Jüdisches Leben nach 1945

Christoph Strupp (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg)

Im Jahr 1933 hatte die Jüdische Gemeinde in Hamburg rund 20.000 Mitglieder gehabt. Nach Flucht, Verfolgung und Deportation in der NS-Zeit lebten im Mai 1945 nur noch rund 640 Juden in Hamburg. Am 8. Juli 1945 trafen sich 12 Mitglieder der ehemaligen, 1943 endgültig aufgelösten Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg, um sich neu zu organisieren. Am 18. September 1945 fand in dem früheren Gemeindehaus in der Rothenbaumchaussee die offizielle Gründungsversammlung der Jüdischen Gemeinde statt. Für Gottesdienste nutzte man eine kleine wieder hergerichtete Synagoge in der Kielortallee. In den kommenden Jahren kümmerte sich die Gemeinde engagiert um die religiösen, sozialen und materiellen Belange ihrer Mitglieder. Jüdische Traditionen und Feiertage wurden wieder Bestandteil des Alltagslebens. Im Oktober 1948 wurde die Jüdische Gemeinde als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt und konnte damit u.a. frühere Vermögenswerte beanspruchen.

Die Neugründung war allerdings nicht unumstritten, denn viele Juden konnten sich nicht vorstellen, weiterhin im „Land der Täter“ zu leben und hofften darauf, bald auswandern zu können. Verschiedene internationale jüdische Organisationen förderten die Auswanderung, vor allem nach Palästina bzw. Israel oder in die USA.

Bis zum Herbst 1947 stieg die Zahl der in Hamburg lebenden Glaubensjuden aber wieder auf rund 1.400 an. Die meisten von ihnen waren aus den Konzentrationslagern zurückgekehrte Überlebende. Aus der Emigration kehrten nur wenige Menschen zurück, darunter der spätere Erste Bürgermeister Herbert Weichmann, der Stadtplaner Gustav Oelsner, der Bankier Eric M. Warburg und der Politologe Siegfried Landshut. Bis 1959 waren es insgesamt aber nur 193, wovon die Mehrzahl erst ab 1950 gekommen war, als sich die Lebensverhältnisse in Hamburg gebessert hatten. Besonders willkommen fühlten sie sich oft nicht: Das schlechte Gewissen der Mehrheitsgesellschaft angesichts der NS-Verbrechen oder gar fortdauernder Antisemitismus, Gleichgültigkeit der Behörden, der offene oder verdeckte Vorwurf, es im Ausland – fern von Krieg und Zerstörung – doch eigentlich gut gehabt zu haben und Ärger darüber, dass man nun um Wohnungen, Arbeitsplätze und Leistungen im Rahmen der Wiedergutmachung konkurrierte, belasteten die Beziehung der Daheimgebliebenen zu den Rückkehrern.

Die offizielle Politik bekundete dagegen ihre Solidarität mit den Juden. So warb der Direktor der Staatlichen Pressestelle Erich Lüth 1951 mit dem Aufruf „Friede mit Israel“ für die Aussöhnung mit den Überlebenden und stieß damit auf breite Resonanz. Am 9. November 1958 wurde mit städtischer Unterstützung und in Anwesenheit des Ersten Bürgermeisters Max Brauer der Grundstein für den Neubau einer Synagoge an der Hohen Weide in Eimsbüttel gelegt. Die Stadt nahm ihre Verantwortung der Vergangenheit und der Gemeinde gegenüber an, demonstrierte aber zugleich, dass nun Demokratie und Toleranz herrschten und erhielt so öffentliche Anerkennung auf nationaler und internationaler Ebene.

Grundlegende Literatur:

Kirsten Heinsohn, Wunden schließen. Das jüdische Hamburg im Wiederaufbau, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hg.), 19 Tage Hamburg. Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte seit den fünfziger Jahren, München / Hamburg: Dölling und Galitz, 2012, S. 63-77.

Ina S. Lorenz, Gehen oder Bleiben. Neuanfang der Jüdischen Gemeinde in Hamburg nach 1945, Hamburg: Landeszentrale für Politische Bildung, 2002

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Trümmerfeld beim Schaartor 1945, mit freundlicher Erlaubnis von Stefan Bick (www.hamburg-Motiv.de).