Hamburg im Ersten Weltkrieg

1914 - 1918

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Anne Lena Meyer

Der Erste Weltkrieg ging als erster sogenannter totaler Krieg in die Geschichte ein, da erstmals die komplette Bevölkerung der beteiligten Länder, unabhängig davon, ob es sich um Kriegsschauplätze handelte oder nicht, miteinbezogen wurde. So war die Freie und Hansestadt Hamburg zwischen August 1914 und November 1918 Teil der „Heimatfront“. Ein deutliches Indiz hierfür war neben der Einberufung eines großen Teils der männlichen Bevölkerung zur Armee, dass zum Beispiel in der Stadtverwaltung zivile Einrichtungen durch militärische Behörden ersetzt wurden. So wurde nach Kriegsbeginn bereits Anfang August 1914 ein militärisches Generalkommando für Hamburg eingesetzt, das ein Gebäude an der Palmaille in Altona bezog. Dieses hatte einerseits die Aufgabe, Nachschub für die Armee zu besorgen, hatte aber außerdem die Kontrolle über wichtige Bereiche des öffentlichen Lebens wie beispielsweise die Genehmigung oder das Verbot von Versammlungen, die Regulierung der Presse, Zensur, (zeitweise) die Überwachung der Post oder die Unterbringung von Kriegsgefangenen. Auch verschiedene wirtschaftliche Vorgänge sowie die Gestaltung von Propagandamaßnahmen gehörten dazu. Der Hamburger Senat, die eigentliche Regierung der Stadt, behielt dagegen weitestgehend die Kontrolle über die Lebensmittelversorgung sowie das Tagesgeschäft der städtischen Verwaltung. Zur Veränderung des Stadtbildes trug bei, dass viele Geschäfte und Gaststätten, die bis dato ausländische, etwa englische oder französische Namen getragen hatten, deutsch-patriotische Namen erhielten. Nicht zuletzt brachten die vielen Kriegsbeschädigten, die bereits nach den ersten Schlachten und dann im zunehmenden Maß nach Hamburg zurückkamen, den Krieg in die Heimat. Insgesamt waren zwischen 1914 und 1918 verhältnismäßig mehr alte Menschen, Frauen und Kinder in der Stadt zu sehen.

„Zudem wurde der Einfluss des Senats weitgehend eingeschränkt: „Politisch bedeutete der Kriegsbeginn, dass zentrale verfassungsmäßige Rechte außer Kraft gesetzt wurden und die vollziehende Gewalt in Hamburgauf den stellvertretenden Kommandierenden General des IX. Armeekorps in Altona überging, der seinen Sitz an derPalmaille hatte. Das Amt bekleidete der General der Artillerie Maximilian von Roehl, am 5. Juni 1916 folgte ihm der General der Infanterie Adalbert von Falk. Ihnen standen zunächst nur wenige Offiziere und Beamte zur Seite. Im Oktober 1917 war das Generalkommando dann personell aufrund 400 Militärs und Zivilangestellte angewachsen.“ [1]
Wie in anderen Großstädten veränderte sich vor allem das Leben der Frauen in Hamburg durch den Krieg stark. Neben der Sorge um einen an der Front stehenden Ehemann, Vater, Bruder oder Sohn mussten viele Frauen nun arbeiten gehen, um für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Es gab zwar eine staatliche Unterstützung für die sogenannten Kriegerfamilien, doch diese war zu gering bemessen, als dass sie die stetigen Teuerungen von Mieten, Lebensmitteln und Heizmaterial hätten ausgleichen können. Aufgrund der massenhaften Einberufungen der Männer wurden mehr Arbeitsplätze mit Frauen besetzt – zum ersten Mal gab es beispielsweise Schaffnerinnen in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch in den kriegswichtigen Betrieben, vor allem der Rüstungsindustrie, arbeiteten vermehrt Frauen auf Arbeitsplätzen, die zuvor Männern vorbehalten gewesen waren. Besonders für Frauen aus den unteren Schichten war der Kriegsalltag hart, denn neben einer vielleicht ungewohnten, anstrengenden und schlecht bezahlten Lohnarbeit mussten sie wie gewohnt ihre Familien versorgen. Lebensmittel und Heizmaterial waren knapp und teuer, und man musste oft lange für sie anstehen oder verschiedene Geschäfte aufsuchen, was einen bedeutenden Teil der freien Zeit kostete. So waren auch Kinder und Jugendliche vom Krieg betroffen, da ihnen die Vaterfigur fehlte und die Mütter häufig abwesend waren. So kam es in der Gesellschaft, vor allem aber in der behördeninternen Kommunikation, zu Klagen über eine „Verwahrlosung“ und „Verrohung“ der Jugend, die die öffentliche Ordnung gefährde.

Im gesamten Deutschen Reich und damit auch in Hamburg verschlechterte sich die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln von Kriegsbeginn an bis hin zu einer großen Versorgungskrise während des „Steckrübenwinters“ 1916/17. In diesen Monaten bildeten Steckrüben das Grundnahrungsmittel, da weder ausreichend Kartoffeln noch Brot zur Verfügung standen. Allerdings hatten diese Rüben einen geringeren Nährwert, sodass vor allem in den unteren Schichten Erscheinungen von Unterernährung zu einem großen Problem wurden. Währenddessen blieben Familien mit einem hohen Einkommen zumeist von einem allzu schlimmen Mangel an Lebensmitteln, Heizmaterial und Kleidung verschont – obgleich sie durchaus die Sorge hatten, diesen noch erleiden zu müssen. Gründe für die verheerende Lebensmittelsituation waren unter anderem die mangelnde Vorausschau der Regierung hinsichtlich der Versorgung der Zivilbevölkerung, die britische Seeblockade, die die notwendigen Importe verhinderte und von August 1914 bis Mitte 1919 dauerte, der Fehlschluss, dass es sich lediglich um einen kurzen Krieg handeln würde sowie der Arbeitskräftemangel, vor allem in der Landwirtschaft. Hamburg als eine der größten Städte des Kaiserreiches konnte zudem kaum auf Produkte aus eigenem landwirtschaftlichen Gebiet zurückgreifen. Bereits im Frühjahr 1915 wurden Lebensmittelmarken und damit verbundene Rationierungen von Brot eingeführt.

In Altona kam es im Verlauf des Jahres 1916 zu einem Mangel an Grundnahrungsmitteln wie Brot und Fett, für den auch die Regulierung des Marktes durch Lebensmittelmarken und Höchstpreise für viele Produkte keine Lösung darstellte. Im August desselben Jahres brachen erste Hungerunruhen in den Hamburger Stadtteilen Barmbek und Hammerbrook aus, wo sehr viele Arbeiter lebten, die aufgrund ihrer niedrigen Löhne von den Teuerungen besonders betroffen waren. Im Februar 1917 ereignete sich dies auch in Altona, Bahrenfeld und Ottensen. Hier äußerte die Bevölkerung in lautstarken Protesten ihre Forderung nach einer ausreichenden Brotversorgung. Im Verlauf des Krieges mussten sich auch wohlhabendere Familien in zunehmendem Maße einschränken. Für Familien oder Einzelpersonen mit zu geringem Einkommen oder Rücklagen, um die Vorräte beispielsweise auf dem Schwarzmarkt zu ergänzen, war die Mangelversorgung während des Krieges ein lebensbedrohliches Problem. So kann für das deutsche Kaiserreich insgesamt von etwa 700.000 Todesfällen infolge von Unterernährung und damit verbundenen Krankheiten ausgegangen werden. Dabei gab es eine von der staatlichen Propaganda und der öffentlichen Meinung vorgegebene Richtlinie, in den Feldpostbriefen an die Front keine Klage über die schlechten Zustände in der Heimat zu führen, um die Stimmung an der Front nicht durch sogenannte Jammerbriefe zu verschlechtern.

Für die Hamburger Wirtschaft bedeutete der Krieg einen entscheidenden Einschnitt. Bereits Mitte August 1914, also nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn, begann die britische Seeblockade, was sich direkt auf Hamburg als bedeutende Hafen- und Handelsstadt auswirkte. Viele Beschäftigte, sowohl Hafenarbeiter als auch kaufmännische Angestellte, verloren ihre Arbeit, denn ohne einen reibungslos verlaufenden Handel konnten auch die Kontore und Büros nicht mehr erfolgreich geführt werden. Handel war nur noch mit neutralen Ländern, wie zum Beispiel Dänemark, Norwegen und Schweden möglich. Im Laufe der ersten Kriegsjahre mit der Umstellung der deutschen Wirtschaft auf eine Kriegswirtschaft ging die Arbeitslosigkeit jedoch rapide zurück und kehrte sich im Verlaufe des Krieges sogar um, denn durch die Einberufungen gab es teilweise sogar zu wenig Arbeiter.

Das Kriegsende im November 1918 wurde wie in vielen anderen deutschen Städten auch in Hamburg von einer Revolution begleitet, die zum Ergebnis hatte, dass sich der neu gegründete und nach Kieler Vorbild gebildete Arbeiter- und Soldatenrat mit dem traditionellen Senat die politische Macht teilte.

Hamburg hatte etwa 31.500 Kriegstote zu beklagen, was ungefähr einem Anteil von 2,85% der Gesamtbevölkerung von 1,1 Millionen (1913) entspricht. Etwa 13,9% der Eingezogenen waren gefallen.

 

Zitat:

[1] aus: Strupp, Christoph: Die mobilisierte Gesellschaft. Hamburg im Ersten Weltkrieg. In: Zeitgeschichte in Hamburg: Nachrichten aus der Forschungsstelle für Zeitgeschichte (FZH) 2014. Hamburg 2015, S. 15.

 

Grundlegende Literatur:

Molthagen, Dietmar: Das Ende der Bürgerlichkeit? Liverpooler und Hamburger Bürgerfamilien im Ersten Weltkrieg (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte Bd. 42). Göttingen 2007.

Reye, Hans: Der Absturz aus dem Frieden. Hamburg 1914-1918. Hamburg 1984.

Strupp, Christoph: Die mobilisierte Gesellschaft. Hamburg im Ersten Weltkrieg. In: Zeitgeschichte in Hamburg: Nachrichten aus der Forschungsstelle für Zeitgeschichte (FZH) 2014. Hamburg 2015, S. 11-37. Artikel hier →

Ullrich, Volker: Kriegsalltag: Hamburg im Ersten Weltkrieg. Köln 1982.

 

Bildnachweise:

Abb. Slider: Reservist mit Familie (Foto), Staatsarchiv Hamburg, StAHH 1914_08_19_1_1.