Frühes Mittelalter

810 n. Chr. - 1189 n. Chr.

Arbeitsmaterialien zum Haupttext

Silke Urbanski

Die Zeit des Mittelalters

Als Mittelalter wird traditionell die Zeit zwischen dem Ende des weströmischen Reiches (476) und dem Beginn der Reformation (1517) begriffen, wobei die Festlegung von Anfang und Ende dieser Zeit umstritten ist. Der Begriff „Mittelalter“ entstand als eher abschätzige Bezeichnung der Humanisten für die Zeit zwischen der Antike und ihrer eigenen Gegenwart, die sie als Zeit der Wiedergeburt der Antike empfanden.

Für Hamburg ist diese lange Epoche die Zeit seiner Entwicklung von einer wendisch/sächsischen Befestigungsanlage zu einer Stadt mit weitreichenden Freiheiten und blühendem Fernhandel. Die Zeit seit dem Untergang des weströmischen Reiches bis zum 11. Jahrhundert nennen wir das frühe Mittelalter, darauf folgt das hohe Mittelalter, das durch den Einbruch der Pest vom späten Mittelalter getrennt wird.

Von der Hammaburg zur Stadt

Am Anfang war die Hammaburg, dies ist in Hamburg die landläufige Ansicht. Doch die erste Besiedlung des Geestrückens, auf dem der Wallburgring entstand, liegt über mehr als 5000 Jahre zurück. Seit der Jungsteinzeit lebten hier Menschen, wohl aber nicht ununterbrochen. Erste kontinuierliche Befestigungsspuren sind aus dem 8. Jahrhundert vorhanden. Vermutlich befand sich an dem Ort, der südlich der heutigen Petrikirche gelegen ist, ein graben- und palisadenbewehrter sächsischer Herrenhof. Das Wort „ham“ oder „hamme“ stammt ebenfalls aus dem der altsächsischen Sprache jener Zeit und steht für „eine umzäunte Wiese in einer Niederung oder Bucht“, die Hammaburg wäre demnach wörtlich die Wiesen- oder Buchtburg.

Die Region Nordelbien, in welcher sie lag, war ab 772 von den Sachsenkriegen Karls des Großen betroffen, der sein Reich nach Norden auszudehnen bemüht war. 804 wurde sie von Karl unterworfen. Er übertrug die Verwaltung der Gegend den mit ihm verbündeten slawischen Obotriten.

Das unter der Herrschaft Karls des Großen stehende Frankenreich (blau gefärbt), im frühen 9. Jahrhundert. Das nordöstlich angrenzende Gebiet der Obotriten lag etwa im heutigen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern

Für diese Zeit gibt es keine Schriftquellen, welche die Hammaburg erwähnen, aber archäologisch ist nachweisbar, dass um 800 der Graben um den wendisch-sächsischen Herrenhof aufgefüllt wurde. Was zu diesem Ereignis führte, ist nicht klar. Um 800 war die Region zeitweilig den Franken und den slawischen Obotriten tributpflichtig. „…denkbar ist also eine Zerstörung durch fränkische Truppen vor 804, eine Niederlegung durch obodritische Herrscher zwischen 804 und 810, am wahrscheinlichsten ist aber eine (…) Einebnung im Zuge einer (…) Erweiterung der Burg.“ (Weiss, Mythos, S. 19).

Die Verwaltung Nordelbiens wollte Karl der Große von der Burg Esesfleth (beim heutigen Itzehoe) aus organisieren lassen. Dort wurde vermutlich auch die erste Kirche zur Mission gegründet, um die Menschen Nordelbiens zum Christentum zu bekehren. Doch Karls Sohn Ludwig I. gab Esesfleth auf und förderte Hammaburg, das von der unsicheren dänischen Grenze weiter entfernt lag und durch die Elbe und Landfernwege besser erreichbar war. Nun sollte von der Hammaburg aus die Christianisierung der nordelbischen Region stattfinden. Dafür setzte Ludwig den Mönch Ansgar aus dem Kloster Corvey ein, was Papst Gregor IV. 831/32 bestätigte. Also muss man davon ausgehen, dass das Bistum Hamburg 831 vom Kaiser gegründet wurde und Ansgar zum Bischof geweiht wurde. Er brachte Reliquien, Kirchenbücher und die Ausstattung für eine Kirche in die Hammaburg und ließ sie wieder aufbauen. Zu seiner Stützung erhielt das Bistum Hammaburg Abgaben aus dem Kloster Torhout in Flandern. Bis heute ist es allerdings nicht endgültig geklärt, wo Ansgars Kirche lag: In der Hammaburg auf dem heutigen Domplatz, oder unter der heutigen Petrikirche, wie neueste Forschungen annehmen. 843 wurde das Kaiserreich geteilt und das Bistum verlor die Abgaben aus dem Kloster Torhout, also seine wirtschaftliche Grundlage. Es wurde nahezu unmöglich, Mission zu betreiben.

Zerstörung durch die Wikinger

Zwei Jahre später griffen Wikinger Hamburg an und der Bischof musste fliehen. Der ortsansässige Graf, Bernhard, der für den militärischen Schutz hätte verantwortlich sein sollen, war abwesend. Die Siedlung wurde zerstört und viele seiner Bewohner in die Sklaverei geführt. Der Ort drohte zu veröden.

Ansgar nutze die Gelegenheit, weitere Unterstützung zu erlangen. Er erreichte, dass Kaiser Ludwig II., der Deutsche, ihn zum Bischof von Hamburg und von Bremen erhob. Die Bistümer wurden also vereinigt. Ansgar kehrte nie nach Hamburg zurück.

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Die dritte Hammaburg als virtuelle Rekonstruktion, von Osten gesehen. Zwischen Alster (oben) und Reichenstraßenfleet (links) leben im 10. Jahrhundert nur wenige Hundert Menschen

864, kurz vor seinem Tod, bestätigte Papst Nikolaus I. die Vereinigung der Bistümer und erhob Hamburg zum Erzbistum, völlig unabhängig vom mächtigen Erzbistum Köln. In Ansgars Vita, geschrieben von seinem Nachfolger Rimbert, wurde diese Erzbistums-Gründung vordatiert, um Hamburgs Wichtigkeit zu betonen und seinen Rechtsstatus zu sichern.

Auch wenn Ansgar nach dem verheerenden Angriff der Wikinger nicht wieder nach Hamburg zurückkehrte, wurde die Siedlung schnell unter Anleitung des weltlichen Herren, Graf Bernhard, wieder aufgebaut.

893 bestätigte Papst Formosus Hamburgs Erhebung zum Erzbistum und seine Ansprüche auf Bremen. Es wurde nun Erzbistum von Hamburg und Bremen genannt. Die Hammaburg wurde erweitert und befestigt, der Hafen ausgebaut, so entstand die dritte Hammaburg.

Ein Papst im Exil

Im zehnten Jahrhundert blühten Stadt und Erzbistum auf. Fünfzig Jahre lang, von 937 bis 988 war Adaldag Erzbischof in Hamburg und Bremen, Er war zudem Kanzler des Kaisers Otto I. und begleitete ihn auf seinen Reisen. Auf seinem zweiten Kriegszug nach Italien trafen sie in Rom auf eine schwierige Situation: Die Römer hatten Benedikt V. gegen den ausdrücklichen Willen des Kaisers zum Papst gewählt und geweiht.

Nach der Besetzung Roms durch Ottos Truppen am 23. Juni 964 wurde Benedikt von den Römern an ihn ausgeliefert und auf einer Lateransynode des vom Kaiser erkorenen Gegenpapstes Leo VIII. abgesetzt.

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Zeichnung des Papstleergrabes aus dem 14. Jahrhundert

Man erniedrigte ihn, indem man ihn zum untersten aller Priester, zum Diakon machte. Kaiser Otto verbannte ihn nach Hamburg. Dort stand er unter der Aufsicht Erzbischof Adaldags. Er ertrug Hamburg nicht und starb dort am 4. Juli 965 oder 966.

Er wurde zunächst in Hamburg bestattet, aber Kaiser Otto III. ließ seinen Leichnam nach Rom bringen, vermutlich im Jahre 988.

Dennoch blieb der abgesetzte Papst in Hamburg in Erinnerung. In der Domkirche zu Hamburg wurde ungefähr vierhundert Jahre später ein Leergrab für ihn errichtet.

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Scherben des Leergrabs für Benedikt V.

Dies Grab diente bis zum Abriss des Domes 1807 als Sehenswürdigkeit.

Scherben der Leer-Grabplatte wurden bei den archäologischen Domplatzgrabungen 1949 gefunden.

 

Neue Gefahren

Hamburg war durch seine Lage an der Grenze des Reiches im zehnten Jahrhundert und zu Anfang des 11. Jahrhunderts immer noch in Gefahr. So erhob sich die slawische Bevölkerung immer wieder gegen die neuen Herren, die von der Burg aus herrschten.

Die Hammaburg  wurde 1028 teilweise zerstört. Die Abwehrkämpfe der slawischen Bevölkerung in Nordelbien und im Gebiet des heutigen Mecklenburg erforderten neue Befestigungsmaßnahmen.

Die Macht über Hamburg teilten sich zu jener Zeit die Billunger Herzöge und die Erzbischöfe. Die Chronistik berichtet davon, dass von ihnen eine „stattliche Burg“ errichtet wurde, aber archäologische Befunde lassen vermuten, dass es eher um einen großen Wall ging. Der gesamte Geestsporn, auf der die Siedlung mit Hafen, Kirche, Fischer-, Handwerker- und Händlerhäusern lag, wurde nun durch den sogenannten Heidenwall geschützt. Es war ein bogenförmiger Erdwall, dem mehrere tiefe Gräben vorgelagert waren.

Der Heidenwall (rechts) verlief von den Niederungen der Alster halbkreisförmig bis zu den Nebenarmen der Elbe und schützte so die kleine Stadt auf dem Geestsporn westlich davon

Der Heidenwall maß 300 Meter und schützte das Siedlungsgebiet.

Im Zuge dieser großen Veränderung ließen Erzbischof Unwan und Herzog Bernhard II. die Hammaburg niederlegen. Auf dem Geestsporn hinter dem Wall bauten Erzbischof und Herzog sich jeweils ein befestigtes Haus. Ihre Machtbereiche waren zu jener Zeit nicht genau getrennt, aber die Erzbischöfe verfügten über sämtliche Rechte an dem Gebiet der ehemaligen Hammaburg, die Herzöge über Wegerechte und Verteidigungspflicht.

Nach dem Bau des Heidenwalls wurde der Dom neu errichtet. Archäologische Befunde können so interpretiert werden, dass die alte Ansgarkirche zur heutigen Petrikirche umgewidmet wurde. Ebenso haben neuere archäologische Forschungen ergeben, dass das als „Bischofsturm“ bekannte Fundament kein Überrest des festen Hauses der Erzbischöfe Unwan oder Bezelin Alebrand aus dem 11. Jahrhundert ist, sondern von einem späteren Tor im Heidenwall stammt.

Herzog Ordulf Billung hat um die Mitte des 11. Jahrhunderts im Westen der Altstadt eine neue Wallring-Burg anlegen lassen, so dass Hamburg von zwei Seiten geschützt war.

Die Erzbischöfe jener Zeit, Adalbert und Liemar, standen Kaiser Heinrich IV. sehr nahe. Liemar unterstützte ihn in seinem Streit mit dem Papst. Auch wenn die Hamburg-Bremer Erzbischöfe dadurch sehr mächtig waren, erlaubte Papst Gregor VII. die Gründung weiterer Erzbistümer in Skandinavien, so dass die Bedeutung des Erzbistums Hamburg-Bremen als Zentrum eingeschränkt wurde. Der Entwicklung der Stadt tat dies keinen Abbruch.

1066 erhoben sich die heidnischen Obotriten gegen ihren christlichen Fürsten Gottschalk. Die von Erzbischof Adalbert gegründeten Bistümer gingen dadurch unter. 1072 wurde Hamburg angegriffen und erlitt starke Zerstörungen. Die Stadtherren Erzbischof Adalbert und Herzog Ordulf starben im selben Jahr. Nach diesen Verwüstungen erfolgte unter dem neuen Fürsten der Obotriten eine Zeit des Friedens. Aber das Herzogsgeschlecht der Billunger starb im männlichen Stamm aus. Die weltlichen Rechte über Hamburg wurden vom Kaiser Lothar III. den Grafen von Schauenburg und Holstein übergeben.

Neue Bewohner – neue Rechte

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts kamen neue Einwohner in die Stadt. Mit der Gründung der Neustadt lockte Graf Adolf III. von Schauenburg 1188 Händler und Handwerker aus dem Kölnischen Raum in die neue Burg und belebte sie damit. Er übertrug den Siedlern weitgehende Rechte.

Um diese Rechte abzusichern, erwirkte er ein Privileg von Kaiser Friedrich Barbarossa. Aber dieser unterzeichnete es nicht, bevor er auf dem dritten Kreuzzug starb. Daher wurde durch die Hamburger um 1265 eine Fälschung erstellt und die Urkunde zurückdatiert. Die Rechte am freien Fischfang, Handel und am Betrieb eines Hafens waren so wichtig, dass das schwierige Unterfangen einer Fälschung eingegangen wurde – und zwar mit Erfolg. Noch heute wird der Hafengeburtstag am Datum der gefälschten Urkunde gefeiert.

Gerhard Theuerkauf gewidmet

Arbeitsmaterialien

 

Grundlegende  Literatur:

Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter, Stuttgart 19932, S. 32f.

Weiss, Rainer-Maria, Mythos Hammaburg – Fakten und Fiktionen zur Frühgeschichte Hamburgs, in: Weiss, Rainer-Maria; Klammt, Anne (Hg.): Mythos Hammaburg. Archäologische Entdeckungen zu den Anfängen Hamburgs, Hamburg, 2014. (Ab jetzt: Weiss, Mythos)

Theuerkauf, Gerhard: Zur kirchenpolitischen Lage des Erzbistums Hamburg-Bremen im 9. Jahrhundert, in: Hering, Rainer (Hg. et.al), Von der Christianisierung bis zur Vorreformation, Hamburgische Kirchengeschichte in Aufsätzen T.1, Hamburg 2003. (Ab jetzt: Theuerkauf, Lage)

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Virtuelle Rekonstruktion Hammaburgs im 10. Jahrhundert, aus: Mythos Hammaburg; Ausstellungskatalog Archäologisches Museum Hamburg 2014, S. 388-389, Taf. 11.

Abb. Epochentext: Karte Karolingerreich, aus: Mythos Hammaburg; Ausstellungskatalog Archäologisches Museum Hamburg 2014, S. 325, Abb. 2. / Virtuelle Rekonstruktion Hammaburgs im 10. Jahrhundert, aus: Mythos Hammaburg; Ausstellungskatalog Archäologisches Museum Hamburg 2014, S. 470-471, Taf. 13. / Zeichnung des Papstleergrabes aus dem 14. Jahrhundert (Kupferstich von 1661), aus: Mythos Hammaburg; Ausstellungskatalog Archäologisches Museum Hamburg 2014, S. 47, Abb. 1 (T. Weise). / Scherben des Leergrabs für Benedikt V., aus: Mythos Hammaburg; Ausstellungskatalog Archäologisches Museum Hamburg 2014, S. 47, Abb. 2. / Geestsporn mit Heidenwall, aus: Mythos Hammaburg; Ausstellungskatalog Archäologisches Museum Hamburg 2014, S. 38, Abb. 17 (Ausschnitt).

Alle Abbildungen des amh wiedergegeben mit der freundlichen Erlaubnis von Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, amh.

Highlight der Epoche: Der Heilige Ansgar - wie sah er wirklich aus?