Der Tod aus dem Wasser: Cholera 1892

Leonie Barghorn

(Preisträgerin im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2012)

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die Cholera, welche in Hamburg vor allem 1892 verheerende Schäden anrichtete, in Europa unbekannt und trat nur rund um den indischen Subkontinent auf. Erst in den 1830er Jahren sorgte eine starke Zunahme des Handels zwischen Europa und Indien dafür, dass der Erreger der Cholera, das Bakterium Vibrio Cholerae, nach Europa gelangen konnte. Gelangt der Erreger in den Verdauungstrakt eines Menschen, zum Beispiel durch Tröpfcheninfektion, Kontakt zu kontaminierten Kleidungsstücken, Ausscheidungen oder sanitären Einrichtungen, so kommt es nach einer Inkubationszeit von ein bis fünf Tagen zum Ausbruch der Krankheit, deren Symptome vor allem schwerer Durchfall und Erbrechen sind.

Im 19. Jahrhundert kam es in etwa der Hälfte der Fälle zum Tod durch Herz- oder Nierenversagen aufgrund von Dehydration und dem Verlust wichtiger Elektrolyte. Begünstigt wird die Ausbreitung des Cholera-Erregers unter anderem durch verseuchtes Leitungswasser und Enge. Eine gute Prävention dagegen bieten eine sorgfältige Körperhygiene, das (Ab-)Kochen beziehungsweise Backen von Flüssigkeiten und Lebensmitteln sowie die Filtration des Leitungswassers.

In Hamburg kam es 1831/32 erstmals zu einer Cholera-Epidemie, weitere Epidemien folgten in den Jahren 1848 und 1873 und in den 1850er und 1860er Jahren. Im August 1892 erfaßte die stärkste Epidemie die Stadt. Was sie besonders machte, ist jedoch nicht zuallererst ihr Ausmaß, sondern vielmehr die Tatsache, dass Hamburg in dem Jahr die einzige Stadt in Westeuropa war, die in solchem Umfang betroffen war.

 

Hamburg im 19. Jahrhundert – Soziales, Hygiene, Umwelt, Ernährung … und Cholera

Abort im Gängeviertel. Der Junge hat gerade den Nachttopf entleert

Auch in Hamburg stand das 19. Jahrhundert im Zeichen der industriellen Revolution. Wirtschaftswachstum, Bevölkerungswachstum und Expansion des Hafens gingen einher mit wachsender Armut in der Arbeiterklasse und einer zunehmenden räumlichen Trennung von Arm und Reich: Während die Gängeviertel der Innenstadt zunehmend zu Arbeitervierteln wurden, genau wie die neuen Vororte am Stadtrand, bauten sich wohlhabende Hamburger  luxuriöse Villen an der Elbe und rund um die Alster. Dieser Wandel blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Umwelt. Die Umweltverschmutzung nahm im 19. Jahrhundert durch das zunehmende Heizen mit Kohle, durch Fabriken, die chemische Industrie und den anwachsenden Müll drastisch zu. Dagegen wurde von Seiten der Stadt lange kaum etwas unternommen – wie so oft lag dies an Interessenkonflikten der unterschiedlichen Fraktionen in der Bürgerschaft. In diesem Fall bestand wie so häufig Uneinigkeit zwischen den Grundeigentümern und Industriellen: Während letztere die Verschmutzung der Luft auf das zunehmende Heizen mit Kohleöfen zurückführten, forderten die Hausbesitzer Maßnahmen gegen die Fabriken. Das Interesse der wohlhabenden Hamburger, gegen die Verschmutzung etwas zu unternehmen, wurde aber nicht nur wegen der anfallenden Kosten gemindert, sondern auch, weil sich viele von ihnen vor allem im Sommer aufs Land zurückzogen – der Gesundheit wegen.

Letztendlich litten also vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten unter Umweltverschmutzung und den anwachsenden Müllbergen, gegen die erst ab 1886 ein mangelhafter von der Stadt beauftragter Reinigungsdienst vorging, und besonders sie litten auch unter teilweise katastrophalen hygienischen Bedingungen. In den Arbeitervierteln gab es meist nur Gemeinschaftstoiletten, und die Anzahl der öffentlichen Badehäuser, von denen im 19. Jahrhundert einige errichtet wurden, reichte bei weitem nicht für die schnell wachsende Stadt. Hinzu kommt, dass es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleichzeitig zu einem Anstieg der Miet- und Lebensmittelpreise kam. Dies führte dazu, dass in einem Großteil der Arbeiterhaushalte keine ausreichende Ernährung gewährleistet war, zumal sich zur selben Zeit die Qualität vieler Lebensmittel verschlechterte. Das 1870 verabschiedete Nahrungsmittelgesetz vermochte daran wenig zu ändern.

Im 19. Jahrhundert wurde in Hamburg eine zentrale Wasserversorgung aufgebaut, an die bis 1890 nahezu jeder Haushalt angeschlossen war. Leider machte dies die gesundheitliche Situation nicht unbedingt besser, da auf den Bau einer Filtrationsanlage verzichtet worden war. Dies lag zum einen daran, dass niemand bereit gewesen wäre, die anfallenden Kosten zu übernehmen, und zum anderen hielten weder die Mehrheit der Hamburger Ärzteschaft noch der Direktor der Stadtwerke eine solche Filteranlage für nötig. Auch die nach 1842 errichtete Kanalisation besaß eine Schwachstelle: Die Bürgerschaft hatte dem Bau der Kanalisation aus Kostengründen nur unter der Bedingung zugestimmt, dass die Abwasserleitungen in den Hafen und nicht weiter außerhalb in die Elbe münden würden.

Betten mit Choleraerkrankten in einer Baracke am Neuen Allgemeinen Krankenhaus in Eppendorf

All dies sorgte dafür, dass Infektionskrankheiten vor allem in den ärmeren Teilen der Hamburger Bevölkerung im 19. Jahrhundert die Haupttodesursache ausmachten. Eine der schlimmsten Krankheiten war die Tuberkulose, aber auch die Choleraepidemien forderten ihre Opfer. Wie ging die Stadt gegen diese Epidemien vor? Tatsächlich wurde nach der ersten Epidemie 1831, bei der es noch weitreichende und teure Maßnahmen gegeben hatte, kaum etwas zur Prävention und Bekämpfung der Ausbrüche getan, außerdem wurde das Auftreten der Cholera-Ausbrüche erst dann amtlich bestätigt, wenn sie schon die Ausmaße von Epidemien angenommen hatten.

Für dieses Verhalten gibt es mehrere Gründe: Erstens waren Maßnahmen gegen die Krankheit teuer und insbesondere Quarantäne-Maßnahmen hätten die Wirtschaft belastet. Außerdem war der liberale Gedanke und die Abneigung gegen einen interventionistischen Staat tief in den dominierenden Klassen Hamburgs verwurzelt. Ein wichtiger Grund ist aber auch der damalige Stand der Erforschung der Cholera. Grundsätzlich gab es zwei verschiedene Lehren, die sich gegenüberstanden.

Die Ärzte waren gespalten in Anhänger der Ansteckungstheorie und Anhänger der Miasmalehre. Während erstere die Cholera für eine ansteckende Infektionskrankheit hielten, gegen die durch Quarantäne- und Infektionsmaßnahmen vorgegangen werden sollte, führten letztere die Cholera-Ausbrüche auf sogenannte Miasmen, das heißt lokale luftverschmutzende Ausdünstungen des Bodens, zurück. Einer ihrer bedeutendsten Vertreter war der bayrische Naturwissenschaftler Max von Pettenkofer, dessen Theorie ab 1860 in ganz Deutschland verbreitet war, und dem die Mehrheit der Hamburger Ärzte und Politiker noch 1892 anhingen, als es Robert Koch schon längst gelungen war, den Cholera-Erreger zu identifizieren. Pettenkofer bezeichnete jegliche Quarantäne-Maßnahme gegen die Krankheit als wirkungslos und hielt wenig von staatlicher Intervention – diese Ansicht wurde von den dominierenden Klassen Hamburgs gerne geteilt.

Die Epidemie 1892

Verteilung von Quellwasser aus den ländlichen Vororten

Vermutlich war der Erreger der Epidemie von 1892 von osteuropäischen Auswanderern, die von Hamburg in großer Zahl nach Amerika übersetzten, in die Stadt gebracht worden und hatte im warmen Elbwasser ein ideales Zuhause gefunden. Erste Erkrankte kamen in ärztliche Behandlung. Bereits seit Juli war bekannt, dass eine Epidemie drohen könne, es war jedoch nichts unternommen worden. Es wurde von Seiten der Stadt Druck auf die Ärzte ausgeübt, bei ihren Patienten keine Cholera zu diagnostizieren, erste Fälle wurden nicht öffentlich gemacht. Währenddessen versuchte man am Klinikum in Eppendorf, den Erreger zu isolieren, um festzustellen, ob es sich um Cholera handele – erst dann erlaubte der Senat die amtliche Bestätigung eines Ausbruchs. Dies gelang dem zuständigen Arzt jedoch erst am 22.8.92, also lange nach dem Auftreten der ersten Fälle. Im benachbarten Altona wurde das Kaiserliche Gesundheitsamt bereits am 21.8. über den Cholera-Ausbruch informiert, es gab weitreichende Maßnahmen dagegen, und der Erreger breitete sich bei weitem nicht so stark aus wie in Hamburg. Hier erreichte der Erreger vermutlich um den 19. oder 20. August die zentrale Wasserversorgung und breitete sich nun in der ganzen Stadt aus. Ab dem 23.8. kam es zu tausenden Fällen, über 7000 wurden bis Ende August gemeldet. Schnell führte dies zu einer Art Massenflucht von eher gut betuchten Hamburgern aus der Stadt.

Feldlazarett für Cholerakranke beim Eppendorfer Krankenhaus

Die amtliche Bestätigung des Cholera-Ausbruchs durch den Senat erfolgte erst am 24.8. Am gleichen Tag traf der Leiter des Kaiserlichen Gesundheitsamtes, Robert Koch, ein, und zwei Tage später wurde begonnen, von ihm angeordnete Maßnahmen umzusetzen: Schulen wurden geschlossen und viele öffentliche Veranstaltungen abgesagt, Flugblätter mit Informationen wurden unter die Einwohner gebracht, man begann eine Desinfektionskampagne und richtete Stellen zum Abkochen von Wasser ein.  Wirklich effektiv und konsequent durchgesetzt wurden diese Maßnahmen aber erst nach der Einrichtung einer Cholera-Kommission am 31.8.1892.

Folgen der Epidemie – politisch, nicht sozial…

Die Folgen der Epidemie waren verheerend für die Stadt und ihre Bewohner. Etwa 51% der Infizierten starben – betroffen waren vor allem im Hafengebiet Arbeitende und Wohnende und Arme, darunter auch viele Hausmädchen oder andere Bedienstete aus den Bürgerhäusern.

Das Haus in der Kastanienalle 37. Von 128 Bewohnern erkrankten 24 und 13 starben an der Cholera

Nach Kenntnis der Behörden waren während der Epidemie 16.956 Menschen erkrankt und 8.605 starben. Quarantäne-Maßnahmen, die die Ausfuhr von Waren aus Hamburg unterbanden

und den Schiffsverkehr zum Erliegen brachten, dauerten noch bis Ende des Jahres 1892 an und hatten zur Folge, dass der Haushalt in diesem Jahr ein beträchtliches Defizit verzeichnete und die Arbeitslosenquote stark anstieg. Die Cholera-Epidemie hatte deutliche Mängel des Hamburger Gesundheits- und Wohnungswesens aufgezeigt. Besonders im Fokus standen die mit am stärksten von der Cholera betroffenen Gängeviertel. Eine Kommission forderte deren sofortigen Abriss und den Bau breiter Straßen. Einige Straßenzüge wurden bereits 1892 abgerissen, das Sanierungsprojekt kam jedoch bald zum Erliegen und wurde – aus anderen Gründen – erst nach dem Hafenarbeiterstreik 1896/97 wieder aufgenommen.  Auch sonst änderte sich in der Wohnsituation zunächst wenig, ein neues Gesetz zur Regelung des Wohnungsbauwesens erhielt eher Mahnungen, für ausreichend Licht, Luft und saubere sanitäre Anlagen zu sorgen, als konkrete Regelungen. Folgenreicher war da ein neues Gesetz zur Verbesserung der Lebensmittelsicherheit, welches für eine erhebliche Qualitätssteigerung der Nahrungsmittel sorgte, und der beschleunigte Bau einer Wasserfilteranlage, die 1893 in Betrieb ging. Insgesamt hielten sich die hygienischen Reformen und die Änderungen im Gesundheitswesen jedoch in Grenzen, ein von Robert Koch nach der Epidemie gefordertes Reichsseuchengesetz, welches dem Staat größere Vollmachten zur Intervention im Falle einer Epidemie verleihen sollte, trat erst 1900 in Kraft.

Die Desinfektionskolonne verteilt Coupons für Lebensmittel in einem von der Epidemie befallenen Haushalt

Viel größere Auswirkungen hatte die Epidemie auf das politische System und die Verwaltung der Stadt Hamburg. Die schlechte Vorbereitung der Stadt auf eine mögliche Epidemie, das späte Bekanntmachen des Cholera-Ausbruchs, Probleme bei der Durchsetzung von Maßnahmen und die Verfälschung von Opferzahlen sorgten dafür, dass Senat und Bürgerschaft aus den unterschiedlichsten Lagern und auf lokaler und staatlicher Ebene heftig kritisiert wurden. Ein Hauptkritikpunkt war das in der liberalen Elite Hamburgs geschätzte Prinzip der Laienverwaltung: In den unterschiedlichen Ausschüssen, die die Verwaltung der Stadt regelten, waren Fachfremde, oft angesehene, hauptsächlich in Handelsrecht geschulte Juristen oder Kaufleute, in der Mehrheit beziehungsweise hatten den größten Einfluss. Gesunder Menschenverstand galt als wichtiger als Fachkenntnis, und das in anderen Teilen Deutschlands etablierte Berufsbeamtentum wurde abgelehnt. Während der Choleraepidemie trat die Ineffizienz dieses Systems jedoch so deutlich zu Tage, dass eine Reform beinahe unausweichlich wurde. Von nun an wurden höhere Verwaltungsposten von Berufsbeamten nach preußischem Vorbild besetzt und solche Beamte in den Ausschüssen, die über ein juristisches Examen verfügten, durften nun Entscheidungen in ihrem Fachbereich treffen, ohne jedes Mal beim Senat anfragen zu müssen. So sollte die Verwaltung professioneller und effizienter werden.

Der andere Hauptkritikpunkt bezog sich auf das Wahlrecht und die damit verbundene Zusammensetzung von Senat und Bürgerschaft. Laut der Hamburger Verfassung von 1860 konnten solche Bürger, die genug Geld hatten, um das Bürgerrecht zu erwerben – im Jahr 1875 besaßen es nur 8.7 % der Hamburger – Vertreter der Bürgerschaft wählen, wobei Grundeigentümer und Notable über mehrere Stimmen verfügten. Die Bürgerschaft wiederum wählte gemeinsam mit dem Senat auf Lebenszeit die Senatoren. Dies führte dazu, dass nur ein geringer Teil der Hamburger, genauer: überwiegend die liberale Elite, vertreten wurde und dass der Senat vorwiegend aus Senioren alteingesessener Kaufmannsfamilien bestand. Kritiker des Systems waren der Meinung, die einseitige Zusammensetzung von Senat und Bürgerschaft habe dazu geführt, dass während der Choleraepidemie so lange wie möglich versucht wurde, die Krankheit zum Wohle des Handels zu vertuschen. Nach langen Debatten erfolgte 1896 eine Reform des Wahlrechts. Das „Recht der Bürger“ wurde abgeschafft, stattdessen durfte wählen, wer seit mindestens fünf Jahren in Hamburg lebte und jährlich mindestens 1200 Mark verdiente. Durch diese Reform stieg der Anteil der Wahlberechtigten deutlich an; viele Arbeiter und Kleinbürger konnten nun erstmals wählen. Diese Entwicklung wurde jedoch bereits 1906 durch die Einführung des Zwei-Klassen-Wahlrechts als Folge der starken Beliebtheit der sozialdemokratischen Partei teilweise wieder zunichte gemacht.

Herstellung von abgekochtem Wasser mit einer Dampfmaschine

Insgesamt markiert die Choleraepidemie vielleicht keinen Wendepunkt in Hamburgs Geschichte, sie war jedoch ein bedeutender Einschnitt, der, nicht zuletzt durch die Masse an Quellen, gut in Erinnerung geblieben ist. Die Katastrophe förderte die bestehende Ungleichheit sowie Unzulänglichkeiten von Politik und Verwaltung zutage und hatte hier weitreichende Reformen zur Folge. Im sozialen und gesundheitlichen Bereich sowie im Wohnungswesen blieben die Auswirkungen dagegen gering.

 

Alle Informationen aus: Evans, Richard: Tod in Hamburg, Reinbek bei Hamburg, 1996.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Leichenwagen, Stich aus: Illustrierte Zeitung, Berlin / Leipzig, 1.10.1892.

Abb. Thementext: Kinder auf Aborten im Gängeviertel, nach Wikimedia Commons (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pincerno_-_G%C3%A4ngeviertel_1890.jpg). / Cholerabaracke in Eppendorf 1892, nach Wikimedia Commons (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pincerno_-_G%C3%A4ngeviertel_1890.jpg). / Mobile Wasserversorgung, Zeichnung aus: Illustrierte Zeitung, Berlin / Leipzig, 24.9.1892. / Feldlazarett, Zeichnung aus: Illustrierte Zeitung, Berlin / Leipzig, 8.10.1892. / Hausfassade Kastanienallee 37 (Foto), Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1/344-31_00687. / Lebensmittelverteilung, Zeichnung aus: Illustrierte Zeitung, Berlin / Leipzig, 1.10.1892. / Wasserabkochung, Zeichnung aus: Illustrierte Zeitung, Berlin / Leipzig, 8.10.1892.