Die Römer an der Elbe

Dominik Kloss

In Deutschland gibt es einige Gegenden, in denen Archäologen noch viele Überreste aus der Antike finden können. So sind viele Städte, die heute etwa am Rhein und an der Donau liegen, ursprünglich römische Heerlager gewesen, um die herum dann bald viele weitere Gebäude errichtet wurden. Wo schon vor fast 2000 Jahren tausende Menschen dicht zusammenlebten, kann man jetzt durch Ausgrabungen steinerne Reste von Häusern, Tempeln und Stadtmauern finden. Wenn zusätzlich Gräber, Statuen, Inschriften oder Münzen entdeckt werden, kann man etwas über die Lebensweisen und Namen der Bewohner der antiken Städte erfahren und manchmal herausfinden, wann genau sie gelebt haben oder ihre Bauten errichtet haben.

An der Elbe gab es in römischer Zeit keine Städte. Dass trotzdem Römer diesen Fluss gesehen und zum Teil mit ihren Schiffen befahren haben, weiß man zwar nicht durch archäologische Funde, aber dadurch, dass römische Schriftsteller darüber Berichte verfassten, die bis heute erhalten geblieben sind.

Oft schrieben sie dabei über Feldzüge römischer Legionen gegen Germanenstämme, die an der Nordsee oder der Elbe lebten und die zum Beispiel Chauken, Hermunduren, Semnonen oder Langobarden hießen. Weil man heute aber nicht mehr weiß, wo genau diese Stämme lebten (auch weil sie im Laufe der Zeit auch immer wieder ihre Siedlungsgebiete verließen und in neue wanderten), ist es oft schwierig zu sagen, an welchen heutigen Orten die Römer auf sie trafen oder gegen sie kämpften.

Ob daher Römer auch in der Gegend des heutigen Hamburgs waren, ist deshalb nicht sicher zu sagen. Zumindest für ein im Jahr 5 nach Christus stattfindendes Ereignis ist es aber gut denkbar.

 

Römische Expeditionen ins Innere Germaniens um die Jahrtausendwende

Der erste bekannte Römer an der Elbe war Drusus, ein Stiefsohn des Kaisers Augustus. Er ist in den Jahren zwischen 12 und 9 vor Christus als Kommandeur in mehreren Feldzügen durch Germanien gezogen und hat sich dabei immer ein Stückchen weiter nach Osten vorgewagt. Vom Fluss Lippe, wo es schon mehrere große römische Heerlager gab, zog er mit seinen Legionen erst zur Ems und dann zur Weser, wo er aber zunächst wieder umkehrte. Wahrscheinlich hielt er es für zu riskant, die vielen großen Flüsse, die im heutigen Bundesland Niedersachsen nach Norden in Richtung Nordsee fließen, zu überqueren, ohne zu wissen, was dahinter kam.

Denn dass sich die Römer in diesen Jahren mit der Landschaft in Norddeutschland noch nicht gut auskannten, zeigt eine von Drusus zur gleichen Zeit befohlene Flottenexpedition: Seine Schiffe, für die er extra einen Kanal zwischen dem Rhein und einer großen, heute Ijsselmeer genannten Bucht der Nordsee gebaut hatte, sollten die dortigen Inseln und Küsten erkunden. Weil die Römer aber noch keine großen Erfahrungen mit Ebbe und Flut hatten, steckten ihre Schiffe bald im Wattenmeer fest. Die verbündeten Friesen, die in der Gegend lebten und die Besonderheiten der Nordsee besser kannten, mussten den Römern dann bei der Rückfahrt zum Rhein helfen.

Drusus hatte erst beim letzten seiner Feldzüge die Elbe erreichtet, wohl in der Gegend des heutigen Magdeburg. Auch diesen Fluss überquerte er nicht, sondern errichtete lediglich ein Siegesdenkmal – ein sogenanntes Tropaion – um zu zeigen, wie weit östlich die römischen Truppen unter seinem Kommando vorgedrungen waren.

Weil Drusus aber während der Rückkehr von der Elbe zum Rhein vom Pferd stürzte und an den Folgen der Verletzung starb, haben die Römer diesen Feldzug eher in schlechter Erinnerung behalten. So haben sie nachträglich einige kleine Episoden, die währenddessen stattgefunden haben, als schlechte Vorzeichen interpretiert, die auch vor dem Überqueren der Elbe warnen sollten.

 

Trotzdem hat sich etwa sieben Jahre später wieder ein römischer Feldherr bis zur Elbe gewagt und diese wahrscheinlich sogar als einziger überschritten. Lucius Domitius Ahenobarbus, Großvater des späteren Kaisers Nero, war Statthalter an der mittleren Donau und ist von hier ins Gebiet der Hermunduren gezogen. Weil dieses damals ungefähr im heutigen Sachsen lag, wurde wahrscheinlich auch in dieser Gegend die Elbe erreicht. Ahenobarbus blieb aber nur kurz auf der anderen Seite des Flusses und kehrte bald darauf, nachdem er einen Altar für Kaiser Augustus errichtet hatte, zur Donau zurück.

 

Den letzten großen Feldzug zur Elbe hat dann in den Jahren 4 bis 5 nach Christus ein Bruder des Drusus unternommen: Tiberius, der dann noch einmal zehn Jahre später als Augustus‘ Nachfolger der zweite römische Kaiser werden sollte.

Tiberius war schon zu diesem Zeitpunkt ein erfahrener Feldherr, der schon mehrmals in Germanien gekämpft hatte und daher wusste, wie wichtig es war, diese Gebiete besser kennenzulernen.

Deshalb ließ er zunächst – wie schon sein Bruder zuvor – eine Flotte bauen, die vom Rhein aus in Richtung Nordsee fuhr. Dieses Mal war man aber erfolgreicher, denn die antiken Autoren berichten bewundernd, dass die römischen Schiffe sogar das Kimbern-Kap, was der heutigen Nordspitze von Dänemark entsprechen würde, erreicht hätten.

Auf dem Weg dorthin kamen sie auch an der breiten Mündung der Elbe vorbei, deren Lage für Tiberius‘ Feldzugsplanungen eine wichtige Information darstellte. Denn er selbst wollte mit seinen Legionen auf dem Landweg zur Elbe marschieren. Und wenn er jetzt seine mit Nachschub beladenen Schiffe ein zweites Mal bis zur Elbe und sogar in diese hinein segeln oder rudern ließ, konnten sie sich mit dem Heer treffen und es versorgen.

Die Geschehnisse rund um das Zusammentreffen von Heer und Flotte des Tiberius an der Elbe sind uns durch einen vergleichsweise detaillierten Bericht überliefert. Denn ein Römer namens Velleius Paterculus, der auch als Geschichtsschreiber tätig war, war als Reiteroffizier im Gefolge des Tiberius vor Ort und damit ein Augenzeuge. Das ist ein seltener Glücksfall, weil die Geschichtsschreiber in der Antike sonst oft Jahrzehnte oder sogar erst Jahrhunderte nach den Ereignissen lebten, über die sie schrieben.

Trotzdem muss man den Bericht des Paterculus auch ein wenig kritisch lesen. Seine Erzählung etwa, dass ein Germane vom Nordufer des Elbe nur deswegen über den Fluss ruderte, um dem römischen Kaiser seine Bewunderung auszurücken und die Hand zu schütteln, zeigt wahrscheinlich weniger die hohe Meinung des Germanen von Tiberius, als vielmehr die des Paterculus selbst.

Leider hat Paterculus auch nicht mehr über den Ort des Zusammentreffens mitgeteilt. Lediglich der Umstand, dass die Römer auf dem „diesseitigen“, also aus ihrer Sicht südlichen, Ufer der Elbe ein Lager errichtet hatte, ist ein interessantes Detail.

Über den Ort dieses Lagers und der oben beschriebenen Treffen ist man sich in der Forschung nicht einig. Mit Artlenburg oder Boizenburg, wo alte Wege von Süden kommend auf die Elbe trafen und es Flussübergänge gab, lägen dafür passende Orte schon ganz in der Nähe des heutigen Hamburg.

Möglicherweise lag das römische Lager aber auch in der Gegend von Harburg und damit schon im heutigen Stadtgebiet von Hamburg. Denn hier gab es durch den sich in mehrere Arme teilenden Flusslauf und die damals noch sehr viel zahlreicheren Elbinseln gewiss einige günstige Anlegestellen für die römischen Schiffe. Vielleicht fuhren sie dann sogar zur Erkundung ein Stück die Bille oder die Alster hinauf.

 

Tiberius‘ Zug zur Elbe blieb aber nur eine kurze Episode. Wegen eines bald darauf ausbrechenden Aufstands in Pannonien, dem heutigen Ungarn, konnte Tiberius in den nächsten Jahren nicht selbst in Germanien sein. Einer seiner Stellvertreter, der Statthalter Varus, verlor dann im Jahr 9 nach Christus bei einem aus einem Hinterhalt stattfindenden Überfall aufständischer Germanen unter Führung der Cherusker gleich mehrere Legionen. Diese Ereignisse führten dann dazu, dass die Römer den ihnen wohl kurz vorher noch möglich erscheinenden Plan einer Erweiterung ihres Reiches bis an die Elbe fallenließen. Auch wenn sie wohl noch einige Jahrzehnte den Küstenstreifen an der Nordsee bis zur Elbmündung unter ihrer Kontrolle behielten, konzentrierten sie sich ab jetzt darauf, die Flüsse Rhein und Donau als nördliche Grenzen zu befestigen und dort ihre Städte zu bauen.

 

Die Bedeutung der Elbe in späterer römischer Zeit

Auch wenn die Elbe seit der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus für die Römer keine wirkliche Bedeutung als mögliche Grenze mehr besaß, spielte sie bald eine Rolle als Handelsweg.

Auch weil im Mittelmeerraum Bernstein als Schmuck sehr beliebt war, wagten sich römische Händler wieder auf die Nordsee oder sogar bis in die Ostsee. Denn an den dortigen Stränden konnte man diesen wertvollen Rohstoff in großen Mengen finden oder vergleichsweise günstig von den dort lebenden Stämmen kaufen.

Dieser Ausschnitt einer Karte aus dem 15. Jahrhundert ist nach der Vorlage des Klaudios Ptolemaios erstellt worden und zeigt Norddeutschland, wie es den Römern im Laufe der Kaiserzeit bekannt geworden ist

Die Elbe und ihre Umgebung könnte – ähnlich wie sie es dann später im Mittelalter zwischen Hamburg und Lübeck wurde – bereits in dieser Zeit eine wichtige Abkürzung für die Handelsrouten von und zur Ostsee ermöglicht haben. Wahrscheinlich brachten die Händler dann nicht nur Bernstein mit zurück in die römischen Provinzen sondern auch Informationen über die Orte und Stämme in den Gegenden an der Elbe und jenseits davon.

Dass die Römer jedenfalls dann in der Mitte des 2. Jahrhunderts deutlich mehr über Norddeutschland wussten als noch zur Zeit des Drusus, können wir durch ein Werk des Klaudios Ptolemaios überprüfen. Dieser griechisch schreibende Autor hat eine Art Anleitung für das Zeichnen einer Weltkarte verfasst, in der er viele Ortsbezeichnungen mit Hinweisen zu deren Lage auflistet, die man vorher nicht kannte und auch später zum Teil wieder vergessen hat.

Für die Gegend nördlich der Elbe, wo sich heute Hamburg oder seine benachbarten Städte befinden, verzeichnet Ptolemaios zum Beispiel einen Ort namens Treouva oder Treva. Vielleicht lag hier eine Siedlung mit diesem Namen, die schon in der Spätantike wieder verschwunden ist.

Dass Archäologen im heutigen Hamburger Stadtgebiet, etwa in Eppendorf oder Lokstedt, bei Ausgrabungen römische Münzen entdeckt haben, könnte darauf hinweisen, dass römische Händler in dieser Gegend vorbeigekommen sind. Es könnte aber auch einfach so sein, dass die hier lebenden Germanen diese Münzen – durch Handel oder aber als Beute aus Schlachten oder Plünderungen erworben – selbst mitgebracht haben.

Der germanische Stamm der Sachsen, der spätestens seit dem 4. Jahrhundert in Norddeutschland an der Elbe siedelt und auch noch im Frühmittelalter hier eine große Bedeutung hat, besaß wohl solche friedlichen wie kriegerischen Kontakte zu den Römern.

 

Vielleicht findet man bald noch mehr Spuren der Römer an der Elbe. Denn in den letzten Jahren haben Archäologen nicht nur ein römisches Schlachtfeld bei Braunschweig entdeckt, sondern auch ein großes – vielleicht von Tiberius für seinen Feldzug an die Elbe errichtetes – Legionslager in Wilkenburg bei Hannover. Deshalb glauben die Forscher jetzt, dass die Römer doch häufiger und auch noch später als bisher angenommen in Norddeutschland unterwegs waren.

Es ist nicht auszuschließen, dass sie dann auch nach Tiberius noch ein paar Mal öfter in die Umgebung von Hamburg gekommen sind.

 

Grundlegende Literatur:

Deininger, Jürgen: Flumen Albis. Die Elbe in Politik und Literatur der Antike, Hamburg 1997 (Sitzungsberichte der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften; Jahrgang 15, Heft 4).

Johne, Klaus-Peter: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike, Berlin 2006.

Rom an der Niederelbe, hg. v. Ralf Busch, Neumünster 1995 (Veröffentlichungen des Hamburger Museums für Archäologie und die Geschichte Harburgs, Helms-Museum; Nr. 74).

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Modell einer römischen Flußliburne im Stadtmuseum Pöchlarn, nach Wikimedia Commons (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Modell_einer_r%C3%B6mischen_Flu%C3%9Fliburne.jpg).

Abb. Thementext: Lage von Treva nach Ptolemäos, nach Wikimedia Commons (https://de.wikipedia.org/wiki/Treva#/media/File:Treoua.jpg).