Die Sturmflut

Christoph Strupp (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg)

Die Sturmflut von 1962 ist eine der großen Katastrophen in der jüngeren Hamburger Stadtgeschichte. In ihrer Schockwirkung ist sie mit dem großen Brand von 1842, der Cholera-Epidemie von 1892 oder den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 vergleichbar, auch wenn die Zahl der Todesopfer 1962 wesentlich geringer war und nur ein Teil des Stadtgebietes vor allem südlich der Norderelbe unmittelbar betroffen war.

Am 16. Februar 1962 lag ein Orkantief über der Nordsee und drückte das Wasser in die Elbmündung. Der NDR warnte am Abend vor einer schweren Sturmflut an der Küste, aber im 120 km landeinwärts gelegenen Hamburg sah darin niemand eine Bedrohung für die Stadt. Schließlich lagen die letzten großen Überschwemmungen in Hamburg von 1825 und 1855 über ein Jahrhundert zurück. Am Nachmittag verhinderte der Sturm das Ablaufen des Niedrigwassers. Als das Hochwasser einsetzte, stiegen die Pegel rasch weiter an.

Gegen Mitternacht trafen die Wassermassen auf die Stadt und in den Hauptdeichen entstanden erste Brüche. Baumängel, die Nutzung für die Landwirtschaft und andere Zwecke sowie in manchen Fällen schlicht eine zu geringe Höhe trugen dazu bei, dass Deiche innerhalb weniger Stunden an über 60 Stellen brachen oder überspült wurden. An manchen Stellen entstanden 100 Meter breite Risse im Elbdeich, durch die das Wasser strömte und alles im Weg Stehende mitriss. Gegen 1.15 Uhr fielen in vielen Stadtteilen Strom, Gas und Telefon aus.

File:Hamburg Sturmflut 1962.png,

Karte der Überflutungen in Hamburg während der Sturmflut 1962

Am frühen Morgen standen 120 Quadratkilometer Hamburgs unter Wasser: im Norden das Gebiet um den Altonaer Fischmarkt, Teile der Innenstadt, die heutige Hafencity und Teile von Rothenburgsort.

Zwischen den meterhoch überfluteten Häusern konnte man sich nur per Boot fortbewegen

Im Süden hatte es die niedrig gelegene Insel Wilhelmsburg am schlimmsten getroffen, dort stand das Wasser u.a. im Reiherstiegviertel mehrere Meter hoch. Allein durch den Bruch des mit Behelfsheimen für Ausgebombte und Kleingärten bebauten Klütjenfelder Hauptdeichs am Spreehafen hatten über 200 Menschen ihr Leben verloren. Überschwemmt waren zudem im Südwesten Cranz, Neuenfelde, Francop, Moorburg, Altenwerder, Waltershof und Steinwerder, im Osten Georgswerder, Billbrook, Billwerder und größere Gebiete in den Vier- und Marschlanden.  (Hier findet sich eine Interaktive Karte)

Insgesamt waren 315 Todesopfer zu beklagen. Rund 100.000 Menschen wurden vom Wasser eingeschlossen, 20.000 von ihnen waren am Ende obdachlos und wurden teilweise in Neubaugebiete in anderen Stadtteilen umgesiedelt. Die Flut hatte tausende Wohnungen, Betriebe und Infrastruktur vernichtet und Sachschäden von 820 Millionen DM (ca. 1,6 Milliarden Euro) hinterlassen.

Die Bundeswehr setzte Schlauchboote zur Evakuierung der Menschen ein, für viele Tiere kam die Hilfe oft zu spät

Die Hilfe der städtischen Behörden kam nur langsam in Gang. Die Polizei hatte gegen 0.30 Uhr Katastrophenalarm ausgelöst, aber da war es für größere Evakuierungen bereits zu spät. Der Erste Bürgermeister Paul Nevermann befand sich in Österreich und Polizeisenator Helmut Schmidt war erst im Lauf der Nacht von einer Dienstreise aus Berlin zurückgekehrt. Er traf morgens um 7 Uhr im Polizeipräsidium am heutigen Johannes-Brahms-Platz ein und koordinierte nun die ersten Rettungsmaßnahmen. Sie konnten zunächst nur mit Booten und Hubschraubern durchgeführt werden und wurden durch den andauernden Sturm behindert. Schmidt mobilisierte neben bis zu 25.000 zivilen Helfern der Feuerwehr, der Polizei, des Deutschen Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerks und anderer auf eigene Initiative und in einer rechtlichen Grauzone auch 14.000 Soldaten der Bundeswehr sowie NATO-Truppen.

Versorgung der abgeschnittenen Stadtteile aus der Luft

Es ging darum, vom Wasser eingeschlossene Menschen zu retten bzw. wenigstens mit Lebensmitteln zu versorgen, Opfer zu bergen, den Ausbruch von Seuchen zu verhindern und provisorisch wieder Verbindungen in den Hamburger Süden herzustellen. Der Mangel an Informationen – anfangs war man von tausenden Toten ausgegangen – und die fehlenden Routinen in den behördlichen Abläufen bei Katastrophenfällen erschwerten diese Aufgaben. Am 18. Februar wurde Sozialsenator Ernst Weiß zum Beauftragten des Katastrophenstabes mit unbeschränkten Vollmachten ernannt. Offiziell wurde der Katastropheneinsatz erst am 10. März beendet. (Interaktive Zeitleiste)

315 Menschen kostete die Sturmflut von 1962 in Hamburg das Leben

Am 26. Februar 1962 gedachten gemeinsam mit Bundespräsident Heinrich Lübke und dem Senat rund 150.000 Menschen der Opfer der Sturmflut in einer Trauerfeier auf dem Rathausmarkt. Medien, die offiziellen Untersuchungen und die Justiz vermieden konkrete Schuldzuweisungen, etwa mit Blick auf Versäumnisse bei der Wartung und dem Ausbau der Deiche in den letzten Jahren. Die Katastrophe wurde zunächst als ein nicht vorhersehbarer Schicksalsschlag gedeutet, der gezeigt hatte, dass sich die Natur nicht endgültig bändigen ließ und dass die modernen Menschen der Großstadt auf die Auseinandersetzung mit der Natur nicht mehr vorbereitet waren. Im Lauf der kommenden Jahre verschoben sich die Deutungen: Die Sturmflut erschien als Bewährungsprobe, die man letztlich erfolgreich bestanden hatte, wobei besonders Helmut Schmidt und die noch junge Bundeswehr durch ihre Leistungen in einem positiven Licht erschienen. Ein umfangreiches Bauprogramm für Deiche und Sperrwerke entlang der gesamten Unterelbe sollte dafür sorgen, dass sich die Geschehnisse nicht wiederholten. Tatsächlich waren bei der Sturmflut von 1976, als die Elbe noch höher als 1962 auflief, zwar schwere Schäden im Hafen, aber keine Todesopfer mehr zu beklagen.

Die Erinnerung an die Sturmflut ist aber vor allem in den damals betroffenen Stadtteilen bis heute lebendig und wurde zudem auf der gesamtstädtischen Ebene im letzten Jahrzehnt durch Fernsehproduktionen („Die Nacht der großen Flut“, 2005), neue Bücher und das Interesse an Zeitzeugenberichten gestärkt.

 

Literatur:

Felix Mauch, Erinnerungsfluten. Das Sturmhochwasser von 1962 im Gedächtnis der Stadt Hamburg, München / Hamburg: Dölling und Galitz, 2015.

Martina Heßler / Christian Kehrt (Hg.), Die Hamburger Sturmflut von 1962. Risikobewusstsein und Katastrophenschutz aus zeit-, technik- und umweltgeschichtlicher Perspektive, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2014.

Stefan Rather u.a., Die große Flut 1962. Harburger Helfer erinnern sich, Hamburg: Geschichtswerkstatt Harburg, 2012.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Deichbauarbeiten nach Sturmflut (Foto), Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_344-31.

Abb. Thementext: Karte Überflutugnsgebiete 1962, nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHamburg_Sturmflut_1962.png, von NordNordWest [dl-de/by-2-0 (https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0)]) / Häuser und Bootsinsassen im Flutgebiet, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_CP_34470_03_04 / Totes Vieh und Bundeswehr im Flutgebiet, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_CP_34470_2_06 / Versorgung durch Hubschrauber, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1CP_34470_05_12tif / Massengrab, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_CP_34470_01_39.