Die Revolution von 1848/49

Matthias Schmoock

Hamburg im Jahre 1848

Sechs Jahre nach dem verheerenden Großen Brand, der rund ein Drittel der Innenstadt in Schutt und Asche gelegt hat, sind die zerstörten Flächen wieder bebaut. Schmuckstück ist die „Kleine Alster“ mit Wassertreppe, Schleusenbrücke und Alsterarkaden, ein Hauch von Venedig im kühlen Norden.

Unter den Straßen schlängelt sich bald ein höchst modernes Siel- und Wasserleitungs­system, ein Pumpwerk in Rothenburgsort sorgt für die Wasserversorgung, und auf dem Grasbrook entsteht Ham­burgs Gasanstalt. Elbe und Alster werden durch eine Schleusenanlage verbunden, die erste Eisenbahn tuckert nach Bergedorf. Thalia Theater, Neue Post und Stadtwas­sermühle öffnen ihre Pforten. Hamburg entwickelt sich in rasendem Tempo zu einer der bedeutendsten Hafenstädte der Welt. Hinzu kommen grund­legende wirtschaftliche Wand­lungen, die den ganzen Konti­nent erfassen. Die neue Zeit bringt den Übergang vom Holz- ­zum Stahlschiff, vom Handwerk zum Fabrikbetrieb, von der Segel- zur Dampfschifffahrt, Entwicklungen, die auch in Hamburgs Wirtschaftsleben tiefe Spuren hinterlassen wer­den.

Kehrseite der glänzenden Medaille: Am Ende des Jahr­zehnts ist die Stadt mit einem Minus von 68 Millionen Banco-Mark der höchstverschuldete Staat des Deutschen Bundes. Und: Immer mehr Menschen strömen aus den ländlichen Gebieten in die schillernde Stadt. Viele siedeln sich in den Vorstädten St. Pauli und St. Georg an: Sie sind in der Stadt praktisch rechtlos.

An Hamburgs Spitze steht ein völlig veraltetes Regierungs­system mit zum Teil noch mit­telalterlicher Prägung, das mit der Entwicklung nicht mithal­ten kann. Die Mitglieder des Senats (damals noch „Rat“ ge­nannt) werden nicht von der Bürgerschaft gewählt und können auch nicht von ihr ab­gewählt werden. Der Rat amtiert lebenslänglich und er­gänzt sich selbst, beispielsweise wenn ein Mitglied stirbt. Im Laufe der Jahre ist es dabei zu einer Selbstverständlichkeit ge­worden. dass ihm nur Mit­glieder aus angesehenen, „ratsfähigen“ Bürgerfamilien ange­hören. In der Regel sind dies Juristen und Kaufleute. Politisch mitbestimmen kann daneben nur noch die sogenannte „Erbgesessene Bürgerschaft“, an deren Tagungen diejenigen teil­nehmen, deren Haus oder Grundstück nach Abzug der Schulden mindestens 3000 Mark wert ist. Aber: Von den rund 95 000 Erwachsenen, die 1848 in Stadt und Vorstädten leben, sind nur 3000 bis 4000 „Erbgesessene Bürger“, eine verschwindend geringe Zahl. Und: Als Gruppe dürfen die „Erbgesessenen“ zwar über Gesetze abstimmen, sich aber nicht einmal selbstständig ver­sammeln oder vorab über das Abstimmungsthema diskutie­ren.

Zwischen den Tagungen werden sie durch andere po­litische Gremien wie die „Oberalten“, die „Sechziger“ und „Hundertachtziger“ vertreten, durchweg elitäre Grüppchen, die in der Bevölke­rung wenig Rückhalt haben.

Für die rund 60 Prozent derjenigen, die in Hamburg am Rande des Existenzminimums leben müssen, finden sich im provisorischen Rathaus keine Fürsprecher, und während ein­zelne Handelshäuser ständig mehr Geld anhäufen, wird das Heer der Armen immer größer. 1848 wurde die Bevölkerung durch Preissteigerungen, Miss­ernten und eine abnehmende Konjunktur in immer tiefere Unzufriedenheit getrieben. Ein Jahr zuvor hatte in den Straßen der sogenannte Kartoffelkrieg getobt. Damals stürzte die anhaltende Teue­rung (bei gleichbleibenden Löh­nen) viele ärmere Familien in tiefe Not, die schrittweise Um­stellung des Warentransports auf die Eisenbahn verun­sicherte zudem Elbschiffer und Fuhrunternehmer. Als Lebens­mittelhändler die Preise um mehr als das Doppelte erhöh­ten, kam es im Juni 1847 zu massiven Übergriffen auf die Händler und ihre Kontore. Um mehr Geld in die Stadtkasse fließen zu lassen, waren alle Grundnahrungsmittel mit Verbrauchssteuern (Akzise) belegt worden, was die Spannungen zusätzlich schürte. Zwar wur­den die Unruhen nach kurzer Zeit mit Polizeigewalt aufgelöst, aber öffentliche Unmutsbe­kundungen waren für die Ham­burger fortan nichts Neues mehr.

Im Jahr 1848 sind immer mehr Bürger besonders dar­über verärgert, dass der Rat alle politischen Entscheidungen allein  aushandelt. Da es keine Par­teien im heutigen Sinne gibt, fehlt die öffentliche Aussprache, und die (zunächst streng zensierte) Presse publiziert alle gefassten Beschlüsse erst im Nachhinein.

Doch die Bürger stellen die Kompetenz der Entscheidungs­träger immer häufiger in Frage, quer durch alle sozia­len Schichten.  Die aufwendige Ausge­staltung der Gegend um die Binnenalster erscheint vielen Menschen aus den ärmeren Bevölkerungsschichten über­flüssig, sie murren gegen die mutmaßliche Prunksucht. Aufgeklärte Bürgerliche for­dern Mitspracherecht und die Offenlegung des undurchsichti­gen Finanzwesens. Da Gremien fehlen, in denen Unmut und Reformvorschläge kanalisiert werden könnten, bilden sich schließlich immer mehr Verei­ne. Sie werden innerhalb kur­zer Zeit zu einem entscheiden­den politischen Faktor.

Arm und reich

„Die Stadt“ besteht aus Altstadt (im Osten) und Neustadt (im Westen). St. Pauli und St. Georg sind „Vorstädte“ außerhalb der Stadtmauern, Eppendorf, Barmbek, Winterhude, Harvestehude und andere heutige Stadtteile sind noch weit abgelegene Dörfer, die (genau wie die Vorstädte) nur über die sieben Durchlässe in den Stadtmauern erreicht werden können. Die Stadt hat inklusive der Vorstädte 148 764 Einwohner, 52 192 sind Beschäftigte.

Zahlen, die das starke soziale Gefälle belegen: Den größten Anteil machen Arbeiterinnen und Arbeiter (12 893) sowie Handwerker aus (12 920). 942 Menschen arbeiten im Hafen, 1681 sind Kaufleute. Die Zahl aller Beamten, Ärzte, Lehrer, Geistlichen, Apotheker und Juristen ist dagegen eher niedrig, sie beträgt 1958.

Um 1848 gehören zirka 65 Prozent der Bevölkerung zur Unterschicht, 18 Prozent zur unteren Mittelschicht und nur sieben Prozent zur Oberschicht. Etwa 50 000 der Erwerbs­tätigen verdienen unter 500 Mark im Jahr.

Während an Alster und Elbe für die reichen Kaufleute und Reeder prunkvolle Villen errichtet werden, bleibt die Wohnsituation in weiten Teilen der Stadt dürftig. Die Zahl der Häuser beträgt (inklusive der Vorstädte) um 1848 rund 11 500; mit Etagen, Wohnkellern usw. gibt es 147 857 Einheiten zumeist einfachster Bauweise. Die dichtbebauten Gängeviertel, die zum Teil noch aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammen, haben das Groß­feuer von 1842 fast unbe­schadet überstanden; hier sind die Zustände besonders schlimm.

Während die Stadt Anfang 1848 in politischen und sozialen Fragen weitgehend im Stillstand verharrt, gibt es grundlegende Veränderungen auf wirtschaftlich-technischem Gebiet. Einige Beispiele: Im Oktober 1845 werden die ersten Straßen mit Gas beleuchtet, und im Dezember 1846 nimmt die Hamburg-Berliner Eisenbahn ihren Betrieb auf.

Es brodelt in den Vorstädten und die Pressezensur wird aufgehoben

Da im Hamburg der 1840er Jahre politische Parteien völlig fehlen, finden sich die Menschen in Vereinen zusammen. Diese zum Teil schon aus dem 18. Jahrhundert stammenden Organisationen spielen bei der Vorgeschichte der 48er Revolution eine zentrale Rolle. Hier wurden die politischen Interessen und Aktivitäten breiter Bevölkerungsschichten aufgefangen und umgesetzt, hier wurde (oft erbittert) diskutiert, hier wurden schließlich Bittschriften und Reformkonzepte ausgearbeitet, denen schon bald eine wichtige Funktion zufallen sollte.

Als besonders reformfreudig erweist sich die Patriotische Gesellschaft von 1765.

Auch andere machen von sich reden: Der „Bürgerverein“ fordert die Entsendung „nichterbgesessener“ Bürger in die Bürgerschaft, Mitglieder des „Grundeigentümervereins“ drucken und veröffentlichen die Ergebnisse aus politischen Abstimmungen und werden dafür mit einem Verbot belegt. Der „Verein Hamburger Juri­sten“ wiederum erklärt den „Raubdruck“ mutig für rech­tens.

Reformvorschläge werden dem Rat zunächst weiterhin in höflicher Form vorgebracht und bewir­ken anfänglich praktisch über­haupt nichts. Der Rat wiegelt ab, verspricht Prüfung und ver­bittet sich ansonsten die Ein­mischung. Dabei sind inter­essanterweise etliche Rats­mitglieder durchaus reform­willig, doch andere, um ihre Pfründe besorgte Mandats­träger blockieren sämtliche Ansätze für Änderungen oder zumindest für Verständigung mit den liberalen Bürgern.

Da schlägt die Nachricht von der Revolution in Frankreich wie eine Bombe ein. Überall gärt es: Der „Bürgerkönig“ Louis Philippe wird verjagt, in Wien muß am 13. März Kanzler Metternich abtreten, in Mün­chen stürzt am 20. März Ludwig I., in Berlin gibt es Straßenkämpfe.

Mit der selbstzufriedenen Behäbigkeit in Hamburgs Re­gierungsstuben ist es schlag­artig vorbei – viele der ehr­würdigen Herren wissen es genau: Die Regierung muss sich jetzt reformbereit zeigen, oder die Radikalisierung innerhalb der politisch sensibilisierten Bevölkerung wird sich immer weiter steigern.

Anfang März kommt es in den Straßen zu Unruhen, der „Hamburgische Unpartheiische Correspondent“ meldet „schwerste Excesse gegen das Eigenthum von Bürgern“. Vor dem Gebäude der reformorientierten Patriotischen Gesellschaft versammeln sich Hunderte und brechen laut Zeitung in „tobenden Lärm“ aus – die Bürgergarde verhaftet einige Ruhestörer.

Als erstes Zugeständnis hebt der Rat die Pressezensur auf, und innerhalb kurzer Zeit erscheinen in der Stadt sieben neue Zeitungen.

Um die Vor-Revolution in einigermaßen geordnete Bah­nen zu lenken, gründen liberale Juristen, Kaufleute und Grund­eigentümer ein 24-köpfiges Gremium aus Vertrauensmännern. Bei einer Ver­sammlung in der Altonaer Ton­halle am 10. März präsentieren sie einen Forderungskatalog, die „12 Punkte“. Sie enthalten unter anderem  eine Wahlrechts­reform, die Trennung von Staat und Kirche, Aufhebung der Lebenslänglichkeit und Selbst­ergänzung des Rats. Der Rat will als Antwort eine „Deputation zur Beratung politischer Reformen“ einsetzen und empfiehlt, die liberalen Forderungen zu be­rücksichtigen.  Doch die „Erbge­sessene Bürgerschaft“ setzt die Reformdeputa­tion schließlich wiederum aus den alten Eliten zusammen. Für viele Liberale und Demokraten ist die Deputation daher eine Farce.

Die liberalen Wortführer dieser Zeit, Juri­sten, Kaufleute, Lehrer, Jour­nalisten gehören zum Esta­blishment, und viele ihrer po­litischen Forderungen bleiben den unteren Bevölkerungs­schichten unverständlich.

Ihr Zorn richtet sich gegen „die da oben“, also vor allem gegen einige Ratsherren und Bürger­meister, die in der Stadt bekannt und weni­ger wohlgelitten sind. Als Keimzelle der Unruhen erweisen sich die Vorstädte St. Pauli und St. Georg. Die Bewohner dort sind gegenüber den Einwohnern des Ham­burger Stadtgebietes politisch und wirtschaftlich erheblich benachteiligt.

Protest an den Stadttoren

Die Menschen in St. Georg und auf St. Pauli müssen nahezu die gleiche Steuerlast entrichten wie diejenigen, die innerhalb des Wallrings leben; von diesem Geld fließt aber nur ein kleiner Teil in die Vorstädte zurück. Besonders ärgerlich: Die Handwerker aus St. Georg und St. Pauli müssen an den Stadttoren Abgaben leisten, wenn sie ihre Waren in die Stadt bringen, während umgekehrt die Hamburger Handwerker abgabenfrei bleiben. Dabei leben in den Vorstäd­ten viele der besonders armen Menschen, vor allem auf St. Pauli vermischt mit Gauk­lern, Halbweltlern und Klein­kriminellen.

Bei allen Bürgern verhasst ist die Torsperre, eine Gebühr, die beim Passieren der Stadttore zum Einbruch der Dunkelheit fällig wird. Wer kurz nach Torschluss die „Grenze“ passieren will, muß vier Schilling entrichten, im Laufe der Nacht erhöht sich der Betrag immer weiter. In den Stunden nach Mitternacht beträgt er satte 16 Schilling. Der Hamburger Historiker Jörg Berlin sagt: „In den Winter­monaten begann die Torsperre um 16.30 Uhr, Anfang Juni um 21.30 Uhr. Für einen Arbeiter konnte das unter Umständen täglich den Verlust eines oder mehrerer Stundenlöhne be­deuten.“

Was sich an der westlichen Hamburger Stadt­grenze an jenem Abend des 13. März ab­spielt, vermittelt ein zeitgenös­sischer Bericht, die „Treue Schilderung der betrüblichen Ereignisse in der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche vor dem Millerntor und in St. Pauli“. Darin heißt es: „Als das Tor um 6.30 Uhr ge­sperrt worden war, erhoben sich aus der Menge einige Stimmen: Es lebe die Freiheit! Hurra! Hamburg ist frei! Keine Torsperre mehr! Hurra … Die Zahl der am Platz Versammel­ten mochte nahe an 1.000 Indi­viduen, Frauen und Kinder in­begriffen, erreichen, als gegen 9 Uhr Oberst Schohl, Komman­dant der hanseatischen Gar­nison, mit einer imposanten Macht erschien, durch welche das Tor besetzt wurde (…). “ Verwünschungen werden laut, Pfiffe gellen. Als immer mehr aufgebrachte Menschen durch das Millerntor drängen, schließen sich Bürgermilitär und Garnison zusammen und versuchen, die aufgebrachten Massen zurückzudrängen. Da fliegen Steine. Im Eifer des Gefechts gehen die Soldaten gegen die unbewaffneten Menschen vor. Vor allem Frauen und Kinder wer­den niedergemacht, und auch der einzige Tote, ein Maurer­meister, war eher zufällig in den Aufruhr geraten.

Zwei Monate später kommt es wieder zu schweren Unruhen – diesmal an der Grenze zur Vor­stadt St. Georg. Am Abend des 9. Juni 1848 stürmt eine aufgebrach­te Menschenmenge aus Protest gegen Zollschranken und Tor­sperre das Steintor.

Forderungen und Ziele des liberalen Bürgertums unter­scheiden sich in diesem März 1848 deutlich von denen der Proletarier aus den Vorstädten. Andererseits ist es aber gerade diese Kombination, die den Senat zum Einlenken zwingt. Die Ereignisse nach dem 9. Juni zeigen deutlich: Die Re­volution ist ihren Zielen so nahe wie nie zuvor.

Die Bürgerwehr meutert und die Reformen scheinen machbar

Inzwischen wird endgültig deutlich, dass die Reformdeputation zu langsam arbeitet; nach endlosen Tagungen bringt sie im Mai nur ein Gesetz zu „Preßverbrechen und Preßvergehen und deren Bestrafung“ zustande, das die schlimmsten Befürchtungen noch übertrifft.

Politische Re­formen werden allerdings in Aussicht gestellt. Dagegen bleiben die konkreten Forderungen der Vorstädter weiter unerfüllt, vor allem die verhasste Torsperre besteht weiter. St. Pauli und St. Georg haben weder am neuen Siel­system teil noch an der modernen Wasserversorgung und auch nicht an der Gasbeleuch­tung, alles Einrichtungen, die nur ein paar Straßenzüge wei­ter schon fast alltäglich sind. Auch machen sich in den Vor­städten immer mehr aus Ham­burg vertriebene Bettler breit. Der seit langem von vielen geforderte Anschluss der Vor­städte an Hamburg wird jedoch weiter blockiert.

Als schließlich auch noch der deutsch-dänische Krieg um Schleswig-Holstein beginnt und dänische Schiffe die Elbe blockieren, verschlechtert sich die Versorgungslage erheblich; wiederum sind vor allem die niederen Bevölkerungsschich­ten betroffen.

Die revolutionären Spannungen in Hamburg zei­gen nun endlich Wirkung. Nach den schweren Unruhen am Steintor machen die Vereine und die freie Presse aus Enttäu­schung über die Arbeit der Reformdeputation Druck: Sie fordern jetzt gezielt eine auf demokratischer Basis gewählte verfassunggebende Versamm­lung (Konstituante).

Doch zunächst läßt es der Rat noch einmal auf eine Machtprobe ankommen: Als ein aus den verbundenen Vereinen hervorgegangenes „CentralComite“ zur zentralen Macht in der Stadt werden soll, läßt der Rat drei Mitglieder des Komitees verhaften, um weitere Aktionen zu verhindern.

Auch anderen konservativen Kräften wie der „Börsenpartei“, aber auch vielen Bürgern sind die Forderungen der Vereine zu radikal. Sie fürchten den Umsturz. Nachdem die drei Köpfe des „CentralComite“ freigekommen sind, distanzieren sich

Teile der Opposition von ihren radikal-demokratischen Forderungen und fordern den Rat bei einer großen Versammlung am 17. August in der Tonhalle auf, die Konstituante auf „ver­fassungsgemäßem Wege“ ein­zuberufen.

Der Rat willigt ein, allerdings ist dabei ein Faktor von ganz ent­scheidender Bedeutung: Das Bürgermilitär erklärt, dass es bei weite­ren Befehlen gegen die Be­völkerungsmehrheit nicht mehr gehorchen werde, so dass bei zukünftigen Unruhen die Si­cherheit nicht mehr gewähr­leistet werden kann.

Am 18. August wird die Zustimmung des Rats zur Bildung der Konstituante bekanntgegeben, und der Jubel über das „neugeborene, freie Hamburg“ nimmt auf vielen Straßen und Plätzen der Stadt kein Ende. Die Konstituante wird gewählt und macht sich daran, eine Verfassung zu erdenken, und legt auch einen Entwurf vor.

Die Revolution in Hamburg scheint damit ihren (friedlichen) Höhepunkt erreicht zu haben, ein Trugschluß, wie sich bald zeigt.

 Die Preußen marschieren ein

Im Sommer 1849 werden die Erfolge der 48er Revolution unter anderem in Wien und Berlin durch Attacken monarchistischer Gegenrevolutionen niedergemacht. Preußen,  die stärkste Macht im Deutschen Bund, ist bei der Unterdrückung besonders aktiv. Hamburg hatte zudem mit preußischer Politik schon zuvor Probleme. 1846 hatte die preußische Regierung den liberalen Hamburger Pressezensor Karl Sieveking massiv, aber erfolglos kritisiert, weil er die Zensur angeblich zu lasch umsetzte und beispielsweise Werke des in Preußen verpönten Heinrich Heine nicht auf den Index nahm. Dazu kommt, dass viele Hanseaten den Preußen vorwerfen, sich beim Kampf gegen die Dänen zu zögerlich eingesetzt zu haben, während zahl­reiche Soldaten aus Hamburg wacker schlagen in den Krieg zogen.

Um­gekehrt ist Teilen der preußischen Regierung die Haltung des Hamburgischen Rats während der März-Unruhen zuwenig entschlossen. Das wie­derholte Angebot Preussens, Hilfstruppen zu entsenden, war von den Stadtvätern an der Alster immer wieder dankend abge­lehnt worden: Seit der Rat seine Zustimmung zur ver­fassungsgebenden Versamm­lung (Konstituante) gegeben hat, die bald darauf mit ihrer Arbeit an der Verfassung für den „Freistaat Hamburg“ be­ginnt, fürchten immer mehr Hamburger den baldigen Ein­marsch preußischer Truppen.

Am 13. August 1849 erscheint ein preußisches Bataillon unange­meldet vor Hamburgs Stadt­toren, allerdings nur, um in die Stadt zu marschieren und in einer Unterkunft an der Drehbahn eine Nacht zu ver­bringen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich in Hamburg und den Vorstädten die Nachricht, die Preußen seien „einmar­schiert“, um den Reformen ein Ende zu bereiten. Schon in Altona gibt es Unruhen, auf St. Pauli schließlich schwere Krawalle. Der Zeitzeuge Johann Gustav Gallois schreibt, dass sich die Soldaten am Millerntor „mit gefälltem Bajonett die Bahn brechen mußten, auf dem Walle regnete es sogar Steine und Kot auf die Truppen“.

Obwohl sich die Soldaten nicht provozieren lassen, ent­wickeln sich die Krawalle zu einer Massenhysterie, auch unter Mitgliedern des Bürgermilitärs. Um 23 Uhr verliert der Chef des Bürgermilitärs, Oberst Nicol, die Nerven und gibt Alarm, um die Preußen „aus der Stadt zu jagen“. Zwar wird der Befehl umgehend rückgängig ge­macht, aber die Krawalle ufern immer weiter aus und halten die Stadt die ganze Nacht lang auf Trab.

Am nächsten Tag ist der Spuk zwar tatsächlich vorbei, aber die Affäre hat für die Erfolge der Revolution ver­heerende Folgen. Denn am 17. August geschieht genau das, was besonnene Hambur­ger verhindern wollten: Die Provokationen liefern den preußischen Militärs die pas­sende Rechtfertigung, um nun wirklich in Hamburg einzumar­schieren. Ein aus 8000 Mann bestehendes preußisches Korps besetzt die Stadt.

Obwohl der Rat die Trup­pen nicht gerufen hatte, kommt ihm die preußische Rückendeckung gelegen, um gegen die Hauptmotoren der Revolution, Vereine und Presse, vorzuge­hen: Die Herausgeber der Zeitungen „Die Reform“ und „Der Grobian“ werden ver­haftet, die Vereine durch ein „Vereins- und Pressegesetz“ mundtot gemacht.

Die Be­setzung Hamburgs dauert bis zum November 1850.  Zeit genug, um die letzten Spuren der Revolution zu tilgen. Am 13. Juni wird die Konstituante aufgelöst, und die Verhand­lungen über die Verfassungs­reform kommen zum Halt.

Es dauert noch fast zehn Jahre bis 1860, bis Hamburg schließlich eine neue Verfassung be­kommt, die viele Anregungen aufgreift, die in der heißen Phase der Hamburger Revolu­tion angeregt, diskutiert und durchgekämpft worden waren:  Erst nach 1860 werden die Ratsmitglieder von der Bürgerschaft gewählt, und der Rat (der nun Senat heißt) verliert das Recht der Selbstergänzung. Es kommen Gewaltenteilung, die Trennung von Staat und Kirche und die konfessionelle Gleichberechtigung.

Und: Endlich fällt auch die verhasste Torsperre, um die es so viele leidenschaftliche Kämpfe gegeben hatte. Andere Forderungen werden nicht erfüllt, so gibt es immer noch kein gleiches Wahlrecht. Die unteren Bevölkerungs­schichten, die in Hamburg die große Mehrheit bilden, wer­den damit immer noch nicht von der Regierung repräsen­tiert.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Jungfernstieg in Flammen 1842 (Ch. Fuchs), Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN669598429 (CC BY-SA 4.0).