Arbeitsbedingungen und Hafenarbeiterstreik

Leonie Barghorn

(Preisträgerin im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2012)

Die Hamburger Hafenarbeiter im 19. Jahrhundert

Eine Untersuchung aus dem Jahre 1848 beschreibt die Einkommensschichten in Hamburg. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung konnte sich mit mehr als 1000 Mark, die der Familienvater im Jahr verdiente, ein vergleichsweise gesichertes Leben leisten. Wesentlich bescheidener lebte ein weiteres Fünftel, mit 500 bis 1000 Mark jährlich. Der Rest, die übrigen drei Fünftel, lebte unter der Armutsgrenze. Dies waren vor allem Hafenarbeiter: Matrosen, Schauerleute. Schauerleute waren Hafenarbeiter, die das Stauen, Be- und Entladen der Schiffe besorgten. „Etwa 10000 Hafenarbeiter zählte der Hamburger Hafen Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Zahl stieg in den 1860ern stark an. Aufgrund der Industrialisierung setzte in Hamburg ein starkes Wirtschaftwachstum verbunden mit einer Expansion des Hafens ein. Der Hafen mit seinen vielen Beschäftigungsmöglichkeiten bot einen letzten Rettungsanker für diejenigen Arbeiter und kleinen Handwerker, die im Berufe Schiffbruch erlitten hatten. Jeder, der nirgendsmehr auf Arbeit zu hoffen hätte, ging an den Hafen, um dort womöglich noch einen Tagelohn zu verdienen.“ [1]

Die Arbeitsbedingungen blieben trotz des Wirtschaftswachstums schlecht. Viele der im Hafen Beschäftigten – meist Tagelöhner – verrichteten bis zu 14 Stunden pro Tag oftmals stark belastende Arbeit. Auf den Werften beispielsweise litten die Arbeiter unter dem Lärm, der durch Hämmer und Bohrer verursacht wurde und den Gasen der zahlreichen Schmiedefeuer. Dazu kam durch den verstärkten Einsatz von Maschinen, der mit einem höheren Arbeitstempo einherging, ein großes Unfalls- und Krankheitsrisiko.

Außerdem wurden den Hafenarbeitern die Löhne, die kaum ausreichten, um die Mieten in den überfüllten angrenzenden Stadtteilen zu bezahlen, üblicherweise in nahen Wirtshäusern ausgezahlt, wodurch eine Abhängigkeit von den Wirten entstand, die oftmals auch für die Vermittlung von Arbeit zuständig waren. Nicht wenige Arbeiter versuchten, sich durch ausgiebigen Alkoholkonsum bei den Wirten beliebt zu machen, um Arbeit oder einen höheren Lohn zugeteilt zu bekommen. So entstanden zweierlei Probleme: Die Alkoholsucht und die Abhängigkeit von der Gunst der Wirte. Schließlich war die Arbeitslosigkeit trotz des allgemein hohen Bedarfs an Arbeitskräften hoch, da der konkrete Arbeitsanfall von der Anzahl der im Hafen liegenden Schiffe abhing. Besonders im Winter konnte diese sehr niedrig sein.[2]

Der Hafenarbeiterstreik von 1896/7

Diese Entwicklung führte dazu, dass es seit den 1860ern immer wieder zu Arbeitsniederlegungen und dem Ausspruch von Forderungen nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen kam. Diese wurden vom Hamburger Senat jedoch nicht erhört, er stellte sich stets auf die Seite der Arbeitgeber. All dies führte 1896 zum bis dato größten Streik in Hamburgs Geschichte, dem sogenannten Hafenarbeiterstreik. Der Auslöser, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war vermutlich die Festnahme des englischen Geschäftsführers Tom Mann, der in Hamburg für den Gewerkschaftsgedanken geworben hatte.  Der Streik begann am 20. 11. 1896. Auf seinem Höhepunkt legten 16 000 Menschen ihre Arbeit nieder und forderten höhere Löhne, kürzere Arbeitstage, bessere Arbeitsbedingungen sowie Tarifverträge. Weiterhin kämpften sie für Verkehrsmittel für solche Arbeiter, die in den überfüllten hafennahen Gängevierteln keine Wohnung mehr gefunden hatten und in den neu geschaffenen Arbeitervierteln am Stadtrand lebten, von wo aus sie einen langen Arbeitsweg hatten. Der Streit wurde vor allem von ArbeiterInnen getragen, deren Arbeit nicht durch Verträge langfristig abgesichert war.

Hamburg war der Brennpunkt der Gewerkschaftsbewegung. Sehr viele Arbeitergruppen hatten eine eigene Organisation. Es gab an die 84 Gewerkschaften mit 30.000 Mitgliedern. In Hamburg hatte die Generalkommission der Gewerkschaften ihren Sitz. Die Stadt war eine Hochburg der SPD.

Während des Novembers nahm die Zahl der Streikenden stets zu. Am 21. November waren sämtliche Schauerleute im Streik. Auch die Ewerführer und die Werftarbeiter kamen hinzu. So konnte kein Schiff mehr gelöscht oder beladen werden, keines konnte repariert oder gebaut werden. Erstaunlicherweise hatten die Streikenden auch Sympathisanten innerhalb des Bürgertums. Viele unterstützten die Streikenden durch Lebensmittelspenden und sorgten mit dafür, dass der Streik zu einem der Größten in der Hamburger Geschichte wurde.[3]Die Versorgung der Streikenden wurde über die Gewerkschaften und vor allem aber über das gewählte Zentralkomitee der Streikenden organisiert. Zahlreiche und weitgehende Sammelaktionen füllten deren Kassen, so dass zunächst Streikunterstüzung gezahlt werden konnte, welche die Familien ausreichend versorgte.

Das Unternehmerlager ließ sich zunächst nicht auf Verhandlungen ein, sondern stellte Streikbrecher ein.

Der Senat sah sich durch das Einbrechen des Handels genötigt, mit den Vertretern der Streikenden zu verhandeln. Vor Weihnachten kam es zu einem Patt in den Verhandlungen. Durch den Streik gerieten andere Arbeitergruppen in Not, die, wie zum Beispiel die Flusschiffer, vom Hafen lebten. Die Streikkassen waren nicht mehr ausreichend gefüllt, und der Senat wollte keine Zugeständnisse machen. Er forderte die Arbeiter hingegen auf, in den Hafen zurückzukehren, mit dem Versprechen, später die Arbeitsverhältnisse dort zu untersuchen. In einer Urabstimmung entschieden sich die Arbeiter dennoch, den Streik weiterzuführen.

Nun wurde der Einsatz von Streikbrechern durch die Unternehmer verstärkt. Der Senat unterstützte dies: Festnahmen und Strafbefehle gegen Streikende wurden verstärkt eingesetzt und Streikgelder beschlagnahmt.  Die Behörden verhängten Mitte Januar über das gesamte Hafengebiet einen Belagerungszustand, sodass es von den Streikenden nicht mehr betreten werden durften. Ein Vermittlungsversuch liberaler Interektueller, Unternehmer und Politiker scheiterte. Die Streikbrecher wurden immer kompetenter, und die Arbeiter ängstigten sich um ihren Lebensunterhalt.  Im Februar stimmte eine Mehrheit für den Abbruch des Streiks.  Der Hamburger Senat und die Unternehmer setzten sich also gegen die Hafenarbeiter durch. Doch Friede war nicht in der Stadt. Es kam zu Straßenschlachten von aufgebrachten Arbeitern mit der Polizei.

Um das Konfliktpotential zu verringern, entschieden sich Senat und Arbeitgeber, einen Schritt auf die Hafenarbeiter zuzugehen. In einigen Berufsgruppen gab es Lohnerhöhungen oder sogar erste Tarifverträge. Damit konnte allerdings nicht verhindert werden, dass der Einfluss der Hamburger Arbeiter wuchs. Eine wichtige Rolle spielten hierbei die Gewerkschaften. Sie waren aus dem Streik gestärkt hervorgegangen, sowohl in Bezug auf die Anzahl der Mitglieder als auch durch deren „bezwingende Solidarität“.[4] Immer mehr entwickelte die Hamburger Arbeiterschaft eine eigene Subkultur und somit eine Gegenmacht zur bürgerlichen Regierung. Viele neue Vereine entstanden, darunter viele zu Freizeitgestaltung, Kultur und Sport, aber auch finanzielle Institutionen wie der „Konsum-, Bau- und Sparverein“ und die kurz vor dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufene „Volksfürsorge“.

 

Literaturhinweise und Belege:

[1] Richard J. Evans: Der Tod in Hamburg, Reinfeld 1986, S. 84.

[2] Carsten Prange: Auf zur Reise durch Hamburgs Geschichte, Hamburg 2000, S. 277f.

[3] Werner Jochmann: Handelsmetropole des Deutschen Reiches in: Werner Jochmann (Hg.): Hamburg – Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner, S. 48f.

[4] Werner Jochmann: Handelsmetropole des Deutschen Reiches in: Werner Jochmann (Hg.): Hamburg – Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner“, S. 50.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Verhaltensempfehlungen für die Streikenden im Hafenarbeiterstreit, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_224-01=H_1896.009.