Die siebziger und achtziger Jahre

1970 - 1989

PD Dr. Kirsten Heinsohn (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg)

In den siebziger Jahren befand sich die deutsche Gesellschaft in einer Zeit des wirtschaftlichen und politischen Umbruchs. Dessen Wirkungen wurden auch in Hamburg spürbar. Historiker haben für diese Zeit den Begriff „nach dem Boom“ geprägt, um den tiefen Einschnitt zwischen den Wohlstandserfahrungen der sechziger Jahre und dem daraus entstandenen Fortschrittsglauben  einerseits, und den ökonomischen Krisen der siebziger Jahre und den damit verbundenen Ängsten vor der Zukunft zu markieren. Wie aber ist dieser Wandel zu bewerten? Handelt es sich bei dem Übergang von einer industriell geprägten Gesellschaft in eine postmoderne Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft um eine bedenkliche Entwicklung, weil alte Industrien aufgegeben werden müssen und damit Arbeitsplätze wegfallen? Eine solche Bewertung kann man zum Beispiel aus der Sicht eines Hamburger Werftarbeiters nachvollziehen, der seinen Arbeitsplatz verlor, als 1973 das Werk der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG auf Finkenwerder geschlossen wurde. Oder vollzog sich auf lange Sicht in diesen Jahren ein Strukturwandel in der Weltwirtschaft, der für die hamburgische Wirtschaft auch neue Chancen bereit hielt? Dieser Interpretation könnte etwa ein Hafenfacharbeiter folgen, der auf Grund der „Containerisierung“ in der Hafenwirtschaft seit den siebziger Jahren und der damit verbundenen höheren Qualifizierung der Arbeitsplätze im Hafen mehr verdiente als noch seine Kollegen in den sechziger Jahren. Wie auch immer die Bewertung letztlich ausfällt, fest steht, dass sich die wirtschaftlichen Grundlagen, die politischen Bedingungen sowie die gesellschaftlichen Konfliktfelder in Hamburg und in der Bundesrepublik in den siebziger und achtziger Jahren nachhaltig wandelten.

Die weltweite Wirtschaftskrise, die Ende 1973 einsetzte, traf die Bundesrepublik sehr hart. Das Wirtschaftswachstum im westlichen Deutschland war vor allem auf energieintensiven Industrien, die für den Weltmarkt produzierten, aufgebaut – als ein Wirtschaftsabschwung einsetzte, das internationale Währungssystem der festen Wechselkurse zusammenbrach und die erdölproduzierenden Länder ihre Fördermengen reduzierten und gleichzeitig die Preise für Erdöl erhöhten, zeigte sich der Nachteil dieser exportorientierten und vom Erdöl abhängigen Produktionsweise. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik deutlich an. Nach 1976 gab es gleichbleibend eine Arbeitslosenquote zwischen 4 und maximal 8 %. Auch in Hamburg nahm der Anteil der Erwerbslosen an der arbeitsfähigen Bevölkerung zu: Waren 1975 rund 3,7 %  ohne Arbeitsplatz, so hatte sich die Zahl bis 1983 auf 10,3 % erhöht, und lag damit noch über dem Wert im Bundesdurchschnitt.

Der damalige Erste Bürgermeister der Hansestadt, Klaus von Dohnanyi (SPD, 1981-1988), nahm die schlechten ökonomischen Daten im November 1983 zum Anlass, um eine neue Strategie für die Stadt vorzustellen, die er als „Unternehmen Hamburg“ charakterisierte.[1] Es seien vor allem drei langfristig wirkende Tendenzen der wirtschaftlichen Entwicklung, die zu berücksichtigen seien: die geringe Wachstumsrate der Hamburger Wirtschaft im Vergleich zur Bundesrepublik insgesamt, die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit sowie die sinkenden Einnahmen der Stadt bei gleichzeitig steigenden Sozialausgaben. All diese Entwicklungen seien auch auf äußere, europa- und weltweit wirkende ökonomische Faktoren zurückzuführen. Sie würden aber in Hamburg selbst durch eine einseitige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik auf den Hafen noch weiter vorangetrieben. Der natürliche Standortvorteil Hamburgs als weltweit vernetzte Hafenstadt, den es weiter auszubauen gelte, müsse in Zukunft von einer deutlichen Förderung von Wissenschaft und Technik sowie des Binnenhandels begleitet werden, um die Hamburger Wirtschaft langfristig zukunftsfähig zu machen. Der Erste Bürgermeister versuchte damit zu Beginn der achtziger Jahre, die Wirtschaftspolitik der Hansestadt neu auszurichten, um die traditionelle, am Wohl des Welt-Hafens orientierte Wirtschaftsförderung mit einer Strategie zur Wissens- und Dienstleistungsförderung zu ergänzen.

Ein ähnliches Konzept hatte schon sein Vorgänger im Amt, Hans-Ulrich Klose (SPD, 1974-1981), Mitte der siebziger Jahre entworfen, als er in einer Rede in der Evangelischen Akademie Tutzingen das „Funktionieren der Städte“ als wichtigen Faktor für den Wohlstand des Staates insgesamt beschrieb. Wie von Dohnanyi betonte Klose vor allem die qualitative Entwicklung der städtischen Wirtschaftssektoren, nicht das Wachstum der Wirtschaft an sich als wichtigstes Erfolgsrezept für eine neue Blüte der Städte. Klose ging dabei direkter als Dohnanyi auf die veränderten Rahmenbedingungen für Regierungspolitik ein: einerseits sei die Gesellschaft durch die Liberalisierungs- und Politisierungsprozesse der späten sechziger Jahre demokratischer geworden. Mehr Menschen engagierten sich, z.B. in Bürgerinitiativen und Stadtteilgruppen. Aber diese Entwicklung habe andererseits auch zu einer zunehmenden „Unregierbarkeit der Städte“ geführt.[2]

Beide Bürgermeister sahen sich also mit weitreichenden  ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert, auf die sie reagieren und die städtische Regierungspolitik anpassen mussten. Zu diesen neuen Herausforderungen gehörte etwa der anhaltende Bevölkerungsrückgang in Hamburg seit Mitte der sechziger Jahre. 1987 lebten 1,59 Millionen Menschen in Hamburg, rund 20 Jahre zuvor waren es noch 1,87 Millionen gewesen. Seit dem Ende der achtziger Jahre stieg die Zahl dann wieder an, besonders nach der Vereinigung der deutschen Staaten 1990.[3] Der Bevölkerungsrückgang ist vor allem auf die Suburbanisierung seit den sechziger Jahren zurückzuführen, d.h. den Umzug vieler Familien in die Randgemeinden um Hamburg, weil dort günstigere Mieten oder Wohneigentum und mehr Grünflächen zu finden waren. Damit wanderte ein Teil der finanzkräftigen Mittelschicht in die Vororte ab und mit ihnen ein Teil des Hamburger Steueraufkommens. Stadtplanerisch war das durchaus gewollt, denn die deutliche Trennung der Bereiche Wohnen und Arbeiten blieb weiterhin eine zentrale Grundidee für Planungen. In der Folge verödeten Teile der Innenstädte, die nur noch tagsüber besucht wurden, wenn Kaufhäuser, Banken und Bürogebäude geöffnet waren.

In den verbliebenen innerstädtischen Wohnvierteln veränderte sich auch das soziale Milieu: Viele der freiwerdenden, oft nicht sehr komfortablen Altbauwohnungen wurden von eingewanderten Familien gemietet. In den fünfziger und sechziger Jahren waren viele so genannte Gastarbeiter, meistens Männer, aus Italien, Griechenland, Spanien, der Türkei oder auch Portugal angeworben worden, um den damaligen Personalmangel in der bundesdeutschen Industrie auszugleichen. Das war auch in Hamburg so, wo z.B. um 1970 mehrere hundert Portugiesen im Hafen arbeiteten. Obwohl ab 1973 bundesweit ein Anwerbestopp für ausländische Gastarbeiter galt, stieg ab den achtziger Jahren der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Hamburg an. Dies ist auf den Familiennachzug zurückzuführen, also auf die Entscheidung der Gastarbeiter auf lange Sicht mit ihren Familien in der Bundesrepublik leben zu wollen. Zu dieser Gruppe kamen zum Ende der achtziger Jahre noch andere hinzu, z.B. Spät-Aussiedler aus Russland und Menschen, die vor Verfolgung und Krieg geflüchtet waren und in der Bundesrepublik Asyl beantragten. Der Anteil der nicht-deutschen Bevölkerung in Hamburg betrug 1964 3,2 %,  1987 waren es knapp 10 %, Ende der neunziger Jahre dann 15,3 %. Die größte Gruppe der ausländischen Bevölkerung bilden seit den sechziger Jahren die türkischen Familien, gefolgt von Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Polen, Afghanistan und Iran. Seit den siebziger Jahren beschäftigte sich der Senat regelmäßig mit der Frage, wie die Stadt auf die neuen Einwohner reagieren sollte, doch wurde dazu keine aktive Migrations- und Integrationspolitik entworfen. 1990 etablierte man die ehrenamtliche Position eines „Ausländerbeauftragten“.

Zu den stadtplanerischen und sozialen Problemen kamen finanzielle Sorgen der Stadt, da das Steueraufkommen durch die Wirtschaftskrise eingebrochen war und ein großes Haushaltsdefizit drohte. In einer Rede vor der Bürgerschaft im Januar 1975 kündigte der Erste Bürgermeister Hans-Ulrich Klose ein drastisches Sparprogramm an, mit dem alle öffentlichen Ausgaben, insbesondere in den Bereichen Personal und Soziales, auf den Prüfstand kamen. Personalabbau (oder zumindest kein weiterer Ausbau) bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung der Verwaltung, Verkauf von städtischen Immobilien und Unternehmen sowie eine Verminderung der staatlichen Ausgaben für soziale und kulturelle Zwecke waren auch in Hamburg seit dem Ende der siebziger Jahre die wichtigsten Leitlinien für die städtische Haushaltspolitik. Im Gegensatz zum Bund, wo 1982 ein Regierungswechsel von Helmut Schmidt (SPD) zu Helmut Kohl (CDU) stattfand, blieb Hamburg aber in dieser Umbruchszeit eine sozialdemokratische Hochburg, trotz zwischenzeitlicher Stimmenverluste, etwa in den Wahlen zur Bürgerschaft im März 1974 oder im Juli 1982. Noch im März 1970 hatte der damalige Erste Bürgermeister Herbert Weichmann mit der SPD die absolute Mehrheit gewonnen und eine Regierung mit der FDP gebildet. Sein Nachfolger, Peter Schulz, musste 1974 allerdings einen deutlichen Stimmenverlust für die SPD hinnehmen und von seinem Amt zurücktreten. Erster Bürgermeister wurde Hans-Ulrich Klose, mit 37 Jahren der jüngste Regierungschef eines Bundeslandes. Unter seiner Führung konnten die Sozialdemokraten im Juni 1978 die absolute Mehrheit wieder zurück gewinnen, und zwar auch deshalb, weil die FDP an der 5%-Hürde scheiterte. Bei dieser Wahl trat zudem erstmals eine neue linke Partei an, , die Bunte Liste, aus der später die Grün-Alternative Liste (GAL) entstehen sollte. Sie konnte 3,5 % der Stimmen gewinnen. 1982 folgte dann wieder eine relative Niederlage der SPD – gemessen an dem Anspruch, immer stärkste politische Kraft in Hamburg zu sein. Die CDU gelang dies in dieser Wahl, aber die Ursache für das relativ schlechte Abschneiden der SPD lag weniger im Erfolg der Konservativen als in der Pluralisierung des Parteiensystems in der Bundesrepublik: Die Grünen hatten sich inzwischen als linke Alternative zur Sozialdemokratie formiert. Nach dem die neue Partei 1979 und 1980 erstmals in Landesparlamente eingezogen war (Bremen und Baden-Württemberg), war dies 1982 in Hamburg auch der Grün-Alternativen Liste gelungen. Die Mehrheitsverhältnisse nach dieser Bürgerschaftswahl waren nicht eindeutig, so dass der Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi gezwungen war, Gespräche mit der GAL über eine Tolerierung einer SPD-Minderheitenregierung zu führen. Nachdem diese (unter dem Stichwort „Hamburger Verhältnisse“ diskutierten) Gespräche scheiterten, wurden Neuwahlen für Dezember 1982 ausgeschrieben und in dieser Wahl gewann die SPD die absolute Mehrheit zurück. Nach den Wahlen im Mai 1987, bei denen auch die FDP wieder in die Bürgerschaft zurückkehrte, bildete Dohnanyi eine sozialliberale Koalition und übergab die Regierungsgeschäfte im Juni 1988 an Henning Voscherau.

Diese Kontinuität in der Regierungsverantwortung sollte jedoch nicht über den tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel hinwegtäuschen. Der Senat und die Bürgerschaft versuchten zwar zunächst noch, an Pläne und Ideen aus den sechziger Jahren anzuknüpfen, waren dann aber doch gezwungen, sich den neuen Zeiten zu stellen und den Transfer in die siebziger und achtziger Jahre zu leisten. Am deutlichsten wurde dies wohl an der Auseinandersetzung über die zivile Nutzung der Kernenergie, die gerade in den Zeiten der Ölkrise vielen Politikern als die einzige energiepolitische Alternative erschien. In der Wirtschaftspolitik des Senates spielte der Bau mehrerer Atomkraftwerke entlang der Elbe seit den sechziger Jahren eine zentrale Rolle, denn man hoffte auf die Ansiedlung neuer energieintensiver Industriebetriebe. Seit den siebziger Jahren wurde diese Form der Energiegewinnung jedoch immer stärker von der Umweltschutz- und der Friedensbewegung kritisiert. 1975 begann der Bau eines AKW im schleswig-holsteinischen Brokdorf, an dem die Hamburgischen Elektrizitätswerke (HEW) beteiligt waren. Er wurde von Beginn an von zahlreichen Protesten und Klagen gegen die Inbetriebnahme begleitet, mit einem Höhepunkt im Februar 1981, als eine der größten Demonstrationen in der Bundesrepublik in Brokdorf stattfand. In Hamburg wurde ebenso wie in anderen Bundesländern erbittert über den Umgang mit der Kernenergie gestritten. Der Erste Bürgermeister Hans-Ulrich Klose trat am 25. Mai 1981 von seinem Amt zurück, weil seine kritische Position zur Nutzung der Kernenergie in seiner eigenen Partei nicht mehrheitsfähig war.

Diese tiefe Spaltung der Regierungspartei SPD war ein Ausdruck für die gewandelten politischen Verhältnisse in Stadt und Land, waren doch viele neue politische Bewegungen entstanden, die eine andere, alternative Politik wünschten. Neben den Grünen gab es zahlreiche weitere Initiativen zur alternativen Gestaltung der Stadt, des Wohnens und des gesellschaftlichen Miteinanders. Im Juni 1981 fand beispielsweise im Rahmen des Kirchentages in eine große Friedensdemonstration gegen weitere Aufrüstung statt, im Oktober des gleichen Jahres wurden einige sanierungsbedürftige Häuser in der St. Pauli Hafenstraße besetzt, um auf Leerstand und Wohnungsnot in Hamburg aufmerksam zu machen, im Frühjahr 1982 protestieren Elbfischer gegen die Verschmutzung des Flusses, im Oktober 1983 protestierten nochmals hunderttausende Menschen gegen den NATO-Doppelbeschluss auf dem Hamburger Rathausmarkt und im Juni 1986 setzte die Hamburger Polizei das  Verbot einer Demonstration gegen das AKW Brokdorf mit Hilfe der Einkesselung mehrerer Hundert Demonstranten auf dem Heiligengeistfeld durch („Hamburger Kessel“). Die  politisch Verantwortlichen mussten sich fragen, wie die Stadt auf die Forderung nach alternativen Lösungen und nach mehr Beteiligung von Bürgern an der Entscheidungsfindung reagieren sollte. Zu Beginn der Siebziger waren die Politiker noch stark vom antikommunistischen Denken der Nachkriegszeit geprägt. In den siebziger Jahren beeinflussten  die Erfahrungen mit dem Linksterrorismus der RAF in der Bundesrepublik  den politischen Umgang mit alternativen politischen Initiativen. Zu Beginn der achtziger Jahre wurden solche Projekte aber auch innerhalb der etablierten Politik etwas positiver aufgenommen. Die überaus schwierige Lösung der Besetzung in der Hafenstraße kann hier als Beispiel dienen: Die Hausbesetzer-Initiative erhielt Ende 1983 befristete Mietverträge und nach zahlreichen harten politischen Auseinandersetzungen, inklusiver großer Unterstützungsdemonstrationen mit nachträglichen Straßenkämpfen und Barrikadenbau, im November 1987 sogar einen Pachtvertrag, der über den Senat vermittelt wurde. Der heftige Konflikt konnte auf diese Weise entschärft, wenn auch nicht gelöst werden, denn die bunten Häuser und ihre Bewohner stellten nach wie vor eine Herausforderung für viele Politiker und Bürger dar.  Hans-Ulrich Klose hatte bereits 1975 darauf hingewiesen, dass die Demokratisierung der Gesellschaft eine Anpassung der Politik erfordere: Entscheidungen über zukünftige städtebauliche, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen konnten nicht länger allein zwischen den politischen und wirtschaftlichen Eliten ausgehandelt werden, sondern erforderten viel längere und aufwändigere Prozesse der Beteiligung. Gleichzeitig war das politische System gefordert, eine Balance zwischen der notwendigen Bürgerbeteiligung einerseits und den Prinzipien der repräsentativen Demokratie andererseits zu finden. Diese Problematik musste seit den Siebzigern in vielen Projekten und Planungen berücksichtig werden.

Auch in anderen Bereichen musste der Transfer in die Jahre „nach dem Boom“ geleistet werden. Viele Großbauprojekte, die das Stadtbild prägten, kamen in den siebziger Jahren zum Abschluss, so etwa das Congreß Centrum Hamburg am Dammtorbahnhof (1973), Gebäude in der City Nord oder die Alsterschwimmhalle (1973). Mit dem Altonaer Krankenhaus wurde im Mai 1971 nach 50 Jahren erstmals wieder ein Neubau eines Krankenhauses in der Stadt eingeweiht. Alte Gebäude, die nach Meinung der Stadtplaner nicht mehr der modernen Funktionalität entsprachen, wurden trotz starker Proteste abgerissen, so der Altonaer Bahnhof 1976. Ebenfalls noch aus der Modernisierungseuphorie der sechziger Jahre speisten sich die Neubausiedlungen am Mümmelmannsberg, wo 1972 die ersten Wohnungen bezogen wurden, oder wenig später die Neubauten am Osdorfer Born und in Steilshoop. Die Begeisterung für modernes Wohnen in zeitgemäßen Hochhäusern wurde aber schnell von nachhaltiger Kritik an einem „Beton-Gigantismus“, an einer Ghetto-Bildung auf der grünen Wiese abgelöst, allerdings zunächst stärker in der öffentlichen medialen Meinung und der Fachpresse als bei den Bewohnern selbst. Auch konnten die Innenstädte seit den achtziger Jahren durch Einkaufspassagen und kulturelle Angebote wieder stärker belebt werden. In Hamburg wurden so 1982 der neue Rathausplatz sowie die umgestaltete Mönckebergstraße gefeiert.

Im öffentlichen Nahverkehr wurde 1978 die letzte Straßenbahnlinie stillgelegt. Im Rahmen der Sparpläne des Senats konnte allerdings der eigentlich vorgesehene weitere Ausbau des U-Bahn-Netzes nicht mehr verwirklicht werden und das Schnellbahnnetz wuchs nur 1979 durch die Eröffnung des City-Tunnels der S-Bahn. So trugen nun Autobusse in vielen Stadtteilen die Hauptlast des Verkehrs. Trotz Ölkrise und vier autofreier Sonntage im Winter 1973 wurde weiterhin der Individualverkehr stadtplanerisch bevorzugt. Die Verkehrsanbindung der Hamburger Wirtschaft verbesserte sich auf Straße, Schiene und dem Wasserweg durch die Einweihung der Köhlbrandbrücke 1974, des neuen Elbtunnels 1975, der Transit-Autobahn A 24 nach Berlin im November 1982 sowie  der Eröffnung des Elbe-Seitenkanals im Juni 1976 und des Rangierbahnhofes in Maschen im März 1977. Inzwischen waren auch die Sicherungsmaßnahmen gegen Unwetter erhöht worden, so dass die höchste Sturmflut in Hamburg im Januar 1976 zwar Beeinträchtigungen der Hafenwirtschaft mit sich brachten, aber anders als 1962 keine Todesopfer zu beklagen waren.

Der Hafen erlebte seit den frühen siebziger Jahren einen dramatischen Umbruch und wandelte sich zunehmend zu einem Dienstleitungs- und Logistikzentrum. Im Seegütertransport spielte der Container rasch eine immer größere Rolle und veränderte die technischen Anforderungen an Schiffe und Hafenanlagen sowie den Charakter der Hafenarbeit. Erfahrung und Körperkraft verloren zugunsten von Fachwissen an Bedeutung und die Zahl der Hafenarbeiter nahm allmählich ab. Angesichts des ständig steigenden Finanzbedarfs für die Modernisierung der Hafenanlagen ermöglichte eine Reform der Hafenordnung nach 1970 die private Finanzierung neuer Investitionen. In Altenwerder und Moorburg wuchs der Widerstand gegen die 1961 beschlossenen Umsiedlungen der Bewohner zugunsten einer Erweiterung des Hafens, aber der Senat hielt an seinen Ausbauplänen fest und die Bürgerschaft verabschiedete im Januar 1982 ein Hafenentwicklungsgesetz, mit dem notfalls auch Enteignungen von Flächen durchgesetzt werden sollten.

Vor noch größeren Herausforderungen als die Hafenwirtschaft standen die traditionellen Hafenindustrien wie der Schiffbau oder die Werfttechnik. Sie gerieten nach 1973/74 dauerhaft in eine schwere Krise. Im September 1983 streikte die Belegschaft des letzten Standortes der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG mehrere Tage und besetzte das Firmengelände, um gegen die Entlassung von mehr als 1.300 Arbeitern zu protestieren, allerdings vergeblich, denn das Werk wurde später dennoch geschlossen. Auch die Förderung neuer Industrieansiedlungen seitens des Senates stieß auf Hindernisse: Anfang der siebziger Jahre waren mit hohen staatlichen Subventionen ein Aluminium-Werk und ein Stahlwerk im Hafengelände errichtet worden, aber beide standen innerhalb weniger Jahre vor großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und mussten wiederum mit staatlichen Zuschüssen saniert werden. 1985 stellten dann auch Ölraffinerien zweier großer Ölkonzerne im Hafen ihre Produktion ein, so dass wieder mehrere hundert Arbeitsplätze verloren gingen.

Am Ende der achtziger Jahre war die Transformation im politischen System ebenso noch nicht zu Ende wie im wirtschaftlichen Bereich. Es waren aber Weichen gestellt worden, die nach 1989 gute Ausgangsbedingungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung boten. Schon in den Jahren davor hatte sich der Kalte Krieg zwischen Ost und West abgeschwächt und auch die Hansestadt beteiligte sich an den neuen Möglichkeiten der Kontaktpflege in die DDR und nach Osteuropa. Bereits seit langem besuchten hochrangige Hamburger Delegationen aus Politik und Wirtschaft die dortigen Fachmessen. 1987 wurde eine Städtepartnerschaft mit Dresden vereinbart, 1990 dann eine mit Prag. Als 1989/1990 die Grenzen nach Osteuropa durchlässig wurden, konnte Hamburg als Handels- und Dienstleistungsstadt erneut seine zentrale Lage in Nordwesteuropa gewinnbringend einsetzen.

 

Literatur:

Uwe Bahnsen/ Kerstin von Stürmer: Trümmer – Träume – Tor zur Welt. Die Geschichte Hamburgs von 1945 bis heute, Erfurt 2012.

Lina Nikou: „Mein Name ist Ausländer.“ Alltagserfahrungen und Migrationspolitik in der Stadt, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.), 19 Tage Hamburg. Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte seit den fünfziger Jahren, München / Hamburg, S. 217-232.

Monika Sigmund: Die Hafenstraße und das „Wunder von Hamburg“. Selbstbestimmtes Leben im Widerstreit politischer Interessen, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.), 19 Tage Hamburg. Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte seit den fünfziger Jahren, München / Hamburg, S. 265-280.

Christoph Strupp: Perspektiven und Probleme Hamburger Stadtgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 97 (2011), S. 99-130.

Joachim Szodrzynski: Fliegen Schmetterlinge nur einen Sommer? Prolog der Grün-Alternativen in Hamburg, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.), 19 Tage Hamburg. Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte seit den fünfziger Jahren, München / Hamburg, S. 203-215.

 

Zitate:

[1] Klaus von Dohnanyi: „Unternehmen Hamburg“,  Rede vor dem Übersee-Club Hamburg, 29.11.1983.

[2] Hans-Ulrich Klose: Die Unregierbarkeit der Städte, Vortrag in der Evangelischen Akademie Tutzingen, 8.7.1975, in: Berichte und Dokumente aus der Freien und Hansestadt Hamburg, Nr. 450, 15.7.1975.

[3] Statistik. Magazin. Hamburg, Bd. 3: Bevölkerung. Trends und Strukturen Hamburg 1950 – 2015, hg. vom Statistischen Landesamt, Hamburg 2000, S. 4.

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Neuer Elbtunnel, Eröffnung 1974 (http://hamburg-bildarchiv.de).