Johann Hinrich Wichern und die Gründung des „Rauhen Hauses“

1808 - 1881

Stephanie-Andrea Fleischer

Der Sozialreformer Johann Hinrich Wichern, der selbst recht mittellos aufgewachsen war, verlor nie die Lebensumstände der ärmeren Bevölkerung aus dem Blick.

Nach dem Tod des Vaters musste der fünfzehnjährige Wichern gemeinsam mit seiner Mutter für den Unterhalt der Familie sorgen. Diese Erfahrungen förderten die Idee, Kindern aus ärmlichen Verhältnissen Unterkunft und Schulbildung zu verschaffen.

Die wirtschaftlichen Verluste während der Franzosenzeit hatten die Lebensbedingungen in Hamburg verschärft; hinzu kam der Bevölkerungszuwachs in den Großstädten. Arbeiter waren im Überfluss vorhanden, Gehälter infolge dessen niedrig, Armut und Hunger weit verbreitet.

Private Initiativen, die Suppenküchen, Armenschulen oder Beschäftigungsanstalten unterstützten, schafften ein wenig Linderung.

Nachdem Wichern sein Studium, finanziert durch ein Stipendium, abgeschlossen hatte, nahm er 1832 eine Beschäftigung als Oberlehrer an der Sonntagsschule in St. Georg auf.

Er stattete der Nachbarschaft Besuche ab und erfuhr, dass seine Schüler durch Gelegenheitsarbeiten zum Lebensunterhalt der Familie beitragen mussten, teilweise durch Diebstahl und Prostitution.

Wichern entwickelte eine Idee, wie diesen Kindern geholfen werden konnte.

Der Syndikus Karl Sieveking überließ ihm Wichern die Kate „Ruges Haus“ in Hamburg-Horn. Hiervon leitete sich der Name der von Wichern gegründeten Erziehungsanstalt ab, die 1833 eröffnet wurde. Das Grundkonzept des „Rauhen Hauses“ war ein realistisches: Die Kinder sollten das Bewusstsein für die Armut, aus der sie stammten, und für ihre damit verbundene Stellung in der Gesellschaft nicht verlieren. Die Mädchen wurden in Hausarbeit geschult; die Jungen erhielten eine Ausbildung als Handwerker, beispielsweise als Drucker, Buchbinder oder Schuhmacher.

Wichern gründete eine Verlagsagentur, um Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Sein Konzept leistete Hilfe zur Selbsthilfe für verhaltensauffällig gewordene Jugendliche und ging damit über die bisherigen wohltätigen Einrichtungen hinaus.

Die wohlhabende Gesellschaft, zu der Wichern aufgrund seiner Ausbildung Zugang hatte, war immer wieder als Financier gefordert. Sie partizipierte, indem sie ihre Geldmittel für einen guten Zweck einsetzte.

Wicherns Gesellschaftskonzept zufolge sollte durch die evangelische Kirche und ihre christlichen sollte eine Verbindung zwischen Familie und Staat hergestellt werden.

Sowohl in der Familie wie auch als verantwortliche Mitglieder der Gesellschaft sollten seine Zöglinge ihren Platz finden. Regelmäßige Andachten waren daher in den Schulalltag integriert, und die Organisation in Hausgemeinschaften förderte eine gesellige Atmosphäre.

Wichern überzeugte wohl aber nicht nur durch seine durchdachte Pädagogik, sondern auch durch seine Empathie. Er überbrückte für seine Schüler die lange Wartezeit bis Weihnachten, indem er den Adventskranz erfand. Auf einem Wagenrad wurde für jeden Wochentag eine kleine rote Kerze, für jeden Sonntag eine große weiße Kerze montiert. Daraus entstand der Adventskranz, den wir heute kennen: vier Kerzen auf Tannengrün als Symbol der Hoffnung.

Wicherns Leitsatz war die „Innere Mission“, eine Aufforderung zur praktizierten Nächstenliebe, die die Wochenzeitung DIE WELT am 04.09.1983 mit den Worten wiedergab: „Wir helfen, helfen Sie uns“ – ein Motto, das bis heute für viele Stiftungen gilt.

Stephanie Fleischer, Archiv-Pädagogik der BSB im Staatsarchiv Hamburg

 

Weiterführende Literatur:

Ulrich Heidenreich: Der Gründer des Rauhen Hauses – Johann Hinrich Wichern, Hamburg 1997.

Sigrid Schambach: Johann Hinrich Wichern, Hamburg 2008.

125 Jahre Wichern-Schule im Rauhen Haus 1874-1999 – Festschrift, Hamburg 1999.

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