Manufakturen – Arbeit und Armut

 Rita Bake

Hamburg war in der Zeit des Merkantilismus hauptsächlich Handelsstadt und besaß relativ wenige Manufakturen, die sämtlich private Unternehmungen waren.

Am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts erfuhren allerdings in Hamburg die Manufakturen von Luxusartikeln einen starken Aufschwung. Samt-, Seiden- sowie Gold- und Silbermanufakturen waren zahlreich vertreten, und auch Stickereien,  Leinwandmanufakturen, Färbereien und Kattundruckereien und nahmen ihren Anfang.  Die Mennoniten führten Strumpf- und Hutmanufakturen, Seifensiedereien und den Seifenhandel ein. Darüber hinaus wurde in Hamburg Zwirn, Hasen- und Kamelhaar versponnen. Ebenso waren die Zuckersiedereien ein Luxusgewerbe.

Zu dieser Zeit durften Hamburger Waren nach Preußen eingeführt werden, denn es gab noch keine Handelsbeschränkungen. Aber bald nach Regierungs-Antritt Friedrichs des Großen und nach seiner Eroberung Schlesiens gab es Handelsverbote. Die Einfuhr aller Artikel, die Preußen aus den benachbarten Län­dern bezogen hatte, wurde verboten oder mit hohen Abgaben belegt. So konnten die Luxusartikel nicht mehr von den Hamburger Manufakturunternehmern in Preußen abgesetzt werden, auch, weil diese Artikel dort selbst verfertigt wurden.

Als Österreich, Dänemark und Schweden ebenfalls Handelsbeschränkungen verhängten, bedeutete dies einen Einbruch für die Hamburger Wirtschaft. Während des siebenjährigen Krieges erholten sich zwar die Hamburger Manufakturen ein wenig, doch die Zahl der österreichischen Manufakturen nahm zu, Hamburger Samt durfte nicht mehr nach Österreich eingeführt werden, und auch  Gold- und Silberarbeiten, Kattun und Zucker wurden nicht mehr abgenommen. Außerdem kam der Samt aus der Mode, ebenso die bestickten oder reichlich verzierten Knöpfe. Hinzu kam noch, dass auch Schweden bemüht war, Manufakturen im eigenen Land zu errichten. Um den Luxus zu unterbinden, führte der König von Schweden eine Nationaltracht ein, was dazu führte, dass für die Hamburger Manufakturen die Einfuhr von Gold- und Silbertressen nach Schweden verboten wurde.

Es waren vor allem Frauen und Männer aus der Armutsschicht, aber auch zum Teil Frauen aus der Mittelschicht, die keine Arbeit mehr fanden. Am Beispiel der Frauenarbeit lässt sich rekonstruieren, wie die Lebensumstände der Manufakturarbeiter des 17. und 18. Jahrhunderts aussahen. In der Spätzeit der Manufakturarbeit versorgten die Hamburger Armenanstalt und die Schuldeputation die Manufakturbesitzer mit Arbeitskräften. Mädchen und Frauen waren für das  Gold- und Silberspinnen gesucht. Außerdem waren Frauen weiterhin in Zwirnmanufakturen, Baumwollspinnereien und -webereien, Blumen- und Federnmanufakturen zum Wergpflücken, Rautenknüppeln und Korkschneiden angestellt. Dabei wurde ein Großteil Mädchen, junger Frauen (d.h. die schon konfirmiert und über vierzehn Jahre alt waren) die alle bei der Schuldeputation gemeldet waren, von dieser in die oben genannten Manufakturen geschickt.

So arbeiteten z.B. 1792 in den Zwirnmanufakturen von Flickwier und Adolf Cramer in der Beckergasse vierzehnt bis sechszehnjährige Mädchen. Ihr wöchentlicher Verdienst betrug 12 Schillinge. Außerdem wurden von der Schuldeputation Mädchen zum Tuchfabrikanten Dreyer geschickt, wo sie auf dem großen Rad Wolle spannen. Und auch in der Blumen- und Federnmanufaktur von Brock & Comp. in der Steinstr. 119 arbeiteten Mädchen, die während der Lehre wöchentlich 2O Schillinge bekamen, und wenn sie ausgelernt hatten, wöchentlich bis zu sechs Mark verdienen konnten.

Mädchen, Jungen und Frauen wurden in den Seidenmanufakturen mit Seidewickeln und -weben beschäftigt, womit sie bei dem Seidenfabrikanten Eberhardt Albert Behrens auf dem Venusberg wöchentlich 12 bis 14 Schillinge verdienten.

Um 1792 müssen besonders viele Seidenwicklerinnen und -weber(innen) in Lohn und Arbeit gewesen sein, denn das „Caffamacheramt“ florierte. Das Bedürfnis nach „Luxus“ hatte näm­lich dazu geführt, dass die Dienstmädchen und Bauern anstatt der üblichen kleinen Tücher nun sehr große Tücher tragen wollten. So war das Angebot von Arbeitsplätzen der Tuchmanufakturen von der Mode abhängig. Die Mädchen, Frauen und Jungen, die in den Seidenmanufakturen das Weben erlern­ten, erhielten wöchentlich 6bis 18 Schillinge.  Mädchen konnten diese Arbeit ab ihrem 10. Lebensjahr beginnen. Eine weitere Tätigkeit für Mädchen zwischen acht und zehn Jahren stellte das Bortenknüppeln dar, welches sie bei einem Herrn Ziegler erlernten. Nach ihrer Lehre bot er ihnen die Möglichkeit, in ihren eigenen Wohnungen weiterzuarbeiten. 1793 verdienten diese Mädchen in ihrer Anlernzeit 8 Schillinge die Woche, nach ihrer Lehre konnten sie dann wöchentlich 3 Mark verdienen.

Die Schuldeputation vermittelte etliche Arbeiterinnen in die die Baumwollspinnereien und -we­bereien. In der gut florierenden Baumwollspinnerei und -weberei des G. G. Hannsen arbeiteten im Jahre 1793 zirka 30 arme Menschen. Der wöchentliche Lohn lag 1793 zwischen 8 Schil­lingen und 1 Mark und 8 Schillingen, jen nach Ruf als Arbeiter/In. Diejenigen Frauen und Männer, die nur 8 Schillinge verdienten, wurden als faul und für „nichts wert“ bezeichnet.

Im 18. Jahrhundert nahmen einige Gewerbe Aufschwung.  Die besten Beispiele sind Kattundruckereien und die Zuckersiedereien, die vom Handel mit Amerika und Afrika profitierten (siehe Dreieckshandel – Sklavenhandel→)

In den sehr zahlreich vertretenen Zuckersiedereien wurden  oft nur Tagelöhner beschäftigt. Die Mägde des Haushalts  arbeiteten allerdings in den Betrieben mit, ebenso wie die Besitzer-Familie.

Ende des 18. Jahrhunderts arbeitete in in den Kattundruckerei­en und in den Strumpfmanufakturen die größte Anzahl von Frauen.  Bei den Kattundruckereien handelte es sich dabei um zentralisierte Manu­fakturen, die Strumpfmanufakturen waren dagegen dezentralisierte Unternehmen, bei denen die Frauen in ihren Wohnungen mit Stricken beschäftigt waren und wo die Strümpfe dann zentral in den Häusern der Unternehmer gefärbt wurden.

Bedruckter Baumwollstoff – Sommertuch und Exportgut

Im 18. Jahrhundert hatten die Hamburger Kattundruckereien Hochkonjunktur. 1787 gab es 27 Manufakturen und 29 Gelbdruckereien. Hinzu kamen noch die Kattunglättereien, die Kattunbleichen, die Schilderwinkel und die Formschneider, wobei letztere die vorgezeichneten Muster in Holzmodel gruben. Teilweise waren diese Muster Nachahmungen wertvoller Seidenwebereien, teilweise waren es Muster mit arabischem oder afrikanischem Anklang, die sich gut im Dreieckshandel exportieren ließen. Insgesamt lebten zu dieser Zeit zirka 5ooo Menschen von den Kattundruckereien. Ein kleiner Teil der Manufakturbesitzer waren ehemalige Färber. Die meisten Unternehmer aber waren Textilhändler, die bisher anderen Orts hatten drucken lassen und nun ihrer Firma eine eigene Stoffdruckerei angliederten.  Kattundruckereien bekamen von den Kattunhändlern den unbemalten Kattun geliefert, welcher aus Sachsen, Schlesien und 1728/29 aus London importiert wurde. Die Bearbeitung erfolgte nach Mustern, welche der Kaufmann vorgab.

Frauen drucken die Stoffe bunt

Die Arbeit der Frauen und Mädchen (beide „Schildermädchen“ genannt) bezog sich hauptsächlich auf das Auftragen der Farben auf die Stoffe mit Hilfe von Stoffdruckmodeln (Schilder oder Formen genannt).

Einige Frauen arbeiteten als Aufseherinnen. Nur eine Frau entwarf in Hamburg Muster, nach denen dann die Druckschilder geschnitzt wurden. Sie bezog als Spezialistin 5000 Gulden im Jahr. Ein Großteil der Schildermädchen, die älter als zehn Jahre sein mussten, wurde bei der Schuldeputation gemeldet und von dieser zu den Kattundruckern geschickt.  Die  Frauen und Mädchen, die als Schildermädchen  arbeiteten, wurden zu dieser Tä­tigkeit nur angelernt , d.h. sie erhielten keine qualifizierte Berufsausbildung, was eine geringe Bezahlung recht­fertigte.

Die Strumpfmanufakturen

Strumpfmanufakturbesitzer waren oftmals Kaufleute, Händler und Manufaktur­besitzer in einem. Sie ließen im Werk- und Zuchthaus, bei der Armenanstalt, auf dem Lande und auch von nicht bei der Armenanstalt gemeldeten Armen in der Stadt Strümpfe stricken und in ihren Manufakturen färben.

 Strümpfe stricken gegen Armut?

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Strumpfstrickerei ein blühendes Gewerbe, so dass der Verwalter des Zucht- und Werkhauses, Johann Hinrich Paulsen, 1725 anregte, die Fabrik des Werk- und Zuchthauses mit der der allgemeinen Armenanstalt als Strumpffabrik zu etablieren. Mit Hilfe von Kontrakten, die das Werk- und Zuchthaus mit Hamburger Strumpfhändlern abschließen wollte, sollte die Möglich­keit gegeben werden, den Armen Hamburgs Arbeit zu verschaffen,  und damit der Bettelei vorzubeugen. Deshalb unterbreitete am 4. 10. 1725 der Rat der Erb. Bürgerschaft den Vorschlag, die Armen in ihren Wohnungen mit Strümpfestricken zu beschäftigen. Zu diesem Zweck sollten die Armen von den Strumpfhändlern mit Wolle versehen werden, in Listen eingetragen, von Inspektoren überwacht und entlohnt werden. Das Hauptkriterium für eine geeignete Armenbeschäftigung war dabei, dass dadurch weder der Handel noch das Gewerbe in Hamburg eine Konkurrenz erfuhr. Diese Befürchtung brauchten die Bürgerschaft und der Rat bei der Strumpfstrickerei  nicht zu haben, da man davon ausging, dass mit Strümpfestricken ausschließlich arme Leute zu beschäftigen seien.

Um den Absatz zu sichern, der allerdings ohnehin sehr hoch war, da die Hambur­ger Strümpfe von sehr guter Qualität waren und daher einen guten Ruf hatten, sollte der Lohn so gering gehalten werden, wie er auf dem Lande üblich war, wo die Strumpfhändler bis zu diesem Zeitpunkt zum größten Teil hatten stricken lassen.

Da der Rat aber wusste, daß in einer Stadt die Lebenshaltungskosten höher als auf dem Lande waren, machte er den Vorschlag, den Armen für ihre Arbeit eine „extra Belohnung”, d.h. einen auf Kosten des Werk- und Zuchthauses höheren Lohn zukommen zu lassen. Die Strumpfhändler hatten also nur das Material zu lie­fern und einen sehr geringen Lohn zu zahlen. Vom Rat der Stadt wurde zu Beginn dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme davon ausgegangen, dass zirka 2o ooo Menschen mit Stricken zu beschäftigen seien. Aber schon im Jahre 1729 arbeiteten nur 25o und 1732 nur noch 142 Personen für die Strumpfhändler. Es zeichneten sich auch schon bald Schwierigkeiten zwischen den Strumpfhändlern und den Inspektoren des Werk- und Zuchthauses ab. Die Strumpfhändler beschwerten sich über die Inspektoren, die nach ihrer Meinung zu lässig die Ar­beiten abnahmen und verteilten, so dass dadurch die Qualität der Produkte sank. Die Inspektoren ihrerseits beklagten sich über die Strumpfhändler, welche schlech­tes Material lieferten und die festgesetzten Löhne kürzten. Beide monierten sie, dass die Armen häufig die gestrickten Strümpfe selbst verkauften. Es zeigte sich schnell, dass das Erlernen des Strümpfestrickens nicht so einfach vor sich ging, wie man es sich vorgestellt hatte, denn diese Arbeit erforderte viel Übung und Fleiß, damit qualitativ hochwertige Strümpfe hergestellt werden konnten.

Folge dieser Schwierigkeiten war, dass schließlich das Unternehmen aufgelöst wurde. Strumpfstrickerei als Beschäftigungsprogramm für Arme wurde von diesem Zeitpunkt an nur noch für die im Zuchthaus einsitzenden Personen wie z.B. für Bettler und für die dort freiwillig sich befindenden Armen eingeführt. Nach wie vor wurden aber weiterhin in der Stadt von armen Frauen und teilweise auch von Männern Strümpfe für die Strumpfhändler und Strumpf­manufakturen gestrickt. Zirka 4ooo Men­schen waren mit dieser Arbeit beschäftigt.

Im Jahre 1788 ging allerdings der Absatz der Strümpfe stark zurück, denn Öster­reich und Spanien hatten Einfuhrverbote für Hamburger Strümpfe erlassen. 1791 waren trotzdem noch einige tausend Menschen in Hamburg mit Stricken beschäftigt. Erst bei einer sechzehnstündigen Arbeitszeit konnten Strickerinnen und Stricker so viel verdienen, um damit das Nötigste zum Leben zu bezahlen.

Dass aber eine Strickerin oder ein Stricker überhaupt die Möglichkeit und auch die Fähigkeit besaß, solch einen langen Arbeitstag durchzustehen, kann nicht für den Großteil zugetroffen haben. Insbesondere Frauen waren davon betroffen: Denn wenn man bedenkt, dass häufig noch der Haushalt und kleine Kinder zu versorgen waren und darüber hinaus eine sechs­zehnstündige Arbeitszeit bei vermutlich schlechter Ernährung  kaum durchzuhalten war, scheint vielen Frauen die Kraft gefehlt zu haben, unter solchen Bedingungen ihr Existenzminimum zu erwirtschaften, so dass ein großer Teil dieser Arbeiterinnen trotz der Arbeit von der Armenfürsorge abhängig wurde.

Frauenarbeit – Arbeit in Armut

Die Arbeit in den Manufakturen wurde für Frauen schlechter entlohnt als für Männer.   Die Löhne fast aller  Hamburger Manufakturarbeiterinnen in der Zeit von 1788 bis 18oo waren in den meisten Fällen so  niedrig, dass sie für Alleinstehende nicht den Lebensunterhalt sicherten. Um 1788 erreichte z.B. der Lohn in den Kattun-, Woll- und Tabakspinnereien nicht einmal zwei Mark ( 32 Schillinge) in der Woche. Um 1790 benötigte aber eine Person mindestens 38 Schillinge pro Woche zum Leben, und selbst mit dieser Summe konnte sie sich kein Fleisch, sondern nur Kartoffeln und Brot als Nahrung leisten.  Aber nicht nur Arbeiterinnen in den Baumwoll-, Woll- und Tabakmanufakturen erhielten einen unter dem Existenzminimum liegenden Lohn, auch die Seidenwicklerinnen und -arbeiterinnen konn­ten im Jahre 1792 mit einem Wochenlohn von 12 bis 24 Schillingen nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Allein in der Blumen- und Federnmanufaktur von Brocks und Compagnie in der Stein­straße 119 und in der Seidenmanufaktur des Eberhard Albert Behrens auf dem Ve­nusberg wurden höhere Löhne gezahlt. In den Jahren 1794 und 1795 konnten Arbeiterinnen in diesen Manufakturen bis zu 9 Mark verdienen.

Wenn man jedoch bedenkt, dass die Lebenshaltungskosten rapide stiegen und  die Löhne nicht kon­tinuierlich angeglichen wurden, ist es fraglich, dass Manufakturarbeiterinnen alleine ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Es war Arbeit, die Armut erzeugte.

Folge der geringen Entlohnung war die Zunahme von Prostitution unter den Ma­nufakturarbeiterinnen. Als weitere Folgeerscheinungen der ökonomi­schen Situation der unverheirateten, schwangeren Arbeiterinnen können Kindesmord und Kindesaussetzung angesehen werden. Darüber hinaus  wurden die Frauen als Lohndrückerinnen, Konkurrenz für männliche Kollegen und als billi­ge Arbeitskräfte betrachtet. Mit dem Aufkommen der kapitalistischen Manufakturen im 18. Jahrhundert war eine Über­gangsphase zum Fabriksystem während der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts geschaffen worden, wobei mit den neuen Arbeitsbedingungen in den Manufakturen schon die Probleme entstanden, die bei der kapitalistischen Arbeitsweise in den Fabriken des 19. Jahrhunderts dann deutlich ( quantitativ mehr) zum Tragen kamen.

 Literatur: Bake, Rita: Vorindustrielle Frauenerwerbsarbeit. Arbeits- und Lebensweise von Manufakturarbeiterinnen im Deutschland des 18. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung Hamburg, Köln 1984.

 

Bildnachweis:

Abb. Titelfeld: Hamburger Konvoischiffe um 1670, Kupferstich, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_253-07.