Von der Kaufmannstadt zur zweitgrößten Metropole des Deutschen Reiches: Hamburgs Sprung in die Moderne

1871 - 1914

Johanna Meyer-Lenz

Hamburg im Deutschen Kaiserreich ist eine Stadt in ungeheurer Bewegung. Die gut vier Jahrzehnte von der Gründung des Deutschen Reiches 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 umfassen eine Epoche, deren Kennzeichen ein vielfacher und beschleunigter Wandel auf allen Ebenen des politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens ist. Die Stadt erfindet sich neu. Von einer globalen Handels- und Hafenmetropole, die bis 1871 als republikanisch verfasste Kaufmannsstadt relativ eigenständig ihren weltumfassenden Handel in einem Staatswesen lenkte; die wirtschaftlichen und politischen Eliten agierten im Gleichklang der Interessen von Handel und Hafen., Hamburg entwickelt sich zur zweitgrößten Metropole im Deutschen Reich und zu einem der weltweit führenden Überseehäfen. Der 1867 neue moderne Tidehafen ließ den Überseehandel weiter wachsen, Güterumschlag und Passagieraufkommen expandierten. Angesichts der raschen Industrialisierung und Urbanisierung richtete sich die Freie und Hansestadt Hamburg – insbesondere nach dem Zollanschluss von 1888 – mehr und mehr auf die neue Rolle als politischer Akteur auf Reichsebene aus und sie orientierte sich zunehmend an der Machtpolitik des Kaiserreiches, das seinen ‚Platz an der Sonne’ im Konzert der europäischen Mächte im imperialen und kolonialen Zeitalter bis 1914 einforderte.

Hamburg bringt so sein Gewicht als weltweit viertgrößter und größter europäischer Hafen, als Umschlagplatz von Waren- und Finanzströmen und als bedeutender Auswanderungshafen auf dem Kontinent ein. Als Sitz der Hamburger Börse, zahlreicher nationaler und internationaler Handelsbanken, Versicherungsgesellschaften, Seeschiffsreedereien, Unternehmen und Handelshäusern beanspruchte es als„Tor zur Welt“ seinen Platz als wichtiger dreh- und Angelpunkt der Globalisierung vor 1914. In dem seit 1890 vermehrt einsetzenden Konzentrations- und Organisationsprozess bestimmten nun neben den alten kaufmännischen Eliten das neue Unternehmertum aus Industrie, Finanz- und Dienstleistungswirtschaft die Geschicke der Stadt. Das Motto des Vorstandsvorsitzenden der weltweit führenden Hamburg-Amerika-Linie (HAL) Albert Ballin „Mein Feld ist die Welt“ brachte das Leitbild für die neuen Spielräume in Wirtschaft und Politik auf eine anschauliche Formel.

Im Laufe der Entwicklung, die Hamburg auf seinem Weg zur urbanen Metropole bis 1914 zurücklegt, entfaltet sich die Stadt als ein vielstimmiges politisches, wirtschaftliches und kulturelles Gebilde, entwickelt sich eine komplexe politische und soziale Topographie gegenläufiger und unterschiedlicher Kräfte und Strömungen. Viele Akteure treffen Entscheidungen, die das Stadtgebilde zutiefst umwälzen; langfristige und von den Regierenden wenig beachtete strukturelle Entwicklungen verdichten sich zu Krisensituationen (Streiks, Hungerunruhen, Choleraepidemie). Hier waren neue Formen des politischen Handelns gefordert, alte Vorgehensweisen versagten. Mit wachsendem politischen Selbstbewusstsein fordert die Arbeiterschaft, fordern neue politische gegenkräfte  einen Systemwechsel zur Demokratie ein, während gleichzeitig die Stimmen der konservativen Gegenkräfte erstarken.

In dieser Phase der Industrialisierung und Hochindustrialisierung verdichten sich für die Hamburger Staatsmaschinerie folgende Problemlagen:

  • Neue politische Kulturen, die sich entlang der Linien der neuen Klassen aus Arbeiterschaft und Armen entwickeln
  • Konfliktlagen aufgrund der stark auseinanderdriftenden Einkommenslage.
  • Eine starke soziale Unterscheidung (Segregation) der Stadtviertel
  • Ein Mangel an Wohnungen für die wachsende Stadt besonders für die mittleren und unteren Klassen

Mehrere Male kam es im 19. Jahrhundert zu großen Umschichtungen der Bevölkerung. Nach dem großen Brand von 1842 folgte im Zuge des Ausbaus des Hafens 1867 und des Baus der der Speicherstadt für den Zollanschluss 1888 die ‚Umsiedlung’ von gut 20 000 Einwohnern des Wandrahm in die Gängeviertel der Neu- und der Altstadt. Ab Ende des 19. Jahrhunderts führte der Abbruch der Gängeviertel zur Vertreibung seiner zirka 60 000 Bewohner, als die Hamburger City zwischen Rathaus und dem neuen Hauptbahnhof neu gebaut wurde und Kontor- und Bürohäuser längst der Achse der Mönckebergstraße der „City“ das neue Gesicht gaben. Die Urbanisierung erforderte überdies neue Technologien der Planung und des Baus wie zum Beispiel die Anlage eines modernen Abwasserkanalsystems und einer modernen Trinkwasseraufbereitungsanlage.

Moderne und Traditionelles lagen in Hamburg sehr dicht beieinander. Hamburg entwickelte sich seit der Reichsgründung zur Hochburg der Sozialdemokratie; ihr standen misstrauisch und abwehrend die konservativen demokratiefeindlichen Eliten der Hamburger kaufmännischen Oberschichten, des Bürgertums, der aufstrebenden gebildeten Mittelklassen – Lehrer, Professoren, Ingenieure, Verwaltungsangestellte, Ärzte, Journalisten – gegenüber. Seit 1888 bündeln Industrie und Unternehmertum ihre Interessen in mächtigen Unternehmerverbänden, unter ihnen der Verband der Eisenindustrie (1888), seit 1890/91 der Arbeitgeberverband Hamburg-Altona, und der Verein Hamburger Reeder. Im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg erstarkt in Hamburg  mit dem Alldeutschen Verband und dem Flottenverein ein aggressiver Nationalismus rechter völkischer und politisch konservativer antidemokratischer autoritärer Prägung

Mit der Hamburgischen Filiale des Alldeutschen Verbandes erhält die Stadt eine besonders radikale Stimme am rechten politischen Rand, gekennzeichnet durch Rassismus und Antisemitismus, Antisozialismus und Antislavismus, ein gefährlicher und erfolgreicher Nährboden des späteren Nationalsozialismus. Der Bismarckkult (seit 1898) wird ein wesentlicher Kristallisationspunkten der politischen Meinungskundgebung der konservativen Kräfte der Sammlungsbewegung, die sich mit Fackelzügen und Reden am Begräbnisort Bismarcks in seinem Landsitz in Aumühle wirksam jeweils zum 1. April eines Jahres, dem Geburtstag Bismarcks,  zu Schau stellen. Krieg als zulässiges Mittel und ein konservatives autoritäres Staatsgebilde gehören zu den leitenden politischen Ideen, die das monumentale 1906 eingeweihte Bismarckdenkmal in Hamburg symbolisch als Garant der Einheit und der nationalen Macht zum Ausdruck bringen soll.

Ausdruck des neuen deutschen Nationalismus in Hamburg war der Bau des Bismarckdenkmals in Hamburg (eröffnet 1906/07), um das sich ein besonders konservativer Kult des Nationalen entwickelte. Im Hamburger Hafen, auf den die Statue des Bismarck in Überlebensgröße blickte, ging 1913 aus der Serie der drei Passagierdampfer der Imperatorklasse der HAL der[1] IMPERATOR auf große Fahrt, eine ideale Projektionsfläche für nationale Größe und Weltbedeutung. Das zweite Schiff, die VATERLAND machte 1913 ihre Probefahrt. Von 1907 bis 1911 entstanden die Überseebrücke und wurde der Hamburger Elbtunnel eröffnet, die gemeinsam ein architektonisches Pendant zum Bismarck-Denkmal bildeten und das Hafenensemble als ‚Tor zur Welt’ repräsentierten.

Die Stimmen der Hamburgerinnen und Hamburger hatten in der halb parlamentarisch verfassten Republik Hamburgs im Kaiserreich ein unterschiedliches Gewicht. Das Wahlrecht übte bis 1918 ausschließlich eine Minderheit Hamburger Bürger aus, männliche Einwohner, die ein bestimmtes Vermögen und Grundbesitz in der Stadt aufweisen mussten und Steuern Höhe zahlten. Das passive Wahlrecht übte wiederum nur eine Minderheit von ihnen aus.

 

Grundlegende Literatur:

Internet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bismarck-Denkmal_(Hamburg), aufgerufen am 14.04.2016

Michael Berndt, Das Bismarckdenkmal – ein virtueller Rundgang (geschrieben am 8.4.2017): http://www.hamburgerunterwelten.de/Bismarckdenkmal.html, aufgerufen am 14.04.2017.

Jörn Lindner, Das Bismarck-Denkmal – Koloss auf hohlen Füßen: http://www.unter-hamburg.de/Bismarck-Denkmal.466.0.html, aufgerufen am 14.04.2017.

Literatur:

Geerd Dahms, Gänge-Viertel, Specken-Häuser, Heuberg. Vom Umgang mit historischen Unterschichtsquartieren in Hamburg. In: Andocken (2912), 335-347.

Richard Evans, Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910. Reinbek bei Hamburg 1990., Englische Originalausgabe: 1987. 1. Auflage (deutsch) 1990.

Karen Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik. Alltagsleben und gesellschaftliches handeln von Arbeiterfrauen in der Weimarer Republik. Bonn 1990.

Dirk Hempel, Ingrid Schröder (Hg.) unter Mitarbeit von Norbert Fischer, Anna-Maria Götz, Johanna Meyer-Lenz, Mirko Nottscheid, Myriam Richter und Bastian WeckeAndocken. Hamburgs Kulturgeschichte von 1848 bis 1933. Hamburg 2012.

Rainer Hering, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003.

Helga Kutz-Bauer, Arbeiterschaft, Arbeiterbewegung und bürgerlicher Staat in der Zeit der Großen Depression. Eine regional- und sozialgeschichtliche Studie zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Großraum Hamburg 1873 bis 1890. Bonn 1988.

Volker Plagemann (Hg.), Übersee. Seefahrt und Seemacht im Deutschen Kaiserreich. München 1988.

Klaus Saul, Staat, Industrie, Arbeiterbewegung im Kaiserreich. Zur Innen- und Sozialpolitik des Wilhelminischen Deutschland 1903–1914. Düsseldorf 1974.

Jörg Schilling, Distanz halten. Das Hamburger Bismarckdenkmal und die Monumentalität der Moderne. Wallstein-Verlag, Göttingen 2006.

Jörg Schilling, Das Bismarckdenkmal in Hamburg 1906 – 2006: Beiträge zum Symposium „Distanz halten. 100 Jahre Hamburger Bismarckdenkmal“ [2. Juni 2006]; Arbeitshefte zur Denkmalpflege Hamburg, Bd. 24.

Jörg Schilling, Gedächtnis und Rezeption – Spielräume der Aneignung. Das Hamburger Bismarckdenkmal im Kontext im Kontext regionaler und nationaler Bedeutungsebenen. In: Janina Fuge, Rainer Hering, Harald Schmid (Hg.), Gedächtnisräume. Geschichtsbilder und Erinnerungskulturen in Norddeutschland. Göttingen 2014, 143-158.

Dirk Schubert, Wohnkulturelle Modernisierung in Hamburg. Vom Großen Brand bis zum Ende der Weimarer Republik. In: Andocken (2012), 322-334.

 

Hinweise:

[1] Kaiser Wilhelm II bestand auf  „der Imperator“ statt des bei Schiffen üblichen weiblichen Bezeichnung „die“.

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Modebroschüre um 1907 (Ausschnitt), Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_diverse.