Schule im Zeitalter der Aufklärung

Reiner Lehberger

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begannen Versuche zur Er­neuerung des Schulwesens. Erziehungsziel war der urteilsfähige, selbstbewusste Bürger. Schule sollte neben der Vermittlung nützlicher Kenntnisse, wie zum Beispiel der Naturwissenschaften und Fremdspra­chen, auch ein Ort der Selbstfindung und Freude sein.

In Hamburg wirkten aufklärerische Pädagogen wie Johann B. Base­dow, Joachim Heinrich Campe und Ernst Christian Trapp, deren Schrif­ten die Pädagogik in ganz Deutschland beeinflussten. Campe führte am Hammer Deich von 1778 bis 1783 ein privates Institut, das später dann von Trapp weitergeführt wurde. Campe selbst setzte seine Erziehungs­arbeit von 1783 bis 1786 in Trittau fort. Berühmtheit erlangte auch die von Professor Johann Georg Büsch geführte „Handelsakademie“, die 1768 gegründet worden war und in der Mathematik, Handels­geographie, Technologie, Englisch und Französisch gelehrt wurden. An Campes Hamburger Zeit erinnert noch heute ein Gedenkstein im Ham­mer Park, ein Büsch-Denkmal steht auf der westlichen Seite der Moor­weide, und an Basedow erinnern eine nach ihm benannte Straße in Bill­werder sowie ein Gedenkstein im Hof des heutigen Johanneums.

Zwar gab es nach der Reformation auch Unterricht für Mädchen, aber lange blieb dieser auf einem niedrigen Niveau. Im 18. Jahrhundert wurde eine höhere, vor allem auch fremdsprachliche Bildung von aus­ländischen Sprachmeistern in Privatunterricht oder sogenannten Insti­tuten vermittelt. Besondere Bedeutung und einen hohen Bildungsstan­dard hatte das von Karoline Rudolphi geführte „Erziehungsinstitut für junge Demoiselles“, das von 1785 bis 1803 in Hamm bestand und im Sinne einer erweiterten Familie geführt wurde.

Die meisten Institute, die im Geiste der Aufklärung geführt wurden, erreichten allerdings nur wenige Schüler. Die Masse der Hamburger Kinder verblieb in privaten Anstalten, die meist auf einem sehr niedri­gen Niveau geführt wurden. Noch immer hielt sich der Staat im Ham­burger Stadtgebiet mit einer Übernahme der Schulen und einer Einfüh­rung der Schulpflicht zurück. Im Hamburger Landgebiet hingegen (Vier- und Marschlande, Bergedorf, Walddörfer u.a.) war bereits 1703 die allgemeine – sicher aber nicht eingehaltene – Schulpflicht eingeführt worden. Im benachbarten Altona bestand die Schulpflicht seit 1792.

Mit den Schulen der 1788 gegründeten öffentlichen Armenanstalten übernahm die Stadt zum ersten Mal die Verantwortung für die Schulbil­dung der unteren Bevölkerungsschichten. Caspar Voght, Mitbegründer der Armenanstalt, formulierte als Ziel, „durch frühe Übung in nützlicher Geschicklichkeit die bürgerliche Brauchbarkeit“ der unteren Volksklas­sen zu verbessern. Der Hintergrund waren die weitverbreitete Bettelei und die Verwil­derung der Jugend. Das Angebot an den Schulen umfasste Lehr- und sogenannte Industrieschulen für Jungen und Mädchen (Spinnen, Weben, Nähen, Stricken) sowie Sonntagsschulen für arbeitende Kinder.

Auszug aus: Lehberger, Reiner; deLorent, Hans-Peter: Schulen in Hamburg – Ein Führer durch Aufbau und Geschichte des Hamburger  Schulwesens, Hamburg 2012.[

 

Grundlegende Literatur:

Kopitzsch, Franklin: Grundzüge einer Sozialgeschichte der Aufklärung in Hamburg und Altona. 2 Bde. Hamburg 1982.

Voigt, J.F.: Geschichtliches über die Entwicklung des Schulwesens in den Hamburgi­schen Marschlanden. Hamburg 1872.

Sturm, Hedwig: Das Altonaer Schulwesen bis zum Ende der dänischen Herrschaft. Al­tona 1936. Ein kurzer Abriss zur Schulgeschichte Altonas auch in Rüdiger, Geschichte (siehe Anm. 41), S. 189-197.

Lackemann, Louis: Die Geschichte des hamburgischen Ar­menschulwesens von 1815 bis 1871. Ein Beitrag zur vaterstädtischen Kulturge­schichte. Hamburg 1910.

Heede, Manfred: Die Entstehung des Volksschulwesens in Hamburg. Der langwierige Weg von den Schulforderungen der Revolution von 1848/49 bis zum Un­terrichtsgesetz von 1870. Hamburg 1982.

 

Bildnachweise:

Abb. Titelfeld: Bürgermilitär führt verkleidete Betrüger ab, Zeichnung von 1777, Staatsarchiv Hamburg, StAHH 720-1_241-05.