Nachkriegszeit und Fünfziger Jahre

1945 - 1959

Christoph Strupp (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg)

Der Zweite Weltkrieg endete für Hamburg am 3. Mai 1945 mit der kampflosen Übergabe der Stadt an die britische Armee. Eine militärisch sinnlose Schlacht, die mit der vollständigen Zerstörung Hamburgs geendet hätte, war durch Verhandlungen mit den Briten abgewendet worden. Allerdings gehörten die folgenden drei Jahre trotzdem zu den schwierigsten in der neuzeitlichen Geschichte der Stadt: Fast die Hälfte der Wohnungen war durch den Krieg zerstört, ganze Stadtviertel besonders im Osten lagen in Trümmern, wichtige Straßenverbindungen waren abgeschnitten. Die Zahl der Menschen in Hamburg war von 1,7 Millionen bei Kriegsbeginn 1939 auf 1,0 Millionen im Mai 1945 gesunken, stieg aber bis Ende 1948 u.a. durch die Rückkehr von Evakuierten aus dem Umland, Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und entlassene Kriegsgefangene schon wieder auf über 1,5 Millionen an. Hunderttausende lebten in provisorischen Notunterkünften, die teilweise noch für mehr als ein Jahrzehnt genutzt werden mussten.

Besonders in dem strengen Winter 1946/47 litt die Bevölkerung unter Hunger und Kälte: Strom, Gas und Kohle waren streng rationiert. Nahrungsmittel gab es nur unzureichend auf Lebensmittelkarten. An der Reeperbahn, am Großneumarkt und am Goldbekplatz etablierten sich illegale Schwarzmärkte, auf denen man versuchen konnte, Wertsachen gegen Lebensmittel einzutauschen. Um die gravierende Unterernährung der Kinder zu lindern, erhielten noch im Juni 1947 170.000 von ihnen warme Mahlzeiten in den Schulen, die ausländische Spender ermöglicht hatten. Die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs verbesserte sich erst nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948, als die D-Mark eingeführt wurde und viele Beschränkungen für Wirtschaft und Konsumenten fielen. Steigende Einkommen und fallende Preise ermöglichten dann in den 1950er Jahren in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ auch in Hamburg zunächst eine „Fresswelle“, auf die später Kleidungs-, Einrichtungs- und Urlaubswellen folgten.

Unmittelbar nach Kriegsende erschien die Zukunft Hamburgs düster: Durch die Kriegszerstörungen im Hafen, alliierte Beschränkungen für Schifffahrt und Schiffbau, die erst 1951 vollständig aufgehoben wurden, sowie die Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen war das wirtschaftliche Leben weitgehend zum Erliegen gekommen. Das galt besonders für den nationalen und internationalen Handel, ohne den eine Erholung Hamburgs undenkbar erschien. Die Enttrümmerung der Stadt und der Wiederaufbau von Wohnhäusern und Verkehrswegen kamen nur langsam in Gang. Erst im Lauf des Jahres 1948 sorgten Hilfen aus dem am 3. April 1948 beschlossenen Marshall-Plan-Programm der USA und schließlich die Währungsreform dafür, dass sich die wirtschaftliche Lage besserte und der Wiederaufbau an Tempo gewann.

Die Siedlungsstruktur der Stadt veränderte sich und wurde nach den Vorgaben des Generalbebauungsplans von 1947 „aufgelockert“: Mehr Menschen wohnten nun in den Außenbezirken oder sogar jenseits der Stadtgrenzen im Umland, während die Innenstadt eher Büros und Geschäften vorbehalten blieb. Neue Verkehrswege wie die 1951 freigegebene Wilhelmsburger Reichsstraße, die 1953 eröffnete neue Lombardsbrücke (heute: Kennedy-Brücke) oder die 1960 fertiggestellte Ost-West-Straße (heute: Willy-Brandt- / Ludwig-Erhard-Straße) begünstigten den Autoverkehr, aber ab 1955 wurde auch das U-Bahn-Netz mit einer Verbindung vom Jungfernstieg über den Hauptbahnhof nach Wandsbek (U 1) erstmals seit den frühen 1930er Jahren wieder erweitert.

Der Wiederaufbau der Wohnviertel galt in den 1950er Jahren als wichtigste sozialpolitische Aufgabe und wurde staatlich gefördert. Mit den roten Backsteinbauten der Wohnungsbaugesellschaften SAGA und „Neue Heimat“ folgte er architektonisch vielfach Mustern der 1920er Jahre. Eine Ausnahme stellten die ursprünglich für die Briten gedachten Grindelhochhäuser dar, die von 1946 bis 1956 in Eimsbüttel entstanden. 1952 feierte man die Fertigstellung der einhunderttausendsten neuen Wohnung seit Kriegsende und 1953 wurde die Räumung der Trümmer offiziell für beendet erklärt. In der Stadt konnten wieder Großveranstaltungen wie die Internationale Gartenbau-Ausstellung, das Deutsche Turnfest und der Evangelische Kirchentag stattfinden. „Bombenlücken“ lassen sich allerdings in manchen Straßenzügen in den Häuserzeilen bis heute erkennen.

Politik und Verwaltung Hamburgs standen bis Ende der 1940er Jahre unter der Kontrolle der britischen Besatzer, die zeitweise 30.000 Soldaten in der Stadt stationiert hatten. Das Amt des Ersten Bürgermeisters übernahm der parteilose Kaufmann Rudolf Petersen. Bis November 1945 wurden zunächst rund 9.000 der 49.000 Beamten und städtischen Angestellten als nationalsozialistisch belastet entlassen, viele von ihnen aber bis 1951 wieder eingestellt, weil man glaubte, auf erfahrene Fachleute nicht verzichten zu können. Dagegen waren NS-Organisationen verboten worden und ihr Vermögen wurde, oft zugunsten der Stadt, eingezogen. Britische und später deutsche Behörden prüften im Rahmen der Entnazifizierung die NS-Belastung der erwachsenen Deutschen. Von 1946 bis 1949 fanden im Curiohaus in Rotherbaum mehrere Militärgerichtsprozesse gegen Verantwortliche des Konzentrationslagers Neuengamme und anderer NS-Verbrechen statt, die teilweise mit Todesurteilen endeten. Viele führende Nationalsozialisten, auch aus Hamburg, wurden aber nie vor Gericht gestellt und abgeurteilt.

Das politische Leben in der Stadt begann im Sommer 1945 mit der Zulassung erster Gewerkschaften. In Herbst 1945 folgten politische Parteien und am 27. Februar 1946 tagte erstmals wieder ein hamburgisches Parlament, die „Ernannte Bürgerschaft“, die von den Briten mit Vertretern verschiedener Gruppen des öffentlichen Lebens besetzt worden war. Am 13. Oktober 1946 fanden die ersten Wahlen der Nachkriegszeit statt. Das Wahlrecht war am britischen Vorbild des Mehrheitswahlrechts orientiert und brachte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bei 43 Prozent der Stimmen 83 von 110 Sitzen in der Bürgerschaft. Auch in den folgenden Wahlen 1949 und 1953 errang die SPD jeweils über 40 Prozent der Stimmen, 1957 gewann sie mit rund 54 Prozent sogar die absolute Mehrheit.

Erster Bürgermeister wurde 1946 der aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte gelernte Glasbläser und frühere Oberbürgermeister von Altona, Max Brauer. Angesichts der großen Herausforderungen berief er auch Politiker der liberalen Freien Demokraten (FDP) und der Kommunistischen Partei (KPD) in den Senat. Neben Brauer hatten weitere Spitzenpolitiker der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte bereits vor 1933 politische Verantwortung getragen. Historiker haben Brauer als harten, eigenwilligen Mann mit großer persönlicher Autorität, Willenskraft und Führungsstärke beschrieben, geachtet auch bei seinen politischen Gegnern. Plänen zur Verstaatlichung der Wirtschaft erteilte Brauer eine Absage. Er vertrat einen gemäßigten politischen Kurs, der die SPD, gestützt auf die Gewerkschaften, für Jahrzehnte zur dominierenden Volkspartei in Hamburg machte. Er selbst regierte die Stadt bis Ende 1960, unterbrochen nur von 1953 bis 1957, als der sogenannte „Hamburg-Block“ bürgerlicher Parteien unter Führung der Christdemokraten (CDU) mit Kurt Sieveking den Ersten Bürgermeister stellte.

Zu den politischen brisantesten Themen der Regierungszeit Brauers jenseits der Herausforderungen des Wiederaufbaus gehörte die 1949 beschlossene Schulreform, die mit einer sechsjährigen Grundschule und einer Oberschule mit drei inhaltlich unterschiedlich ausgerichteten Zweigen praktischen und wissenschaftlichen Begabungen gleichermaßen gerecht werden wollte und einen Bruch mit traditionellen Bildungsidealen bedeutete. Die Reform stieß auf große Widerstände und wurde vom „Hamburg-Block“ wieder zurückgenommen. Im April 1958 initiierte Brauer als entschiedener Gegner einer atomaren Bewaffnung der neu gegründeten Bundeswehr eine Protestkundgebung auf dem Rathausmarkt, an der über 100.000 Menschen teilnahmen, scheiterte aber mit seinem Plan, mit einer Volksbefragung die Pläne der Bundesregierung zu stoppen.

Ideologisch orientierte sich die Politik in der Nachkriegszeit am traditionellen „hanseatischen“ Leitbild Hamburgs als liberaler Handels- und Hafenstadt, das ab 1950 u.a. auf den „Überseetagen“ des Übersee-Clubs“ jeweils um den 7. Mai herum zelebriert wurde. Bereits 1947 gelang es, nicht zuletzt unter Verweis auf die besondere Bedeutung des Seehafens, den Status Hamburgs als Stadtstaat bzw. später als eigenständiges Bundesland in der Bundesrepublik Deutschland zu sichern. Die 1937 von den Nationalsozialisten an Hamburg angeschlossenen Gebiete in Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg blieben bei der Stadt.

Die Wirtschaftspolitik Hamburgs war in den 1950er Jahren weitgehend von den Interessen des Hafens bestimmt. Hatte bereits die Aufteilung in Besatzungszonen das Hinterland des Hafens im Osten gekappt, zementierte der beginnende Kalte Krieg zwischen den USA und und der Sowjetunion 1949 die Teilung Deutschlands und Europas. Der „Eiserne Vorhang“ verlief nur rund 50 km östlich von Hamburg. Er brachte die Stadt und ihren Hafen in eine „Randlage“, die durch den westeuropäischen wirtschaftlichen Zusammenschluss in der EWG 1957 noch verstärkt wurde, wenn auch im Rahmen des allgemeinen wirtschaftlichen Booms Ende der 1950er Jahre neue Höchststände im Güterumschlag erzielt wurden. Hamburger Politiker setzten sich parteiübergreifend für die Stärkung der Beziehungen zu den traditionellen Handelspartnern in Großbritannien, Skandinavien und in Übersee ein. Seit 1953 versuchte man, mit der sogenannten „Politik der Elbe“ trotz der politischen Gegensätze auch die Kontakte nach Osteuropa wieder zu beleben. 1957 schloss die Stadt sogar eine Städtepartnerschaft mit dem sowjetischen Leningrad (heute: St. Petersburg).

Die deutsche Teilung und die Insellage Berlins stärkten Hamburg als Medienstandort: Wichtige überregionale Tages- und Wochenzeitungen wie Die Welt (ab 1946), Die Zeit (ab 1946), Der Spiegel (ab 1952), BILD (ab 1952) sowie Magazine und Illustrierte wurden in Hamburg verlegt. Der Nordwestdeutsche (ab 1956: Norddeutsche) Rundfunk sendete von hier, 1950 begann im Hochbunker in St. Pauli der Versuchsbetrieb des Fernsehens, und mit dem 1947 gegründeten Studio Hamburg verfügte man auch über eine wichtige Stätte für Film- und später Fernsehproduktionen. Herausragende Filme wie „Des Teufels General“ (1955) oder „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) entstanden in der Hansestadt.

Freizeit und Kultur waren in Hamburg schon wenige Wochen nach Kriegsende wieder in Gang gekommen. Noch im Mai 1945 hatte Hagenbecks Tierpark seine Tore wieder geöffnet, Ende Juli 1945 liefen in den Kinos wieder Filme, und auch Fußball wurde bald wieder gespielt. 1946 fand der erste Nachkriegs(winter)dom noch auf dem Spielbudenplatz statt, aber schon 1947 gab es auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli erstmals einen Sommerdom und 1948 folgte der Frühlingsdom.

Mit dem St. Pauli Theater am Spielbudenplatz und den Hamburger Kammerspielen der Schauspielerin Ida Ehre in Rotherbaum standen schon Mitte 1945 zwei wichtige Spielstätten wieder zur Verfügung. Das Deutsche Schauspielhaus feierte dagegen seine erste Nachkriegspremiere im November 1945 im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof, weil das Gebäude in St. Georg erst 1948 von den Briten zurückgegeben wurde. Von 1955 bis 1963 wirkte dort mit Gustav Gründgens als Intendant einer der bedeutendsten Theatermacher der jungen Bundesrepublik. Besonders in den ersten Nachkriegsjahren galt das Interesse des Publikums nicht nur deutschen und internationalen Klassikern, sondern auch modernen Stücken, die im „Dritten Reich“ nicht hatten gespielt werden können oder – wie der Sensationserfolg „Draußen vor der Tür“ (1947) des Schriftstellers Wolfgang Borchert über das Schicksal eines Kriegsheimkehrers – unmittelbar auf die Gegenwart Bezug nahmen. In den 1950er Jahren ging das Interesse an solchen Themen zurück und besonders in den Kinos dominierten Unterhaltungsfilme. Viele Jugendliche begeisterten sich für amerikanische Musik und Mode, stießen dabei aber oft auf Unverständnis bei Eltern und Lehrern.

War Hamburg Ende der 1940er Jahre buchstäblich noch eine Stadt nach dem Krieg gewesen, konnten dessen Auswirkungen Ende der 1950er Jahre in vieler Hinsicht als überwunden gelten. Politische Stabilität und wirtschaftliche Erfolge, dazu ein reichhaltiges Angebot für Kultur und Freizeit bestimmten das Bild. Geblieben war eine erhebliche Wohnungsnot, zumal die Bevölkerungszahl auf rund 1,8 Millionen Menschen gestiegen war. Mit dem 1960 vom Senat verabschiedeten „Aufbauplan“ sollte auch hier eine Wende zum Besseren erreicht werden.

 

Ausgewählte Literatur:

Rita Bake (Hrsg.), „Hier spricht Hamburg“. Hamburg in der Nachkriegszeit. Rundfunkreportagen, Nachrichtensendungen, Hörspiele und Meldungen des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) 1945-1949, Hamburg: Landeszentrale für Politische Bildung, 2007.

Uwe Bahnsen / Kerstin von Stürmer, Die Stadt, die auferstand. Hamburgs Wiederaufbau 1948-1960, Hamburg: Convent, 2005.

Axel Schildt, Eine Großstadt nach dem Dritten Reich. Aspekte des Alltags und Lebensstils im Hamburg der fünfziger Jahre, in: Peter Reichel (Hrsg.), Das Gedächtnis der Stadt. Hamburg im Umgang mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit, Hamburg: Dölling und Galitz,1997, S. 81-100.

Axel Schildt, Max Brauer (Hamburger Köpfe), Hamburg: Ellert und Richter, 2002 / 2014.

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Trümmerfeld beim Schaartor 1945, mit freundlicher Erlaubnis von Stefan Bick (www.hamburg-Motiv.de).