Das Konzentrationslager Neuengamme

Bearbeiterin: Iris Groschek

Die Einrichtung des Lagers

Im Dezember 1938 richtete die SS das Konzentrationslager Neuengamme ein. Hier in den Hamburger Vierlanden befanden sich abbaubare Tonvorkommen und es gab eine große und im städtischen Besitz befindliche Fläche. Am 13. September 1938 teilte der Verwaltungschef der SS, Oswald Pohl, dem Hamburger Stadtkämmerer mit, dass die Reichsführung-SS „unter dem Decknamen ‚Deutsche Erd- und Steinwerke G.m.b.H.‘“ in Neuengamme eine Ziegelei und Grundstücke erworben habe. Die SS beabsichtige dort, „im Rahmen der Arbeitsbeschaffung für die sehr zahlreichen Nichtstuer in unseren Konzentrationslägern […] erstklassige Klinkerware preiswert herzustellen.“ Hamburg hatte große Baupläne und benötigte dafür eine sehr große Anzahl Klinkersteine. Die Hamburger Verwaltung war sehr von der Möglichkeit angetan, die Baukosten durch den Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen erheblich reduzieren zu können. Am 12. Dezember 1938 kamen die ersten 100 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen an. Zu diesem Zeitpunkt war das KZ Neuengamme noch ein Außenlager des KZ Sachsenhausen. Anfang 1940 fiel nach einem Besuch des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, die Entscheidung, Neuengamme zu einem eigenen großen Konzentrationslager auszubauen.

Die Häftlinge

Im Verlauf des Krieges deportierten Gestapo und Sicherheitsdienst der SS Zehntausende Männer und Frauen aus allen besetzten Ländern Europas als KZ-Häftlinge nach Hamburg-Neuengamme. Es waren zumeist Menschen, die Widerstand gegen die deutsche Besatzungsherrschaft geleistet hatten, die Vergeltungsmaßnahmen von Wehrmacht oder SS zum Opfer gefallen waren, die sich gegen verordnete Zwangsarbeit aufgelehnt hatten oder die als Juden verfolgt wurden. Zahlreiche Häftlinge waren Opfer willkürlicher Repressalien. Die ausländischen Häftlinge bildeten nach kurzer Zeit die überwiegende Mehrheit im KZ Neuengamme (90 Prozent). Mehr als die Hälfte von ihnen kam aus Ost- und Mittelosteuropa. 1941/42 waren die polnischen, ab 1942/43 die sowjetischen Gefangenen die größte nationale Gruppe im Lager. Aber auch aus Frankreich, den Niederlanden oder Dänemark wurden 1943/44 Tausende Menschen in das KZ Neuengamme verschleppt. Insgesamt wurden von 1938 bis 1945 über 80 000 Männer und 13 500 Frauen im KZ Neuengamme und in seinen mindestens 86 Außenlagern mit einer Häftlingsnummer registriert. Weitere 5 900 Menschen wurden in den Lagerbüchern nicht erfasst.  Bis Kriegsende und im Zuge der Lagerräumungen kamen aufgrund der mörderischen Lebens- und Arbeitsbedingungen und durch gezielte Hinrichtungen nachweisbar mindestens 42 900 Menschen im Lagerkomplex Neuengamme ums Leben. Hinzu kamen mehrere Tausend Häftlinge, die nach ihrem Abtransport in anderen Lagern umkamen oder nach ihrer Befreiung an den Folgen der KZ-Haft starben. Dies bedeutet, dass über die Hälfte der Häftlinge des KZ Neuengamme die nationalsozialistische Verfolgung nicht überlebte

Die Arbeit der Häftlinge

Die Häftlinge im KZ Neuengamme hatten täglich Schwerstarbeit zu verrichten. Sie errichteten ihre eigenen Unterkunftsbaracken, erbauten ein neues Klinkerwerk und arbeiteten in den Tongruben, um den Ton zu gewinnen, der für die Klinkerproduktion gebraucht wurde. Sie verbreiterten die Dove-Elbe, bauten einen Stichkanal und ein Hafenbecken. Die Bedingungen für die Häftlinge vor allem im „Kommando Elbe“ waren sehr schlecht: Unter ständigem Antreiben der SS mussten die Erdarbeiten mit Schiebkarre und Schaufel im Laufschritt erledigt werden – und dies zwölf Stunden täglich bei völlig unzureichender Ernährung und einer Bekleidung, die keinen Schutz gegen die nasskalte Witterung bot. In der zweiten Kriegshälfte stand die Arbeit in den Rüstungsproduktionsstätten des Lagers im Vordergrund. In den ab 1942 errichteten Außenlagern des KZ Neuengamme waren die Häftlinge vor allem in der Rüstungsproduktion oder Trümmer-Beseitigung eingesetzt, sie errichteten Bunker oder Industrieanlagen.

Lebensbedingungen

Die Verpflegung im KZ war äußerst dürftig und oft ungenießbar, so dass viele Häftlinge innerhalb der ersten Monate nach ihrer Einlieferung starben. Der Hunger beherrschte das Denken und Verhalten der Häftlinge. Der ehemalige Häftling Wawrzyniec Weclewicz aus Polen erinnert sich: „Alle Gefangenen waren von Hunger geplagt. Er tötete die menschliche Würde, nahm das Entscheidungsvermögen und verursachte Verwilderung. Die Menschen aßen, was sie finden konnten.“ (aus: W. Węclewicz: Tyle śmierci ile dni , Poznan 1983, A. 163). Die Häftlinge trugen Einheitskleidung aus gestreiftem Stoff, die weder Kälte noch Regen abhielt. Auch im Winter mussten die Gefangenen fast ausschließlich Holzschuhe tragen. Untergebracht waren sie zunächst in Holzbaracken, die erst 1942/42 mit dreigeschossigen Bettgestellen ausgestattet wurden, die bald völlig überbelegt waren. Die Überbelegung führte zu katastrophalen sanitären Verhältnissen. Es fehlte an genügend Waschmöglichkeiten. Die mangelhaften hygienischen Bedingungen führten zu Krankheiten und im Dezember 1941 zu einer Fleckfieberepidemie.  1944 wurden zusätzlich zu den Holzbaracken zwei aus Klinkersteinen errichtete zweigeschossige Unterkunftsgebäude errichtet, die noch heute existieren. Im vorderen Klinkergebäude wurden so genannten „Schonungsblocks“ eingerichtet für mehrere Tausend geschwächte und kranke Häftlinge. Aufgrund der hohen Todesrate wurden sie auch als „Sterbeblocks“ bezeichnet. Im März 1945 wurde dort mit dem „Skandinavierlager“ ein Sammellager für dänische und norwegische Häftlinge aus ganz Deutschland eingerichtet. Aus Sicht der SS war das entscheidende Kriterium für die Lebensberechtigung der KZ-Gefangenen ihre Arbeitsfähigkeit. War diese nicht mehr gegeben, so wartete die SS nicht immer, bis die Gefangenen verhungerten und entkräftet zugrunde gingen. Viele Häftlinge wurden Opfer von direkten Misshandlungen oder wurden getötet. Es gehörte zum Alltag, dass Häftlinge „über die Postenkette“ getrieben wurden und dann von den Wachposten „auf der Flucht“ erschossen wurden. Zu den mit Injektionen getöteten Häftlingen zählten in erster Linie sowjetische Kriegsgefangene, die in der rassistischen Werteskala der SS ebenso wie Juden am unteren Ende standen.

Selbstbehauptung und Widerstand

Der Wille zur Selbstbehauptung war die Voraussetzung für die Entwicklung von Überlebensstrategien. Dem Lagertod konnte nur entgehen, wem es gelang, in ein besseres Arbeitskommando zu kommen und damit innerhalb der Rangordnung im Lager aufzurücken. Der Überlebenswille bildete den ersten Schritt des Aufbäumens gegen die Machtausübung durch die SS, die den Häftlingen jede Widerstandskraft zu nehmen versuchte. Trotz der schwierigen Bedingungen im Lager versuchten Häftlinge, Verbindungen untereinander aufzunehmen und sich illegal zu organisieren. Widerstand umfasste Einzelaktionen wie den Diebstahl von Medikamenten aus SS-Beständen, das Verstecken von Kranken vor Selektionen oder die Fälschung von Angaben in den Lagerakten zur Rettung von Häftlingen durch Namentausch.

Wachmannschaften

Die SS organisierte und vollstreckte die KZ-Haft an Menschen, die aus politischen, rassistischen oder anderen Gründen verfolgt wurden. Im KZ Neuengamme und seinen Außenlagern waren 4100 SS-Männer für die Bewachung von 40.000 Häftlingen eingesetzt. In den Frauenaußenlagern waren Aufseherinnen für die SS tätig. Gegen Kriegsende wurden auch Wehrmachts-, Marine-, Reichsbahn-, Zoll- und Polizeiangehörige in den KZ-Wachdienst versetzt. Das SS-Personal behandelte die KZ-Häftlinge menschenverachtend. Jenseits eines genau geregelten Strafsystems gab es einen großen Spielraum für Willkür gegenüber den Häftlingen. Besonders brutale SS-Angehörige erhielten Belohnungen, z. B. in Form von Beförderungen.

Das Ende

Im April 1945 wurden 4000 Häftlinge aus dem „Skandinavierlager“ im KZ Neuengamme unter Betreuung des Dänischen und Schwedischen Roten Kreuzes mit den so genannten „Weißen Bussen“ nach Schweden evakuiert. Zur selben Zeit begann die Räumung des Hauptlagers. Tausende von Häftlingen aus Neuengamme und den Außenlagern kamen zu Fuß auf so genannten „Todesmärschen“ oder in Güterwaggons in weitere „Auffanglager“, oder „Sterbelager“ wie in Wöbbelin, Sandbostel oder Bergen-Belsen. Wer bei den oft tagelangen Fußmärschen das Tempo nicht halten konnte wurde durch SS-Wachmannschaften erschossen. In den Auffanglagern wurden die Menschen ohne Nahrung oder medizinische Versorgung und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen sich selbst überlassen. Tausende Häftlinge wurden auf die drei Schiffe in der Lübecker Bucht gebracht, wo viele von ihnen an Hunger, Durst und Krankheiten starben. Bei einem britischen Luftangriff am 3. Mai 1945 auf die Schiffe verbrannten und ertranken 6600 Häftlinge oder wurden bei dem Versuch, sich zu retten, von der SS erschossen. Nur 450 Häftlinge überlebten. Im KZ Neuengamme ließ die SS währenddessen die Spuren ihrer Verbrechen gezielt verwischen. Akten wurden verbrannt, Baracken von Stroh und Unrat gereinigt, Prügelbock und Galgen beseitigt. Die letzten Häftlinge und SS-Leute verließen das geräumte und gesäuberte Lager am 2. Mai 1945. Wenige Stunden später erreichten die ersten britischen Soldaten das leergeräumte Lager.

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg erinnert am historischen Ort an die über 100 000 Menschen, die von 1938 bis 1945 Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme und seiner Außenlager waren. Sie ist ein Gedenk- und Lernort, der die Erinnerung an die Opfer des SS-Terrors bewahrt und vielfältige Möglichkeiten der Beschäftigung mit den Ursachen und Folgen der NS-Herrschaft bietet.

Die Gedenkstätte in der heutigen Form existiert erst seit 2006: Nach Ende des Krieges nutzte die britische Militärverwaltung die Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme zunächst als Lager für „Displaced Persons“, danach als Internierungslager für Angehörige von SS, NSDAP und Wehrmacht sowie als Transitcamp. 1948 wurde das Lagergelände an die Stadt Hamburg übergeben. Viele Originalgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers wurden abgerissen und auf dem Gelände wurde in bestehenden sowie neu errichteten Gebäuden ein Gefängnis eingerichtet. Ende der 1960er-Jahre entstand ein weiteres Gefängnis auf dem einstigen KZ-Gelände.

Auf Drängen vieler KZ-Überlebender wurde 1953 eine erste Gedenksäule im Bereich der ehemaligen Lagergärtnerei errichtet. 1965 entstand das internationale Mahnmal mit Stele, Gedenkmauer und der Skulptur „Gestürzter Häftling“. 1981 wurde eine erste Dauerausstellung eröffnet. 1995 folgte eine neue Dauerausstellung auf größerer Fläche, bis schließlich nach langen Kämpfen, insbesondere der Überlebendenverbände, und gegen viele Widerstände das erste Gefängnis verlegt wurde und im Jahr 2005 eine neu gestaltete Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben werden konnte. Nach Schließung des zweiten Gefängnisses 2006 wurde fast der gesamte Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme zur Gedenkstätte.

 

Weiterführende Links:

Virtueller Rundgang durch die Ausstellungen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Historischer interaktiver Lagerplan des KZ Neuengamme

Homepage der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Biografien zur Vorbereitung eines Besuchs

Konzentrationslager Neuengamme. Geschichte. Nachgeschichte. Erinnerungen. Katalog der Ausstellungen, Band 1: Hauptausstellung, Hamburg 2014

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Internationales Mahnmal in der Gedenkstätte Neuengamme, Foto Zoia Kashafutdinova (25.11.2014).