Eine jüdische Kauffrau in Hamburg

1646/7 - 1724

Silke Urbanski

Glickl ist bekannt als Glückel von Hameln. Sie selbst nannte sich „Bas Judah Leib“ nach ihrem Vater. Dieser war Juwelenhändler und Vorsteher der ashkenasischen Gemeinde in Altona, obwohl er zur Zeit von Glickls Geburt in Hamburg lebte. Er hatte vom Stadtrat ein persönliches Wohnrecht erhalten – eine Besonderheit, denn zu jener Zeit war es ashkenasischen (deutschen) Juden nicht erlaubt, in Hamburg zu wohnen. 1649 widerrief die Bürgerschaft das Wohnrecht für die ashkenasischen Juden, und die Familie von Judah Leib zog fluchtartig nach Altona, welches unter königlich dänischer Regentschaft stand und den Juden weitgehende Rechte gewährte. Danach konnte Glickls Vater Hamburg nur mit einem kostenpflichtigen Pass betreten, aber 1657 flohen sie vor schwedischen Truppen wieder nach Hamburg. Glickl wird Hamburg später ihr „Nest“ nennen, aber sie lobte stets die tolerante Haltung der dänischen Könige gegenüber den Juden. Glickl sprach von Haus aus Jiddisch, lernte in der jüdischen Kinderschule Lesen, Schreiben und Rechnen, sprach auch das Hamburger Niederdeutsch und das Hochdeutsch des 17. Jahrhunderts, zudem ein wenig Hebräisch und Französisch. Im Alter von dreizehn Jahren wurde Glickl mit Chaim ben Joseph aus Hameln verheiratet. Nach jüdischer Tradition lebten die kindlichen Ehepartner zunächst zwei Jahre im Haus der Schwiegereltern in Hameln, dann bei Glickls Eltern in Hamburg. Glickl und Chaim gründeten bald einen Hausstand in der Hamburger Neustadt, wo etliche ashkenasische Juden lebten, während die portugiesisch-stämmigen Sepharden in der Altstadt wohnten. Glickl und Chaim führten ihre Geschäfte als Juwelenhändler und Kreditgeber gemeinsam. Er unternahm Reisen durch Mittel- und Osteuropa, während sie die Bücher führte und in Hamburg Geschäfte tätigte. Sie hatten gemeinsam vierzehn Kinder, von denen zwölf das Heiratsalter erreichten. Neben dem Handel und dem Haushalt las Glickl viel. Sie war eine gläubige Frau. Ungefähr zur selben Zeit, als sie ihre Tochter Mate zur Welt brachte (um 1665), erreichte die Kunde Hamburg, dass, der Messias, der Erlöser der Menschheit,  gekommen sei. Ashkenasim und Sepharden waren gleichermaßen begeistert, sie tanzten auf den Straßen. Der angebliche Messias Sabbatai Zwi wirkte im Nahen Osten, und Glickls Schwiegereltern schickten sogar Vorräte nach Hamburg, um ins Heilige Land zu reisen. Doch 1666  erreichte Hamburg die Nachricht, dass Sabbatai Zwi zum Islam übergetreten sei. Aber nicht diese Enttäuschung, sondern der Tod ihrer dreijährigen Tochter Mate ließen Glickl an ihrem Glauben zweifeln. Ihre tiefe Trauer zeigte sich auch später in ihren Memoiren, in denen sie mit Gott rechtete.

Doch sie verlor nicht nur die kleine Mate frühzeitig, sondern auch ihren geliebten Ehemann Chaijm. 1689 stolperte er in Hamburg auf dem Weg zu einem Geschäftspartner  und fiel unglücklich auf einen Stein. Eine alte Verletzung scheint dabei wieder aufgebrochen zu sein: Chaim starb drei Tage später. Er machte kein Testament. Sterbend sagte er, seine Frau wisse alles, was nötig sei. Sie versteigerte Wertgegenstände, um seine Schulden abzutragen, aber sie schrieb später, es sei genug für sie und die Kinder da gewesen. Kurz nach Chaims Tod begann sie ihre Erinnerungen aufzuschreiben. In ihren Memoiren  zeichnete sie ihre Trauer und Verzweiflung auf, aber auch Erfolge und Freuden. Das Buch hatte einen weiteren Zweck: Ihre Kinder sollten wissen, wo sie herkamen und wie ihre Eltern gelebt hatten. Glickl hatte Freude an Geschichten, an lehrreichen, erbauenden und gruseligen. Etliche band sie in ihre Erinnerungen ein.

Von jetzt ab führte Glickl die Geschäfte allein. Ihre kleine Pfandleihe war ebenso erfolgreich wie ihre ausgedehnten Handelsreisen. Sie reiste auf Messen und Märkte in Nordeuropa und im Deutschen Reich, und sie gründete in Hamburg eine Strumpfmanufaktur. Ihre Unternehmungen waren so einträglich, dass sie alle ihre Kinder in wohlhabende Familien verheiraten konnte. So heiratete ihre älteste Tochter Zipora 1674 in Kleve den jüdischen Berater des Prinzen Moritz von Nassau. Auch die anderen Kinder machten gute Partien in London, Berlin und Metz. Glickl vereinbarte die Heiratskontrakte für sie. Es war ihr wichtig, dass sie selbst und ihre Kinder geachtet wurden. Der Respekt der jüdischen Zeitgenossen war zu der Zeit das wichtigste Element der Ehre, die für Glickl ebenso bedeutsam war wie Wohlstand. Glickl war stolz, dass bei Ziporas Heirat christliche Adlige mitfeierten. Für Glickl waren ihre Kinder aber wichtiger als Ehre und Wohlstand. Als einer ihrer Söhne Bankrott anmelden musste, holte sie ihn nach Hamburg zurück und ließ ihn ihren kleinen Laden führen.

Im Alter von 55 Jahren fühlte sie sich zu alt, um weiter allein für sich und ihre Kinder zu sorgen. Sie heiratete den wohlhabenden Kaufmann Hirsch Levy in Metz, wo auch ihre Tochter Esther und deren Mann lebten. So verließ sie Hamburg, eine Stadt, an der sie hing, obwohl sie die judenfeindliche Politik der Bürgerschaft und die Übergriffe der Geistlichen und der einfachen Leute erschreckend fand. In Metz wurde sie zunächst nicht glücklich: Die Kinder ihres neuen Ehegatten lehnten sie ab, und ihr Französisch war zu schlecht, um sich flüssig mit anderen Jüdinnen zu unterhalten. Drei Töchter und zwei Söhne starben vor ihr. So litt sie unter großer Trauer – aber sie konnte sich auch an Nachrichten über die Geburt von Enkeln freuen. Das Leben der Juden in Metz war durch den Schutz Ludwigs XIV. sicherer als in Hamburg. Glickls eigenes Leben allerdings nicht: Ihr Gatte Hirsch Levy machte bankrott, und sie konnte nur einen kleinen Teil ihrer Mitgift aus der Konkursmasse retten. Hirsch Levy starb zehn Jahre später, zehn Jahre, in denen sich Glickl wieder um Geschäfte und Überleben sorgen musste. Danach erging es ihr noch schlechter: Der Ehemann einer Stieftochter entzog Glickl das Wohnrecht in Levys Haus. Sie mietete sich in einer Kammer ein, betreut nur von einer Magd. Nach einiger Zeit gab sie ihre Selbstständigkeit auf und zog in das Haus ihrer Tochter Esther. Dort war sie geborgen und schrieb ihre Memoiren zu Ende.

Glickl hat sich stets selbst beschuldigt, zu viel zu jammern, aber sie hat auch erkannt, dass sie immer wieder die Kraft zum Weitermachen aufbrachte. Vor ihrem Tod wurde ihr Schwiegersohn in London durch den Handel mit Indien zu einem der reichsten Männer der Stadt, aber sie musste auch hören, dass ihr Londoner Enkelsohn zur christlichen anglikanischen Kirche übertrat. Über dieses Hoch und Tief, dieses Leid und Glück hat sie sich in ihren Erinnerungen öfters bei Gott beschwert, doch sie hat sich immer wieder ermahnt, das Gute im Leben zu sehen. Ihre Erinnerungen sind die erste ausführliche Autobiografie einer Frau im deutschen Sprachraum, ein Meilenstein der Literatur. Eine Abschrift des Originals aus dem Hause ihres Sohnes Moses ist noch erhalten. Diese wurde 1896 von David Kaufmann auf Jiddisch herausgegben. Er gab Glickl auch den Namen Glückel von Hameln. Die jüdische Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim übersetzte die Erinnerungen aus dem Jüdisch-Deutschen der Frühen Neuzeit in modernes Deutsch. Sie sah in Glickl eine Vorfahrin und ein Vorbild und machte sie bekannt. Sie lies sich soger in Kleidung des 17. Jahrhunderts als Glickl portraitieren.

Gerhard Theuerkauf gewidmet

 

Literatur:

Zemon Davies, Natalie: Drei Frauenleben, Glikl, Darmstadt 1996; Dies.: Glickl bas Judah Leib – ein jüdisches, ein europäisches Leben, in: Richarz, Monika: Die Hamburger Kauffrau Glickl. Jüdische Existenz in der Frühen Neuzeit, Hamburg 2001,  S. 27-48; Richarz, Monika: Glikl Bas Judah Leib, in Hamburgische Biografie, Personenlexikon, Bd. 2, 2003, S. 145f.

 

Bildnachweis:

Abb. Titelfeld: Bertha Pappenheim im Kostüm der Glikl bas Judah Leib. Gemälde von Leopold Pilichowski (1869-1933), nach Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Glikl_Pappenheim.jpg).