Heinrich Carl Schimmelmann – Ein global player am Rande Hamburgs

Martin C. Wald

Der Stadtteil Wandsbek liegt heute mitten in Hamburg. Vor gut 250 Jahren war das noch anders. Östlich der Stadtmauern auf Höhe des heutigen Hauptbahnhofs begann das bäuerliche Herzogtum Holstein, zwar wie Hamburg Teil des Reiches, aber ein Lehen des Königs von Dänemark. Wandsbek war damit ein de facto dänisches Dorf.

Eine verwirrende Nachbarschaft – die aber von findigen Unternehmern und Staatsmännern produktiv genutzt werden konnte. Heinrich Carl Schimmelmann war Schlossherr in Wandsbek und Finanzberater der dänischen Könige, international agierender Geschäftsmann und Förderer der lokalen Industrie, als Exporteur von Baumwollprodukten nach Afrika und Importeur von Zucker aus der Karibik ein transatlantischer „global player“. Und nicht zuletzt war er: Sklavenhalter, Sklavenhändler!…

Vom Bankrotteur zum erfolgreichen Geschäftsmann

1724 in Vorpommern geboren, soll der Bürgerssohn zunächst als Transportunternehmer auf der Elbe gescheitert sein. Später erlangte er in Sachsen ein beachtliches Vermögen im Handel mit Zucker und Porzellan. Er profitierte vom Siebenjährigen Krieg (1756-1763), in dem er das preußische Heer verpflegte, und beteiligte sich an einer Währungsmanipulation, sprich: Münzverfälschung. Später brachte er manche Legenden in Umlauf, um diese für ihn unangenehme Vergangenheit vergessen zu machen.

1757 ließ sich Schimmelmann in einem Palais am Michel nieder, aber nicht mit Hamburger Bürger-, sondern nur „Fremdenrecht“, denn die reichen Hamburger Kaufleute misstrauten ihm, während sich Dänemark und Preußen um die Dienste des Geschäftsgenies rissen. Letztlich machten die Dänen das Rennen und Schimmelmann zum Schatzmeister des Königs und dänischem Geheimen Rat. Ob König, ob Staat, das war in dem absolutistisch regierten Land einerlei. Durch seine persönliche Kreditwürdigkeit half er gar, eine dänische Staatsschuldenkrise zu beenden. Der Lohn war die Aufnahme in den dänischen Adelsstand.

Nach und nach baute sich Schimmelmann ein Geschäftsimperium auf. Sein Kern war die Zuckerraffinerie in Kopenhagen. Rohzucker wurde aus Westindien importiert und zu weißem Raffinadezucker für den europäischen Markt verarbeitet. Vom dänischen König kaufte er  1762 Wandsbek, wo er Baumwolle bearbeiten ließ, die auf Schiffen aus Amerika nach Hamburg transportiert worden war. Gewehre, in Hellebek nördlich von Kopenhagen produziert, gingen wie viele dieser Baumwollprodukte nach Afrika. Dort bezahlten die lokalen Stammesfürsten mit einer besonderen Ware: den Sklaven, Arbeitskräften für die amerikanische Landwirtschaft. Was lag näher, als dass Schimmelmann auch noch zum Plantagenbesitzer in Westindien wurde, selbst Rohrzucker kultivieren ließ – und damit das Dreieck des transatlantischen Handels schloss.

 Sklavenhalter und Sklavenhändler

Nein – im Hamburger Hafen legte niemals ein „Sklavenschiff“ an. In Europa waren nicht die Arbeitskräfte, sondern die Arbeit knapp. Anders in Amerika: Mit zunehmender Nachfrage nach Zucker und Tabak, Kakao und Kaffee, Baumwolle, Indigo und anderen landwirtschaftlichen Produkten wie Tomaten oder Kartoffeln stieg auch der Bedarf an Menschen, die sie anbauten. Spanier, Engländer, Franzosen und Holländer legten auf den karibischen Inseln weitläufige Plantagen an. Dänemark war im Vergleich eine zweitrangige Seemacht, doch auch hier war eine „Westindische Kompanie“ ins Leben gerufen und 1666 die menschenleere Insel St. Thomas in Besitz genommen worden, der St. Jan und die größte der dänischen „Jungferninseln“, St. Croix, folgten. 1763 erwarb Schimmelmann vier Zuckerrohrplantagen und eine Raffinerie mit Packhaus. Nach der Ernte wurde in Westindien noch das Rohr ausgepresst und bis zur Gewinnung der sirupartigen Melasse weiterverarbeitet. In diesem Vorgang wurde auch der vor allem bei Seeleuten so beliebte Rum abgeschöpft.

Heinrich Carl von Schimmelmann ist niemals in Westindien gewesen, hat nie einen Sklaven auf seinen Plantagen arbeiten sehen. Wir wissen aber, dass er ca. 1000 Sklaven besessen haben muss. Sein Zeichen „BvS“ („Baron von Schimmelmann“) wurde jedem neu erworbenen „Stück“ in die linke oder rechte Brusthälfte gebrannt. In den Inventarlisten waren die Sklaven neben Geräten, Backöfen oder Vieh in Inventarlisten aufgeführt. Ständig mussten neue Sklaven aus Westafrika importiert werden, weil die Bevölkerungsbilanz unter den Sklaven negativ war, sprich: Es starben viel mehr von ihnen, als neu geboren wurden. Familiengründungen wurden unmöglich  gemacht. Die Strafen werden sich unter Schimmelmanns Verwaltern nicht deutlich von dem unterschieden haben, was aus dem Gardelinschen Strafreglement für Neger von 1733 bekannt ist: Brandmarkung der Stirn, Schläge, Zwicken mit glühenden Zangen, Abhacken von Beinen und Händen, Verlust des Lebens.

Durch den Französisch-Englischen Krieg wurde Schimmelmann seit 1778 zum zweiten Mal in seinem Leben zum Kriegsgewinnler, indem das Geschäft der Franzosen jetzt zu einem guten Teil die Dänen betrieben. Sklavenschiffe, die von Westafrika in die Karibik fuhren, gehörten der Familie Schimmelmann, oder sie wurden von ihr als Anteilseigner finanziert.

Wandsbeker Leben

1782 starb Heinrich Carl von Schimmelmann in Kopenhagen. Er verfügte in seinem Testament, in seinem Lieblingsort Wandsbek bestattet werden zu wollen. Noch heute kann man sein schönes klassizistisches Mausoleum besichtigen, das vom Busbahnhof gesehen etwas versteckt links hinter der modernen Christuskirche liegt.

Doch wie war Schimmelmann eigentlich nach und auf Wandsbek gekommen? Bereits 1759 hatte er das Gut Ahrensburg mit seinem Renaissance-Schloss erworben. Wandsbek lag näher an Hamburg und fügte sich so besser in seine Geschäftsinteressen. Das Gut hatte sich vor dem Erwerb durch Schimmelmann in keinem guten Zustand befunden. Insgesamt handelte es sich um ein verarmtes, verelendetes Gebiet mit schlechtem Ruf. Der wichtigste Wirtschaftsfaktor waren einige Mühlen entlang des Wandse-Laufs, deren Potential der neue Gutsherr erkannte.

Neben dem Neubau des Schlosses begann er die „Industrie“ zu stärken, was im 18. Jahrhundert weniger rauchende Schlote als die menschlichen Produktivkräfte meinte. Die importierten Baumwollstoffe – Kattun – wurden in Wandsbek gebleicht und bedruckt. Schimmelmann erteilte dafür Hamburger Kaufleuten eine Konzession, also die Erlaubnis, ihre Fabriken auf dem Gutsgelände errichten zu dürfen. Experten aus der Textilbranche wurden angeworben. Es folgten weitere Wäschereien und Bleichereien, je eine Leder-, Hut-, Kachel-, Seifen- und Tabakfabrik, ein Unternehmen zur Gerbstoffgewinnung sowie eine Affinerie, eine Metallscheide. Die Mühlen hatten volle Auftragsbücher und arbeiteten rentabler als zuvor.

Die gepflegten Grünanlagen des Schimmelmannschen Anwesens zogen darüber hinaus viele Hamburger Ausflügler nach Wandsbek. Die Gaststätten genossen einen ausgezeichneten Ruf. Reiche Hanseaten entdeckten den Ort als Wohnquartier. Durch die Tätigkeit von Matthias Claudius, der den deutschlandweit gelesenen „Wandsbecker Bothen“ herausgab, entwickelte sich das kleine Wandsbek zum wichtigen literarischen Treffpunkt und geistigen Zentrum.

Vater und Sohn

Der alte Schimmelmann hat niemals an der Berechtigung des Sklavenwesens gezweifelt. Wichtiger muss ihm, dem scharf rechnenden Rationalisten, gewesen sein, in Menschen zu investieren. So wurden auch immer wieder schwarze Sklaven, die tüchtig genug schienen, zur Ausbildung nach Europa entsandt. Als Handwerker oder auch medizinisches Personal, gleichwohl als Sklaven, kehrten sie dann nach Westindien zurück. Auch in Ahrensburg und Wandsbek wird die einheimische Bevölkerung ihrer ansichtig geworden sein und sich gewundert haben. Andere Schwarze wurden als „Kammermohren“ an Adlige und Großbürger verkauft, die stolz darauf waren, von einem solchen feudalen „Spielzeug“ den Kaffee oder Kakao serviert zu bekommen.

Eine andere Richtung der Aufklärung repräsentiert der Haupterbe Heinrich Carls, Ernst Heinrich von Schimmelmann (1747-1831). Der Vater verschaffte seinem ältesten Sohn eine weltmännische Erziehung, schickte ihn auf damals gängige „Kavalierstour“ ins fortschrittliche und frühindustrialisierte England. Weicher und musischer als der Vater veranlagt, korrespondierte er mit vielen Aufklärern und Dichtern seiner Zeit, verehrte Schiller und Rousseau, von dem der programmatische Satz stammt: „Der Mensch wird frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“

Frühe Versuche des Schimmelmann-Erben, das Los seiner Sklaven zu mildern, scheiterten wohl meist am Widerstand der Verwalter und Aufseher in den Kolonien. Doch ist es auch auf seinen Einfluss zurückzuführen, dass Dänemark das erste Land war, das 1792 den Sklavenhandel verbot, allerdings erst nach einer Eingewöhnungsfrist von zehn Jahren. Im Großen und Ganzen wurde das Versprechen eingelöst, begünstigt durch das britische Verbot von 1807. Aufgeklärte Vorstellungen über menschliche Freiheit und Gleichheit spiegeln sich übrigens genau zeitgleich in der Befreiung der dänischen Leibeigenen, so auch auf Gut Wandsbek.

Die Sklavenhaltung auf den dänischen Jungferninseln endete 1848. Die Schimmelmanns verkauften 1878 ihren mühselig zusammengehaltenen Besitz, im selben Jahr legte ein Aufstand schwarzer „Proletarier“ Plantagen und Produktionsanlagen in Schutt und Asche. Seit 1917 sind die Inseln US-amerikanisches Außengebiet, das sich heute eines bescheidenen Wohlstands erfreut. Wandsbek aber wurde 1870 zur Stadt und ist heute ein florierender Bezirk der Freien und Hansestadt Hamburg. Spuren des Wirkens seines frühen Förderers, des Sklavenhalters Heinrich Carl von Schimmelmann, sind zumeist verschüttet; wer sich bemüht, kann sie gleichwohl entdecken.

 

Grundlegende Literatur:

Degn, Christian: Die Schimmelmanns im atlantischen Dreieckshandel. Gewinn und Gewissen, 3. Aufl. Neumünster 2000.

Pommerening, Michael/Frank, Joachim W.: Das Wandsbeker Schloss. Rantzau, Brahe und die Familie Schimmelmann, Hamburg 2004.

Winkle, Stefan: „Firma Schimmelmann und Sohn“. Der dänische Sklavenhandel. In: Hamburger Ärzteblatt, H. 12/2003, S. 530-537. https://de.scribd.com/doc/299127164/Schimmelmann-und-Sohn-Sklavenhandel-Dreieckshandel

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Nordansicht des Wandsbeker Schlosses mit Attika und Turm, Kolorierte Lithographie von C. Laeisz, aus: Pommerening, Michael/Frank, Joachim W.: Das Wandsbeker Schloss. Rantzau, Brahe und die Familie Schimmelmann, Hamburg 2004, S. 75.