstreckt.  Es waren die ersten Hinrichtungen im Dritten Reich überhaupt.

In seinem Exilroman „Das Beil von Wandsbek“ hat Arnold Zweig die Geschichte literarisch verarbeitet.

Ausschnitt aus dem Artikel: Ursula Büttner, vom „Altonaer Blutsonntag“ zum Altonaer Bekenntnis, in:  Zeitschrift für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, Band 2, Herausgegeben vom Verein für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, Husum 2016.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: „Thälmann im Hamburger Aufstand [1923]“ gemalt von Willy Colberg 1954, Deutsches Historisches Museum Berlin/ A. Psille.