Krieger, Soldaten, Witwen und Waisen

Hamburger im Krieg

Anne Lena Meyer

Auf die Julikrise des Jahres 1914, die dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie am 28.06.1914 gefolgt war, folgte Ende Juli der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien. In Europa herrschte seit dem Attentat eine gespannte Stimmung; je nach politischer Gesinnung fürchtete oder erwartete man einen großen militärischen Konflikt. Der deutsche Kaiser hatte Österreich-Ungarn bedingungslose Unterstützung gegen Serbien und seinen Verbündeten Russland zugesagt.

Nachdem Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg erklärt hatte, herrschte in Hamburg sowie in anderen deutschen Großstädten eine von einem „Hurra-Patriotismus“ begleitete, erwartungsvolle Stimmung. In bürgerlichen Kreisen sei man über die Aussicht auf einen großen Krieg begeistert gewesen, aber auch vor den Arbeitern habe dieses Gefühl nicht haltgemacht – dies berichteten zumindest die Hamburger Zeitungen, die ein zentrales Medium der Verbreitung der sogenannten Kriegsbegeisterung im Sommer 1914 waren. Diese Meldungen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diejenigen, die sich nicht äußerten oder als Kriegsgegner auftraten, in den großen Presseorganen schlichtweg nicht zu Wort kamen. So entstand eine einseitige Berichterstattung im Sinne der Kriegsbefürworter.

Die deutsche Mobilmachung wurde am 1. August 1914 verkündet. Am 6. August 1914 wurde im Rahmen einer Bürgerschaftssitzung in Hamburg der politische „Burgfriede“ besiegelt, was sich auch andernorts ereignete. Dieser besagte, dass politische Konflikte zwischen der Regierungs- und den Oppositionsparteien während des Krieges hinter dessen Anforderungen an die Politik zurückstehen sollten. So entstand eine relative politische und gesellschaftliche Ruhe. Dieser Zustand, der nur wenige Wochen anhielt, wird auch als das „Augusterlebnis“ bezeichnet. Dennoch herrschte in den ersten Augusttagen nicht nur Euphorie, sondern auch Zukunftsangst und Resignation, besonders unter den Kriegsgegnern.

Die Kriegsfreiwilligen und Einberufenen genossen hohes Ansehen. Ihr Marsch zu den Bahnhöfen, von denen aus sie an die Ost- oder Westfront transportiert wurden, wurde von vielen jubelnden Menschen begleitet. Die ersten Monate des Krieges gaben vielen einen Grund zur Freude über gewonnene Schlachten, und der Verlauf der Front wurde anhand von Landkarten in der Presse sowie in vielen privaten Haushalten nachvollzogen.

Als Ausdruck der bedingungslosen Unterstützung des „Vaterlandes“ benannten sich Cafés und Restaurants um, die zuvor ausländische Namen getragen hatten. Zu diesen zählten beispielsweise Café Belvedere und das Café Boulevard, die sich in „Kaffeehaus Vaterland“ und „Kaffee Braun“ umbenannten. Die Angst vor ausländischer Spionage war groß, sodass es häufig zu Denunziationen vermeintlicher ausländischer Spione oder Verräter kam. Patriotische Werbung erschien in den Zeitungen, zum Beispiel ein Aufruf an Mädchen und Frauen in Gedichtform, in dem sie aufgefordert wurden, keine ausländische Mode mehr zu tragen oder „fremde“ Tänze zu tanzen: „[…]Ihr Mädchen und Frauen im deutschen Land, steht auf, macht mobil gegen fränkischen Tand! […] Legt ab all den eitlen Modetand und kleidet Euch wieder mit schlichtem Gewand! […] Drum fort mit des Tangos leichtfertigem Schritt, kehrt wieder zum deutschen Tanze zurück. […]“ (Hamburger Nachrichten vom 12. 08. 1914).

Die Kehrseite der Medaille „Krieg“ zeigte sich jedoch sehr schnell. Trotz massenhafter Einberufungen von Männern an die Front kam es zu einer sehr hohen Arbeitslosigkeit. In Hamburg lag dies vor allem am Einbruch der Hafenindustrie aufgrund der britischen Seeblockade. Mit dem Einsetzen einer sehr produktiven Rüstungsindustrie wurden zwar schon im Herbst wieder viele Arbeitsstellen geschaffen, doch viele Männer wurden allein deshalb nicht eingestellt, da sie jederzeit einberufen werden konnten und dem Betrieb möglicherweise schnell wieder fehlen würden. Viele Familien gerieten in Not, die finanzielle Unterstützung der Bedürftigen war sehr knapp und reichte nicht aus, den Lebensunterhalt zu sichern.

Zur Zahl der Kriegsfreiwilligen – also derjenigen Männer, die sich freiwillig als Soldaten meldeten – gehörten in Hamburg auch viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Im Jahr 1919 wurde der Vaterländische Bund jüdischer Frontsoldaten gegründet, dessen Vorsitz lange Zeit von Dr. Siegfried Urias geführt wurde. Zu seinem zehnjährigen Bestehen gab der Bund eine Festschrift heraus, um die Gefallenen der jüdischen Gemeinde zu würdigen. Der Autor Dr. Urias stellte darin fest, dass es zwar schwer, aber möglich sei, etwaige Angaben über die Zahl jüdischer Hamburger Kriegsteilnehmer und Gefallener zu machen. Er rechnete für die Jahre um 1914 mit etwas weniger als 20.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, von denen 2500 bis 3100 am Krieg teilgenommen hätten. Die Zahl der Gefallenen bezifferte er mit etwa 460. Die Hoffnung, durch die freiwillige Meldung zum Kriegsdienst endlich die vollständige Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft zu erlangen, hatte nicht nur in Hamburg viele jüdische Bürger zu diesem Schritt bewogen. Auch außerhalb des Kriegsdienstes engagierten jüdische Bürger sich für die Kriegsgesellschaft, indem sie Geld und Zeit spendeten.

Genau wie das Leben der Männer veränderte sich auch das Leben der Frauen und Jugendlichen radikal. Wenn der männliche Familienvorstand als Soldat einberufen war, mussten die Ehefrauen und Mütter diesen Posten einnehmen. Frauen aus den ärmeren Schichten mussten eine Lohnarbeit annehmen, da der Sold der Väter und die staatliche Unterstützung für die „Kriegerfamilien“ oft nicht ausreichten. Dazu kam die tägliche Sorge um die an der Front stehenden Angehörigen.

Die staatliche finanzielle Unterstützung für bedürftige „Kriegerfrauen“ und ihre Kinder kann ebenfalls kritisch betrachtet werden. Einerseits stellte sie natürlich eine wichtige Ergänzung zum Sold der Väter dar und sicherte den Familien das Überleben. Andererseits sahen sich die Empfängerinnen von der Obrigkeit einer scharfen Kontrolle ihres Lebenswandels unterworfen. Die Moral der bedürftigen Frauen stand beständig in Frage, und ein Verstoß gegen die herrschenden gesellschaftlichen Sitten konnte den Entzug der Unterstützung bedeuten.

Die Situation der Jugendlichen war ebenfalls schwierig. Je nach ihrer gesellschaftlichen Herkunft fehlte ihnen sowohl die männliche als auch die weibliche Bezugsperson, da die Väter an der Front und die Mütter gegebenenfalls damit beschäftigt waren, für den Lebensunterhalt zu sorgen und in ihrer freien Zeit vor den Geschäften um die immer knapper werdenden Lebensmittel anzustehen. Die Unzufriedenheit vieler Jugendlicher aus der Arbeiterschicht äußerte sich in ihrer Beteiligung an den Hungerunruhen des Jahres 1916 in den Vierteln Barmbek und Hammerbrook. Daraufhin lautete die öffentliche Kritik, dass die jungen Leute verwahrlosten und kaum noch zu kontrollieren seien. Dabei war es für viele Familien wichtig, dass auch die Kinder mitarbeiteten, um das gemeinsame Auskommen zu sichern. Männliche Jugendliche wurden seit Kriegsbeginn dazu aufgefordert, sich durch die Teilnahme an Exerzier- und Turnübungen auf den Militärdienst vorzubereiten. Ab der Einführung des Gesetzes über den Vaterländischen Hilfsdienst im Dezember 1916 waren sie dazu verpflichtet, ihre Arbeitskraft dem Staat zur Verfügung zu stellen. Sie wurden in der Landwirtschaft, in der Rüstungsindustrie oder anderen kriegswichtigen Branchen eingesetzt.

Die Beschaffung von Lebensmitteln wurde in zunehmendem Maß zur Hauptbeschäftigung vieler Hamburger. Da im Verlauf des Krieges die Grundnahrungsmittel wie Brot und Kartoffeln immer knapper, teurer und schwieriger zu bekommen waren, litten viele Not. Diese schlug sich auf die körperliche Gesundheit nieder und führte in Teilen der Bevölkerung zu schweren Krankheiten oder gar dem Tod. So zählen zu den Hamburger Kriegsopfern nicht nur die circa 31.500 Gefallenen, sondern auch viele Hungertote, Opfer der „spanischen Grippe“ der Jahre 1918/19 sowie die Hinterbliebenen der Gefallenen, die Kriegswitwen und –waisen.

 

Verwendete Literatur:

Pelc, Ortwin: Hamburg. Die Stadt im 20. Jahrhundert. Hamburg 2002.

Reye, Hans: Der Absturz aus dem Frieden. Hamburg 1914-1918. Hamburg 1984.

Urias, Siegfried: Die Hamburger Juden im Kriege 1914-1918. Festschrift des Vaterländischen Bundes jüdischer Frontsoldaten in Hamburg aus Anlaß seines zehnjährigen Bestehens 1919-1929. Hamburg 1929.

Strupp, Christoph: Die mobilisierte Gesellschaft. Hamburg im Ersten Weltkrieg. In: Zeitgeschichte in Hamburg: Nachrichten aus der Forschungsstelle für Zeitgeschichte (FZH) 2014. Hamburg 2015, S. 11-37.

Ullrich, Volker: Kriegsalltag: Hamburg im Ersten Weltkrieg. Köln 1982.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Musterung im Innenhof des Johanneum, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_265-09=03_005-010 (2).